Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 80 (8.10.1937)
- Date
- 1937-10-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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11.10.1937 Vr. 86 / Jahrgang 42 Preis 25 Rpf, Jüdische Rundschau Rad1kil0B,V«rIa)[ and AnralganverwaHang ן Berlin W15, Mitnekeitr. 10 Bnmraft 919051, Telegramm -Adr•*«•* Orghip. — Bezugspreis «in«ch!ie&lieh Bestellgeld je Monat RM 2,—% je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RW 1,88 b*w. RM 5,39. — Posticheck - Konten der Vertrieb» - Abteilung- Berlin?1573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (für de» übrig« Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa »<hon gezahlter Berugsgebühren. — Ericheint jeden Dienstag and Freitag• BERLIN ג׳ סרהשון תרצ״רו FREITAG, 8. OKTOBER 1937 Cttltfgt Aazelgeaprelsliste Nr. 5. Die 12 gespaltene mm Zeile 20 Rpf., für Familien - Nechridhteo 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätten wird keine Gewähr geleistet Gelegenheit** anzeigen nur gagen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. AnnahmeschluS für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhrfür die Freitag - Ausgabe Mittwoch!3 Uhr. (Für Familien •Anzeigo am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Leben über den Tag hinaus Wohin führt unsere nationale Renaissance? - Hebräischer Humanismus ״Ghetto-Bänke“ in den Warschauer Hochschulen Warschau, 7. Oktober. (JTA.) Auf Grund einer vom Unterrichtsminister erteilten Ermächtigung haben die Rektoren der Warschauer Hochschulen die Zuweisung besonderer Sitze in den Hörsälen und Laboratorien für jüdische Studenten angeordnet. Bestimmte Bänke wurden für die Mitglieder des polnischen Studentenverbandes ״Bratnia Pomoc“ reserviert, andere Bänke für die polnischen Studenten, die dieser Vereinigung nicht angehören, und schließlich Bänke auf der linken Seite der Horsäle für jüdische Studenten. Auf den Legitimationskarten wird die dem betreffenden Studenten zugewiesene Platznummer durch einen Stempel eingetragen. Der neue Stempel wird in jüdischen Studentenkreiscn als ״gelber Fleck“ bezeichnet. Bei Nichtbefoigung der neuen Anordnungen werden Disziplinarstrafen angedroht. Die jüdischen Studenten haben ein Komitee zur Verteidigung ihrer Rechte gebildet. Sie haben eine Erklärung veröffentlicht, in der die Verordnung über die Einführung von ״Ghettobänken“ als eine Maßnahme gekennzeichnet wird, die im Widerspruch zur Verfassung und den elementaren Grundsätzen des akademischen Lehens steht. Die jüdischen Studenten würden sich daher der neuen Regeiung nicht fügen und den Kampf um ihre Rechte tortset/en. Di« Maßnahme der Hochschulbehörden bedeute einen Sieg der antisemitischen Studentenschaft, deren Forderung nach Einführung von Ghettohänkcn zwei Jahre lang von den jüdischen Studenten , bekämpft worden ist. Die jüdischen Studenten hätten einen heroischen Kampf geführt und sich schwersten Verfolgungen ausgesetzt, trotzdem aber der Einführung eines Ghettos in den polnischen Hochschulen ,niemals zugestimmt. Viele jüdische Studenten seien dabei angegriffen und verwundet worden. Sie hätten es aber vorgezogen, den Vorlesungen stehend beizuwohnen, als sich ein Sitzghetto aufz.wingen zu lassen. Gegen die (iheftobänke haben die jüdischen Studenten dadurch demonstriert, daß sie zwar die ihnen /!!gewiesenen Saalhälften einnahinen, den Vorlesungen aber stehend folgten. Die nicht antisemitische polnische Studentenschaft hat erklärt, sie werde ihre Sympathie für die ״erniedrigten und beleidigten“ jüdischen Kommilitonen dadurch bekunden, daß sie die ihnen!