Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 100 (17.12.1937)
- Date
- 1937-12-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 100, 17. DEZEMBER 1937 Die Orangen - Saison hat begonnen Bilder aus den palästinensischen Häfen Von C. Z, Kloetzei, Jerusalem Haifa, abgesperrt vom Meer .. . Haifa liegt am Meer, aber für seine Bewohner gilt, wie einst für unsern Lehrer ,Moses: ״Nur mit deinen Augen sollst du es erblicken, hinkommen aber sollst du nicht!״ Zwischen die Wohnviertel der Stadt und die herrliche Bucht schiebt sich ein undurchdringlicher Gürtel, gebildet vom Hafen, der Eisenbahn, der! Anlagen der Pipeline, Industrie-Unternehmungen. Nach B a t h ü a 1 i m ist es weit, und der Strand dort ist felsig. Nach K a y a t h B e a c 11 ist es noch weiter, und man geht nicht gern hin. Manche — besonders solche, die einen eigenen Wagen haben — fahren über das Wochenende nach Nahariah. Ganz kluge Leute in Haifa wählen ihre Wohnung so, daß sie von der Badewanne aus durchs Fenster das Meer sehen können..,. In den Haifaer Hafen zu gelangen, ist noch schwerer als der Weg zum Strand. Man tyaucht dazu einen Erlaubnisschein des Hafenmeisters. Der Hafenmeister residiert natürlieh int Hafen, und in den Hafen kommt man nur mit eben jenem Erlaubnisschein, den man sich beim Hafenmeister holen will. Ich versuche vergeblich, dem Cerberus am Hafeneingang klarzumachen, daß auf diese Weise nie jemand in den Hafen kommen kann. 011״, doch!י‘ antwortet er. ״Sic brauchen nur einen schriftlichen Antrag zu stellen. Dann bekommen Sie den Schein ziigesandt.“ ״Aber Menschenskind, ich muß heute in den Hafen!“ Er sieht mich. vorwurfsvoll an: ״Dann hätten Sie eben schon vorige Woche den Antrag stellen sollen....!“ Und dann geht es natürlich ganz leicht, ohne Hafenmeister und Erlaubnisschein. Der Leiter einer der beiden Citrus-Kooperativen, die gemeinsam in den nächsten fünf Monaten 4 500 000 Kisten Orangen über Haifa verschiffen werden, begleitet micli. Er ist zur Zeit einer der Hauptarbeitgeber des Hafens, eine ganze Flotte steht zu seiner Verfügung, riesige Lagerhallen bat man seinetwegen ausferäurnt, für Monate bezahlt er den Löwenanteil aller einommenden Quaigelder und Schiffsgebühren. Einen solchen Mann fragt man nicht, ob er einen Erlaubnisschein für seiner! Begleiter habe. Besonders nicht, heute, dem ersten Ladetag für Orangen in den drei palästinensischen Häfen. Erste Sendung ״Sie werden noch nicht viel zu sehen bekommet»“, sagt mein Begleiter zu mir, während wir vor einer geschlossenen Eisenbahnschranke warten. ״Es sind heute nacht noch keine Orangenzüge gefahren worden, aber man hat uns versprochen, daß heute der nötige militärische Schutz zur Stelle sein wird. Sehen Sie sich das an...“, fügt er schnell hinzu und weist auf ein seltsames Gefährt, das eben auf den Schienen an uns vorbeidonnert, eine Art kleiner Panzerwagen mit einem englischen Soldaten am Steuer. ״Von den Dingern haben sie ein paar herübergebracht, um die Orangenzüge nachts zu begleiten.,.. Die Eisenbahn könnte es auch. nicht schaffen, wenn sie auf die nächtliche Anfuhr zu den Häfen verzichten * sollte.“ ״W׳ieviel Kisten verladen Sie durchschnittlich am Tag?“ ״Hier am Quai liegen ständig drei Dampfer. Jeder von ihnen ladet zwischen 35 000 bis 50 D00 Kisten. Bei gutem Wetter dauert das Laden eines Dampfers etwa anderthalb Tage, <d. h. in diesem Zeitraum können wir bis zu 150 000 Kisten verladen, ln Wirklichkeit ist es oft sehr viel weniger, denn sobald es regnet, muß das Ladegeschäft unterbrochen werden. Die Kisten dürfen nicht naß werden.