Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1933)
- Date
- 1933-01-13
- Page
- Seite 15 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653725-2653733--23506-2686373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der internationale Minderheitenschutz Etnzcfrmmmcr G£$ Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Auslandsabonnement» werden In der Währung der einrelnen Länder berechnet. Anzeigenpreis: 8 Jesp. Nonpareillezeile 0.50 C.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15,Meinekestr.lO. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigenschluß: Dienstag and Freitag nachmittag• 4 Uhr Postscheck - Konten: Berit92 173 ״, Basel V 9355. Belgrad 680 32, Brüssel 394 33, Budapest 596 93. D.nrig 1973, H.ag 140 470, Prag 59410, Riga 4155. Straßburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156 030. Bank-Konten: Dresdener Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurüirstendamm 52: Rumänische Kreditbank, Cemauti (Rumänien)•. Anglo P.lestine Co. in Haila, Nummer 4/ j Berlin, 13.1. 1933 RedaktionsschluS Sonntag und Mittwoch nachmittag. ט ׳ו טבת תרצ״ג | xxxvm. jahrg. Per Zionismus erstrebt fOr das jOdlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Gerechtigkeit? Gerechtigkeit! Die Palästina ־ Debatte der Mandatskommission Am 23. Januar versammelt sich der Rat des Völker- Bund es in Genf zu seiner neunten Session, auf deren Tages- Ordnung auch die Behandlung des Berichtes der Mandatskommission steht, die im November und Dezember 1932 getagt und auch das Palästinamandat und die Verwaltung Palästinas im Jahre 1931 geprüft hat. Bericht und Protokolle der Mandatskommission werden erst nach der Ratssitzung der Oeifentlichkcit übergeben werden. Dem Genfer Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur wurden von gutunterrichtcter Seite die folgenden Mitteilungen über den Verlauf der Palästina- Aussprache auf der T agung der Mandatskommission gemacht: Auf die Erklärung des High Commissioner Sir Arthur Wauchope betreffend Vorbereitung eines Legislative Council nach Inkrafttreten der Munizipalverordnung hin haben Mitglieder der Mandatskommission an Wauchope Fragen über die Aussichten einer Zusammenarbeit zwischen. Arabern und der Regierung und über den Stand der arabisch-jüdischen Beziehungen gestellt. Wauchope bemühte sieh nachzuweisen, daß eine Kooperation zwischen Arabern und der Regierung sich langsam durchsetzt. Er gab der Meinung Ausdruck, daß die Araber sich zur Mitarbeit geneigter zeigen werden, wenn sie sehen werden, daß England sein Versprechen betreffend Legislative Council erfüllt. Zwischen Regierung und Oberstem Moslemischen Rat, sagte Wauchope, herrschten schon früher gute Beziehungen, diese haben sich in den letzten Monaten noch freundschaftlicher gestaltet. Eine von dem High Commissioner einberufene Bürgermeisterkonferenz, an der 20 Bürgermeister, Araber und Juden, teilnahmen, bewies, ebenso wie andere Erscheinungen im palästincnsischcn Leben, die Möglichkeit der Zusammenarbeit von Juden und Arabern, wenn auch vorläufig nur in technischen Kommissionen. Schwierigkeiten bestehen nur bei Behandlung politischer Fragen. Auf die Frage des schweizerischen Kommissionsmitglicds Prof. Rappard, warum die jüdischen Stadträte den Jeru- Salem er Stadtrat verlassen haben, erwiderte Wauchope, dies geschah aus Protest dagegen, daß die jüdischen Wünsche nicht berücksichtigt würden, obwohl die Juden die Mehrheit der Jerusalemer Bevölkerung ausmachen. Auf die Frage, wie es kommt, daß die Juden, obwohl sie die Mehrheit der Bevölkerung bilden, im Stadtrat eine Minderheit sind, erwiderte Wauchope, nach Inkrafttreten des neuen Munizipalitätengesetzes würden Neuwahlen stattfinden. Auf die Frage, ob die Schaffung eines Legislative Council die Araber befriedigen wird, erwiderte Wauchope, die gemäßigten Araber werden befriedigt sein, die Extremisten nicht. Der Holländer Van Rees gab zu bedenken, daß die Schaffung des Legislative