Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 84 (22.10.1937)
- Date
- 1937-10-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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RP9m הי?יווי«י*מיוייווו 25-10.1937 7 1 i Nr. 84 / Jahrgang 42 Preis 23 Rpi« JÜDISCHE RUNDSCHAU lllBMilM 1 Redalctioii, Verlag and AjutiganvsrwftUniig! Berlin W15, Melnekeatr• 10 Femxafi 919031, Telegramm-A41T0B•• t Orgliip• — Bezugspreis etasdbließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—־, ja Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 b*w. RM5.39. — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung Berlin 71573 (für Groß ־ Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Pallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Besugigebühren. — Erscheint Jeden Dienstag: and Freitag« BERLIN י״ז מרחעוו תרצ״ח FREITAG, 22. OKTOBER 1937 Gültig! AnxelgeapreisUste Nr« 5« Die 12 gespaltene mm-Zeile 20 Rpf״ für Familien ־ Nachrichten 15 Rpf. För die Aufnahme vop Anreigeo in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Platzes wird keine Gewahr geleistet Gelegenheit»* anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag •Ausgabe Mittwoch!3 Uhr. (Für Familien •Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) England bleibt fest Eine Erklärung im Unterhaus Ormsby-Gore kündigt Reformen an London, 21. Oktober (JTA.) Kolonienminister Ormsby- Gore hat in der am Donnerstagrachmiltag abgehaltenen Erötfnungssitzung des Unterhauses die erwartete Erklärung zur Lage in Palästina abgegeben. Der Kolo* nlentninister kündigte eine Reihe von Reformen an, die noch vor der Entsendung der neuen Palästina-Kommission durchgeführt werden sollen. Die Mitglieder der neuen Palästina-Kommission, sagte Minister Ormsby-Gore, werden nicht ernannt werden, bevor nicht Ruhe und Ordnung in Palästina vollständig wiederhergestellt sind. Die Palästina-Regierung soll einer Reorganisation unterzogen werden, durch die eine Stärkung der Verwaltung und des Gerichtsverfahrens herbeigeführt werden soll. Weiter gab der Kolonienminister bekannt, daß der bisherige Genei alinspektor der Polizei in Nigeria, S a u n d e r s, zum Nachfolger des jetzigen General- Inspektors der Polizei und der Gefängnisse Palästinas, Roy G. Spicer, ernannt worden ist. Außerdem begibt sich der frühere leitende Beamte der Polizei in Indien, Sir Charles Tregart, nach Palästina, um die Paläst'na-Regierung bei der Reorganisation der Polizei mit seinem Rat zu unterstützen. Wie weiter aus London gemeldet wird, will sich auch das britische Kabinett mit der durch die Unruhen in Palästina geschaffenen Lage befassen. In der Presse wird zum großten Teil eine schnelle Lösung des Problems gefordert, wobei zumeist das Teilungsschema weiter günstig behandelt wird, während von einzelnen Stimmen die Forderung nach Umwandlung Palästinas in eine Kronkolonie befürwortet wird. -Daily Herald“ bemerkt u. a. folgendes: ״Für den Augenblick sind wir, in Anbetracht der herrschenden Verhältnisse, nicht geneigt zu sagen, daß Palästina ohne beson* dere Unterdrückungsvollmachten regiert werden könne. Eis ist zunächst notwendig, dem arabischen Feldzu g physischer Gewalttaten gegen die Juden ein Ende zu setzen. Von keiner Regierung kann man erwarten, daß sie müßig״ bleibe, während unschuldige Leute durch die politischen Fanatiker in brutaler Weise niedereschossen werden. Wenn man dies zugibt, so muß indessen inzugefiigt werden, dal! Unterdrückung als dauernde Politik nicht mehr Aussicht auf Erfolg hat, als das in Irland und dann in Indien der Fall war. Die Gefahr einer Lage, wie sie jetzt in Palästina besteht, ist die aus ihr entstehende Versuchung, die Unterdrückung zu verstärken, die Strafen zu vermehren und die Agitation in der Hoffnung abzuschniiren, daß jeder Wider• stand zu Boden geworfen werden könne. Das aber würde ein schrecklicher Irrtum sein. Schließlich wird Palästina nur durch rößere, aber nicht durch geringere Freiheit gerettet werden önnen.