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Jüdische Rundschau · 1937-11-12 · Heft 90 (12.11.1937) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 90 (12.11.1937)
Date
1937-11-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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1511.1937 1 Kr. 90 / Jalurg&iig 42 JÜDISCHE »1111Km;1a Preis 25 Rpi. RUNDSCHAU SftditlcUon,Verlag ud Aanlpannralliiiiii BarllnW15, Malntkoatr. 1• fannfi 919031, Telegramm-Adres*<*> Orghlp.— Bozugspreia «inichlisSlicb Bubllpld ja Monat RM 2,—, Je ViertUjaHr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bna RM 539. — Poilsdieck - Konten der Vortrieb* »Abteilung! Berlin 71573 (für Grofi * Berlin), Berlin 17392 (für da* übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt beafallt kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Besugtgebühren- — Erscheint jaden Dienstag and Freitag. BERLIN ח׳ כסלו תרצ״׳ח FREITAG, 12. NOVEMBER 1937 Gfiltigi Anxelgenprftllliit• Nr, 5• DU 12 gespaltene mm * Zelle 20 Rpf., fftr Familien Nachrichten 15 Rp{. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder ao bestimmten Pützen wird keine Gewahr geleistet Gelegenheit»• tnzeigen mir gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlie 71618 oder bar Montag bi■ Freitag 9—18 Uhr. Annahmeachluß für di« Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das |dd!sche Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) | Ramsay MacDcmald | Der frühere englische Ministerpräsident Ramsay MacDonald ist am 9.11. im Alter von 71 Jahren einem Herzschlag erlegen. Der Tod überraschte ihn auf einer Schiffsreise, die er in Begleitung seiner Tochter nach Südamerika zu Erholimgs- und Studienzwecken unternommen hatte. Die Gestalt Ramsay MacDonalds, dessen Tod überraschend kommt, obwohl es bekannt war, daß er seit Jahren kidend gewesen ist, hat im Bewußtsein des jüdischen Volkes und insbesondere in der Geschichte Palästinas einen festen Platz. Dieser Schotte, der aus kleinsten Verhältnissen stammte Und allmählich zunächst zum Führer der britischen Labour Party und später nach ihrer Spaltung im Jahre 1931 zum Begründer einer zahlenmäßig zwar kleinen, aber ins Gewicht fallenden parlamentarisehen Gruppe, der Nationalen Arbeiter-Partei, geworden ist, der den Weg vom radikalen Ideologen der Unabhängigen Arbeiterpartei über den Parteiführer zum Staatsmann ging, Vom sozialen Reformator zu einer Haltung, die die Ziele der britischen imperialen Politik anerkannte, zugleich aber insofern treu der ihm gemäßen Haltung blieb, als er z. B. den Versailler Vertrag in allen Phasen seiner politischen Laufbahn ablehnte, — dieser Mann hatte für die Lage des jüdischen Volkes und seine Ziele in Palästina tiefes Verständnis. Im Jahre 1922 unternahm er eine Reise nach Palästina, damals noch Führer der Arbeiterpartei; er wurde im Lande, insbesondere von seiten der Arbeiter- Schaft, sehr gefeiert und von dem, was er sah, aufs stärkste beeindruckt. Damals äußerte er sich bei verschiedenen Gelegenheiten, in Aufsätzen und Reden über die jüdische Palästina- Arbeit und veröffentlichte eine Broschüre ״Ais Sozialist in Palästina“, die damals auch ins Deutsche übersetzt wurde. Er fand in ihr Worte der höchsten Anerkennung für die Leistung des jüdischen Volkes, das auf dem Boden seiner alten Heimat wieder durch eigene Arbeit eine neue Zukunft vorbereiten will. Er sagte darin u. a., daß ״Palästina und die Juden nie voneinander gesondert werden können“. Ramsay MacDonald, der als Politiker der zionistischen Bewegung so starke Sympathien entgegengebracht hatte, wurde zum erstenmal 1924 Ministerpräsident An diese Ernennung knüpften sich starke Hoffnungen in bezug auf die Aktivität, mit der England die jüdische Arbeit in Palästina fördern würde. Allerdings wurden diese Hoffnung«! damals und noch mehr später