Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 94 (26.11.1937)
- Date
- 1937-11-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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29111837 W«־. M / Jahrgang 42 Prel« 28 Rpi> JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion,Vorlag nnd Aaz.lg.nvarwaltangi Barlln W15, Malnak.atr• 16 Wrnnratt 9190 31, T.logramm -Adr•«!• נ Orghip. — Bnugtpni• «iMdilioiUich Bwt.llg.ld |» Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bol Abholung RM 1^8 bsw. RM 539. — Poatachedc . Konten der Vortriebe . Abteilung: Berlin 71573 (Kr Qrofi. Berlin), Berlin 17392 (für da» übrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt beeteht kein Anspruch »uf Nachlieferung oder Eratattuag etwa schon gezahlter Bezugagebühren. — Erscheint Jeden Dienstag nnd Freitag. BERLIN כ״ב כסיו תרצ״ח FREITAG, 26. NOVEMBER 1937 Gültig: Aazelgenpraiallita Nr. 5• Die 12 £®sj>altene mm - Zeile 20 Rpf., für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*• anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck ־ Konto Berlin 71618 oder bar Montag bi» Freitag 9—18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag ■ Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Für Familien *Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt fOr das indische Volk die Schaltung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Todesurteil in Haifa Der erste Prozeß vor dem Militärgericht * Araberscheich verurteilt In den spaten Abendstunden des Montag wurden In dem Dorf Al Mazar in der Nähe von Dschenin der 80jährige Araberscheich Farhan es Saadi und drei seiner Gefährten verhaftet. Polizei- und Truppenaufgebote hatten seit Monaten versucht, seiner habhaft zu werden, doch konnten die Verfolgten in dem hügeligen Gelände immer wieder entkommen. Die Verhaftung gelang erst, nachdem angedroht worden war, den Ort mit einer schweren Kollektivstrafe 7u belegen. Bei den Verhafteten wurden Waffen und Munition gefunden. Auf Grund dieser Tatsache wurden sie vor das Mil)• tlrgericht in Haifa gestellt, und die Verhandlung wurde als erster Prozeß dieser Art durchgeführt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt, jedoch waren Pressevertreter zugelassen. Zunächst wurde nur egen den Scheich selbst verhandelt. Der Angeklagte, er ein Freund Fauzi Kaukjis sein und sich an seinen Unternehmungen im vergangenen Jahre beteiligt haben soll, bestritt jede Schuld. Die Verteidigung protestierte gegen die kurz bemessene Vorbereifungszeit zur Zeugenbeschaifung, die dazu geführt habe, daß nur von der Anklageseite Zeugen gestellt werden konnten. Der Verteidiger beantragte, angesiebts des Alters des Angeklagten von 80 Jahren, der nicht bewiesenen Schuld und seiner vornehmen Abstammung mildernde Umstände zu bewilligen. Der Vertreter der Anklage beantragte seinerseits wegen unerlaubten Besitzes von Waffen und Munition die Todesstrafe. Der Militärgerichtshof fällte das Todesurteil, das der Angeklagte ruhig aufnahm. Die Bestätigung des Urteils liegt in den Händen des Oberkommandierenden der britischen Truppen ln Palästina, General W a v e 11. Seine Entscheidung ist in den nächsten Tagen tu erwarten. Die Erregung unter der arabischen Bevölkerung ist groß; die Verhandlung mußte unter starkem militärische« Schutz durchgeführt werden. Oer Prozeß gegen die drei übrigen Gefangenen wird später folgen. Das Haifaer Militärgericht besteht aus Major C. D. Fawkes, Captain J. T. Thorahill und A. M. J. Llttledaie. Jurist!