“ Italienische Pressestimmen Die letzten Ereignisse in Palästina haben auch in der italienischen Presse ein Echo gefunden. So wendet sich ״Popolo d’Itaiia“ scharf gegen die von den britischen Behörden in Palästina getroffenen Vergcltungsmaß• nahmen. Die Zeitung erklärt, daß die Sprengung von Wohn• hätsern in der ganzen zivilisierten Welt höchste Empörung wecken müsse. Seit Jahrtausenden gelte das Gesetz, daß Unschuldige nicht wegen der Taten einzelner leiden sollen. Eng• land aber wende das Prinzip der Kollektivverantwortung an, weil seine Regierung in Palästina die Schuldtragen• den nicht ausfindig machen könne oder wolle. Die ״T r i buna‘• schreibt, die englischen Maßnahmen in Ludd seien eine ״typische englische Kolonialmethode“. Die Engländer gingen in Palästina wie in Waziristan vor. Der Unterschied sei jedoch, daß Palästina ein Mandatsgebiet und kein Kronland sei. Aus Addis Abeba melden die italienischen Zcitungen, daß der Kadi und das dortige Haupt der arabischen Gemeinden dem Völkerbund eine Protestnote gesandt haben, worin es heißt, ״die Mohammedaner und die arabischen Gemeinden ganz Abessiniens bringen ihr schärfstes Mißfallen über die von •der britischen Regierung in Palästina verfolgte Politik zum Ausdruck und sie vereinen sich aus ganzem Herzen mit ihren Brüdern in Palästina, um in der entschiedensten Weise jedes Projekt zu bekämpfen, das auf die Zerstückelung Palästinas gerichtet ist.'1 Diese Protestnote wurde auch an den britischen Regierungschef, an den Mufti vo׳n Jerusalem und an die arabischen Zeitungen in Kairo und Alexandrien gesandt. Was wird mit dem Mufti? Ueber das Schicksal des geflüchteten Mufti liegen aus verschiedenen Quellen widersprechende Nachrichten vor. Aus Damaskus wird berichtet, daß noch keine Entscheidt!ng darüber getroffen worden ist, oh aut einen Antrag der britischen Mandatsvcrwaltung von den französischen Behörden seine Auslieferung erfolgen wird. Press Association meidet hierzu, daß die britische •Regierung bei der französisehen bereits das Ersuchen gestellt habe, dem Mufti nicht zu gestatten, nach Aegypten «u reisen. Nach einer Meldüng des ״Daily Herald“ ist ein* Antrag auf Auslieferung unwahrscheinlich, dagegen werde aie Palästina-Regierung die Regierungen vom Libanon und Syrien ersuchen, dem Mirrti keine Aufenthaltsbewiiligung zu erteilen. Nach einer Meldung des ״Daily Expreß“ haben die syrischen Behörden ihm diese Aufenthaltsgenehmigung für Damaskus bereits verweigert, und der Mufti habe sich daher von Damaskus aus in den Hafen Ortarabula begeben mit der Absicht, von dort nach Ankara weiter zu reisen, um den türkisehen Staatspräsidenten K e in a I A t a t ii r k für die nationaleti Forderungen der palästinensischen Araber zu intercssieren. Nach der gleichen Quelle soll der Mufti planen, weiter nach Bagdad zu reisen, uni die Regierung des Irak zu veranlassen, sich an die Spitze einer gemeinsamen Aktion der arabischen Staaten zu steilen. In diesem Zusammenhänge wurde auch die Nachricht verbreitet, daß der Mufti eine Reise nach Rom plane. Diese Nachricht wird in Rom entschieden dementiert. Im Gegensatz zu diesen Meldungen soll der Mufti in Beirut Korrespondenten ausländischer Zeitungen u. a. folgendes erklärt haben: ״Ich hoffe, man wird mir hier den Aufenthalt gestatten. Meine Absicht ist es, jede politische Tätigkeit aufzugeben. Ich werde das Dasein eines vereinsamten Menschen führen. In Europa!eben zu müssen, wäre mir schmerzlich.