auf eine starke Belastungsprobe gestellt. Es war eine Arbeiterregierung unter MacDonalds Führung, in deren Amtszeit die Unruhen von 1929 mit den nachfolgenden Unter- Buchungen und dem berüchtigten Passfield-Weißbuch fielen. Damals äußerte sich MacDonald in einer großen Palästina- Debatte Im Unterhaus Ende 1930 ausführlich zum Palästina- Problem und wies in seiner Rede u. a. auf das hin, was er acht Jahre vorher im Lande gesehen hatte. Er betonte, daß an eine Aufgabe des Mandates oder an eine Aenderung der Politik der Durchführung des Mandates nicht zu denken sei. Die Enttäuschung des jüdischen Volkes beruhe auf einer gewissen Verzögerung im Tempo der Entwicklung Palästinas, die infolge der eingetretenen Schwierigkeiten notwendig geworden sei In dieser Debatte, die dem Passfield-Weißbuch folgte, kam es jedoch noch nicht zu einer Entspannung der Situation, Und das Weißbuch blieb in Kraft Erst im Februar 1931 kam es zu einer Verständigung, und zwar auf Grund eines Briefes, den MacDonald an Dr, Weizmann richtete und der vom britischen Kabinett beschlossen worden war. Dieser ״MacDonald-Brief“ stellte eine authentische Interpretation des Passfield-Weißbuches dar, bekräftigte erneut die Bestimmungen des Mandates und hob insbesondere die doppelte Verpflichtung Englands Juden und Arabern gegenüber hervor. Obwohl von seiten der Regierung betont wurde, daß der Brief keine Beseitigung der im Passfield-Weißbuch gemachten Vorschläge sei, bedeutete er dennoch eine erneute Bekräftigung der ursprünglichen Mandatspolitik Englands, und dadurch wurde die K o op e r a t i o n zwischen der Mandatarmacht und der Jewish Agency wieder hergestellt. Insbesondere wurde durch den Brief ein Verbot der Erwerbung von Ländereien durch Juden abgelehnt, wenn sich auch die Regierung eine Kontrolle und eine Land entwicklungspolitik vorbehielt, die leider niemals zustandegekommen ist. Ramsay MacDonald war dreimal Ministerpräsident und, nachdqp er dieses Amt niedergelegt hatte, seit 1935 bis kurz nach der Krönung Georgs VI. Lordpräsident of the council im Kabinett Baldwirt In den letzten Jahren war «eine politische Tätigkeit durch sein sich verschlimmerndes Leiden zeitweise bereits unterbrochen; nach der Krönung zog er sich völlig ins Privatleben zurück und widmete sich wissenschaftlichen Studien. Seine Geltung im englischen poli• tischen Leben beruhte weniger auf bestimmten theoretischen Vorstellungen, die von ihm verfochten wurden, äh •ui des Eigenart seiner Persönlichkeit, deren Vielseitigkeit sich auch in seinen künstlerischen und literarischen Interessen zeigte, und die es verstand, in einem Augenblick höchster Gefahr, der 1931 für England eintrat, ohne Rücksicht auf frühere Prinzipien und auf jahrzehntelange politische Freundschaften einen neuen Weg einzuschlagen, der MacDonald an die Seite des Konservativen B a 1 d w i n brachte, mit dem er im Rahmen der Nationalregierung seitdem eng verbunden blieb. Ohne Zweifel hat das jüdische Volk in der Person MacDonalds einen Freund verloren, einen Mann, der seine besondere Situation erkannte und seine Sympathien nicht nur in Worten, sondern auch in verantwortlicher Stellung durch die Tat zum Ausdruck gebracht hat. Gewiß war er ein Schulbeispiel auch dafür, daß zwischen den Sympathien eines Privatmannes oder Parteiführers, der noch keine verantwortliche Stellung inne hat, und den Handlungen eines Staatsmannes ein Unterschied besteht, der durch die Gegebenheiten der realen Politik herbeigeführt wird. Dadurch ist gerade unter MacDonalds Ministerpräsident- Schaft so manche Verstimmung und Enttäuschung in den jüdischen Reihen entstanden, hatte man doch vielleicht allzu große Hoffnungen auf seine Unterstützung gesetzt. Dennoch blieb er auch in den schwersten Stunden und in Zeiten, in denen es zu Spannungen kam, ein Freund unserer Sache, die