Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 78 (1.10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 78 / Jahrgang 42 Freia 29 Rpl* JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion,Veil«; and An.olg«nvorw«ltnnj1׳ Berlin W15, Moinolc.tr, 10 Fararafi 9190S1, Talogr«mm»Adro»■•* Orghtp. — Ben1K»prei> eimehlitßlich Bertdlgeld ja Momt RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, he! Abholung RM 1,88 brw. RM 5,39, — PosUchedc - Konten der Vertriebe - Abteilung Berlin 71573 (für Gr08 - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt besteht kein Aptpruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gcrahlier Besugsgebühren. — Erscheint Jeden Dienstag and Freitag. BERLIN כ״ו תשרי תרצ״ח FREITAG, 1. OKTOBER 1937 Gttltlft Anxelgtnpreliüate Nr. 5, Die 12 gespaltene mm - Zelle 20 Rpf, für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr jeleisteti Gelegenheit•- anzeigen nur gegen Vorauszahlungauf Postscheck - Kouto Berlin 71618 oder bar Montag bi» Freitag 9—18 Uhr. Amahmeschluß für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag •Ausgabe Mittwoeb 13 Uhr. (Für Familien *Anzeigen am Tajj \or Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) ludenfrage und Pnlfistinnproblem x Abschluß der Palästina-Debatte in der Genfer politischen Kommission Die VI, ^politische) Kommission des Völkerbundes hat am 23. September die allgemeine Aussprache über das Palästiiiamandat beendet. Sepah Bodi (Iran) drängte darauf, daß die Lösung von nationalen und volkswirtschaftlichen Problemen, die in der Debatte aufgeworfen wurden und deren Gesamtheit das jüdische Problem ausmacht, unabhängig von der Lage in Palästina zur Diskussion gestellt werden sollte. Palästina, so führte er aus, sei ein arabisches Land und die Araber betrachteten Einwanderer als Ausländer, was nur eine natürliche Einstellung sei. Er setzte sich dafür ein, daß Anstrengungen gemacht werden sollten, um ein harironisches Verständnis zwischen den beiden Völkern zustande zu bringen, und gab der Hoffnung auf eine Lösung Ausdruck, die die Rechte der Araber in ihrem eigenen Land respektiert und gleichzeitig den anderen legitimen Interessen Genüge tut. Er meinte, daß sonst die Sicherheit Palästinas und der Friede in den Nachbarstaaten bedroht seien. Der tschechoslowakische Vertreter verlas im Namen der drei zu der Kleinen Entente gehörenden Staaten eine Erklärung. Er führte aus, daß diese Staaten die Ent- Wicklung des Jüdischen Nation alheims mit größtem Interesse verfolgten. Die jüdische Entwicklung in Palästina sei, vom internationalen und insbesondere europäischen Gesichtspunkt aus, von größter Wichtigkeit und ihre Notwendigkeit gerade jetzt mehr denn je augenscheinlich. Die drei Staaten wären der mit diesem Problem zusammenhängenden Schwierigkeiten vollkommen gewärtig, die dadurch hervorgerufen seien, daß das Mandat die historische Verbundenheit der Juden mit Palästina und die Wieder- Herstellung des Jüdischen Natio-nalhcimcs anerkennen und gleichzeitig die Befürchtungen der Araber berücksichtigen müsse. Sie hofften jedoch, daß Frieden auf einer soliden' und dauerhaften Basis herbeigeführt werden könne. Mit Hinblick aut die Bedeutung der Einwanderung bemerkte der Redner, daß die Kleine Entente eine Lösung erhoffe, die.eine große jüdische Einwanderung nach Palästina sicherstellt. Zum Schluß pries er das kluge Vorgehen des Völkerhundrates, der unter Vorbehalt seiner definitiven Stellungnahme der Britischen Regierung Vollmacht zur Weiterverfolgung der Lösungsvorschläge erteilt hat. Die Kleine Entente hoffe, daß es der Maiidafarmacht gelingen werde, eine Lösung aut der Grundlage der Balfour- Deklaration zu finden. Tewfik Sweidi (Irak) erklärte, daß er mit den Vertretern der europäischen Staaten nicht übereihstimmen könne. Wenn