- scher Berater der Militärgerichte Ist, wie bereits gemeldet, Major E. D. H. Stöcker. Kein Begnadigungsrecht des High Commissioners Die Palästina-Regierung hat eine Verordnung erlassen, nach der der High Commissioner kein Begnadigungsrecht in Fällen von Todesurteilen hat, die durch die Mili- ISrgerichte gefällt werden. Ruhe Im Lande Wie aus Palästina telegraphiert wird, sind die letzten Tage im ganzen Lande ruhig verlaufen. Von größeren Zwischenfällen liegen keine Meldungen vor. % Das erste Urteil eines palästinensischen Militärgerichts zeigt, daß die Regierung entschlossen ist, Ernst zu machen. Die Lage im Lande gebietet ja auch, daß die strengsten Maßnahmen ergriffen werden, um eine baldige Pazifizierung zu erreichen. Es hat sich leider gezeigt, daß mildere Methoden, die lange genug angewandt worden sind, nichts fruchten, da die terroristischen Gruppen sich von ihnen Chajes’ 10. Todestag Von unserem Berichterstatter J.R. Wien, 24. November Die Wiener Juden haben die zehnte Wiederkehr des Todestages von Oberrabbiner Professor Dr. Zwi Perez Chajes am 20. Kislew schlicht und würdig begangen. Die Gedenkfeier wurde vom Vorstand der Kultusgemeinde im Stadttempel in der Seitenstettengasse, der Wirkungsstätte des großen Verblichenen, am Vorabend der Jahrzeit veranstaltet. Außer dem Präsidium und Vorstand der Gemeinde waren auch der Alt- Präsident der Kultusgemeinde, Generalstabsarzt Universitäts- Professor Dr. Alois Pick, unter dessen Präsidentschaft Chajes als Oberrabbiner wirkte, sowie zahlreiche prominente Persönlichkeiten aus dem öffentlichen jüdischen Leben der Stadt erschienen. Nach dem Maariwgebet wurde die Feier mit dem Vortrag des 49. Psalms in der Vertonung von Sulzer eingeleitet, worauf Oberrabbiner Dr. I. Taglicht in einer durch ihre Einfachheit besonders packenden Gedenkrede den Werdeang und das Wirken des Menschen, Lehrers, Rabbiners und ührers Chajes zeichnete. Nachdem Oberrabbiner Taglicht noch das Kaddischgebet gesagt hatte, sang Oberkantor M a 11 h a y s das El Mole Rachamim, worauf die Gedächtnisfeier mit der rntonierung der H a t i k w a h und der österreichischen Bundeshymne ihren Abschluß fand. Wertvolles und Interessantes über den Werdegang und das vielfältige Wirken von Zwi Perez Chajes vermittelt eine anläßlich des Todestages im Vortragssaal der zionistischen Büros untergebrachte Chajes-Geaächtnis-Ausstellung, die eine Fülle von Bildern, Dokumenten, Briefen usw. von der frühesten Jugend bis in die letzten Tage Chajes enthält nicht abschrecken lassen. Die Anwendung schwerster Strafen gegen Terroristen liegt daher nicht zuletzt im Interesse der Gesamtheit der Bevölkerung, deren große Mehrheit — auch im arabischen Lager — gewiß des Kampfes und der mit ihm verbundenen Verluste müde ist. Aus diesem Grunde stellt die Einsetzung der Gerichte und ihr rücksichtsloses Durchgreifen ohne Zweifel einen Fortschritt dar. Dennoch muß gerade in diesem Zusammenhang betont werden, daß den Juden, die derartige verschärfte Maßnahmen seit langem gefordert haben, nichts ferner liegt als der Wunsch nach Rache und Verg 11 ח u n g oder nach Schaffung von Märtyrern. Wir wünsehen den Frieden herbei, der mit allen Mitteln so rasch wie möglich wiederhergestellt werden muß, aber wir hoffen zugleich, daß diese Beruhigung mit einem Minimum an Blutvergießen herbeigeführt werden kann. Vielleicht ist gerade der gegenwärtige Augenblick geeignet, um die Sinnlosigkeit terroristischer Methoden auch verantwortlichen Kreisen im arabischen Lager vor Augen zu führen, die bisher die Terroristen mehr oder weniger offen oder stillschweigend gedeckt haben. Wir veröffentlichten in der vorigen Ausgabe einen Aufruf des Stadtrates von Jerusalem, der von jüdischen wie von arabischen Stadträten unterzeichnet war und unter Hinweis auf die letzten Vorfälle in Jerusalem selbst zur Ruhe und Besinnung mahnte. Schon die Tatsache, daß hier zum ersten Male ein gemeinsamer Schritt von Vertretern beider Völker erfolgte, verdient (wie unser Korrespondent in der vorigen Nummer betonte) als ein Zeichen von beginnender Einsicht gewertet zu werden. Die Stadträte forderten die Oeffentlichkeit aut, die Regierung bei Ihren Bemühungen um Wiederherstellung der Ruhe zu unterstützen. Das erste Urteil des Haifaer