Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 70-71 (3.9.1937)
- Date
- 1937-09-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 18 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 70/71, 3. IX. 1937 Der Kulturbund ruft! Justizrat Mag-nus 70 Jahre Am 6. September feiert justizrat Julius Magnus seinen 70. Geburtstag; er stammt aus einer Familie, deren Wohnsitz in Berlin sich bis in die Siebziger Jahre des 17. Jahrhunderts naclnveiseri läßt. Der Jubilar ist ein Jurist von Weltruf und es hat ihm an Auszeichnungen nicht gefehlt, wie sie seiner weitreichenden Tätigkeit zukamen. Der Mann, der trotz gelegentlicher Abberufung zur Dozententätigkeit nie etwas anderes sein wollte als Rechtsanwalt, ist Ehrendoktor mehrerer Universitäten, und es war selbstverständlich, daß er mit seiner weiten Uebersicht, mit seiner Sach* * und Personalkenntnis, mit der ihm eingeräumten Autorität zum Vorstand internationaler Vereinigungen gehörte, die sich mit dem Walten des Rechts in der Menschheit beschuftigen. Will man sein Grundwesen bezeichnen, so wird es eine unaufhaltsame Energie sein, die aber nie auf selbstische Zwecke abgeleitet wurde. Diese Veranlagung aus Kraft und Gesinnung machte ihn zu einem Organisator, der bei allen Gemeinschaftsunternehmungen ,der juristischen Wissenschaft und Praxis unentbehrlich schien. Magnus gehört zu den Anregenden, der wie wenige die Gabe hat, andere Menschen tätig zu machen. Also ein praktischer Idealist. Anders hätte, um nur eins von seinen großen Werken zu nennen, der Sammelband ״Die Rechtsanwalt- Schaft“ nicht entstehen können, die ihre Mitarbeiter aus allen Weltteilen zusannnenrief; es sollte mit der sachlichsten Vor• arbeit ein Beitrag zur menschlichen Kulturgeschichte sein. Magnus trat vor einem Vierteljahrhundert in den Vorstand der Berliner Jüdische n G e m e i 11 d e ein nicht als ein von Programmen gebundener Parteimann, und für sich allein unabhängig oder stark genug, um theoretische oder polemische Gegensätze zu positiver Gemeinschaftsarbeit zusammenzubiegen. Als das Palästina-Werk jüdische Kräfte aus allen Lagern forderte, hat er sich an den Arbeiten des Keren Hajes sod beteiligt, dann besonders an dem Aufbau der Universität Jerusalem, an der er vor zwei Jahren eine Gastvorlesung über jüdische Juristen hielt. Als Vortragender hat er eine besondere Anziehungskraft ausgeübt. Juristen spreche״ gern juristisch. Man war sicher, daß auch ein I׳'a<׳htna:nt von seinen (iratlen immer nur menschlieh sprach. Er gab auch keiner Schöngeisterei nach, wenn er vom Fach ausgehrrui in alle möglichen historischen und literarischen Beziehungen geriet. Sein Sinn für Kulturwerte ist überall zu Hause, und wenn der Titel nicht an Glan/ verloren hatte, man möchte ihn einen Polyhistor nennen, mit einem Universaltrieb nach Kenntnis, aber auch nach Erkenntnis, woraus auch die Erscheinung eines Humanisten hervorgehen mochte. A. E. Benno Jacob 75 Jahre In diesen Tagen begeht der frühere Dortmunder Rabbiner Dr. Benno J a c 0 b den 75. Geburtstag. Benno Jacob ist in den letzten Jahre!! auf wissenschaftlichem (iebiete weiten Kreisen bekannt geworden. Sein Kommentar zum ersten Buch der Thora, der unter Ablehnung der Methoden der Bibelkritik auf Grund der besonderen (iahe der Einfühlung und des Sprachverständnisses, das Jacob besitzt, ein großartiges Zeugms jüdischer Gelehrsamkeit darstellt, gehört zu den bedeutendsten Arbeiten auf diesem Gebiete. Benno Jacob hat auch im inner jüdischen Leben vielfach Stellung genommen. Er gehörte früher zu der scharf antizionisfischcn Richtung, wobei seine Gegnerschaft stets geistig fundiert war. Auf ihn geht auch jene berühmte Unterscheidung zwischen der Assimilation ״im Dativ“ und ״im Akkusativ“ zurück, die in vielen inner jüdischen Debatten eine Rolle gespielt hat. Chief-Rabbi Hertz zur Kalenderreform In der ״Times" vom!. September veröffentlicht