Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 76-77 (24.9.1937)
- Date
- 1937-09-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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2 ft 9.1937 ץ N». 76/77 / Jahrgang 42 Preis 25 Rpf« JÜDISCHE RUNDSCHAU Rcdakt!on,VerIag und Anzeigenverwaltimg 1 Bailla W15, Meinakftitr. 10 Fernruf1 919031! Telegramm-Adreaie: Orghlp. — Bezugspreis eiudilieSlidi Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39. — Postsdheck - Konten der Vertriebs - Abteilung Berlin 71573 (für Groß - Berlin). Berlin 17392 (für das übrige Reich), ln Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch «uf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. - Erscheint fedett Dion sing and Freitag• BERLIN י״ט תשרי תרצ״ח FREITAG, 24. SEPTEMBER 1937 GQlftigt Anzofgenprelsliifte Nr« 5. Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf., fuf Familien * Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet Gelegenheit»• anzeägen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder har Montag bis Freitag 9—18 Uhr. AnnahmeschluS für di« Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr. für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. {Für Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich ■ rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Fest-Ausklang Der Beschlufi des Völkerbundrates Zustimmung zum Teilungsplan — Die Einwanderungsfrage Mandat bleibt In Kraft — Endgültige Stellungnahme vertagt In der öffentlichen Sitzung■ des Völkerbundsrates am 16. September wurde durch das Kleine Palästina-Komitee folgende Entschließung vorgelegt und ohne Diskussion angenommen, in der es heißt: ״Im Hinblick auf die Erklärung der Regierung des Vereinigten Königreiches vom Juli 1937 über die Schlußfolgerungen der Kgl. Kommission für Palästina, im Hinblick auf die vorläufige Meinungsäußerung der Mandatskommission an den Rat, im Hinblick auf die von dem Vertreter des Vereinigten Königreiches in der Sitzung des Rates vom 14. September 1937 abgegebene Erklärung und der Aussprache über die Verfassung Palästinas, die in der gleichen Sitzung stattfand, in Anbetracht der von der Regierung des Vereinigten Königreiches geäußerten Absicht, das Studium des Verfassungsprobleins Pa'ästinas fortzuführen und sich besonders auf die Lösung durch eine Teilung des Gebietes zu konzentrieren, indem der Itat an die von dem Vertreter des Vereinigten Königreiches in dieser Hinsicht über die Einwan• derungsfrage abgegebenen Zusicherungen erinnert, Ist der Rat damit einverstanden, daß die Regierung des Vereinigten Königreiches die besagte Prüfung vornimmt und die damit zusammenhängenden Maßnahmen trifft, und indem er unterstreicht, daß das Mandat vom 24. Juli 1922 bis zu anderweitiger Entschließung in Kraft bleibt, vertagt er eine Betrachtung des Kern- Problems, bis der Rat in der Lage ist, sich damit in meiner Gesamtheit zu befassen und oehäJt sich seine En(- Scheidung und Stellungnahme in de* Zwischenzeit völlig vor.“ In einer geschlossenen Sitzung des Rates stellte Minister Beck die Forderung auf, daß im Falle der Ernennung eines weiteren Subkomitees 7um Studium der britischen Vorschläge in bezug auf Palästina Polen darin vertreten sein möge. Aegyptens Außenminister gegen Teilung Genf, 18. September. (Palcor.) In der Voll ver- Sammlung des Völkerbundes hielt anläßlich der Debatte über den Bericht des Generalsekretärs des Völkerbundes der ägyptische Minister des Aeu Deren, Boutros Ghali Pascha, eine Ansprache, die gänzlich der Palästinafrage gewidmet war. Er erklärte, daß angesichts der cographischen Nähe, sowie der historischen, religiösen und ulturellen Verbundenheit, ferner des freundschaftlichen Verhältnisscs zu Großbritannien, Aegypten am Schicksal Palästinas tiefes Interesse nehme. Er erinnerte an die angeblich 1915 von Großbritannien den Arabern gegenüber gemachten Versprechungen; behauptete, daß der Text der Baifour- Deklaration