Militärgerichts wird, wie wir annehmec« und wünschen, gfeichtafls dazu beitragen, daß Ordnung herbeigeführt wird. Es soll nicht dazu dienen, Oel ins Feuer zu gießen und die Gemüter noch mehr zu erbittern, sondern es sollte als eine Demonstration des entschlossenen Willens der Regierung aufgefaßt werden, der Bevölkerung den Ernst der Lage vor Augen führen und auf die Mitläufer der Terrorgruppen abschreckend wirken. Das Vergehen selbst und die Person des Angeklagten, um den es sich in diesem ersten Fall handelt, der natürlich ein ganz zufälliger ist, scheint nach den vorliegenden Berichten nicht zu den schwerwiegendsten Fällen zu gehören. Die letzte Entscheidung über die Vollstreckung des Urteils liegt bei dem Oberkomniandierenden der englischen Trappen in Palästina, General Wavell, dessen Veraritwortung in dieser Sache sowohl vom politischen wie insbesondere vom menschlichen Standpunkt aus besonders groß ist. Vielleicht ist der Zweck des Gerichtsverfahrens in diesem Falle durch die Fällung des Urteils bereits erreicht. Es dürfte daher zum großen Teil in der Hand der verantwortliehen arabischen Kreise selbst liegen, d. h. von ihrem vveiteren Verhalten abhängen, ob die letzte Strenge des Gesetzes tatsächlich angewandt wird. Wir Juden wünschen gewiß nichts mehr, als daß die Einsicht in dem anderen Lager Platz greift, daß das Palästina-Problem nur mit friedlichen Mitteln auf die Dauer gelöst werden kann, die drastische Gewaltmaßnahmen gegen einen Bevölkerungsteil oder einzelne Personen, die gegen die Gesetze verstoßen haben, überflüssig machen. Einwanderungsquote in Mexiko In Mexiko wurde eine Einwanderungsquote eingeführt. Die Verordnung sieht keine rassische Unterscheidung vor, aber läßt für Polen, Rumänien, Litauen und andere osteuropäische Länder nur je 100 Immigranten pro Jahr zu, für Deutschland, Oesterreich und Ungarn je 500 Immigranten pro Jahr. Keine Begrenzung der Zahl ist der Einwanderung aus Spanien und aus latein-amerikanischen Ländern gesetzt. Die J u d e n f r a g e ist in Mexiko in der letzten Zeit von Gewissen Seiten aufgerollt worden. Ein Bericht der ״Nework-Times“, datiert aus Mexiko vom 7. November, stellt fest, daß die antijüdische Kampagne infolge verschiedener Agitationen im Wachsen ist. Die nationalrevolutionäre Partei hat im Senat eine Forderung an das Innenministerium gerichtet, dem Kongreß eine Liste der Juden in Mexiko vorzulegen, mit Angabe ihres Status und ihres Kapitalbesitzes. Im Kongreß wurde ein Gesetzentwurf eingebracht, wonach Ausländer von aller Kleinindustrie im Lande ausgeschlossen werden sollen. Regierungsbeamte hätten offen zugegeben, daß das Gesetz gegen die Juden gerichtet ist. Die Formulierung ist darauf zurückzuführen, daß ein früherer Antrag, der ausdrücklich verlangte, die Juden vom Handel und von der mexikanischen Staatsbürgerschaft auszuschüeßen, seinerzeit als verfassungswidrig abgelehnt worden war. Es leben heute in Mexiko 18 000 Juden, von denen viele mexikanische Bürger sind. Zahlreiche jüdische Familien sind seit der Eroberung durch die Spanier im Lande. Der Berichterstatter der ״New־Y0rk-Times‘J ist der Ansicht, daß die antijüdische Kampagne Aussicht auf gewissen Erfolg hat, wenn nicht Präsident Cardenas dieser Agitation entschieden entgegentritt. Ob dies der Fall sein wird, ist aber zu bezweifeln angesichts der Tatsache, daß die Regierung Cardenas ihre Konsuln angewiesen habe, Juden nicht nach Mexiko hereinzulassen. .Unsere ״grolle Zeit“ Vor 2102 und vor 20 Jahren Gedenken an zwei Tote — Jugend in der Ferne Leben wir in einer ״großen Zeit“? Vielen scheint sie oft zu ״groß“, sie würden mit weniger \orlieb nehmen. Verlieren wir nie das Gefühl für das Ganze! Wollten wir uns von den täglichen Sorgen, deren Last uns fast erdrückt, von den auf uns cinstürmcndcn Nachrichten aus aller Welt, die uns beunruhigen, von der Ausweglosigkeit, in die wir geraten