diese Staaten unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten litten, weshalb sollten die Juden au sw andern und weshalb müssen die arabischen Lander sie aufnehmen? Weshalb sollte die Schuld an die Juden für ihren Beitrag zur Zivilisation nicht mit einer europäischen Provinz bezahlt werden anstatt mit eitlem asiatischen Land? Es werde versucht, osteuropäische Juden in Palästina abzuladen. Der Redner forderte die Anwesenden auf, sich eine Lage vorzustellen, in der alle ethnischen Gruppen in ihre ehemalige Heimat zunickgebraeht würden. Er berief sich auf die Gleichberechtigung, der sich die irakischen Juden erfreuten, und erklärte, daß die einzig mögliche Lösung in Palästina darin liege, den Versuch der Umwandlung der Mehrheit in eine Minderheit aufzugeben, den Arabern die U n a h hängigkeit zuzusichern und alle Bewohner des Landes gleichzustellen, Der Delegierte Südafrikas verlieh seinem Verständnis für die Schwierigkeiten, denen die Britische Regierung bei einer Lösung des Palästinaproblems gegenüberstehe, Ausdruck. Lord Cranborne, der Vertreter der Britischen Regierung, sagte, daß die Mannigfaltigkeit der Ansichten, die im Laufe der Debatte zum Ausdruck gekommen seien, die Kompliziertheit des Problems erst recht gezeigt habe. Er versicherte, daß sämtliche von den Vertretern der verschiedenen Staaten geäußerten Meinungen von der Britischen Regierung voll berücksichtigt werden würden. Gewisse Bemerkungen, so diejenigen des norwegischen Vertreters, müßten von der Uiitcrsuchungskommission, die demnächst nach Palästina gehe, behandelt werden. Er habe keinen Wunsch, sich in eine historische Diskussion einzulassen, da die Geschichte der Angelegenheit sowohl als auch die Ansichten seiner Regierung allgemein bekannt seien. Es empfehle sich jedoch festzustellen, wie sich die Situation nach dem Beschluß des Völkerbundrates, der nach der Erklärung des Außenministers Eden getroffen wurde, darstelit. Er erwähnte das Weißbuch der Britischen Regierung und erklärte, daß Teilung die beste und aussichtsreichste Lösung sei. Die Britische Regierung sei dieser Meinung, sei jedoch nicht an irgendwelche bestimmte Einzelh,* i t en e in e s bestimmten Projektes gebunden. Er er'afnerte an den Beschluß des Völkerbundrates, daß das Mandat fortbestehen bleiben müsse, solange nicht anderweitig verfügt werde. Die Britische Regierung erwarte nicht vom Rat, daß er im gegenwärtigen Stadium Entscheidungen treffe, und bitte nur um Ermächtigung, eine Lösung zu erwägen, wobei der Vorschlag einer Teilung des Landes insbesondere berücksichtigt werden soll. Die Regierung heabsichtige, ihre Untersuchungen so bald als möglich durchzuführen und deu fertigen Plan dem Völkerbundrat zu unterbreiten, Lord Cranborne setzte hinzu, daß es n#ch Ansicht der Regierung keine andere mögliche Lösung gäbe als durch Teilung; sie sei überzeugt, daß nur auf diese Weise ihre Verpflichtungen beiden Völkern gegenüber erfüllt werden könnten. Was die Form der Teilung anbelangt, so habe sie keine definitive Meinung hierüber und erwarte erst Üen Bericht der neuen Untersu chungskommiss io n. Zum Schluß sagte Lord Cranborne, daß ihm die verschiedenen Ansichten über die zukünftige Politik bekannt seien; seine Antwort auf gewisse im Laufe der Debatte vorgefragene Argumente müsse er sich Vorbehalten, er werde sie jedoch zur Kenntnis der Mandatarmacht bringen. Paul-Bonccur (Frankreich) erklärte, daß es Aufgäbe des Völkerbundes sein werde, eine Lösung für das jüdische Problem zu finden, das nicht von einer Nation gelöst werden könne; gegenwärtig aber stehe Palästina zur Diskussion. Palästina sei ein kleines Land, das nicht das jüdische Problem allein lösen könne; das Umgekehrte zu glauben, sei dem Kind zu gleichen, von dem im Neuen Testament die Rede sei, das glaubte, das