er in einem früheren Stadium seiner Entwicklung kennengelernt und nachzuempfinden begonnen hatte. Sein Sohn Malcolm MacDonald, der heutige Dominionminlster, hat sich gleichfalls mit der Palästina-Frage beschäftigt Er griff in den Streit, der nach der Publikation des Passfield- Weißbuches entbrannte, ein und war Sekretär des in dieser Angelegenheit unter Vorsitz des damaligen Außenministers Henderson• gebildeten Komitees, das die Meinungsverschieden* heiten zwischen Regierung und Jewish Agency schlichten sollte. Damals ,hat er der Verständigung, die dann in dem bereits erwähnten MacDonald-Brief zum Ausdruck kam, gute Dienste geleistet. Tag der BaHour ־ Deklaration in Norwegen Ansprache des Völkcrbundsdeleglerten Von unserem Berichterstatter Oslo, Anfang November Die Feier des 20jährigen Jubiläums der Balfour-Deklaration in Oslo wurde zu einem ungewöhnlichen Ereignis, das in den jüdischen Kreisen, aber auch in der öffentlichen Presse stärkste Beachtung fand. War es doch gelungen, den langjährigen norwegischen Völkerbundspolitiker Dr. Christian L. Lange als Hauptredner zu gewinnen. Zu der Veranstaltung, die von der ״Norsk Z i on i st foren i n g“ organisiert worden war, hatten auch die Gemeinden, der Jüd.- Akad. Klub, der Mos. Frauenverein, der Jüdische Jugendverein und die Wizo ihre Mitglieder eingeladen. Die Versammlung wurde von Direktor Isser B r a 11 d e, dem norwegischen Delegierten zum XX. Zionistenkongreß und 1. Vorsitzenden der Z. F., geleitet. Er begrüßte das zahlreiche Publikum und insbesondere den Gastredner Dr. Lange, den die norwegischen Zionisten vor zwei Jahren bereits (ns Goldene Buch des KKL eingetragen haben. Als erster Redner ergriff Rabbiner Julius Samuel das Wort zu einer Gedächtnisrede für Lord Balfour und andere Persönlichkeiten, die in Verbindung mit der Balfour-Deklaration stehen, wie Lord Rothschild, ihren Empfänger, und den britischen König George V., der sie betätigte. Daran schloß sich eine Würdigung für Lord Peel und Distriktskommissar Andrews, und den Abschluß der Rede bildete ein Nachruf für Felix Warburg und Avinoam Yellin. Sodann ergriff, von herzlichem Beifall begrüßt, General- Sekretär Dr. Lange das Wort zu einem Vortrag: ״Die Balfour-Deklaration und ihre Bedeutung“. Der Redner, von Haus aus Historiker, war für dieses Thema am besten prädestiniert. Wenn er sich auch im wesentlichen an das Historische halten mußte und die Gegenwart nur streifen konnte, so war doch erkennbar, daß Dr. Lange nach wie vor von der gleichen Haltung beseelt war, die er vor dem Völkerbundsrat in Genf vertrat, wo er an das feierliche Versprechen Englands gemahnte, das nicht gebrochen werden dürfe. Der erste Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters, Emst Glaser, der sich in den Dienst der zionistischen Sache gestellt hatte, spielte, begleitet von Frau Kari Glaser, u. a. ״Widdui“ von Emst Bloch. Das Künstlerpaar erntete starken Beifall. — Die wohlgelungene Veranstaltung wurde mit der *Hatikwah“ geschlossen. * Die Zionistische Vereinigung ״Herzliah׳* hi Trondheim hatte den norwegische® Kongreßdelegierten ßraude zu einem Vortrag über den Kongreß eingeladen. An den Bericht schloß sich eine lebhafte Diskussion. J, S. Geistige Wiedergeburt Eine der charakteristischen Erscheinungen des jüdischen Lebens unserer Zeit ist, daß es vielen Menschen an Muße fehlt. Der Lebenskampf des Einzelnen ist so schwer, daß alle Kräfte und ein Uebermaß an Zeit ihm gewidmet werden müssen. Das gilt ganz, besonders von der Jugend, die ins Berufsleben eintritt oder sich auf einen Beruf vorbereitet. Früher war es gerade für einen erhebliehen Teil der jungen jüdischen Generation, besonders soweit sie sich einer akademischen Ausbildung; widmete, charakteristisch, daß ihr ein erhebliches Maß an Muße zur Verfügung stand, nicht nur in dem rein äußerlichen