־.!!gewiesenen Bänke mit ihnen teilt. Die jüdisehen Mitglieder des polnischen Sejm und Senats haben mit Vertretern des jüdischen StudentenkoiniteCs die Lage besprochen. Von der judcnfeindlichen Presse wird die Einführung des Hochschulghettos lebhaft begrüßt. Das Organ der Nationalradikalen Partei (Nara), die Tageszeitung ״ABC“, veröffentlicht einen Artikel unter der Ueberschrift ״Auf dem Wege zur Einführung des Judenghettos auf den Hochschulen“. Mit Befriedigung stellt das Blatt fest, daß das seit Jahren von der antisemitischen Studentenschaft angestrebte Ziel nunmehr erreicht worden sei. Doch bedeutet dies nur die erste Etappe in dem Kampf um die Beseitigung der Juden von den Hochschulen. Dieser Kampf werde fortgeführt werden, bis alle Juden aus den Hochschulen verdrängt sind. * Unser Warschauer Berichterstatter schreibt uns im An- Schluß an diese Vorgänge: Es ist vorauszusehen, daß die polnische Hoclischüler- Schaft zu neuer antijüdischcr Propaganda schreiten wird, obwohl die Zahl der jüdischen Studenten, die schon seit einigen Jahren stetig fällt, in diesem Jahre sich bedeutend verkleinert hat, Die jüdische Jugend hat bereits eingesehen, daß die akademische Laufbahn für sie trotz größter Anstrengung, trotz bedeutender intellektueller Fähigkeiten, aussichtslos ist. Die akademischen Berufe werden durch verschiedene Gesetze und Maßnahmen für die Juden immer mehr abgeschlossen. Die Juden haben also selbst gezwungenerweise ihre Ansprüche an den Hochschulen vermindert. Ungeachtet der kleinen Zahl der jüdischen Kandidaten haben die Hoehschulbehörden den Numerus clausus mit großter Strenge durchgeführt. An denjenigen Fakultäten und Fächern, die nur irgendeine praktische Bedeutung haben, ist die Zahl der aufgenommenen jüdischen Studenten weit hinter der den Juden gebührenden Prozentnorm (12) geblieben. So z.B. sind in Krakau an der medizinischen Fakultät auf 125 neue Studenten nur 8 Juden, an der pharmakologischen Fakultät im ganzen 3 Juden angenommen worden. In Warschau beträgt an der juridischen Fakultät, die immer von Juden sehr stark besucht yar, die Zahl der Juden nur kaum 3 "0. Am Polytechnikum ווו Warschau ist das Verhältnis folgendes: an der elektrischen Fakultat auf 97 neuinskribierte Studenten 4 Juden, an der Abteilung für Mechanik auf ,177.4 Juden, an der Abteilung für Architektur auf f>8 Studenten 1 Jude; an der chemischen Fakultat 6 ״/o. Die Hochschule für Landwirtschaft in Warschau hat auf 234 Studenten nur 4 Juden zugelassen. Wie aus amtlichen Kreisen Sn London mitgeteilt wird, ist die Entsendung der zweiten englischen Untersuch11ngskomml$si«n nach Palästina gesichert, wenn auch der Zeitpunkt der Abreise noch nicht feststellt. Man Ist davon Überzeugt, daß die Lage in Palästina keineswegs so ernst ist, daß sie ein Hindernis für die Arbeit der Kommission bilden könnte. Es sind daher auch durch die palästinensischen Behörden bereits vorbereitende Untersuchungen für die Arbeit der Kommission in Angriff genommen worden. Insbesondere gelten diese Untersuchungen den Bewässesungsmöglichkeiten Im Lande. Erst nach ihrem Abschluß wird es möglich sein, den Zeitpunkt der Abreise der Kommission festzusetzen. Das jüdische Volk sucht einen Ort, a n d e m es sein Leben konzentriert, ln einer Zeit, in der für Gruppen unseres Volkes Länder verschlossen sind oder sich verschließen, in der einzelne Juden und jüdische Gemeinschaften dort nicht bleiben und sich niederlassen können, wo anderen Menschen der Zutritt erlaubt ist, sucht das Volk einen Punkt auf der weiten Welt, wo es ganz zu Hause ist und ungestört verweilen kann. Es ist ein physischer Ort, ein Punkt der Geographie, dem sicli die Sehnsucht des Volkes zuwendet, aber es ist nicht weniger auch ein Standort geistiger Art, der wirklich unser eigen ist, wo sich das Wesen des jüdischen Volkes frei und ungehemmt entfalten kann. Das Symbol der Juden Dieser Standort soll den Formen unseres Lebens und seinen Inhalten in gleicher Weise gerecht werden. Wir wissen, wie bedeutsam es ist, daß eine Gemeinschaft von Menschen sich der Formen ihres Lebens bedient, die wirklieh ihrer Art entsprechen, lieber das Symbol unserer Formen, die Juden fahne, hat Theodor Herzl, der die nationale Kraft des Volkes konzentrierte, unvergängliche Worte gesagt, und