Council sofort nach Inkrafttreten des Munizipalitätengeselzes vielleicht übereilt sei; es wäre vielleicht vernünftiger, zuerst die Auswirkung der Munizipalitätenverordnung zu beobachten; er befürchte ein Aufflackern der jetzt schlummernden politischen Leidenschaften bei Einführung des Legislative Council. Darauf antwortete Wauchope, erst wenn das Munizipalitätengesetz in befriedigender Weise in Funktion getreten sein wird, werde die Regierung in Verhandlungen mit den palästinensischen Führern über Einrichtung des Legislative Council treten. Bei Behandlung der Frage der öffentlichen Sicherheit erklärte Wauchope, die versiegelten Waffendepots in den jüdischen Kolonien geben den Kolonisten ein Gefühl der Sicherheit, daß sie sich bei Gefahr werden verteidigen können; es sei noch nicht an der Zeit, hierin Aenderungen eintreten zu lassen. Verstärkte ICA.־ Arbeit in Palästina London, 9. Januar. (J. T. A.) Sir Leonard L. Cohen, Präsident der jewish Colonisation Association (ICA), hielt auf der Tagung der Anglo-Jcwish Association am 8. Januar eine Ansprache, in der er eine verstärkte Aktivität der ICA in Palästina ankündigte. Er sagte u. a.: Die Lage unserer wenigen Kolonien in Palästina, die die PICA für uns verwaltet, ist im großen Ganzen eine gute. Im Verlauf der letzten Jahre trat man öfters an uns mit dem Ansuchen heran, an Palästina ein aktiveres Interesse zu nehmen als bisher. Da aber Argentinien und andere Länder alle uns zur Verfügung stehenden Hilfsquellen in Anspruch nahmen und wir jüdische Kolonisten auf bereits erworbenem Boden ansicdcln mußten, konnten wir neue Arbeitsgebiete nicht in Erwägung ziehen. Dazu traten Erwägungen allgemeinen Charakters, die cs uns als unerwünscht erscheinen ließen, eine neue Richtung von einer in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht riskanten Natur in Angriff zu nehmen. Die Verhältnisse haben sieh aber in den letzten Jahren geändert, dies führte uns zur Erwägung. ob wir nicht eine sich bietende günstige Gelegenheit ergreifen sollten, um in begrenztem Umfange ander K o I o n 1' - sation sarbeit in Palästina teilzunehmen. Es Die Beziehungen zur Jewiih Agency bezclchnete Wauchope als vorzüglich. Die Regierung wünsche sehr, ihre Zuschüsse für das jüdische Erziehungs- und Gesundheitswesen erhöhen zu können, das Gesundheitsdepartement der Regierung wäre bereit, gewisse von den Juden verwaltete Institutionen in ihre Verantwortung zu übernehmen. Die Frage nach dem Ausmaß der Beteiligung der Juden an öffentlichen Arbeiten beantwortete Wauchope dahin, diese Frage könne nicht nach eipem allgemeinen Prinzip, sondern nur von Fall zu Fall entschieden werden. Hinsichtlich der Einwanderung betonten der Eng- Länder Lord Lugard und der Schweizer Prof. Rappard die Notwendigkeit, die Aufnahmefähigkeit des Landes als Maßstab gelten zu lassen. Sie fragten, ob nicht Gefahr vorhanden ist, daß plötzlich eine gewisse Arbeitslosigkeit, besonders in der Bautätigkeit, eintritt, als deren Folge neu eintreffcmle Arbeiter ohne Beschäftigung bleiben. Wauchope erwiderte, die Einwanderungsquote werde stets der Aufnahmefähigkeit des Landes angepaßt; wird die Arbeitsmöglichkeit vermindert, wird die Einwanderungsquote niedriger gesetzt. Auf die Frage nach der Qualität der Einwanderer aus Rußland und Polen erklärte Wauchope, diese Einwanderer seien fleißige Mensehen, die sich gut und mit Erfolg betätigen. Auf Prof. Rappards Frage, welche Garantien die Regierung dafür besitze, daß das von den unabhängigen Einwanderern vorschriftsmäßig vorgewiesene Kapital von 1000 Pfund nicht geliehcnes Geld darstellt, das nach der Einwanderung zurückgegeben wird, erklärte Wauchope, solche Fälle seien bisher nicht vorgekommen, dagegen komme es öfter vor, daß als Touristen ins Land Gekommene sich nachträglich ansässig machen. Hinsichtlich der Bodenfrage erklärte Wauchope, Staats-Ländereien׳ für neue K 31 o n i - sation seien in Wirklichkeit nicht vorhanden. Eine