Mittelmeer in einem Sandloch fassen zu können. Die ganze Last werde von der Mandataniiacht getragen, deren Ansichten deshalb von allergrößter Bedeutung seien. Der Redner pries in warmen Worten die loyale Weise, in der Großbritannien die mit dem Mandat übernommenen Verpflichtungen erfüllt hat. Nach fünfzehn Jahren sei Großbritannien jedoch zur Ueberzeugung gelangt, daß das Mandat nicht fortgesetzt werden könne. Der V&lkerbundrat habe zu einer ,Untersuchung des Teilungsplancs seine Zustimmung gegeben, ohne daß dadurch eine andere Lösung unmöglich geworden wäre. Der Rat habe sich nicht zur Teilung oder zu einer Liquidierung des Mandats geäußert und das Mandat bleibe mittlerweile in seiner Ganzheit bestehen. Diese Auffassung decke sich mit den Bemerkungen Lord Cranbornes, In diesem 2usammenhang wies Patii-Boncour auf die völlige Ueberein- Stimmung zwischen der britischen und dör französischen Delegation hin. Er warnte gegen die Ausdehnung des Problems über die Grenzen Palästinas hinaus, da dies den gegnerischen Tendenzen mehr Spielraum geben würde, und riet die Kominission nachdrücklich auf, sich der Stellungnähme des Völkerbundrates anzuschließen. Fabela (Mexiko) sprach von den einander bekämpfen- 1den Bestrebungen in Palästina; beide seien auf historischen Rechten begründet und verdienten mit Achtung angesehen zu werden. Er brachte seine Bewunderung für die von der Peel-Kommission in ihrem Bericht an den Tag gelegte Unparteilichkeit zum Ausdruck. Eine Lösung sei nur aut Grundlage großzügiger humanitärer Grundsätze möglich. Mexiko sei daran interessiert, daß dem verfolgten Teil der Menschheit Gerechtigkeit widerfahre und daß die durch die Balfour-Dcklaration erweckten Hoffnungen verwirklicht werden; cs sei unmöglich, diese Hoffnungen zu vernichten oder die Tore zu schließen, die die Balfour-Deklaration geöffnet hatte. Mexiko hoffe, daß Großbritannien, dessen weise und unparteiische Verwaltung Palästinas größtes Lob verdiene, zusainmcn mit anderen Staaten eine Lösung finden werde, die auf humanitären Grundsätzen und auf der re stlosen Erfüllung der Balfour-Dcklaration bcgründet sein und gleichzeitig die legitimen Rechte der Araber berücksichtigen werde. De Valera (Irland) wies auf die Widersprüche In der britischen Haltung hin. Während Großbritannien vor dem Völkerbundrat aussagte, daß es an keinen bestimmten Plan gebunden sei, konzentriere es seine Untersuchungen auf Teilung. Die vom Rat erteilte Ermächtigung könne als Zustimmung zur Teilung aufgefaßt werden. Seiner Ansicht nach biete «ine Teilung keine Lösung für Christen, insbesondere Katholiken, die an den Heiligen Stätten interessiert sind, so wenig wie für die Juden und die Araber. Eine Teilung würde nur die Erregung im Lande schüren. Er appellierte-an die Kommission, sich nicht zu binden. Nach Abschluß der Debatte nahm die Kommission den zur Vorlage an die Völkcrhundversaminlung bestimmten Berieht an, ferner den Entwurf der Entschließung, die von der Völkerhundversammlung zu dem Palästinaprobleni gefaßt werden soll. Der Bericht der Kommission In dem Bericht wird einleitend gesagt, daß die Kommission dank dem Antrag des Vertreters Norwegens, das gesamte Material über Mandatsangelcgenheiten zu behandeln, die Möglichkeit gehabt habe, das Palästinaproblem zu studieren. Die Mehrheit der Delegierten, die in den Sitzungen der VI. Kommission an der Debatte teilgenommen haben, hätten die Wichtigkeit und Kompliziertheit des Palästina- Problems, mit dem der Völkerbundrat sich jetzt beschäftigt, hervorgehoben, Im Verlauf der Aussprache seien sehr bemerkenswerte Aeußerungen nicht nur über die politischen, juristischen und humanitären Aspekte des Palästinaproblems, sondern auch über die L a g e d e r j ü <1 i s c h e n B e v ö 1 ke ־ rung in vielen Ländern Europas, die einen