“ Wir sind jetzt im Hafen. Parallel zum Quai stelen die riesigen Lagerhäuser, große Hallen aus Eisenkonsfruktion und Wellblech, die jetzt monatelang bis ans Dach mit Orangenkisten gefüllt sein werden. An ihrer rückwärtigen Rampe sind doch schon einige Dutzend Eisenbahnwagen aufgefahren und werden entladen. In einem der großen Schuppen stehen schon 7000 bis 8000 Kisten, aber sie wirken wie verloren in dem riesigen Raum. Die Orangen ־ Flotte Am Quai liegen dicht hintereinander drei Dampfer: ein Engländer, ein Däne, ein Schwede. Vor Tel Aviv lagen! gleichzeitig fünf Schiffe, und weitere fünf vor Jaffa. Sie alle sind in den Jefrten 24 Stunden eingetroffen. Nach zwei-, höchstens dreitägigem Aufenthalt fahren sie gefüllt ab, während andere an ihre Stelle treten. Die ״Orangen-Fiotte“ arbeitet. Die meisten dieser Schiffe kommen seit vielen Jahren, oft seit Jahrzehnten, in die palästinensischen Häfen, und selbst die neuen, modernen Motorschiffe (manche mit Kühleinrichtiiiig) haben meistens Kapitäne und Mannschaften, die seit langem auf ״Fruchtfahrl“ sind. Viele dieser Schiffe werden überhaupt für keine andere Ladung verwandt; wenn sie nicht Palästina-Orangen befördern, dann Ananas aus Jamaika oder Aepfel aus Australien. Bei den Seeleuten ist ״Fruclitfahrt“ sehr beliebt; Fruchtkisten sind eine saubere, leicht zu handhabende Ladung, und so steht die Orangenflott c in wärtlichem wie in übertragenem Sinne ״in gutem Geruch“. Der Brite, der Däne und der Schwede am Kai von Haifa ragen jetzt noch so hoch aus dem Wasser, daß die Hälfte ihrer Schrauben zu sehen ist. Aber schon kommen die kleinen elektrischen Lokomotiven mit den beladenen Karren angeflitzt, schon rasseln die Kräne ... hellweiß leuchtet «las Kistenholz in der Sonne, wenn es über der Ladcluke schwebt. Der Däne scheint die meiste Ladung zu bekommen, auf ihm wird vorn und achtern geladen. Vorn verstauen jüdische Arbeiter Kisten des jüdischen ״Jaffa Orange Syndicate“, achtern laden Araber Orangen aus arabischen Pilanzungen. Noch ist nicht die volle Belegschaft angetreten, aber in wenigen Tagen wird der Hafen wimmeln von Hunderten von Arbeitern, Juden und Arabern, die in ununterbrochener Tag■ und Nachtschicht Tausende, Zehntausende, Millionen von Orangenkisten von den Bahmvagen in die Schuppen, von den Schuppen in die Schiffe schaffen werden.... Dar ״Seewolf“ von Tel Aviv ״Selien Sie dort draußen am Molcnkopt die Leute schwimmen?“ fragt mich Adon Se’ew Hajain, der Transportleiter im Hafen von Tel Aviv. Weiß Gott, dicht vor dem Haf>11cingang sielit man sechs, acht menschliche Köpfe auf den Wellen, während in einem Boot hinter ihnen eine Anzahl nackter Gestalten stehen. ״Das sind alles Leute, die bei uns auf den Leichtern beschäftigt werden wollen. Wir nehmen aber nur die, die wirklich gut schwimmen können. Behatiyfen tun das alle, aber nachdem wir ein paar Erfahrunfett gemacht haben, halten wir regelrechte Prüfungen ab. initial fiel uns ein angeblicher ״Schwimmer“ ins Wasser, und wir hatten Mühe, inn zu retten. Als ich ihn zur Rede stellte, antwortete er: ״Theoretisch weiß ich zu schwimmen —^nur praktisch hab’ ich dazu noch keine Gelegenheit ge- Adon Se’ew Hajam hält also nichts von der Anschauung, daß ein echter Seemann nicht schwimmen soll. Er A!al die Stimme heben hören, und fluchen — fluchen, wie ein richtiger Mafenkapitän fluchen soll, — kann er besliinmt nicht. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der in einem solchen Tohuwabohu so leise und doch so wirksam seine Autorität durchgesetzt hat. Unsere Seeleute also können schwimmen und unsere Kapitäne können nicht fluchen — die Juden können cs eben nie und nirgends genau so machen, wie die anderen! Die Feuerprobe Trotzdem, sic machen es recht gut in unserem Hafen Tel Aviv. Er ist noch klein, er ist eng, er ist eigentlich gar kein Hafen — und trotzdem weht in ihm mehr ״Seeluft“ als in Haifa. Was einen! Hafen überall in der Welt seinen unbcschreihbarcn Reiz gibt, ist seine Patina, sein Gewachsensein — wer je im ״Vieux Port” von Marseille gewesen ist, weiß, was ich meine, Haifa ist zu sehr mit der Reißschiene gebaut, zu zweckmäßig, zu ordentlich. Ls gibt dort keine verlorenen Winkel, nirgends liegt ein Tau herum, es riecht weder nach Taug noch nach Teer — und nicht einmal Möwen gibt es. Es ist eine Art Schiffsbalmhof — aber kein Hafen. Tel