Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 104 (31.12.1937)
- Date
- 1937-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 104//* Jahrgang 42 Frei« 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAD M1kUoa,V*tbf and Anzalgaarvanraltangi Borlln W15, M.lnake.t», 10 r.raral! 9190*1, Telegramm -Adreeee• Orghlp. — Berugiprei» einecfcUe*Wb BeetellgeM |e Mosel RM 2,־—, je Vltrtaliahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39. — Foitacherie . Konten itt Vertrieb» - Abteilung Berlin 71573 (für Groll. Berlin), Berlin 17392 (für du übrige Reith), ln Fällen höherer Gev.lt beeteht kein Anspruch eaf Nadiliefstung oder Erstattung etwa schon gezahlter Besngegebühren. — Erechelnt jeden Dlen.lag and Freitag. BERLIN כ״ז טבת תרצ״ח FREITAG, 31. DEZEMBER 1937 GBltir Anzelgenprelaliate Nr, 5, Die 12 gespaltene mm ■ Zeile 20 Rpf, für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Fa, die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten 10 Uhr, 13 Uhr) 13 Ul Dar Zionismus erstrebt für das Jtldlsctie Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) I Berthold Feiwel Wie uns aus Jerusalem gedrahtet wird, ist Berthold Feiwel dort in der Nacht zum Dienstag gestorben. Er stand im 62. Lebensjahr. Berthold Feiwel tot! Bei allem was Feiwel in seiner vierzigjährigen zionistischen Tätigkeit und in seinem literarischen Wirken geleistet hat, denkt man bei dieser erschütternden Nachricht zuerst nicht an ״Sachliches“, sondern an den Mensehen. Er war einer von jenen Menschen, die das Seelenhafte in der Welt verkörpern. Etwas Zartes, Subtiles war um ihn, und er suchte es auch in den Mensehen, und man hatte das Gefühl, daß er von dem Stoff ist, dem leicht wehe getan wird, weil die Welt und die Mensehen anders sind. Er gehörte zu denen, die auch auf die Brutalität, mit der das Leben sie manchmal anfaßt, und auf viele Enttäuschungen persönlicher Art, mit innerer Haltung und Verschämtheit reagieren, obwohl sie mit scharfem Verstand alles durchschauen. Er war ein •Mensch, der viel geliebt wurde und das Fluidum besaß, das den Kontakt mit Menschen herstellt. Viele werden, wenn von Feiwel die Rede ist, besonders an den jungen Feiwel denkeri, an den .künstlerisch bewegten, schwärmerischen■ Jüngling von bezauberndem Charme; zu produktivem Schaffen bat seine Kraft nicht ausgereicht. Ini letzten Abschnitt seine» Lebens hatte er die Geste des körperlich Leidenden, hinter der die Wehmut der Resignation milde durchschimmerte. Liebenswert war er immer: ein echter Mensch mit seinem Widerspruch, Eine große Gemeinde von Freunden ist durch sein Hinscheiden in tiefe Trauer versetzt, Die heutige Generation, die unter so ganz anderen Bedingungen lebt, kann sich gewiß nicht mehr verstellen, was eine Figur wie Berthold Feiwel einmal bedeutet hat. Seine Wirksamkeit läßt sich deutlich in zwei Epochen schei- (den. Die erste; Sekretär des Ersten Zionistenkongresscs, Redakteur des zionistischen Zentraiorgans ״Die Welt“, Mitbegründer der für Kulturarbeit und Gegenwartsarbeit eintretenden ״Fraktion“ auf dem Fünften Kongreß 1901, Kampfgenosse von Buber, Weizmann, Lilien u. a.; Begründer des .,Jüdischen Verlages“ und Herausgeber der ersten Publikation ״Jüdischer Almanach“ (1902), dessen literarischen Teil Feiwel redigierte, und der zum erstenmal dem westjüdischen Publikum einen Einblick in das ostjüdische Schaffen vermittelte; Ueber- Setzer der Gedichte des amerikanisch-jiddischen Dichters Morris Rosenfeld, der ersten um fassenden Sammlung von Uebec- Setzungen eines jiddischen Dichters überhaupt, die — trotz der heute von uns erkannten Unzulänglichkeit dieser Gedichte Vor der neuen Kommission Gerächte und Sensationsmeldungen Wie aus London gemeldet wird, hat sich der britisctie Kabinettsrat in seiner Sitzung vor den Weihnacht»- ferien