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Jüdische Rundschau · 1933-01-20 · Heft 6 (20.1.1933) · p. Seite 28

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Seite 28 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 6, 20.1.1933 Oeflentl.che Boykottpropaganda verboten Der Reichsminister des Innern, Dr. Bracht, hat den Landesregierungen eine Mitteilung 7.ugehen lassen über Maßnahmen gegen die immer mehr auftretenden Fälle von Boykott gegen bestimmte Geschäfte oder bestimmte Gattungen von Geschäften. Da es sich hierbei um Boykott aus politischen oder weltanschaulichen Gründen h n'e'e, der teilweise Formen angenommen hat, die über eine geschäftliche Schädigung der Betreffenden hinaus eine Störung der Ruhe und Ordnung mit sich brächten, hat der Rel h 5m In ist er die Länder darauf hingewiesen, daß gegen solche S'" . ■״en der öffentlichen Ordnung die Polizei aut Grund ihrer all״.ö״n Befugnisse zum Einschreiten berechtigt und verpfli 11 '.et ist. Diesem Erlasse des Rcichsinnenministeriums kommt eine um so größere Bedeutung zu, als bekanntlich die Länderregierungen nicht immer im Sinne dieses Erlasses vorgehen. So ist noch in Erinnerung, daß der thüringische Minister des Innern, Sauckcl, kürzlich in einer Rundfunkrede selbst dazu aufforderte, die jüdischen Warenhäuser zu boykottieren. Es ist abzuwarten, ob durch die Stellungmh'mc der Reichsregierung derartige Kundgebungen rsationalsozia’istischer Landesminister künftig unmöglich gemacht werden. Die Fraktion der Nationalsozialisten im Hessischen Landtag hat die folgende ״Große Anfrage betreffend Zulässigkeit von besonderen Geschäftsreklamen“ an die Regierung gerichtet: ..Ist die Regierung bereit, durch geeignete Anweisungen an die Polizeiorgane zu verhüten, daß diese — wie es in ein- *einen Fällen geschehen ist — eine in zulässigen Formen geführte Propaganda für die Berücksichtigung deutscher Geschäfte und gegen den Kauf in Warenhäusern, jüdischen Geschäften u. dg!, erschweren oder verhindern?“ Der Minister des innen! gab auf diese Anfrage den Bescheid, daß die zurzeit ir! großem Umfang betriebene Agitation gegen jüdische Geschäftsleute, die meist darin besteht, daß die Bevölkerung durch Flugblätter aufgefordert wird, Geschäfte mit jüdischen Inhabern zu meiden und nur bei Christen einzukaufen, bereits zu ernsten Störun g c n d e r ö f f e n 11 i c 11 e n Ordnung geführt habe. In Gießen und Mainz wiirden am Goldenen Sonntag in mehreren Warenhäusern der bczcichuctcn Art Tränengas- und Stinkbomben geworfen, die die Besucher dieser Geschäfte erheblich beunruhigt haben. Deswegen habe der hessische Innenminister Anweisung gegeben, daß 1m Interesse der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung diese die öffentliche Ordnung gefährdende Agitation m i t ,ו fl e m Nachdruck zu unterbinden ist. ״Berlin wird m Bresian gemacht“ Am Dienstag, dem 17. Januar, mittags, kam es an der Berliner Universität zu schweren Ausschreitungen nationalsozialistischer Studenten gegen jüdische Hörer. Die Hitler- Studenten hielten in der Elfuhrpause auf dem Hegelplatz eine Versammlung ab, der auch der SA.-Sturm Artilleriestraße — alles in allem nicht ganz 200 Mann — beiwohnte. Die Aktion war als eine Ermutigung der Breslauer Nazi Studenten gedacht, die infolge der neuen Entwicklung des Falles Cohn moralisch und taktisch in die Defensive gedrängt worden sind. Es wurde angekündigt, daß, wenn die Breslauer Universität feschlossen werden sollte, die nationalsozialistischen Studenten erlins ״Berlin zu einem Breslau machen“ würden. Die Versammlung nahm eine Entschließung an, in der u. a. die Abberufung (fohns und die Einführung des Numerus clausus für jüdische Studenten verlangt wird. Die schon In der vorigen Woche angekündigte Kundgebung war als eine Unterstützung der in Breslau gegen die Wiederaufnahme der Vorlesungen Cohns demonstrierenden Nazistudenten gedacht. Da der Wiederbeginn der Vorlesungen Cohns verschoben wurde, war die Stimmung flau. Zwecks Belebung der Stimmung stürmten die Versammlungsteilnehmer, Studenten und SA.