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Jüdische Rundschau · 1937-09-03 · Heft 70-71 (3.9.1937) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 70-71 (3.9.1937)
Date
1937-09-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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-fi 9,1537 Nr. 70/1ל / Jahrgang 42 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU Sdurlftleitung, Verlag a. Aneelgenvervaltaagi BerlU» W1S, Mtiu.k11tr.10 Fomrnf1 919031, Telegramm-Adreaae 1 Orghlp. — Bezugspreis ein»cMi«Uich Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahj RM 5,75, bei Abholung RM 1.&3 biw. RM 5,39. — Poitschecäc - Konten der Vertrieb» - Abteilung! Berlin 71573 (für Groß. Berlin), Berlin 17392 (für da» übrig« Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch nuf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon genablter Bexugsgebühren. — Rrncltelzit jeden Bienetag and Freitag, BERLIN כ׳ז אלול תרצ״ז FREITAG, 3. SEPTEMBFR 1937 Gültig! AnzelgcnpreisUsto Nr« 5• Die 12 gespaltene mm « Zeile 20 Rpf., für Familien * Nachrichtea 15 Rpf. Für die Aufoahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird kein® Gewähr geleistet. Gelegenheit*- anzcigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder har Montag bis Freitag 9—18 Uhr. Annahinescbiuß für di« Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgab• Mittwoch 13 Uhr. {Für Familien-Anzeigpn am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Der Israel zerstreute, sammelt es... firmejahu 31, IO Rosch Haschanah 5698 Die Juden in den Ländern der Welt rüsten siclr zu den feierlichen und schweren Tagen des Monats Tischri. Wieder ist ein Jahr unserer an Ereignissen und Eindrücken so reichen Zeit abgelaufcn, und wieder fragen wir uns, wenn wir auf diesen Zeitabschnitt zurückblicken und uns die Perspektiven vergegenwärtigen, die in die Zukunft zu weisen scheinen: Ist die Zeit zum Feiern gekommen, sind wir in der s e e 1 i s c 11 e 11 Verfassung, uni uns über den Alltag zu erheben und Tage der Besinnung zu begehen? Vielleicht wird dieser oder jener unter uns diese Frage verneinen wollen. Dennoch steht sie schon deshalb nicht zur Diskussion, weil die Tage, die vor uns liegen, nicht willkürlich gesetzt sind, und weil auch die Feier als solche von den Juden als Gemeinschaft begangen wird, wie immer die äußeren Umstände des Lebens sein mögen. Wir empfinden in diesen Tagen vielleicht noch stärker als sonst, wie sehr das jüdische Volk über das ganze Erdenrund getrieben ist und wie die Zersplitterung des Volkskörpers nicht allein eine Angelegenheit der Demographie und Statistik ist, sondern sich im Leben des Einzelnen und der Familie auswirkt. Mehr noch als im gewöhnlichen Ablauf des Jahres gedenken in diesen Tagen tausende und zeimtausende jüdische Familien ihrer Söhne und Enkel, ihrer Bruder und Schwestern, die das Schicksal an andere Küsten und in andere Erdteile verschlagen hat, und das Juden- Schicksal des W a 11 d e 1׳ n s, das die Juden Deutschlands einige Generationen hindurch zu vergessen begönnen hatten, wird wohl von jedem unter uns deutlich gespürt. Auch in den Neujahrswünschen, die die Reichs Vertretung der Juden in Deutschland ausgesprochen hat, wird mit Recht auf diese Tatsache hingewiesen — eine Tatsache, die allerdings nicht allein zu wehmütigen Gedanken führen darf, sondern deren tieferer Sinn, deren Bedeutung für das Leben des Einzclnen erkannt werden muß. Wäre es so, daß wir wie ein Blatt vor dein Winde dem Schicksal preisgegeben wären, ohne Einfluß auf seinen Ablauf, ohne auch nur den Willen, es zu lenken und zu neuen Ufern zu führen, so wäre in der Tat der Sinn des Geschehens kaum zu verstehen, in das wir verstrickt sind. Dennoch glauben wir, daß die Generation unserer Zeit in allen ihren Teilen, wohin sie auch ihr Weg in der Welt führen mag, dazu berufen ist, an der Wiederauferstehung des jüdischen Volkes, an der Wiederbelebung der Herzen und der Wiedererstarkung der Hände Anteil zu haben. Das gilt nicht allein für diejenigen, die den Zugang zum Aufbau in Palästina finden konnten, sondern auch für alle anderen, wo immer sie an der Peripherie des jüdischen Lebens, die sich über das Rund der Erde erstreckt, stehen