u. a. mit den Palästina-Problemen beschiftigt. Im Laufe der ersten Januar-Woche werden in der Form eines Weißbuchs die Weisungen veröffentlicht werden, die für die nach Palästina zu entsendende neue Kommission ausgearbeitet worden sind. Der Londoner ״Even in g Standard“ vom 28. Dezember konstatiert, daß die Meinungen in der Regierung über die Teilung Palästinas geteilt seien. Während der letzten Monate, so schreibt das Blatt, sei eine starke Strömung im Auswärtigen Amt aufgekommen, die sich über die Wirkungen des Teilungs-Vorschlages in der mohammedanischen Welt beunruhigt zeigt und verlangt, daß England bei der gegenwärtigen schwierigen politischen Lage sich nicht noch neue Schwierigkeiten in Palästina selbst bereite. Außenminister Eden sei trotz dieser Einwendungen seines Amtes dennoch bereit, Ormsby-Gore und das Koionienministerium zu unterstützen, die zu ihrem Plan stehen wollen. Die Gegner batten jedoch einen beträchtlichen Rückhalt im Kabinett. Bisher sei noch keine Entscheidung getroffen worden, aber es sei wahrscheinlich, daß der Konimission, die in Kürze nach Palästina äbreisen wird, um über Mittel und Wege der Durchführung der Teilung zu bericlteil, weitere Vollmachten erteilt werden und daß sie ermutigt werden wird, neu« Vorschläge von sich aus au machen. Wenn dieser Kurs Ungeschlagen wird, sei es höchst wahrscheinlich, daß die Regierung sich zum Schluß dahin entscheiden wird, das Mandat auf der gegenwärtigen Grundlage fortzuführen und die Frage der eines mittelmäßigen Dichters — in westjüdischen Kreisen geradezu revolutionierend wirkten; Herausgeber des Sammelbuch es jung-jüdischer Lyrik ״Junge Harfen“; Redakteur der ersten zionistischen Kinderzeitung (,,Jung-Israel“) in Deutschland, die als Beilage der ״jüdischen Rundschau“ vor dem Krieg eine Zeitlang erschien; Mittelpunkt moderner jüdisch - literarischer Bestrebungen und unermüd lieber Vorkämpfer für das Geistige im Zionismus (z. B. auch Propagator der Idee einer hebräischen Universität seit 1903). Die zweite Epoche Feiwels beginnt nach dem Kriege, als er in London zu dem engsten Kreise derer gehört, die die zionistischen Geschicke leiteten. Er wurde 1920 der erste Direktor des Keren Hajessod und hat in einer sehr schweren Zeit unermüdlich für den Gedanken dieses Fonds sich eingesetzt, weil er — im Gegensatz zu anderen Auffassungen — wußte, daß ohne öffentliches Kapital das jüdische Werk in Palästina nicht durchgeführt werden kann. Es war keine gewöhnliche Geldsammlung, der er Vorstand. Er fühlte — und dies mag es sein, was ihn besonders anzog — daß hier an etwas tief Menschliches appelliert wird, an etwas, was über dem Materiellen steht; daß dieses für sehr prosaische Zwecke nötige Geld auf Grund von Emotionen, durch Erschütterung der Herzen, durch den nicht seihstsüchtigen, sondern dem Allgemeinwohl zugewandten Willen der Juden herangescliafft wird. Feiwel, der durch die berufliehe Tätigkeit der letzten Vorkriegsjahre banktechnische Kenntnisse hatte, wurde 1921 auch ein Mitglied des ״Finanz- und WirtschaHsrates“ der Zionistischen Exekutive. Er war jahrelang eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Londoner Zionistischen Büros. Nur wer seine Tätigkeit aas der Nähe beobachtet hat und Einblick in die eigenartigen Arbeitsverhältnisse hatte, kann ermessen, mit weicher Bereitschaft und Selbstlosigkeit Feiwel der Sache und den ihm von Jugend her durch Freundschaft verbundenen zionistischen Führern gedient hat. Eine Bewegung wie •die zionistische verbraucht Menschen und eilt weiter; das auf ein sachliches Ziel für die Gesamtheit gerichtete Streben geht über den Einzelnen hinweg. Und doch ist in dieser Arbeit unter Menschen das Menschliche und Verbindende wesentlich; Feiwel hat es niemals geringgeschätzt. Die letzten Jahre