“ In einem weiteren Interview, das der Mufti vor seiner Flucht aus Jerusalem noch in der Omar- Moschee einem Mitarbeiter des ״Pa ris S o i r“ gegeben hatte, erklärte er u. a.: Das arabische Volk werde niemals die von England geplante Aufteilung Palästinas zulassen, die den Ver- Just der reichsten Landstriche Arabiens bedeuten würde. Die Araber seien seit 1300 Jahren die einzigen Herren Palästinas und wollten es auch bleiben; keine Vergleichslösung werde sie zufricdenstellen. Nur die völlige Unabhängigkeit komme in Frage, die es den Arabern ermöglichen würde, dem Eindringen der Zionisten ein Ende zu bereiten. Auf die Frage des französischen Berichterstatters antwortete der Mufti: m Die Versprechen, die England den Juden gemacht habe, gingen die Araber nichts an. England habe den Juden nicht etwas versprechen können, was ihm gar nicht gehöre: nämlieh das arabische Palästina. Mögen sich die Engländer vorsehen! Ihre Politik in Palästina sei im Begriff, ihnen die Sympathien nicht nur der Araber Palästinas, sondern aller Länder arabischer Rasse und der gesamten muselmanischen Welt zu entfremden. Auf der vor kurzem abgehaltenen Kon• ferenz von Bloudan seien alle arabischen Länder, Aegypten, Irak, Syrien und Arabien vertreten gewesen und hätten ihren völligen Zusammenhalt mit der Sache der Araber in Palästina betont und ihnen Unterstützung versprochen. — Dem gleichen Blatt wird jetzt aus Beirut gemeldet, daß der Mufti eine Unterredung mit dem französischen Oberkommissar von Syrien De Märtel gehabt habe. Frankreichs Verlegenheit Jedenfalls sind die französischen Behörden in Syrien durch die Flucht des Mufti in dieses Gebiet in eine gewisse Verlegenheit geraten. Ohne Zweifel besteht die Gefahr, die auch in England selbst als ernst beurteilt wird, daß unter Leitung des Mufti ein Zentrum der panarabischen Bewegung in Syrien entstehen wird, das zur Ausbreitung der Unruhen im Nahen Osten und in Nordafrika führen könnte. Die französischen Kolonialhchördett verfolgen die Nachrichten aus Syrien mit großer Aufmerksamkeit, zumal es in Damaskus anläßlich einer Sympathiekundgebung für die Araber Palästinas bereits Atissch Teilungen gegeben hat. Der Mufti des Libanon und der oberste muselmanische Riehter haben inzwischen den französischen Oberkornmissar in Beirut aufgesucht und um volle Bewegungsfreiheit für den Mufti gebeten. Sie wiesen den Obeikommissar darauf hin, daß die Möglichkeit von Maßnahmen der arabischen Länder in dem Fall bestehe, daß die liandlungsfreiheit des Mufti seitens der französischen Behörden weiterhin beschränkt bleibe. Auch die französischen Zeit ungen erörtern diesen Fragenkreis: so weist ״Le Journ a I“ darauf hin, daß Frankreich einem Ausliefertingsbegehren Englands nachkommen müsse.*Es sei jedenfalls ratsam, aus dem Mufti keinen Heros zu machen. Das Blatt beurteilt die Aussichten in Palästina pessimistisch und fürchtet, daß j dieses Land ein ״zweites Irland“ werden könne, zumal dort ähnliche Terrormethoden wie in Irland angewandt werden. Dagegen meint der ״Temps“, daß die letzten Maßnahmen in Palästina auf die jüdischen und auf die friedfertigen arabischen Kreise einen guten Eindruck gemacht haben, und daß die Flucht des Mufti die Befriedungsaktion der Regierung erleichtern werde. * Ueber den Verlauf der Flucht des Mufti werden aus Kairo folgende