-Leute, unter den Rufen ״,jjida verrecke!“, ״Holt die Juden aus den Hörsälen!“, ״Schlagt die Juden tot!“, ״Wir fordern, daß kein Jude eine deutsche Hochschule besuchen darf!“ durch die Gänge der Universität und schlugen auf jüdisch aussehende Studenten und Studentinnen ein. _ Eine Gruppe von 50 Nationalsozialisten drang in den Erfrischungsraum ein mit dem Ruf ״Achtung, Achtung! In zwei Minuten haben hier alle Juden zu verschwinden!“ Sie warfen mit Stühlen und Gläsern nach jüdisch aussehenden Studenten. Drei jüdische Studentinnen und zwei Studenten wurden verletzt. Drei der Angreifer wurden von der Polizei festgestellt, von ihnen ist nur' einer Student, die beiden anderen sind kommandierte Hitlerleute, —- Auf Eingreifet! des Rektors trat die Ruhe wieder ein Zionistischer Gruppenverband Niederschlesien. Sonntag, den 22. Januar, vormittags 11 Uhr, findet in Liegnitz in den Räumen der Silesia-Logc, Svnagogenstraße, eine Tagung des Zionistischen Gruppenverbands”für Mittel- und Nieder- Schlesien statt. Hauptreferat Kurt Blumenfeld (Berlin): ,,Die Bedeutung der Zionistischen Organisation für den Palästina-Aufbau“. Anschließend Aussprache. Gemeinsame Mittagstafel in der Loge (koscher), Preis ca. 1,30 M. Anmeldung umgehend erbeten an Herrn R.-A. Di־. Seidenberg, Liegnitz, Goldbergerstr. 38. — Nachmittags: Zi.0nistische Arbeit in der Provinz: Einleitende Bemerkungen: Dr. Günther Friedländer (Görlitz), R.-A. Dr. Seidenberg (Liegnitz), R.-A. Dr. Martin Bab (Breslau). Anschließend Aus- Sprache. — Am Sonntagabend, 8 Uhr, findet eine öffentliche Versammlung im Großen Saa! der Braukommune, Gartenstraße, statt. Referent: Kurt Blumen- Feld fBerlin): ״Die aktuelle Judenfrage — Illusion u״d Wirklichkeit“. A'D Gesinnungsgenossen werden dringend darum gebeten, an dieser Tagung teilzunehmen. Da der Zionistische üruppenverband schon längere Zeit keine Tagung veranstaltet hat, wird eine rege Beteiligung der Freunde erwartet. Jüdisches Bergheim am Keilberg. Weihnachten und Neujahr versammelten sich viele Sportler bei schönem Winterwetter in unserem Heim. Leider war wenig oder gar kein Schnee. Jetzt ist seit zwei Wochen sehr viel Schnee gefallen. Die Rodelbahn und Skifähre sind ausgezeichnet, die Winterlandschaft ist herrlich schön. Am letzten Sonntag trafen sich viele Sportler aus Karlsbad, Komotau, Brüx, Leipzig und Chemnitz, um geracinsam bei dem herrlichen Winterwetter Ski zu fahren, im Laufe des Sonntags besuchten viele Gäste unser Heim und waren begeistert über die praktische Einrichtung der Zimmer mit fließendem Wasser und Zentralheizung und der geräumigen und gemütlichen Aufenthaltsräume. Die Mitglieder des Vereins Jüdisches Jugend- und Sportheim werden bevorzugt bei der Belegung und Unterbringung. Anmeldungen für Sonntag müssen bis spätestens Freitagmittag in Chemnitz bei Herrn Kurt Hönig, Annenstr, 11, sein. Für Leipzig erfolgt die Anmeldung bei 3. ’.ehrfreund, Brühl 48/49. Auch Nichtmitglieder und Gäste finden in unserem Heim eine gute Erholung bei dem herrlichen V! "..;:rwettcr. Es ist Gelegenheit zu schönen Spaziergängen und für Anfänger und Fortgeschrittene Skikurse bei der bekannten