Feiwels waren durch eine tückische Krankheit verbittert, so daß er die ihm zuteil gewordene Erfüllung seines Wunsches, in Palästina zu leben, nicht mehr recht genießen konnte. Er liebte das Land und seine Landschaff, in öffentliche Angelegenheiten griff er nicht mehr ein. Am Ende seines Lebens ist er, soweit sein körperlicher Zustand es zuließ, wieder zu literarischer Arbeit zurückgekehrt. Er übersetzte viel aus dem Hebräischen und aus dem Jiddischen. Kürzlich ist in der Schockcn-Bücherci seine Uebersetzung von Scbneersohns ״Geschichte von Chajiin Grawitzer“ erschienen, die ״Jüdische Rundschau“ brachte vor einiger Zeit von ihm Uebersetzungen von Biaiiks Kindergedichten. Zu dieser Poesie und ihrem kindlichen Ton fühlte er sich besonders hingezogen. Er war in seiner Seele trotz allem, was er erlebt hatte und zu erleben verstand, selbst ein Kind geblieben — und ein Dichter. Alles was eine Epoche, die Epoche der ״Ersten“ im Westen, an Schönheit und Poesie hatte, scheint mit ihm dahingesunken. W. Teilung für wenigstens zehn Jahre hinauszuschieben. Der ״Daily H «r a I d“ weiß dazu noch zu berichten, daß mehrere Mitglieder des Kabinetts, darunter vor allem der Innenminister Sir Samuel Hoare, Lord Winter ton, der Earl ot Z e 11 a n d sevrje Lord Hai i f a x, auf Premierminister Chamberlain starken Druck ausüben, um ihn zur Autabe der gesamten bisherigen britischen Paäsiinapolitik zu veranlassen. Insbesondere sollen sie sich gegen den Teilungsplan ausgesprochen, die Politik der Schaffung eines Jüdischen Nationalheims in Palästina abgelehnt sowie sich für eine Beschränkung des jüdischere Status in einem gesamtarabischen Palästinastaat eingesetzt haben. Der ״Daily Herald“ fügt hinzu, daß die englischere Zionisten die Lage als so ernst betrachten, daß sie Mittwoch abend eine dringende Sitzung emberufen hätten. Man spricht sogar, wie die Zeitung weiter meldet, von einem Rücktritt des Kolonialministers Ormsby-Gore. Ferner wird behauptet, daß die Kabinetts-Opposition auch die a 111 i zi o n i s t i - sehen Großjuden fiir ihre Aktion benützt. Die Nachricht des ״Daily Herald“ ist mit Vorsicht aufzunehmen, doch dürfte es richtig sein, daß mehrere Minister Gegner einer projiidisclien Palästinapolitik (als solche wird in England der Teilungsplan aufgefaßt) sind. Unter diesen Gegnern ist seit jeher jeder Minister für Indien, da dieser die indischen Mohammedaner nicht erregen will, also wahrscheinlich auch Lord Zetland; auch Lord Halifax war Vizekönig von Indien. Von Lord Winterton ist bekannt, daß er ein Befürworter einer proarabis eben Politik ist, er ist auch wiederholt als solcher im Parlament hervorgetreten. Im übrigen aber sind Gegen- Sätze im Kabinett nichts Ungewöhnliches und es bleibt abzuwarten, ob der Sensations-Charakter, den der ״Daily Herald“ dieser Nachricht geben möchte, berechtigt ist. Rumänien Antlsemitenführer in der Regierung Die Wendung in Rumänien, die überall als Ueberraschung empfunden wurde, ist auch vom jüdischen Standpunkt ein wichtiges Ereignis. Ist doch Rumänien das Land mit der (nach Polen) größten j ü d i s c 11 e n Bevölkerung in Europa. Das Land macht seit zwanzig Jahren, seitdem Großrumänien aus der Zusammenfassung von vier geschichtlich heterogenen Bestandteilen entstanden ist, eine gewaltige Ent- Wicklung durch, um das Ziel der Integration dieser Bestandteile zu einer Einheit zu erreichen. In einer solchen Situation spielt begreiflicherweise der Nationalismus eine große Rolle. Es ist daher verständlich, wenn der König hei der Eine Rückschau auf das Jahr 1937 nebst Bildbericht veröffentlichen wir in der heutigen Ausgabe auf den Seiten 9-11« (״Palästina-Blatt“ heute auf Seite 5) neuen Regierungsbildung dieses Wort in den Vordergrund schob. Aber auch das Wort Nationalismus ist nicht