Einzelheiten gemeldet: Nach dem Freitagsgebet in der Omar-Moschee, an dem er nicht, wie es seit Jahren zu seinen Obliegenheiten gehört, als erster Vorbefer teilnahin, verließ er, von einer dichten Menge seiner Getreuen um ״eben und als Fellache verkleidet, die Grenze des heiligen Bezirks. Er entging so den englischen Polizisten, die außerhalb des Bezirks alle Ausgänge bewachtem Er wurde im Krafivvagen zur Küste und von Fischern in einem Segelboot zum Kap Ras-el-Nakura, knapp hinter der Grenze des Libanonstaates, gebracht. Auf libanesischem Gebiete begab er sich eine Strecke zu Fuß landeinwärts und wurde dort an einem auf ihn wartenden Krafhvagen von einem libanesischen Zollbeamten einer Leibesvisitation unterzogen, wobei ihm ein Revolver abgenommen wurde. Vom Sonnabend bis zum Sonntag hielt er sich in Beirut aut und wurde am anderen Tage von einem Kraftwagen abgehoit. *Weitere Nachrichten Seite 9) iFclixJVarburg Felix Warburg ist Mittwoch in New York im Alter von 67 Jahren einem Herzanfall erlegen. Wieder hat der Tod eine jüdische Fiihrergestalt aus aktivem Leben weggeholt. Wer Felix Warburg bei der letzter! Tagung der Jewish Agency in Zürich vor zwei Monaten gesehen hat, konnte erkennen, daß er ein Felix M. Warburg Archiv־ schwerkranker, vom Tode gezeichneter Mann war. Trotzdem nahm er noch an den anstrengenden Sitzungen vollen Anteil, trotzdem war er auch nach seiner Rückkehr nach Amerika noch tätig, und die Nachricht von seinem Tode trifft uns unerwartet. Mit ihm ist ein Mann dahingegangen, der in den letzten Jahren, seit dem Tode Louis Marshalls, fast unbestritten als Führer des amerikanischen Judentums galt. Warburg hatte diese Stellung weniger einer faszinierenden, von starker Willenskraft und rhetorischem Schwung erfüllten Persönlichkeit — wie dies bei Marshall der Fall war — zu danken, sondern vor allem seinem lautern Charakter, seinem verbindlichen Wesen, der Popularität seiner philanthropischen Tradition und der überzeugenden Wirkung, die sein vielseitiges Interesse an allen jüdischen Angelegenheiten und seine hilfsbereite Art in allen erweckte, die mit ihm zu tun hatten. Warburg gehörte der Führerschicht des amerikanischen Judentums schon dadurch an, daß er durch seine Heirat mit Frieda Schiff der Schwiegersohn des großen Philanthropen und Juden Jacob H. Schiff wurde, eines Mannes, der zu seiner Zeit die prominenteste Figur der amerikanischen Juden heit war und darüber hinaus an allen Dingen, die das jüdische Volk betrafen, lebhafter! Anteil nahm. Uefet&Uck Der Ausnahmezustand über ] e rusalem isi am Dienstag wieder aufgehoben worden. Die arabischen Fürsten von Irak, Saudi-Arabien und Trans]ordanien haben bei der Palästina-Regierung auf Rückkehr der verbannten palästinensisch-arabischen Führer plädiert. Der österreichische Bundeskanzler Dr. Schuschnigg hat in einem Interview erklärt, daß die österreichischen Juden keiner Diskriminierung unterliegen. Am 19. Oktober fand ein vierständiger Proteststreik der polnischen Juden gegen die Einführung des Hochschulghettos statt. Der Kongreß der polnischen A er z t e in Posen faßte den Beschluß auf Einführung des Arierparagraphen, Nathan Straus wurde zum amerikanischen Wohnungs• bau-Kommissar ernannt. Gegenüber umlaufenden Gerüchten wird von nichtzionisti• scher Seite in USA. mitgeteilt, daß eine Palästina> Sonderaktion außerhalb des United Palestine Aft• peal nicht geplant ist. In London wurde auf einem Dinner, unter \'orsilz von Lord Melchetl, bei dem Dr. Weizmann und Simon Marks sprachen, eine £ 100 OOO-Kampagne für Paiä■ slina (״Mifal Bizznron") eröffnet. t