Skischule Dick nach dem Arlbergsystem zu nehme«, Dr. Holzer. Die Berliner Bialik-Feier Die Berliner Zionistische Vereinigung veranstaltet gemeinsam mit Brit Iwrit OSamit und Beth-Am iwri am Montag, dem 30. Januar, abends 8(4 Uhr, im Brüdervereinshaus, Kurfürsten- Straße 115/116, eine Feier anläßlich des 60. Geburtstages von Chaim Nachrnan Bialik. Die Herren Dr. S. Ra widowitsch und I)r. Oscar Wolfsberg werden das Schaffen und die Persönlichkeit des Dichters würdigen. — im Folgenden geben wir das weitere Programm der Feier bekannt: 1. Hebräischer Chor des Brith Hanoar. II. Prof. Joachim Stutschewsky״ Wien (Cello): am Flügel Michael Ta ube; 1. Joseph Achron, Hebräische Lieder; 2. Joseph Achron, Seher-Tanz; 3. J. Stutschewsky, Dwejkuth; 4. J. Stutschewsky, M'chol Kcdem-Tanz; 5. Moussorgsky, Hebräisches Lied. III. Prof. Bruno Eisner; aus J. Stutschewsky, ,,Vier jüdische Tanzstückc“ Nr. 1 und 4; J. Stutschewsky, Rikkud. IV. Meinhart Maur: Gedichte von Ch. N. Bialik (hebräisch und deutsch). V. Hede Türk; am Flügel Mathilde Torczyner; 1. S. Almann, Ajech, Text von Ch. N. Bialik (hebräisch); 2. J. Engel, Minliag Chadasch von Ch. N. Bialik (hebräisch); 3. Darius Milhaud, Zionshymne (deutsch). VI. Chor: Techesaknah. — Karten zu M. 3, 2, 1 und 0,30 für Jugendliche im Büro der B. Z. V., Meinekestr. 10. Dem österreichischen Komitee zur Feier des 60. Geburtstages Ch. N. Bialiks gehören Vertreter des Präsidiums der Wiener Kultusgemeinde, der Bne Briss, der lsr. Allianz und fast sämtlicher jüdischer Parteien Oesterreichs, sowie einzelne Persönlichkeiten wie Prof. Sigmund Freud und Franz Werfel an. Ein Aufruf des Komitees fordert zur Verwirkliebung der Ziele Bialiks aut, insbesondere zur Schaffung des großen Sammelwerkes ״Kinns“, das alle jüdischen literarischen und wissenschaftlichen Werke von Wert, aus den fiemden Sprachen ins Hebräische übertragen, enthalten soll; ferner zur Herstellung einer billigen Volksausgabe der Werke Bialiks. Der Stadtrat von Tel-Awiw beschloß aus Anlaß des 60. Geburtstages Bialiks, in jedem Jahre einen Preis von 50 Pfund unter dem Namen ״B i a 1 i k - P r e i s“ für die besten literarischen Arbeiten in hebräischer Sprache auszuschreiben. Die gleiche Summe wird alljährlich auch als Preis für die besten Arbeiten auf dem Gebiet der jüdischen Wissenschaft ausgeschrieben werden. Das ,,Berliner T ageblatt“ vom 13. d. M. veröffentlicht im Feuilleton eine Würdigung der Lyrik Ch. N. Bialiks aus der Feder von Dr. Ernst Simon, Haifa, die mit den Worten schließt: ״Die dreifache Front, in der und gegen die Bialik steht: die Front gegen die Bedränger des jüdischen Volkes, gegen dieses Volk selbst und gegen den Richter der Welt, macht Bialik zum einsamen und gerade deshalb legitimen Vertreter des Judentums dieser Zeit vor den Völkern.“ Delegiertentag der Misrachi-Frauenorganisation. Am 2. und 3. Januar fand in Berlin die erste Tagung der Misrachi-Frauen- Organisation statt, bei der außer den deutschen Gruppen Holland, Tschechoslowakei und Schweiz vertreten waren, im Namen der Landeszentrale begrüßte Herr Dr. W'olfsberg die Tagung mit herzlichen Worten. Als Vertreterin der Berliner Misrachi-Frauengruppe hieß Frau Buttenwieser die auswärtigen Gäste willkommen und übermittelte gleichzeitig die Grüße von Hermann Struck aus Haifa. Für die provisorische Zentrale eröffnete Frau Blau die Tagung und verlas Begrüßungen der Palästina-Zentrale, von Frau Anita Müller- Cohen und der Misrachi-Jugend. Die auf der Tagesordnung stehenden Referate: 1. Aufgaben und Ziele der Misrachi-Frauen- Organisationen, 'l. Steilung zur Weltorganisation der