Reihe Fragen wurde betreffs der jüdischen Beschwerden, daß die Juden in der Polizei nicht zureichend vertreten sind, gestellt. Wauchope erklärte, gewisse Aenderungeil zum Guten seien hierin bereits cingetrcten. Hinsichtlich der Beteiligung im transjordanisciicn Grenzkorps besteht unter den Juden Unzufriedenheit. Zur G e n d a r - merie werden alle Teile der Bevölkerung zugelassen, Kenntnis des Arabischen ist aber Voraussetzung. Auf Lord Lugards Frage erklärte Wauchope, ihm sei nichts davon bekan nt, daß die Revisionisten ein politisches Büro in Palästina einrichten und ihr Zentralbüro nach Genf verlegen. Der in Jerusalem abgehaltene Moslem-Kongreß, sagte Wauchope, sei keineswegs als ein Weltk o n g r e ß des Islam anzusehen. Panislamismus und Panarabismus seien ganz verschiedene Dinge. Was den Plan der Schaffung einer arabischen Universität in Jerusalem betrifft, so glaube er nicht, daß eine solche Universität der Regierung feindlich gegenüberstehen und die Durchführung des Mandats stören würde. Die Regierung habe nicht: die Absicht, zu dem Bau einer arabischen Universität finanziell beizutragen. Die Aussprache über Palästina nahm drei Sitzungen der Mandatskommission (am 10. und 11. November 1932) in An- Spruch. Zum Schluß sprach der Vorsitzende seine Befriedigung über die gute Lage in Palästina aus, wo von der Weltkrise verhältnismäßig wenig zu spüren sei. Wauchope verabschiedete sich von der Kommission mit den Worten, die Lage in Palästina gebe Grund zu Befriedigung, sogar zu Vertrauen in die Zukunft, doch dürfe mau nicht der großen Schwierigkeiten vergessen, die die Erfüllung des Mandats mit sich bringt, da die beiden Völker, die das Land bewohnen, noch sehr weit von gegenseitigen herzlichen Empfindungen entfernt sind. versteht sich von selbst, daß wir eine solche In'tiative nicht anders denn ais eine reine Kolonisationsgcscllschaft ergreifen und sie nach den ICA-Richtlinien auf Grund einer 40jäl1rigcn Erfahrung durchführen. Die Ica hat sich entschlossen, innerhalb der ihr gesteckten Grenzen diesen Start zu machen. Ich kann in diesem Augenblick noch keine definitiven Mitteilungen machen, ich will heute nur meine persönliche Hoffnung zum Ausdruck bringen, daß alle auf diesem Felde eventuell sich ergebenden Schwierigkeiten in einem Geist gegenseitigen Verstehens werden behandelt werden. Ich werde alles, was in meiner Macht steht, tun, um die Angelegenheit zu einem befriedigenden Abschluß zu bringen. Im weiteren Verlauf seiner Rede schilderte Sir Leonard L. Cohen die Lage der ICA-Kolonien in anderen Ländern, wobei er u. a. ausfiinrte: Ungeachtet der Lage der Weltwirtschaft haben unsere Kolonien in Amerika, Argentinien und Brasilien eine beträchtliche Widerstandskraft gezeigt, ihre Existenz ist in keiner Weise gefährdet, in den argentinischen Kolonien leben 5382 jüdische Bauernfamilien. Wenn wir in Pofen und Rumänien nicht durch Gesetze behindert werden, so werden in den nächsten Jahren schlagende Beweise des Fortschritts moderner landwirtschaftlicher Methoden ein Ergebnis unserer Anstrengungen sein, Obwohl die Judenfrage durch die übertriebene Aufbauschung, die sie als Agitationsstoff der antisemitischen Parteien seit Jahr und Tag gefunden hat, in Deutschland zu einem Politikum ersten Ranges geworden ist und obwohl beinahe jeder Tag ernste, die Grundlagen des Staatsgefüges berührende Konflikte in bezug auf Juden bringt, ist erstaunliclierweise fcstzusfelien. daß bisher kein Versuch gemacht wurde, den wahren Sachverhalt kritisch zu prüfen. Für uns Juden ist die Judenfrnge eine Lebensfrage, und die neue jüdische Haltung datiert von dem Moment, wo Juden vermocht haben, die Judenfrage ohne Ressentiment und ohne Affekt-Trübung in ihrer geschiehtliehen Verschlungeniicit und ihrer tatsächlichen Auswirkling präzise zu sehen und zu formulieren, — im Gegensatz zu der Judenheit eines ganzen Jahrhunderts, die es für höchste Weisheit hielt, den spezifischen Charakter der Judenfrage