Chief Rabbi Hertz (London) einen Brief über die ״Gefahren des wandernden Sehabbat'•. Er schreibt, daß der Plan, der jetzt vom Völkerbund behandelt werden solle, vorschlage, das Jahr von dem 365. Tag dadurch zu befreien, daß man ihn für einen ״Blankotag" erklärt. Die letzte Woche des Jahres würde demgemäß acht Tage heben. Offensichüich müsse dieses Verfahren die wirkliche Stellung jedes Tages durch das ganze folgende fahr hindurch verfälschen - jeder Sonntag Würde tatsächlich ein Montag, jeder Montag ein Dienstag sein ttsf. In den folgenden Jahren würde jeder weitere Blankotag die Verwirrung noch. vergrößern und der religiöse Seit ab bat, als ein sich von jedem weltlichen Tag unterscheidender, wurde in jedem Jahr zu einem anderen Wodiuitag weiden. Solch ein ״nomadischer Schabbat“ würde eine Kalamität tur Millionen orthodoxer Juden werden, ebenso wie für die Baptisten, die den 7. Tag halten, und die Advenfisten. Er würde die ganze Schabbat-idee unter den Massen zerstören und so ihre religiöse Verankerung untergraben. Ferner würde die Notwendigkeit, den religiösen Schabbat an einem in jede!!! Jahr verschiedenen Wochentage zu begehen, :-״wie zugleich den gesetzlich festgesetzten bürgerliehen Ruhetag gemäß den! neuen Kalender, Juden und Nichtjuden in Gegensatz bringen, die ihrem geheiligten und historischen Ruhetage treu!)lieben, und sie vor die Alternative stellen, entweder ihre Ideale aufzugeben oder materielle Vernichtung zu erleiden. Die Mehrheit der Regierungen der Welt hat sich bisher entweder gleichgültig gegenüber der Kaienderreform vorhalten oder j! den Kalender mit dem Blankotag als tinannehnibar bezeichnet. Es gebe jedoch noch eine andere Methode der Kaienderreform. Ebenso wie bisher jedes vierte Jahr ein Schaltjahr war, könnten der letzte Tag jedes Jahres und A. Hartbrodi, Berlin CZ, Kömgstr.i9 I Uhren / Goldu. Silberwaren | die letzten beiden Tage eines Schaltjahres zusammengefaßt werden und alle sechs Jahre eine volle Schalt- Woche bilden. Diese Methode ordne geistige Interessen nicht den materiellen unter; sie würde keine Schwierigkeiten hervorrufen und ohne Unterbrechung die Folge der Woche erhalten. Der iin Vorjahre gegründete Jugendverein Shotnre Hadath, New York, hat einen erfreulichen Aufschwung genommen. Die Mitglicderznhl ist durch die Einwanderung junger orthodoxer Menschen aus Deutschland weiterhin angewachsen. Die bereits früher von Mrs. Grace Holländer geleistete soziale Arbeit ist mm in den Händen von Miss Nell Zif f vereinigt worden, die sich gemeinsam mit dem National Council of Young Israel vor allem um die Vermittlung von *chabbatfreien Stellen bemüht. Aus der sonstigen Tätigkeit des Vereins seien erwähnt: wöchentliche Talmud-, Bibel- und Dinim-KIassen der Herren Rabbiner Dr. Jung, Dr, H y a in - so n, Lookstein und Margolis, ferner die im Winterhalbjahr veranstalteten 14 wissenschaftlichen Vorträge und Frcitag-Abcnd-Zusammenkünfte, sowie Chamikkah-, Purim- und Lag-Bcomer-Fciern. Als wir Juden vor vier Jahren aus dem gewohnten Umgang mit ideellen Gütern ausschieden, da war die Antwort bald gegeben; sie hieß: Jüdischer Kulturbund. Der Erfolg des jungen Unternehmens, wenn mau nur nach'Jahren rechnet, beweist sich nicht nur durch das äußere Wachstum, das der Kulturbund von seinem Geburtsort Berlin aus über das Judentum in Deutschland gewonnen hat. Wir können ihn aus unserem geistigen Leben nicht mehr hinwegdenken als eine Institution, die in diesen vier von Hoffnung, Arbeit, Leistung ausgefüllten Jahren unvergleichlich gemeinscliaftsbildend gewirkt hat. Also als eine seelische Wohltat in der Diaspora. Die Anfänge eines solchen Unternehmens bestehen notwendigerweise aus Versprechungen, und ich muß gestehen, daß ich im Anfang nicht gerade mißtrauisch, wohl aber zweifelnd gewesen bin gegen inre Erfüllbarkeit. Wurde da nicht zuviel versprochen? Gegen eine geringe geldliche