seitdem, wenn nicht schon eher, wissen wir, daß das Volk in seiner inneren und äußeren Haltung der Idee vom neuen Juden entsprechen muß, die durch das von ihm selbst gewählte Symbol der b I a 1! - w e i ß e n Fahne gekennzeichnet wird, nicht diesem oder jenem Judenfleck oder einer Judenfarbe, die den Juden in der Vergangenheit zuweilen ais Erkennungszeichen angeheftet wurden. Natürliche Lebensgrundlagen So findet sieh das jüdische Volk auf der Suche nach dem Ort seiner physischen und geistigen Existenz in der eigenen Nation zusammen, ln ihr, im wirklichen, lebendigen Volke finden wir die Anlagen, die zu unseren uns eigenen Formen und Lebensinhalten führen. Im Volke sind die Mächte des Lebens vereinigt, wenn auch nur ganz entfaltet und zu vollem Ausdruck gelangt, wenn das Volk bereits auf dem eigenen, seiner Geschichte und seinem Wesen entsprechenden Boden lebt. Hier finden wir ebenso sehr die Kräfte der Nützlichkeit, das Klar-Verstandesmäßige wie das Dum p f-T rieb hafte des Menschen; all das ergi bt ja erst in seinem Zusammenklang das ganze Leben. In beiden Elementen erblicken wir die natürliche Ordnung unseres Daseins, und beides muß daher in einem erneuerten Volke zu vollem und ungeschmälertem Ausdruck kommen. Dabei leitet uns die Erkenntnis, daß alles Menschenverk nur dann sinnvoll ist, wenn es auf den natürlichen Grundlagen unserer Existenz beruht. Auch die kompikiertesten und höchsten Kulturgüter machen hiervon keine Ausnahme, nicht zuletzt die Erzeugnisse der Ku!1 st, die als höchster Ausdruck menschlichen Geistes angesproehen werden, und zu denen wir uns trotz der Verarmung auf materiellem Gebiete aus innerstem Bedürfnis bekennen! Wenn wir also von der nationalen Bewegung des jüdischen Volkes sagen, daß sie eine Rückkehr zur Matur, zum natürlichen Leben auf dem Boden Palästinas ist, so müssen wir verstehen, daß der Sinn dieser Rückkehr darin beruht, die Werke unseres Geistes wieder in den natürlichen, unserer Art angepaßten Grundlagen des Lebens zu verankern. Es tut not, gerade in einer Zeit der schwersten äußeren Krise des jüdischen Volkslebens, wie wir sie heute erleben, den Sinn der Rückkehr zum natürlichen Dasein tiefer zu fühlen, als es oft geschieht, und zu erkennen, daß es sich dabei nicht nur um eine — wenn auch noch so wichtige — Maßnahme der Zweckmäßigkeit für eine große Zahl von Menschen kandelt. In ihr liegt vielmehr der ganze Reichtum des natür- Nach den in London vorliegenden offiziellen Berichten steht es außer Zweifel, daß die Palästina-Regierung d i e Situation durchaus beherrscht. Die Morde und Terrorakte der letzten Zeit werden als sporadische Ein zeit alle aufgefaßt, die keineswegs Anzeichen eines organisierten Widerstandes sind. Nach •der Verhaftung und Deportierung■ der Hauptschuldigen sei mit der Möglichkeit eines Ausgleichs in Palästina z.u rechnen, da die arabischen Massen keineswegs den unnachgiebigen Standpunkt der beseitigten Führer teilen. Für die weiteren Pläne der Regierung im Zusammenhang mit der Entsendung der Kommission bestehen daher nach dem Urteil der berufenen Stellen keine durch die Sicherheit?Verhältnisse in Palästina bedingten wesentlichen Schwierigkeiten, (S. auch Seite 9.) lich-menschlichen Lebens verborgen, der sich im Dasein des Volkes offenbart. Geordneter Rückzug! Der Weg, der das jüdische Volk und seine ein* zelnen Glieder dorthin führt und den man oft als einen Rückzug aus dem Leben bezeichnet hat, das die Juden in den vergangenen Generationen führten, ist ein sinnvoller Weg. Wir haben an dieser Stelle oft genug gefordert, daß ein solcher Rückzug in innere r u n d ä u ß e* rer Ordnung gescheiten muß. Das ist nicht allein um der Betroffenen, sondern noch mehr um des Zieles willen notwendig, zu dem hin dieser Weg angetreten wird. Wir dürfen bei uns keine Panik dulden und nicht die Haltung jener, die sich an dem Unglück ihres Nächsten bereichen! möchten. Wir dürfen insbesondere nicht eine St i in m 11 