Misrachi- Frauengruppen, zur UMLOD, zur Wizo, 3. Die Paiästinaarbeit der Organisationen, 4. Aufbau und Arbeit der neuen Gruppen von Frau Dr. Rabin (Breslau), Fra« Grete Barth (Berlin), Frau Lucie Möller (Breslau) und Frau Blau (Hamburg) gaben die Anregung zu einer ebenso interessanten wie sachlichen Generaldebatte. Im Verlaufe derselben wurde die Arbeit und der gedankliche Hintergrund der Organisation festgelegt und folgende Resolution gefaßt: 1. Bestätigung der Jerusalemer Zentrale der Organisation, 2. Schaffung eines Zentralbüros für Europa mit Sitz in Hamburg, 3. Anschluß der deutschen Landsmannschaft des Frauen-Misrachi an die UMLOD, 4. Schaffung einer Kontaktkommission mit der Misrachi-Jugend, 5. Beschluß der Unabhängigkeit als Organisation von der Wizo, bei völliger Bewegungsfreiheit der Einzelmitglieder. — Das bedeutendste Ergebnis der Tagung war die Feststellung einer tiefgehenden Ideengemeinschaft bei aller individuellen Vielfältigkeit der Länder wie der Persönlichkeiten, aus der das Bewußtsein der Berechtigung und der Notwendigkeit unserer Organisation hervorging. Eine Reihe von praktischen Aufgaben wurde in Angriff genommen. Ella Blau. Die erste Landeskonferenz der Sozialistisch-Zionistischen Vereinigung Poale Zion-Hapoel Hazair in Deutschland findet am Sonnabend, dem 11., und Sonntag, dem 12. Februar d. J., ir! Berlin statt. Chawer B. Locker, Mitglied der Zionistischen Exekutive, wird an der Tagung teilnehmen und in der Eröffnungssitzung über die Lage in Palästina und im Zionismus sprechen. — Tagesordnung; Sonnabend, den 11. Februar, 201/2 Uhr:!.Eröffnungssitzung (öffentliche Kundgebung). 1. Eröffnungsansprache, S. Adl er-Rudei; 2. Die Lage in Palästina und im Zionismus, Ref. B. Locker; 3. Der Weg des sozialistischen Zionismus in Deutschland, Ref. Dr. Fritz Löwenstein. — Sonntag, den 12. Februar, 9.30 Uhr: 11. 4. Wahl des Präsidiums; 5. Einleitender Bericht des Zentralkomitees; a) allgemeiner Bericht, Ref. Dr. Georg Landauer; b) Gemeinde- und soziale Arbeit, Ref. Dr. Georg Lubinski; 6. Wahl der Kommissionen; 7. Generaldebatte. — Sonntag, den 12. Februar, 15 Uhr: III. 8. Organisations- und Finanzfragen, Ref. S. Tschertok; 9. Debatte; 10. Bericht der Kornmissionen; 11. Resolutionen; 12. Wahl des Zentralkomitees und der anderen Parteiorgane; 13. Schlußsitzung. — Diejenigen Ortsgruppen, die die Konferenz nicht beschicken können, naben die Möglichkeit, einen der nachstehend genannten Kandidaten als ihren Delegierten zu wählen. Chawerim, die an Orten wohnen, wo keine Ortsgruppen bestehen, können ihre Stimme für einen dieser Kandidaten schriftlich (Berlin C2, Gr. Präsidentenstr. 1) abgeben. Stimmberechtigt sind aber nur Chawerim, die den vom Z.-K. festgesetzten Konferenzbeitrag in Höhe von 0,50 M. entrichtet haben. Die Ueberweisung kann aut das Postscheckkonto M. Neustadt, Poale Zion, Nr. 109 937 erfolgen. — Als Kandidaten werden vorgeschlagen: S. Adler- Rudel, Dr. A. Baer, Dr. K. Benjamin, Essen, Alfred Berger, E. Bromberger, Dr. W. Deutschmann, Oppeln, P. Deull, B. Eisenstadt, Dr. S. Kaleko, Dr. G. Landauer, M. Lew, S. Lifschitz. K. Löwenstein Frankfurt a. M., Dr. G. Lubinski, Dr, E. Noack, Gotha, G. Pape, Dr. O. Potschter, Dr. M. Traub, S. Tschertok, J. Wahl. In Tel-Awiw fand zur Feier des dreißigjährigen Jubiläums der berühmten russischen Zionisten-Konferenz in Minsk eine Versammlung statt, an der eine ganze Reihe von Persönlichkeiten teilnahmen, die zu den Delegierten der seinerzeitigen Minsker Konferenz gehört haben, n. a. Sokolow, Motzkin, Ussischkin, Drujanow, ferner Dr. Simon Rosenbaum, der seinerzeit der Organisator der Minsker Konferenz gewesen ist Alle Genannten hielten Ansprachen, in denen Er• innerungen aus jener Frühzeit des Zionismus erzählt wurden. Briefe an die Redaktion Sokolow meidet Jagur Meschek Jagur, den 18. 