Leistung des Publikums war im Monat eine Theatcrauffiihrung gewährt, darin noch ein Vortrag oder ein Konzert. Als trüberer Theatermann wußte ich, wie ängstlich da gerechnet werden muß. Dazu kommt noch eit! anderer dem Publikum Alle Ihre Bücher bcllctriaitidie und tadiunssensdmttliche Zeder Art von der Buchhandlung Am Zoo Frit* Rlna Cher'ottenburg, Joachimsthaler Straße 43• 44 Mitglied der jüdischen Gemeinde Totefon 91 65 06 Zusendung nach allen Stadtteilen wenig vertrauter Umstand. Ein Gemeinschaftstheater kann sich niemals aut einem Erfolg ausruhen und gar Reserven daraus bcreithalten. Oder, um mich genauer auszudrücken: Wenn ein Privattheater im Jahr zwölf Vorstellungen anbietet, so kann man ohne weiteres annehmen, daß es sehr schlechte Geschäfte gemacht hat. Wenn es aber mit zwei Aufftihrungen ausgekommen ist, so kann sich seine Bilanz schon sehen lassen, sogar vor erwartungsvollen Aktionären. Für den Kulturbund gibt es solche Atempausen nicht, und man kann sich jetzt vorstellen, wieviel organisatorische Voraussicht, wieviel künstlerische Spannkraft und dauernde Verjüngung dazu gehört, um jeden Monat ein Werk herauszubringen, von dem nach kurzer Darbietung im besten Fall eine schöne Erinnerung zuriickbleibt. Die schönen Erinnerangen sind aber da und sind feste Positionen, die Zuversicht und Anhänglichkeit errichtet haben. Der Kulturbund hat kein anderes als dieses moralisch e Kapital hei seinem Publikum, und ich möchte auch dem Hörensagen entgegentreten, daß er sich von anderer Seite hat stützen oder unterstützen lassen. Das ist wohl einmal gelegentlich und in geringem Umfang geschehen. Vor allem wurde etwas geleistet, •was bisher den ältesten Traditionen des Theaterwesens widersprochen hat. Es gilt als bewiesen, daß die Oper mit ihren ungemeinen Ansprüchen an Menschen, Material und Technik ohne Subvention nicht existieren kann. Der Gegenbeweis ist wohl zum ersten Male von ihrem speziellen Leiter Dr. Kurt Singer geführt worden, der auch mit der Heranziehung des uns leider entschwundenen Josef Rosenstnck eine so glückliche Wahl getroffen hatte. Zu solcher Leistung gehört nicht nur ein durch . frühere Erfahrung gefestigtes Organisationstalent, sondern vor allem, um endlich auf das Künstlerischc zu kommen, ein Einsatz von Impulsen, von Liehe und Leidenschaft, also von persönlichen Werten, die nichts kosten. Ihr Mutierboden ist ein 1 d e a I i s m u s, der sich auch im täglichen Betrieb nicht abntitzen darf. Wo der Gemei.nschaft zu dienen ist, muß ebenso viel Fälligkeit wie reine Gesinnung sein. Denken wir an Taten wie an Verdis ״Nabuceo“, an die Offenbach-Oper, an den ״Judas Maccabätis“. Das ist eine weite Spanne. Aber wie vorsichtig auch die materiellen Mittel eingestellt sein mochten, jedesmal ergab sich das Wesentliche: die Oper muß etwas Festliebes haben. Die Musik ist eine Entfübrerin lind eine Trösterin. Ihre Bestände können sehr dauerhaft werden bis zur Zeitlosigkeit. Solche Aufführungen waren ebensosehr ein menschliches wie ein jüdisches Erlebnis, mögen ihre Schöpfer in den Rahmen des Biblischen auch andere ihnen nähere Zeitereignisse gesetzt haben. Das an das Wort gebundene Schauspiel steht unter einer anderen Fragestellung, die Von unserem Berichterstatter Santiago, den 24. August Die jüdische Rezitationskiinstlcrin Berta Singermann gastierte mit beispiellosem Erfolg in Südchile, nachdem sie in Santiago Triumphe feiern konnte, ln der Presse wird Berta Singermann als die bedeutendste Rezitationskünstlerin des gesamten spanischen Sprachkreises bezeichnet. In diesen Tagen wurden einem hiesigen Zionisten große Ehren zuteil. Oscar Oenesim, der unermüdliche Sekretär des hiesigen KKL, steht 25 Jahre im Dienste dieser Organisation. Mit verschiedenen Veranstaltungen feierte der hiesige M a k k a b i sein zweijähriges Bestehen. Besondere Erwähmmg verdienen die gymnastischen Vorführungen