ng de s Miß t ra uens an wachsen lassen, bei der der Ein/clne unter uns dem jüdischen Nachbarn nicht traut — jenem, der in der gleichen Lage wie er uni sein Leben ringt und dennoch als ein gefährlicher Konkurrent erscheinen mag. Nach außen bejahen wir die Distanzierung der Juden zur Umwelt und sind bereit — wie wir cs stets gefordert haben, auch damals, als die nichtjüdische Welt zumeist noch anderer Meinung war —, an der Absteckung der Grenzen mitzuwirken. Wir sind uns aber dessen bewußt, daß eine solche Distanzierung für beide Teile nur dann erfolgreich durchgeführt werden kann, wenn sie auf Achtung beruht. Die Wahrung unserer Ehre, die Ablehnung der Diffamierung des jüdisehen Wesens ist die Ergänzung zum Gedanken der Distanzierung, die von ihm nicht fortgedacht werden kann. Das jüdische Volk seinerseits, dessen Beziehungen zu vielen Völkern Europas und der Welt in den Jahrhunderten seines Ganges durch die Geschichte auf eine harte Probe gestellt worden sind, setzt dagegen die Tatsache ein, daß es von Ressentiment frei ist. Die jüdischen Geschlechter des Mittel* alters, die schwerste Verfolgungen zu erleiden hatten, kannten in ihrem Herzen nicht den Oedanken der Vergeltung und Rache, ebenso wenig wie jene 1 lumicrttrmsende, die in den Ländern des Ostens nach dem Weltkriege von der Pogromwelle getröden wurden. Das jüdische Volk hat ja nicht aufgehört, seine Liebe zu Europa zu beweisen und um die Gunst der Volker zu werben, oft genug bis zur Selbstentäußerung seines Wesens! Es ist die Forderung unserer Zeit an die heute lebenden Juden, auch ihre Herzen von Geiuhlen des Ressentiments freizull alten. Wenn eine Wiedergutmachung der historisehen Schläge, die das jüdische Volk erlitten hat, niügbeh ist, dann nur durch eine konstruktive L eist 1111 g, au der die Völker der Veit beratend und stützend tdlhaben. Man hat die Balfotir-Dcklaration und das Pakislinaniandat in diesem Sinne als eine Wiedergutmachung <|Cs historischen I Utrechts bczeichnet, das an dem jüdischen Volk in Jahrhunderten begangen wurde, und auch heute mag dieser Gedanke manchem Staatsmanu ähnlich wie einst Mannen! wie Balfour und Lloyd George vorschweben, der sich für die Wiericrciinviii/eltm.g der Juden im Lande ihrer großen Vergangenheit einset/t. Darum, weil wir frei von Ressentiment bleibe», sind wir auch gegen die negative ח W ertbegriffe i 111 tu u n, die ein Teil der Welt auf uns anwcmlet, und wir geraten nicht in die Gefahr des gescholtenen Kindes, das unter der Wucht der Anklagen, die man ihm entgegen hält, allmählich wirklich selbst schlecht wird, auch wenn es anfangs zum Guten tendierte. Hebräisch«« Humanismus Der Ort, an dem sich das jüdische Volk sammelt, muß allerdings ein Zentrum des Geistes sein. Unser Volkstum muß innere Kraft besitzen, •wenn es die zerstreuten Glieder des Volkes auf die Dauer anziehen und wenn es auch demjenigen Teil des jüdischen Volkes, der für alle Zeit außerhalb der Grenzen des jüdischen Landes leben wird, die zentrale Sonne seines Herzens werden soll. Der Nationalismus des jüdischen Volkes bedarf einer geistigen Fundierung, die ebenso sehr den intellektuellen Kräften der Judenheit wie ihrem seelischen Vermögen entspricht. Es ist gelegentlich ausgesprochen worden mul scheint gerade in der gegenwärtigen Lage, in der die Repression der Juden zum jüdischen Zentrum hin außerordentlich stark geworden ist, erneut notig lienor/uheben, daß dieser Nationalismus allein auf dem Boden eines hebrä* i sc heil Humanismus erwuchsen kann, der wie jeder Humanismus eine Ausprägung menschlicher Werte bedeutet. Dieser stellt eine Beziehung zu den ״klassischen“, d. h. repräsentativsten Kulturgütern des Judentums her, die in sich die potentielle Fähigkeit enthalten, unserer Zeit zu entsprechen. Es sind Werte, die jüdischer Eigenart angemessen sind und zugleich unseren berechtigten Anspruch an Weltweite erfüllen. Ein solcher Humanismus Neue Palästina - Kommission gesichert