12. 1932. An die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“ Sehr geehrte Redaktion! Ich will ehrlich sein und eingestehen, daß diese, meine Meinung, obwohl sie sich mit derjenigen der fortgeschrittneren Arbeiterschaft deckt, immerhin der Ausdruck meiner persönliehen Ansicht ist. Am Freitag, dem 16. Dezember, geschah folgendes: In dem jüdischen Viertel Hadar Hakarmel in Haifa, im Zentrum des Viertels, hatten die Arbeiter der Kwuzah Jagur gerade an diesem Tage den Beton zur Decke des ersten Stockwerkes zu gießen. Da es Freitag war und die Arbeiter zeitig fertig werden wollten, gingen sie schon um 4 Uhr früh zur Arbeit. Doch sie hatten heute Pech, erst um 9 Uhr bekamen sic Wasser und nun gings mit Volldampf los. Der Schweiß floß nur so in Strömen, die Arbeitsblusen wurden naß, man wurde fast blind vom Schwitzen, gönnte sich kaum Zeit das Mittagessen zu verschlingen, denn heute war Freitag und bis zum Sabbatanfang ״muß die Decke werden“, außerdem wohnt man weit draußen in Jagur und dann ist heute auch noch ein ״Neschef“ zu Hause, die Schule für die ersten schulpflichtigen Kinder ist fertig und soll heute eingeweiht werden. Man arbeitet in rasendem Tempo, heute muß man die Decke fertig machen, denn Beendigung des Daches heißt Abrechnung, heißt endlich Geld bekommen, worauf man schon so lange'wartet, heißt auch einen Schritt weiter sein. Plötzlich, in der größten Hast, — Krach, — reißt der Strick, an dem der Beton eimerweise wie an einem Flaschenzug hinaufgezogen wird. Es ist V28 Uhr und man muß bis zum Sabbatanfang fertig werden, koste es, was es wolle, denn man kann doch die Decke nicht halb fertig stehen lassen. In aller Eile wird ein neuer Strick herbeigeschafft und weiter geht die Arbeit. Doch es wird dunkel, Sabbat ist da und man hat noch eine gute Stunde zu arbeiten. Der Ausrufer, der durch die Straße geht und ״Schabbat, Schabbat“ ruft, ist schon vorüber. Die Eimer fliegen nur so rauf und runter und da kommen auch schon die frommen Hüter der Sabbatruhe und stören, mahnen zur Sabbatruhe, und man kann nicht aufhören, noch eine halbe Stunde. Endlich ist der letzte Eimer Beton gegossen, endlich kann man Luft schöpfen. Am nächsten Tage — Schabbat — spricht Nachum Sokolow in Haifa und erinnert an den tragischen Fall. Aber nicht genug daran, er hatte am Tage zuvor für Sonntag seinen Besuch im Meschek Jagur angesagt, und jetzt: Das soll Eure Strafe sein, Ihr Sabbatübertreter, -- auf der Fahrt ins Emek steigt er in Jagur nicht ab. Dieses kleine Jagur, vergessen sind seine Opfer, die hier am Kwisch vor zwei Jahren ihr Blut vergossen haben. Gar nicht sehenswert, was hier irn Laufe der Zeit geschaffen wurde. Gar nicht interessant die Entwicklung einer Siedlung, die vor nun 10 Jahren hier mit 12 Menschen, einer Kuh und einem Pferd begann und jetzt 100 Menschen zählt, einen der ersten Kuhställe im Lande hat, auf Grund Von Entbehrungen, nicht auf Grund des Etats, sehenswerte Maschinen, ebenfalls auf Kosten der Gesundheit, Kleidung, Nahrung, aiigeschafft hat und nicht ״von oben“. Nein, Herr Präsident, das hätten Sie nicht tun sollen! Mit vorzüglicher Hochachtung Cilfa Goldstern, Meschek Jagur Jahresversammlung des Beth Am Iwri. Ende. Dezember fand die Jahresversammlung des Beth Am Iwri in Berlin statt. Aus dem von Dr. S. Rawidowicz erstatteten Bericht war zu ersehen, daß es trotz der schwierigen finanziellen Krise