zu sein scheinen, bestimmen lassen, dann würden unsere Kräfte bald erlahmen. Aber eine geheimnisvolle Macht in uns trägt uns immer wieder über das Dunkel, das uns zu umgeben scheint, empor; wir fühlen, daß wir in einem großen Prozeß des Werdens stehen, als kleine Glieder einer Kette; und daß wir auch den Sinn unseres persönlichen Schicksals nicht immer begreifen können, weil es eingebettet ist zwischen dem, was war und dem, was sein wird. In diesem Wandel der Zeiten gibt es ein ständiges Auf und Ab; ein Bück in die Geschichte lehrt, wie oft das Unvorhergesehene ein tritt, zum Bösen, aber auch zum (luten. Iber Glaube an den Sinn alles Geschehens ist das Fundament der jüdischen Weltanschaut!ng, die Quelle der jüdischen Lebensschwungkraft (Elan vital). Sie schuf den jüdischen Optimismus, der kein Optimismus platter und niedriger Art, kein ״ruchloser“ Optimismus ist, sondern auf dem Glauben beruht, daß auch das Leiden einen Sinn hat und daß am Ende der Zeiten die große Erlösung steht, jene Erlösung, die die feindlichen Schranken zwischen Mensch und Mensch hinwegräumt, die Schwerter zu Pflugscharen umschmiedet und die Millionen einander umschlingen läßt. Nicht nur der Einzelne, auch das ganze Volk wird geleitet durch das große Dennoch, diesen Leitstern unverwüstlicher Lebenskraft. Die meisten jüdischen Feste stehen im Zeichen eines ״Wunders“; das heißt: das Unwahrscheinliche geschah. Durch die Feste ward ״Geschichte‘‘ nahe an uns herangerückt; längst Verstorbene werden unsere ״Zeitgenossen“, wir selbst versetzen uns in ihre Epoche; und so sehr sich auch die äußere Welt verändert, die innere Haltung der Menschen lind ihre Probleme sind die gleichen. Der Sieg der Makkabäer erscheint uns rückblickend als eine Art Wunder, obwohl er wahrscheinlieh in den politischen, strategisdien und taktischen Verhältnissen von Zeit und Ort begründet war. Aber die Kühnheit und Entschlossenheit dieser palästinensischen Aufständischen ist nur erklärlich durch ihren unerschütterliclien Glauben und durch das Bewußtsein, für die Aufreilitcrhalümg einer bestimmten Daseinsordmmg verantwortlich zu sein. Der Sieg einer nationalen, im gewissen Sinn separatistischen Gruppe erwies sich als ein Mittel, um späteren universalen Ideen den Weg zu bereite«. Nicht sich selbst a!1 f g e he 11, — das war die Haltung, auf die das ״Wunder“ folgte. Wenn wir erst jene Ereignisse aus ihrer legendären Umhüllung herauslösen und von ihrer menschlichen Seite betrachten, dann geben sie uns genug Stoff zum Nachdenken über uns selbst, uns 21 Jahrhunderte später Lebende. Wir fühlen uns oft trostbedürftig; aber es wäre falsche Sentimentalität, den Trost nur in freundlichen Worten guter Seelen zu suchen. Der wahre Trost kommt aus der Erkenntnis, daß wir uns behaupten, wenn wir uns nicht aufgeben. Der Weg der Wenigsten ist mit Rosen bestreut, es gilt einen harten, steinigen Pfad zu bezwingen, aber wo wir selbst restlos das Unsere tun, dort werden uns schließlich helfende Wunderkräfte begegnen. Dem Wagenden gehört die Welt! Der wahre Widersacher sitzt in der eigenen Brust. Es ist keine Kunst, das Leben zu lieben oder an eine Sache zu glauben, solange alles leicht ist oder leicht scheint und solange die momentanen äußeren Verhältnisse günstig scheinen; die Aufgabe und der Prüfstein an den Wert und Charakter jedes Einzelnen beginnt dort, wo Widerstände sich auftürmen und Enttäuschungen zu überwinden sind. Das Leben zu gestalten ist dort besonders fruchtbar, wo neu begonnen werden muß. Alte U■sie*■ Ue&vMtik ln den ersten neun Monaten dieses Jahres harnen 868 3 jüdische Einwanderer nach Palästina. Die Palästina-Konferenzen in Polen wurden in sehr eindrucksvoller HVisc durchgeführt. Bar Kochha Frankfurt am Main, Bar Köchin - Hakoah Berlin und JSK. Berlin qualifizierten sich für die End• runden in der M akh ab i - Meisterschaft int Handball und Fußball.