zu ignorieren oder zu leugnen. Für dis Deutsche Reich hingegen wäre normalerweise besonders in einer Zeit, wo Staat und Volk um innere und äußere Neugestaltung ringen, die Judensache sicherlich nicht von so eminenter Bedeutung; da nun einmal aber— teilweise sicherlich durch hemmungslose Propaganda irregefuhrt -- ein beträchtlicher Teil des deutschen Nationalismus sich nicht anders als von der Judenfrage her orientieren zu können glaubt und da die stärkste deutsche Partei in ihrem Programm verkündet ,,Antisemitismus ist gewissermaßen die gefühlsmäßige Grundlage unserer Bewegung“, besteht für das Deutschtum, vor allem für die deutsche Inteiligenz nicht bloß eine intellektuelle Verpflichtung, sondem eine eminent aktuelle praktische Notwendigkeit, sich mit der Judenfrage zu befassen. In der ganzen Welt wird es nicht verstanden, daß sich in Deutschland keine einzige Stimme von Gewicht erhebt, die mit Autorität und geistiger Fundierung dem beschämenden Treiben der antisemitischen Hetze entgegentritt. Im besten Falle kann matt auf gelegentliche Aeußerungen, denen es an dem nötigen Nachdruck fehlte, oder auf einzelne feuillcfonistischschriftstellerische Kundgebungen himveisen. Wenn nun in dieser Situation ein deutscher Schriftsteller unter dem pathetischen Titel ״Gerechtigkeit!“ eine Schrift ״zur Lösung der Judenfrnge“ veröffentlicht*), könnte man erwarten, daß hier endlich der Versuch gemacht wird, der deutschen Öffentlichkeit das Wesen der Judenfrage darzulegen und zur Besinnung anzuregen. Dies ist vielleicht auch die Meinung einer Anzahl von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die in einem Aufruf sich für das Buch einset/en; im übrigen aber muß man annehmeii, daß viele der unterschriebenen Personen die Broschüre gar nicht gelesen lialien. Denn wenn auch an dem ehrlichen und anständigen Wollen des Verfassers Dr. Friedrich von Oppeln- Bronikowski nicht zu zweifeln ist, so muß man leider feststellen, daß seine Schrift ihren Zweck nicht erreichen kann, weil sie auf einer Verkennung des eigentlichen Problems beruht. Dppehi-Bronikowski hat schon früher zu jüdischen Fragen das Wort ergriffen. Es zeugt für den Mut und das Ehrgefühl dieses aus einer alten Offizicrsfamilie stammenden Aristokraten, daß er sich gedrängt fühlt, der Kultur- Schande des Antisemitismus entgegenzutreten. Fr tat dies schon 1920 in einer Broschüre, und vor etwa einem halben Jahr trat er im Rundfunk als Diskussionsredner des antisemitischen Major Borek auf. Aber seine Verteidigung ist unzulänglich. Sein Lehrmeister in jüdischen Dingen ist Dr. Max Naumann, der Begründer des ״Verbandes nationaldeutscher Juden“; kein Wunder, daß man als Jude bei Lektüre dieser Schrift versucht ist auszurufen ״Gott schütze uns vor unseren Freunden“. Der Verfasser erinnert in seinem Schlußkapitel an den Parallelismus zwischen Judenhetze und der Deutschenhetze, die im Kriege in einigen Ländern getrieben wurde. Gegen Deutsche wurden vielfach ganz ähnliche Beschuldigungen erhoben, wie sie in Deutschland gegen die Juden üblich sind. Was würde Oppcln-Rronikowski sagen, wenn nun jemand unter dem Titel ״Gerechtigkeit!“ eine Verteidigungsschrift zugunsten der Deutschen verfaßt hätte, in der nachgewiesen winde, daß freilich das ״Radikal-deutsche“ abzulehnen und zu verdammen ist, aber man könne mit Befriedigung fcststellen, daß sieh die Deutschen vom Deutschtum abwenden. Der Verfasser möge diesen Gedanken zu Ende denken, um sich der Absurdität seiner Methode bewußt zu werden. Als Anhänger eines deutschen Konservativismus ist Oppeln-Btonikowski ein Gegner internationaler Bestrebungen und pazifis'tischer Tendenzen. Die logische Konsequenz dieses Standpunktes wäre für die Judenfrage die Bejahung eines konservativen Judentums, das die Güter der eigenen Tradition ebenso festhält wie der deutsche Konservativismus die seinen. Oppeln-Broniköwski aber redet einer radikalen *) Verlag Josef Garibaldi Huclij Berlin-Wilmersdorf,