darauf schließen lasse, daß das jüdische Nationalheim an zweiter Stelle, die arabische Unabhängigkeit aber an erster stehen müsse; erklärte, daß die Aussagen Lloyd Georg es'vor der Peel-Koirunission dahin zu verstehen seien, daß die Schaffung eines jüdischen Staates von der Zustimmung־ der arabischen Mehrheit abhangen müsse; und wandte sich gegen die vorgescli lagenc Teilung, die mit den nationalen Rechten der Araber unvereinbar und den britischen Versprechungen entgegengesetzt sei. Die Teilung, führte Boutros Ghali Pascha aus, sei ungeeignet, Palästina den Frieden zu bringen oder die Judenfrage zu lösen; statt dessen würden zwei kleine Staaten geschaffen werden, von denen sich keiner werde halten können. Bei aller Teilnahme für die Leiden des jüdischen Volkes, dessen in Aegypten lebender Teil volle Gleichberechtigung genieße, müsse er sich gegen die Enteignung arabischen Bodens zugunsten von Juden wenden. Er empfahl einen anglo-palästincnsischcn Vertrag, in denen der gegenwärtigen jüdischen Bevölkerung volle Bürgerrechte eingeräumt werden und Bestimmungen für eine geregelte, methodische Einwanderung in vern ü n f t i g e m Ausmaß getroffen werden sollen. Zuin Schluß rief der Redner die Araber uni Juden zur Wahrung der öffentlichen Ruhe und Ordnung auf; das Aufhören von Gewalttätigkeiten werde als Beweis für ihre politische Reite angesehen werden. Juden und Araber seien die Nachkommen Abrahams, die jahrhundertelang friedlich beieinander gelebt hätten. Zu der ägyptischen Erklärung telegraphierte der Kairoer Korrespondent ues Pariser ״Temps“ am 18. September wie folgt: ״Die Genfer Erklärung des ägyptischen Außenministers war keine Ueberraschung jür jene, die dachten, daß Aegypten seinen Eintritt in den Völkerbund dazu benutzen wird, um bei der ersten Gelegenheit sich sowohl panmuselmanisch wie auch — im Hinblick auf die im Irak wieder auflebende panarabische Tendenz — panarabisch zu gebärden. Die Erklärung Boutros Ghali Paschas bringt jedoch keinen neuen Vorschlag zum Palästina-Problem. Die Idee eines Vertrage* zwischen einem arabischen Palästina und Großbritannien, der der jüdischen Minderheit die notwendigen Garantien zur Entwicklung des zionistischen Werkes geben würde, hat angesichts der jetzigen Verhältnisse und der dauernden Drohung eines organisierten Terrors nur rein theoretische Bedeutung und widerspricht sowohl den jetzigen Realitäten und der liisto rjschen Wahrheit, wie auch den in gleicher Weise ,unauslöschbaren‘ Rechten der Juden und der Araber.“ Die Genfer Vertretung der Jew i s 11 Agency veröffentlicht ein Communique, in dem sie ihrer Verwunderung über die Anspielungen des ägyptischen Außenministers auf die sogenannten M c M a h o n-Verspr e e h u n gen, die durch die Tatsachen nicht zu rechtfertigen sind, zum Ausdruck bringt. Das ,Communique weist auf Erklärungen der Regierung sowie auf Sir H. McMaltons Zuschrift an die Times“ hin, in denen festgestellt wurde, daß das Gebiet Palästinas in den hekannten Versprechungen nicht cingcschlossen war und stellt in Abrede, daß Lloyd Georges Aussagen vor der Peel-Kommission so auszulegen seien, wie es Ghali Pascha anregt; im Gegenteil, seine Worte hätten bedeutet, daß die Schaffung einer jüdischen Mehrheit nicht von der Zu- Stimmung der arabischen Bevölkerung abhängig sei. Die Jewish Agency bringt ihre Anerkennung der Teilnahme Ghali Paschas an den Leiden des jüdischen Volkes und seines Aufrufs um jüdisch-arabische Freundschaft zum Ausdruck, setzt aber hinzu, daß diese Freundschaft die jüdische Ein wänderung auf der Grundlage der wirtschaftlichen Fassungskraft des Landes zur Voraussetzung haben muß. Dem Appell Ghali Paschas um arabische Rechte setzt das Communique der Jewish Agency einen Appell um Berücksichtigung der höheren Grundsätze, Rechte und Gerechtigkeit entgegen, indem es auf die Schilderung des Jüdischen Nationalhcisnes seitens der Mandatskommission als ״eine Maßnahme der höheren Gerechtigkeit“ Bezug nimmt. Das Oberste Arabische Komitee hat der ägyptischen Delegation in Genf telegraphisch den Dank für ihre Steilungnähme zu dem P%Uisti11aproblem übermittelt. Irak verlangt Abschattung der Baifour - Deklaration Der Standpunkt des Irak wurde in der Montagssitzung des Völkerbundes von dem irakischen Aulicnminister Tewfik ei Swaidy auseinandergesetzt. An dem westlichen Horizont, so führte er aus, hängt eine Wolke, die sich auszubreiten droht. Siebzehn Jahre lang ist unserem Volk in Palästina Ungerechtigkeit geschehen. Ein Land von einer Bevölkerung mit über einer Million Arabern ist ungeachtet aller Proteste das Einwandcrungs- Zentrum für 306000 Juden geworden. Die Proteste dauern fort, da die Bevölkerung in Gefahr ist, im eigenen Vaterland eine Minderheit zu werden. Man habe zwei Instrumente geschaffen, um diesem Prozeß eine juristische Basis zu geben: die Ba I f o u r -1) e k I a ־ ration und das P a I ä s t i n a ni a 11 d a t. Diese beiden!11strumente seien aber aufzuheben, da sie dem Artikel 22 des Völkerbundpaktes widersprechen. Es sei zu!!offen, daß gemäß den Bestimmungen dieses Artikels der arabischen Bevölkerung Palästinas nicht eine Lösung aufge/wungen werden wjrd, die für sie unannehmbar ist. Jetzt werde eine Lösung der Palästinafrage durch Teilung erwogen. Beabsichtige man diese Lösung gegen den Willen von zwei Dritteln der Bevölkerung Palästinas zu erzwingen? Das widerspreche dem Artikel 22. Die Haltung der Regierung des Irak sei am 4. August 1937 zun! Ausdruck gebracht worden. Jetzt wolle er nur zwei Gründe erwähnen, aus denen die Regierung.des Irak an der Lösung der Pajästinafrage interessiert ist: I. der Umstand, daß die Bevölkerung Palästinas, die mohammedarische und die christliche, arabischer Kasse ist und mit den Arabern des Irak eine einheitliche Nation bildet; 2. daß die Unruhen in Palästina die arabischen Nachbarländer in Mitleidenschaft ziehen müssen; die Aufrechtcrhaltung von Ruhe und Ordnung im Irak stehe daher in Beziehung zu diesem Problem. Das englische Volk, das lange Zeit den Arabern freundlieh gesinnt war, sehr viel getan hat, um den l ändern des Nahen Ostens Frieden zu bringen, erfreue sich der Freundschaft und der Dankbarkeit des Volkes und der Regierung des Irak. In der Palästinafrage aller müsse die Irak-Regierung ihren Protest gegen die englische Politik zum Ausdruck bringen. Der Völkerbund habe die englische Regierung ermächtigt, das Problem der Teilung Palästinas zu studieren, und der Vertreter Englands habe versprochen, in nächster Zukunft Verhandlungen aufzunelnuen. Fs sei zu hoffen, daß diese Verhandlungen zu einer Lösung führen werden, die dem Völkerbundspakt entspricht und die Rechte der Araber anerkennt. Weitere Debatte in der politischen Kommission Die Völkeibundsversatnmluiig hat am 15. September folgende von der norwegischen Delegation beantragte Ent- Schließung angenommen: ״Entsprechend dem seit Jahren feslge'egten Verfahren beschließt die Versammlung, die Jahresberschte der Mandatarmacht, die Berichte der Mandatskommission und alle übrigen Dokumente, die sich auf das Mandat beziehen, und unter den Mitgliedern des Rates seit der letzten Tagung der Völkerbundsversammlung verteilt wurden, der VI. Kommission zu übergeben.“ Damit ist die Erörterung des Palast: laproblems aus dem Plenum der Völkerbundsversauimlung in die VI. (politische) Kommission des Völkerbundes verlegt vordt r (Fortsetzung Seite 3) Das Leben wie es ist Mehr als zwei Monate 1.111g ist jetzt die Aufmerksam* keil der jüdischen Welt auf öffentliche Beratungen verschiedener Art gerichtet, die die Zukunft Palästinas zum Gegenstand haben. Nach dem englischen Parlament und dem ZionDtcn-Kongreli, nach den ausführlichen Verhandlungen der Mandatskommission hat der Völkerbiiridrat seinen Beschluß gefaßt. Die formelleti Voraus- Setzungen für die Entwicklung der nächsten Zukunft sind geschaffen. Große politische Wochen sind es, die wir Juden hinter uns haben. Ein Volk soll einen Staat bekommen — so oder so, gut oeler schlecht, wir begehen uns hier nicht in Streitfragen .