wichtigen Faktor bei dem Studium dieser Frage bilde, getan worden. In dem Bericht wird weiter darauf hingewiesen, daß der Delegierte Englands erklärt hat, die Mandatarmacht für Palästina ־werde den Bemerkungen, die in der VI. Kornmission bei der Debatte über die Palästinafrage gemacht wurden, ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Die Kommission sei auch davon überzeugt, daß der Völkerbundrat den Meinungaustausch während der Debatte in der VI. Kommission gebührend berücksichtigen werde. Die Kommission habe einstimmig festgestellt, es sei zu hoffen, daß bei dem von den zuständigen internationalen Faktoren durchzuführendem Studium des Problems keine vorgefaßten Meinungen über die Lösung der Palästinafrage maßgebend sein, vielmehr alle das Wesentliche betreffenden Anschauungen Vorbehalten bleiben würden. (Fortsetzung auf Seite 2) | LorTpeel] In der Nacht zum Mittwoch Ist in London Earl Peel im Alter von 70 Jahren plötzlich gestorben. Während, die Diskussionen über die Zukunft Palast!« nas in den entscheidenden politischen Gremien und die Vorbereitungen für das nächste Stadium der Neuordnung Foto; Archiv Mil: IM noch im Gange sind, ist der Mann, dessen Name mit der geplanten Staats-Reform in Palästina und dadurch mit einem wichtigen Kapitel der jüdischen Geschichte un« trennbar verbunden ist, völlig unerwartet und plötzlich vom irdischen Schauplatz abgetreten. Die Nachricht kommt um so überraschender, als von einer Krankheit Peels nichts bekannt war und erst kürzlich gerüchtweise verlautete, er werde auch in der neuen Kommission, der die verantwortliche Aufgabe der Grenzfestset/ung im ge« teilten Palästina obliegt, eine hervorragende Rolle spielen. Vor 15 öder 16 Monaten haben außerhalb Englands nur wenige Juden gewußt, wer Lord Peel ist. In der Zeit, die seitdem verstrichen ist, hat sein Na nie in der ״jüdi* sehen Gasse“, wenn man dieses im Osten übliche Wort gebrauchen will, eine fast beispiellose Popularität er« langt. Vielleicht ist im jüdischen Bereiche seit Balfour kein Name eines nichtjüdischen Staatsmannes so häufig genannt worden wie im letzten Jahr der Lord Peels. Die ״Peel-Kommission“ und der ״Peel-Bericht“ sind feste Be« griffe der,jüdischen Terminologie geworden, die jüdischen Zeitungen aller Länder und aller Zungen sind voll davon, die Leser wissen, was gemeint ist. Der revolutionäre Vorschlag, den die Peel-Kommission für Palästina gemacht hat, wurde bekanntlich leidenschaftlich umstritten, und das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, obwohl die eng* listhe Regierung unzweideutig erklärt hat, an dem von Lord Peel aufgestellten Prinzip der Teilung des Lan* des festzuhalten, und die Gremien des Völkerbundes, trotz mancher skeptischer Einschränkung, ihre formelle Zustim* mung gegeben haben. Das Peel-Projekt stößt, wie bei einem so neuen Gedanken nicht anders zu erwarten war, auf heftige Opposition. Besonders scharf ist die Unzu« friedenheit der Araber, die eine weit über Palästina hinausreichende arabische Aktion organisieren, um durch* zusetzen, daß Palästina ungeteilt als ״arabisches Land“, d. h. als ein land mit arabischer Mehrheits- und Staatsnation (und jüdischer Minorität) bestehen bleibt. Dieser arabische Widerstand, der kürzlich in den Genfer Erklärungen der Vertreter Aegyptens und des Irak — beide Englands Alliierte — Ausdruck fand und dessen Auswirkung nach Schilderungen, die in .angehende eng« lische Blätter gerade in dieser Woche veröffentlichten, so* gar über ganz N 0 r d a f r i k a bis an das andere Ende des Mittelmeers in Französisch-Marokko reicht und dort in eigentümlicher Weise in das Gewebe der großen europäischen Konflikte unserer Zeit einmündet, hat letzten Sonntag in Palästina zu einem politischen Attentat geführt, das auf die Tollkühnheit der nunmehr sehr