eindeutig; alle Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts (darunter Rumänien) verdanken ihre Entstehung dem Liberalismus, der das natürliche Recht jeder Nation auf Eigenleben bejahte. Im 20. Jahrhundert, und besonders nach dem Weltkriege, hat aber der Nationalismus einen anderen Charakter angenommen, und in einem Lande wie Rumänien, das, wie alle Sukzcssions- Staaten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie, national stark gemischt ist, zeigt sich das Problem besonders in der Auseinandersetzung mit den nationalen Minderheiten. Die letzten Jahre waren in Rumänien erfüllt von einem deutliehen Streben, die ״e t h n i s c 11 - r e i n e ״“ Rumänen zur bevorrechteten Bevölkcnmgsgruppe zu machen, ein Streben, das sich gegen alle Minderheiten und in besonders fühlbarer Weise gegen die Juden richtete. Die antisemitische Agitation wurde populär. Die Regierung, die jetzt zur Macht gelangt ist, repräsentiert diesen Kurs in einem weit höheren Maße als die zurückgetretenc Regierung. Ginge man nur von der parlamentarischen A r i t h* metik aus, so wäre die Regierungsbildung nicht ganz verstündlich. Das Ergebnis der Wahlen wurde zwar benicksichtigt, aber lediglich in seinem negativen Aspekt. Man schloß ans den Wahlen, welche Regierung nicht gewünscht wird, aber man bekam (im Gegensatz zum Zweiparteiensystem) keine Handhabe für die Bildung einer anderen. Zur Regierung berufen wurde eine Partei, die nur 35 Mandate hat. Eine ungewöhnliche Lage! Was weiter geschehen wird, ist noch nicht klar. •Man spricht von Auflösung des Parlaments und Neuwahlen oder auch autoritärer Regierung ohne Parlament. Die Frage, die noch vor wenigen Tagen in jüdischen Kreisen erörtert wurde, ob die j ti d i s c h e Liste M a 11 d a t e erhält oder nicht, verliert angesichts dieser Entwicklung jede Bedeutung. Es muß aber noch gesagt werden, daß die Zahl der für die jüdische Liste abgegebenen Summen (14 000) angesichts der ziffernmäßigen Stärke der Juden in Rumänien sehr klein ist. Die Schuld trägt die jüdische Uneinigkeit. Wie berichtet wird, gab es jüdische Gruppen, die gegen die jüdische Liste Propaganda machten, und zahlreiche Juden haben die Wahl anderer Parteic-11 empfohlen. Es ist die alte, oft charakterisierte Politik assimilatorischer Juden, die meinen, durch Abgabe ihrer St im men für andere Parteien eine gemäßigte Politik zu sichern. Im neuen Parlament wird kein einziger Jude sitzen; die nahezu eine Million Juden in Rumänien bleiben stumm. Es bestellt kein Zweifel, daß mit der Berufung Go gas ein ״deutlicher Ruck nach rechts vollzogen wurde. Ini übrigen aber wird man gut tun, mit der Beurteilung der Sachläge noch z u r ii c k z u h a 1t c n, da die Zusammenhänge nicht so leicht zu durchschauen sind. In Anbetracht der Verhältnisse in Rumänien erscheint die Regierung Goga vielen als eine Art Mittelweg. Unser rumänischer Mitarbeiter hat vor einigen Wochen bei der Darstellung der Partcicnverhiilinisse darauf hingeviesen, daß die Goga-Partei am schärfsten von der ״Eisernen Garde“ (״Alles für das Land“) Ue&esMuM, Bei den Gefechten in der Nähe von Tiberias wurden f5 Araber getötet. Die englischen T nippen hatten 2 Tote. Wie aus Palästina verlautet, soll eine größere arabische Baude von den Truppen vollständig eingeschlossen sein. In Polen wurde eine halbamtliche Erklärung über die Ergebnisse der polnisch-jüdischen Madagaskar- Kommission veröffentlich!■ Das Projekt komme in der Haupt Sache für die Ansicdfung polnischer Bauern in Frage. Pie jüdischen Kommissionstvilglie• der beurteilen die Möglichkeiten jüdischer Ansied/ung pessimistisch. Bei der kritischen Tagung der holländischen Z i o nisten in Amsterdam gelang es, die Einheit der dor• tigen Organisation erhallen. Der Kimslschrijtstellcr Adolph Donath ist in Prag gestorben.