- die Tatsache allein ist, zumal in einer Situation wie der jüdischen, höchst einmalig und erregend. Noch nie in der Geschichte ist ein Staat so entstanden, daß man Volk und Fand erst yusnmmenbringeii nrnli. Das kann nicht ״künstlich‘‘ geschehen, sondern nur durch starke innere Kräfte, für deren geheimnisvolles Wirken und verborgene Absicht die Politik nur Fassade ist. Die materielle Judemiot wird, selbst im günstigsten Falle, durch diese Staat;gründung nicht beseitigt werden, aber die judenfrage als Ganzes wird ein neues Gesicht erhalten. Die jüdische Stimme wird durch ihr eigenes Wort gehört werden, und es ist unsere Sache, ist eine Frage von Leben und Tod, welcher Art diese Stimme und dieses Wort sein wird. Es ist begreiflich, daß wir alle, und zwar die jüdisch empfindenden Juden ohne Ausnahme, mit unseren Gedanken ganz und gar dabei sind. Darum steht, so viele Sorgen wir alle auch haben mögen, Palästina heute im Vordergrund; denn hier kann Rettung oder Verhängnis eines jüdischen Zeitalters sich vorbereiten. Aber wenn wir auch jetzt vor allem über die politischen Palästina-Fragen reden und immer wieder darüber reden werden: wir wisset! wohl und empfinden cs jeden Tag und jede Stunde, daß unser Lehen sich nicht darin erschöpft. Wir Juden, man darf das wohl ziemlich allgemein sagen, vergessen niemals, daß Politik nicht alles ist und das l eben auch eine tinpo« litische Seite hat, aus der heraus sich erst die E!e- 111 ente aufhrmen und erneuern, die auch Staaten und Völkern ihren eigentlichen Sinn geben. Niemals im Jahre ist uns das so gegenwärtig wie in dem drei Festwochen am Beginn des Monats Tischri, die mit dein großen ״Tag des Gedenkens״ beginnen und über den Tag des göttlichen Gerichts hiniiihren bis zu jenem Schlußfest, an welchem ein Volk die Freude an der Thora, die Freude an einem Buch, das dieses Volk durch die Jahrhunderte auf allen Wegen begleitet hat, mit heiterer Innigkeit (auch in Zeiten des leides) erlebt. Aus den Kräften des Gemütes und des Glaubens, aus dem Traumen und Dichten lebt das Volk, lebt seine Seele, und aus diesen Wurzeln allein kann auch seine politische Kraft genährt H erden, auf die es schließlich ank׳ ׳,nunt. Wir Juden haben es erfahren, daß nichts so verhängnisvoll ist wie seelenlose Dialektik und Erstarrung des Gefühls. Das natürliche Wesen des Menschen, wie Gott ihn geschaffen hat, fordert sein Recht. Und so gibt es — sprechen wir es ruhig aus — auch bei uns eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, was man öffentliches Lehen nennt (man denke etwa an die Diskussionen des Zionistcn-Kongresses), und dem, was die Menschen wirklieh bewegt. Nur ist gerade dieses viel schwerer zu sagen und zu gestalten als etwa die Formeln politischer Resolutionen, Es sind die Imponderabilien, die das Leben selbst erzeugt, — so vielfältig, wie Menschenleben und Menschentum überhaupt sein kann. Kein Menschenleben gleicht vollständig dem anderen, aber, zugleich lebt jeder rn i t dem anderen, es gibt da keine Isolierung, bewußt und unbewußt vollziehen sich die Wechselwirkungen in Gottes Welt. Warum entzückt uns die Größe und Schönheit der Natur, warum erschüttern uns die Werke des Geistes, woher sie auch kommen mögen, warum empfinden wir die Schöpfungen der Kunst, vor denen wir ehrfürchtig stehen, als an uns gerichtet und können sie aus unserem Leben nicht wegdenken? Weil sie in vollkommener Form das Allgemeine, das allen Menschen Gemeinsame, ausdrücken, und doch das Besondere in seiner ganzen Tiefe darstellen, so allgemein und doch einmalig wie jeder Frühling und jede Liebe, wie jeder Herbst und jede Ernte. Mit dem Fest des Herbstes feiern wir das Fest des Geistes, die < Jesetzesfrciidc, ein Fest der Natur und des Geistes zugleich. Dabei werden wir dessen inne, daß alles, was Natur und Geist heißt, in unseren Bezirk