unter Leitung von Natalio Gmmbcrg und eine Veranstaltung gesellschaftliehen Charakters, bei welcher ein Sportplatz-Fonds geschaffen wurde. Die Tätigkeit des Makkabi wird von allen Kreisen anerkannt und die chilenische Presse drückt sich in sehr anerkennenden Worten über die Leistungen des chilenischen Makkabi aus. Heinz Gotthilf Kredit-Kooperative ln Paris. Jüdische Emigranten in Paris haben vor einiger Zeit eine Kredit-Kooperative gegriindet, die alle Handel- und Gewerbetreibenden erfassen will. Die Kooperative hat es sich mit zur Aufgabe gestellt, Juden in anderen Ländern kostenlos Rat und praktische Hilfe in allen wirtschaftlichen Angelegenheiten zu erteilen, sowie in Paß- und Visa-Fragen helfend zur Seite zu stehen. Der ״jüdische Kalender der Gesellschaft für jüdische Volksbildung“ in Frankfurt a. M. für das Jahr 5698 zeichnet sich wieder wie im vorigen Jahre durch genaue Angaben über Gebete und kurze geschichtliche Hinweise aus. Er ist im Verlag von M. Lehrberger 8! Co., Frankfurt a. M., erschienen. verschieden beantwortet und mit Lebhaftigkeit umstritten wird. Es hat sich da erst eine Zielsetzung herausbilden müssen. Der Kulturbund wählte aus dem Kro «schätz der Weltliteratur, was an Werken schon zeitüberwindend geworden ist, und er stellte uns nach Maßgabe der Bestände vor unsere besonders jüdischen Probleme. Aus der Nach- Betrachtung ergibt sich schon ein bedeutender Zusammenhang. Es gab den ״Jeremias“ und ״Jaakobs Traum“ aus der großen prophetischen Veranlagung und Bestimmung unseres Volkes. Die ״Goldene Kette“ erörfnete uns aus unserer Geschichte die verborgene, aber unterirdisch tätige Welt des Chassidismus, und der ״Sabbatai Zwi“ erhellte die andere Seite des Messianismus. Wir ruhten in östlichen Idyllen von jüdischem Alltagsleben und gelangten mit den freundlichen Humoren des ״Amcha“ auf den so viel gesuchten Weg einer jüdischen Komödie. Das und manches andere ist aus einem vielleicht vorgenommenen Programm zu einer Herz.enssache geworden, und es wird das Verdienst von Fritz Wisten sein, daß er seine jungen Darsteller auf das Erdreich jüdischen Erlebens zurückgeführt hat, das nicht eng zu sein braucht und von dem aus das Menschliche gewonnen werden kann. Der Kulturbund ist keine Versorgungsanstalt, und ich will ihn nicht deshalb preisen, daß er einem paar hundert Menschen mit ihrem Anhang eine sichere Existenz gewährt hat und eine Betätigung, die man nur ans einer besonderen Veranlagung und aus einer sozusagen unheilbaren Leiden- Schaft wählen kann. Ich spreche hier vielfach zu Menschen mittleren Lebensalters, zu Vätern und Müttern; denn unsere Jugend ist zum großen Teil schon in der Welt verstreut oder ist wenigstens auf der Vorbereitung neuer Wanderschaft begriffen. Und es wird das Ideal dieser Generation im Parkett sein, daß ihr Junge als Chaluz hinausgeht, daß er wieder da sein Feld bestellt, wo unsere Urväter einst Bauern und Hirten waren. Aber bedenken wir und lassen wir es uns als Beispiel dienen: auch Palästina, das alte und wieder so junge Land, hat längst sein Theater, hat sogar mehrere der ernsten und leichten Muse, und einige Siedlungen sind stolz darauf, für Aufführungen, die nur gelegentlich sein können, einen festen Theaterbau errichtet zu haben. Das ideelle Bedürfnis hat sich also sehr früh gemeldet. Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Aber es ist nicht jedermanns Sache, zu ackern und zu pflügen; es gibt auch auf geistigem Oebiete Säemannsarbeit. Das Judentum hat seit seinem geistigen Erwachen Theaterleute von großem Format hervorgebracht, die zum Teil noch mit einein Sprung aus dem Ghetto hervorgingen. Gott hat uns nun einmal mit diesem Talent beschenkt oder heinigesucht, und wir wären kurzsichtig oder kleinlich, wenn wir es verkümmern ließen. Vergessen wir vor allem nicht: Die Schauspielkunst ist nicht nur reproduktiv, nicht nur nachahmend. Die jungen Menschen, die da oben spielen, zehren ja von einem Kapital, das sie rechtmäßig geerbt haben; sie wachsen und bilden sich aus diesem Erbgut der jüdischen Seele, aus allen Kräften und Säften des alten Blutes. So entsteht Gemeinschaft zwischen den Zuschauern, die auf ihre Art auch aktiv oder produktiv sind, und zwischen den Menschen da oben, von denen wir uns wahrhaft angesprochen fühlen. Als ich einen der Kolonisten im Emck Jesreel fragte, wie bei geringen materiellen Mitteln und bei der schweren Beanspruchung der Siedler noch das Unternehmen eines Tlieatcrbaues zustande gekommen sei, wurde mir eine schlichte, schöne Antwort gegeben: durch den Willen! Es hahen sich verschiedene Handwerker zusammengetan und dem Gemeinschaftswerk so und so viele Arbeitsstunden geschenkt. — Haben wir ebensoviel für den Kulturbund getan? Das dürfte eine Frage sein, die noch mancher mit seinem Gewissen auszumachen hat. Ich habe wohl nicht allein feststellen müssen, daß dieser Ruf gerade von Menschen nicht gehört wurde, die noch eine bequeme oder verwöhnte Existenz führten und die von einer Hemmung zurückgehalten wurden, einfach in Reih und Glied einzutreten. Und es mögen immer noch Indifferente übrig sein, die von dem Gemeinschaftserlebnis nicht erfaßt worden sind. Gewiß soll das Theater Unterhaltung sein, wohltätige Ablösung von der Stunde, die uns bedrängt. Aber wenn wir uns dieser Stunde enthoben fühlen in einem gemeinschaftlichen Gefühlserlebnis, so wachsen wir über unser egoistisches Selbst zu einer größeren Individualität zusammen, zu einem Publikum, zu einem Volk. Das Theater ist ein sozialer und seelischer Heilfaktor von unvergleichlicher Heilkraft und es wird auch von ihm die Arbeit eines inneren Aufbaus geleistet. Es ist nicht nur das Gebot der Stunde oder die Macht der Verhältnisse, es ist jüdische Pflicht und jüdische Ehre, da mit seiner Zustimmung mitzuhelfen, mitzuerhalten und zu mehren. Das ist der Ruf des Jüdischen Kulturbundes. Arthur Eloesser Ausschreitungen in Polen Warschau, 1. September. (JTA.) In der letzten Nacht ist das im Zentrum von Warschau gelegene jüdische Reisebüro ״Union Lloyd“ von nationaldemokratischen Exzedenten vollkommen zerstört worden. Der erst vor kurzem aus den Vereinigten Staaten eingetroffene Geschäftsführer, Dr. Jesaja Spiegel, wurde verletzt. Der jüdische Chauffeur Mosche Leib Bedar wurde auf seinem Wagen in Warschau von einem Steinwurf getroffen und so schwer verletzt, daß er bald darauf im Krankenhaus v e r - schied. Zu schweren Ausschreitungen ist es in Bydgoszcz (Bromberg) gekommen. Sechzig Juden wurden verletzt, mehrere von ihnen schwer. Noch immer durchziehen nationaldemokratische Trupps die Stadt, so daß die jüdische Bevölkerung cs vermeidet, die Häuser zu verlassen und die Läden zu öffnen. Viele jüdische Läden sind während der Unruhen geplündert worden. Zu erneuten judenfeindlichen Unruhen ist es auch in Stok gekommen, wo uniformierte Nationalradikale zum Boykott der jüdischen Läden aufforderten mit der Behauptung, die Juden hätten ־während des polnisch-russischen Krieges im Jahre 1920 polnische Soldaten erschossen. Christliche Kaufer wurden aus den jüdischen Geschäften gewaltsam entfernt und mißhandelt. Bel der Hebräischen Sprachschule In Breslau wird ein besonderer Kursus organisiert werden, an dem Schüler teilnehmen sollen, die ihren Beruf teilweise aufgegeben haben, in absehbarer Zeit nach Palästina auswandern und dort einen eistigen Beruf ergreifen wollen. Der Kursus ist für 6 Monate erechnet. Er soll den Teilnehmern die Möglichkeit geben, den Beruf in hebräischer Sprache auszuüben, rfonorar monatlieh 20 RM. Vorkenntnisse erforderlich. Auskunft erteilt Herr Reznicov, Wallstr. 14, Zimmer 4, oder schriftlich: Breslau 18, Klcinburgstr. 16. Jüdisches Leben in Chile Private Photo-Lehrgänge für Nichtarier von Julius Gliicksohn Psrasprsshsr Berlin-Wilmersdorf