Aviv aber ist ein Halen, heute schon oder heute noch, wie man’s betrachten will. Es riecht dort sogar nach Teer, von den Bootswerften, die mit Hochdruck neue Leichter bauen. Es geht dort nicht ״ordentlich“ zu, sondern wie es in einem richtigen Haien zügelten soll: Gewimmel von Alenschcn und Gütern, etwas mehr Geschrei, als unbedingt notwendig wäre -- und das rings um den schweigsamen Seewolf! — Krangerattcr, Sirenengeheul und ein ewiges Kornmen und Geht׳!? von Motorbooten. Barken, Leichlern zwischen dem Hafenbecken und den Schüfen draußen auf tier Reede. Haifa mag der größte Hafen Palästinas, des östlichen Mittelrnccrs sein: der Odem des Meers bläst stärker in Tel Aviv. Dieser kräftige Salzhaucli mischt sieh jetzt mit dem Duft der Orangen. Eine und noch eine halbe Million Kisten will Tel Aviv verladen. Nicht von geräumigen Schuppen in Schiffe, die zwanzig Meter davon entfernt an! Kai liegen, sondern aus einem eng gedrängten Tohuwabohu in Dampfer, die weit draußen im Meer ankern. Rund tausend jüdische Männer werden helfen, die Feuerprobe für Tel Avivs Hafen, 11!Hn11a11111111!11u11mmi1111!!1111!!1i111M!1111!11111111111!!11!11111111m111111jt1111111t111ni111111111j1111111MH1111111H111111111111111m1M1111!1111m 11!£11!111t11M1111(!t11111111111111!111im1i11!!M!1M1M!)m1111M1!1m11!1!1t11M1Mm11!1M1!mm11!1m!1i!11H!1tHm!)11!111!1111111t11m1m1H Die Ankunft von Sir Charles Tegart lypda JUNCT10N **»%*!■♦ *wi *«■***. ■ '■j. isäkj•;־* &&&&&& Sir Charles Tegart, der Spezialkomrnissar für Terrorbekämpfung, traf am 9. Dezember in Palästina ein. Das Bild zeigt ihn bei seiner Ankunft an der Bahnstation von Ladd. Im Vordergrund links: Ladv Cathreen Tegart und Mrs. Saunders, dahinter der neue Polizeikom• mandant Major Sauniers und Sir Charles Tegart. — Ganz rechts! Sir David P et rie, der Sir (har• les Tegart bei der neuen Orga• nisaiion der Polizei in Palästina unterstützen wird. Sir David war. Direktor des Erkennungsdienstes im Indischen Innendepartement in den Jahren 1924-1931 Foto; H, OroiKke• וווווווו1}ו1ו1וווו!וו!ווו1וווווווווווווו!!^ווווווו1ו1ווווווווווווו!}וווח!ווווו!ו:ווו!ו1ווו1וווווווווווו11וווווווו!וו!ןו3ו1)11ו1!!וו1}11ווו!וו;ווווחוווווווו!1ה!וו«ןווו111וו111ו1ווווו!וו11וווווווו1ווו!1ווווווו1וווחווווו>ו11ו!1וו«!!ווווו9ו1«וווח iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiMMmii!!! selbst ist eine richtige Wasserratte. Sein Name ist etwas ungewöhnlich; ״See-Wolf“ könnte eigentlich nur ein Seeräuber heilten. Neugier siegt bei mir über Taktgefühl, und ich frage nach der Entstehung des Namens. ״Ich bin ein geborener russischer Jude und hieß mit Vornamen Wladimir, was Wolf bedeutet. Dann wurde ich ein Seemann und kam schließ-!ich: nach Erez Israel. Wladimir heißt aut Hebräisch Se’ew, — und irgendwie wollte ich tnich von den vielen Wölfen an Land unterscheiden. Daher Se'ew hajam, der Meer-Wolf.“ Der Meer-Wolf von Tel Aviv kennt zahllose Haien und hat als Kapitän manches Schiff befehligt. Aber er ist seinen Kollegen in anderen Häfen sehr unähnlich. Ich habe ihn während eines ganzen Vormittags nicht ein einziges die erste ״richtige“ Orangerisnison, zu bestehen. Und wenn man sie hantieren sieht: an de״ Kränen, in den Schuppen, ,uif den Leichtern, am Steuer der Molorboote, an eien Ladeluken ... dann fragt man sieh erstaunt, wie denn dieses Volk der ״Händler, Makler und Buchhalter“ plötzlich dazu kommt, Kapitäne und Matrosen und Barkenfuhrer und Boots- Bauer aus sich heraus zu e!zeugen? Und während das Auge dem Schleppzug folgt, der seine Tausende von Orangenkisten vorsichtig aus dem I lafcneingang steuert, geilt einem das Herz, auf vor Freude. (Und freundlich blickt man durch das Glas hinüber nach Jaffa, vor dem auch ein halbes Dutzend Schilfe liegt, zu denen die Leichter mit den Orangenkisten hinüberfr r- Links: Die ersten Bahnsendungen treffen im Hafen ein. Rechts: Die ersten von 1,5 Millionen Orangenkisten, die vom Hafen Tel Aviv aus jelU verschifft werden sollen Foto»! G. L. n x *