gelungen ist, die in ihrer Art einzige hebräische Institution in Berlin aufrechtzuerhalten und eine weitere Ausdehnung ihrer Tätigkeit durchzuführen. Fast regelmäßig fanden jede Woche im Beth-Am Iwri hebräische Vorträge usw, über verschiedene Themen statt, außerdem wurden noch einige große Veranstaltungen durchgeführt, die sehr gut besucht waren. In den letzten Monaten wurden spezielle hebraische Kurse für Damen eröffnet. Weitere Kurse werden demnächst eingerichtet. Dem Berichte von Dr. Rawidowicz schloß sich eine lebhafte Diskussion an, in der eine Reihe von praktischen Vorschlägen für die künftige Arbeit gemacht wurden. — Am 27. Dezember 1932 fand eine Chanukkah- Feier statt, die sich eines außerordentlich großen Besuches erfreute. Dozent Torczyner begrüßte die zahlreich erschieneuen Gäste, Meinhart Maur trug Gedichte in hebräischer und deutscher Sprache vor. Das Sängerpaar Lipsicas erfreute mit hebräischen und jüdischen Volksliedern und Duetten. Die Dichter Mohr und Schianger brachten humoristische _ Gedichte und Prosa zu Gehör, ferner traten die jungen palästinensischen Künstler Rot und Henin mit hebräischen Liedern von Tschernichowski, Bialik usw. auf. Nahum Lewins httmoristische Vorträge wurden mit großem Beifall aufgenommen. Umrahmt wurde die Feier von chaluzischen Tänzen und Gesängen. Konzert. Zu einem wirkungsvollen Konzert lud kürzlich der Verein ״Neue Synagoge“ ins Hotel ״König von Portugal , Burgstr. 16. Unter der sachkundigen Leitung des beliebten Oberkantors Gollanin war ein Programm entstanden, das vom ersten bis zum letzten Ton fesselte. Herr Gollanin glänzte in der Arie aus Judas Maccabäus ״Blast die Trommet“ und später mit seinen rühmlichst bekannten jiddischen Liedern. Der Synagogenchor brachte unter großem Beifall mehrere Gesänge, unter denen das große Halleluja von Neeve und der Chor der Israeliten aus Samson besonderen Beifall fanden. Und daß Charlotte Rosen, diese wundervolle Cieigenvirtuosin, von den Zuhörern immer wieder aufs Podium gerufen wurde, rechtfertigt den großen Ruf dieser Künstlerin. Eine große Ueberraschung im besten Sinne bot Frau Loni Brotzen. _ Ein voluminöser, sehr umfangreicher, dabei überaus weicher Sopran begeisterte mit der bekannten Arie aus Samson und Delila, der Liebesleier, dem Halleluja von Hummel die Hörer zu großen Beifallsstürmen. G• Sch. Jaques Offenbachs ״Prinzessin von Trapezunt“ wird jetzt in der Städtischen Oper in einer entzückenden Neu- Inszenierung gegeben, die niemand, der für ein paar Stunden den Sorgen und Nöten des Tages entrückt und in eine Atmo- Sphäre beschwingter Heiterkeit versetzt sein will, anzuschauen versäumen sollte. Man gewinnt bei dieser Aufführung wie bei jedem Zusammentreffen mit Offenbach einen Begriff von dem einzigartigen Genie, das eine ganze Epoche europäischer Ziyilisation und eine besondere Note jüdischen Humors repräsentiert. In welcher Feinheit und Zartheit und doch auch mit weicher Tiefe und Schärfe wird hier dem bürgerlichen Zeitalter der Spiegel vorgehalten I Das Parodistische geht Hand in Hand mit vollendeter musikalischer Anmut. Die ״Prinzessin“ ist voll von sprühenden und zündenden Melodien und Rhythmen, und auch die politische Satire voll Charme und Dezenz. Der Regisseur Fehling, unterstützt von den reizvollen Bühnenbildern Reinkings, hat dem Ganzen Buntheit, Schwung und Grazie gegeben, von den Mitwirkenden sei vor allem Irene Ef sin ge r gerühmt, neben der die Damen Fried und Schuster, die Herren Kandl, Burgwinkel und Gombert stimmhih und darstellerisch sich auszeichnen. L

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