Sinne der freien Zeit, sondern auch durch die innere Sammlung, die notwendig ist, um sicli geistigen Beschiiftigungen hinzugehen, die nicht mit des Tages Not und Sorge verbunden sind. Dennoch steht vor uns als Gemeinschaft und vor jedem einzelnen Juden die Aufgabe, sich den Zugang zu geistigen Werten weiter zu erhalten bzw. in der jungen Generation zu finden. Wir wissen, daß keine Maßnahmen äußerer Art im Bezirke der Politik und des sozialen Werdens das jüdische Volk und das Judenturn erhalten können, wenn nicht die Bemühung um seine geistigen Grundlagen und Inhalte in jeder Generation lebendig ist, und wenn nicht eine große Zahl von Menschen sich als Träger dieser geistigen Tradition empfindet. Aus diesem Grunde ist der ״Kampf urn die Muße“ eine der Notwendigkeiten unseres Lehens, soll dieses nicht sinnlos im Strudel der Zeit versinken. Man kann gewiß nicht übersehen, daß sehr viej’s von dem, was Uns heute als geistiges jüdisches C־yj geboten wird, nur ein sehr verdünntes Judentum darstellt, und daß es auch unter allgemeinen Gesichtspunkten geistiger Wertung vor dem kritischen Auge nur schwer bestehen kann. Das gilt für alle Gebiete des jüdischen geistigen Lebens in der Welt, auch in Palästina, und ganz besonders in unserem eigenen Kreise, der Judenheit Deutschlands. Ob wir nun in die Vortragssäle blicken oder in die Versammlungen, in die Lehrhäuser oder ins Theater, in die Kunstausstellungen oder in die neu erscheinenden Bücher — überall finden wir neben manchem Guten und Bedeutenden auch eine große Fülle von Erscheinungen, die kaum über den Tag hinaus Geltung haben werden und die nur an der Oberfläche dessen bleiben, was sie ausdrücken wollen. Es wäre verkehrt, wollten wir in einem Augenblick, in dem wir auf ein wichtiges Gebiet unseres geistigen Lebens, nämlich auf die jüdische Buchproduktion in Deutschland einen Blick werfen, diese Tatsache übersehen, die zu den Erscheinungen der geistigen Krise gehört, in der sich das jüdische Volk überhaupt befindet und deren Ueberwindung der eigentliche Sinn der nationalen Rcnaissancebewegung ist. Dennoch steht uns, wenn wir es nur wollen, das wichtigste, was es auf jüdisch-literarischem Gebiete gibt, offen, nämlich die Rückkehr zu den Quellen des jiidischen Wissens und der jüdischen Literatur. Es braucht hier nicht gesagt zu werden, daß diese Quellen von dem großen Buch am Beginn unserer Geschichte angefangen bis zu den bedeutendsten Schöpfungen der hebräischen Literatur unserer Tage mehr sind als bloße Literatur, daß in ihnen vielmehr die ganze Art jüdischen Lebens und Denkens eingefangen ist, die für den, der in ihnen zu Hause ist, eine Triebkraft seiner Lebensgestaltung werden kann. Den Weg zu ihnen finden ist unsere Aufgabe, vor der kein jüdisches Geschlecht, wie immer es äußerlich leben mag, UsU*. Ue&et&Utk Nachdem bei einem Ueberfall in der Nähe von Kirjath Anawim sechs jüdische Arbeiter getötet worden waren, hat die Mandatsregierung die Schaffung von Militärgerichtshöfen angekündigt, die am 18. November ihre Tätigkeit sujnehmen werden und gegen die mit den Unruhen verbundenen Delikte mit schwersten Strafen, insbesondere mit der Todesstrafe, Vorgehen sollen. Ueber die Altstadt von Jeruaa• lern wurde wiederum der Ausnahmezustand verhängt. Der Kampf am die Gheltobänke an den polnischen Hochschulen gehl weiter. Am 10. November kam es in verschiedenen Städten im Zusammenhang mit dem Gedenktag an einen vor zwei Jahren in Wilna getöteten polnischen Studenten zu judenfeindlichen Ausseh ret• tun gen. Im Badapeater J udenviertel fand eine Razzia nach ausländischen Juden, die ohne Aufcnthaitsbewilligung angetroffen wurden, statt. Ghandt hat entschieden dementiert, daß er eine Erklä• rung zugunsten der. palästinensischen Araber abgegeben habe Archiv

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