mögen. Wanderung und Eingliederung in eine neue Umgebung dürfen ja nicht allein bedeuten, daß der Einzelne in der Fremde festen Fuß faßt; es muß vielmehr so sein, daß überall in der Weit ״Kolonien jüdischen Geistes“ gebildet werden, die sich gewiß harmonisch in das Leben der neuen Heimat ein/.ufügen haben, aber dennoch ihre Eigenart bewahren müssen. Es ist leider so, daß man hier und da in Uebersee beobachten muß, wie einzelne jüdische Auswanderer aus Deutschland in die Irre gehen. Wer den Versuch macht, sein Judentum zu verbergen, wird dort nicht auf Achtung stoßen können, wo man selbst auf sein Wesen stolz ist, ja er wird eine traurege Figur abgeben, wenn er die Don Quixoterie begeht, sich als etwas auszugeben, was er nicht ist, und dort als ein ״Eingeborener“ zu erscheinen, wo er vorerst nur ein Zugewanderter sein kann, demgegenüber man gewiß hilfsbereit ist, ohne jedoch die Distanz völlig aufzugeben. Besonders in Nordamerika gilt es, diese Tatsachen zu erkennen, wird doch gelegentlich von einzelnen jüdischen Einwanderern aus Deutschland berichtet, die sich krampfhaft bemühen, ihre Herkunft zu vergessen, und am liebsten schon jetzt ״hundertprozentige“ Amerikaner wären. Dennoch sind solche Erscheinungen nur A u s n a 11 - men. Der Großteil der Menschen, die aus unserem Kreise in die Welt hinan sgegangen sind, hat eine tiefe Erschütterung seines Bewußtseins erlebt und will Träger lebendigen, selbstbewußten und eine Zukunft für sich ersehnenden Judentums sein. So schwer das Wanderschicksal für den Einzelnen und für viele Familien ist, die davon betroffen wurden, so tröstlich ist dennoch diese Tatsache, die dem Geschehen unserer Zeit einen Sinn im Gefüge der jüdischen Geschichte verleiht. * Die Erörterungen über das Judenproblem entzünden sich in der großen Welt um uns immer wieder an den Fragen Palästinas, ln wenigen Tagen wird sich in Genf der R a t d e s Völkerbundes mit ihnen zu beschäftigen haben. Man wird die Vorschläge des Peel-Berichtes auf der Basis des von der Mandatskommission erstatteten Gutachtens erörtern. England verfolgt dabei das Ziel, die grundsätzliche Zustimmung des Völkerbundsrates, die mit Stimmeneinheit gegeben werden muß, für eine Teilung des Landes und Aufgabe des Mandates in seiner bisherigen Form zu erreichen‘.' Es ist ein merkwürdiges Spiel der Geschichte, daß die prinzipielle Entscheidung über das Schicksal Palästinas im gegenwärtigen Stadium der Verbandlungen vom Völkerbund abhängt, jener Institution also, die zwar gewiß nicht in ihrer konkreten Form, dennoch aber in ihren letzten tragenden Ideen auf jüdisches Gedankengut zurückgeht. Die Visionen Jesajas von der Zukunft des Menschengeschlechtes haben ihren Weg durch die Geschichte u. <1. auch in die angelsächsische Frömmigkeit genommen und sind von dort aus in die Sphäre der Politik vorgedriingcn, wo sie einen — leider nur allzu menschlichen und darum mit vielen Mängeln behafteten — konkreten Niederschlag gefunden haben. Dennoch entbehrt es nicht des Interesses, daß auf diesem Wege das Schicksal des Heiligen Landes wiederum in eine gewisse welthistorische Berührung mit jenen ge״ waltigen Ideen gelangt, die in ferner Vergangenheit in seiner Atmosphäre entstanden sind. * Während so am Beratungstisch über das Schicksal Palästinas verhandelt wird, ist die Ruhe im Lande selbst wiederum aufs schwerste gefährdet. Am Vorabend der heiligsten Tage unseres Jahres sind in Palästina zahlreiche Attentate registriert worden, denen auch Menschenleben zum Opfer gefallen sind. Welch eine schwere Last für das Herz des Volkes, das instinktiv empfindet, wie unnötig diese Opfer sind! Wir Juden haben eine zu lange Geschichte voller Leiden, um nicht zu wissen, was menschlicher Schmerz und was die Tränen der Mütter wert sind, die um ihre enisordeten Söhne weinen. Wir lesen gerade in diesen Tagen z.war nicht von den Tränen um einen Einzelnen, aber darum nicht weniger ergreifende Worte, sind es doch die Tränen der Stammutter, die um das ganze Volk in seiner Verlassenheit weint: Eine Stimme ist in Rama zu hören, ein Wehgesang, ein Weinen der Bitternis. Rachel verweint sieh um ihre Söhne, weigert, sich trösten zu lassen um ihre Söhne, ach, keiner ist da! Diew Worte Jirmcjahns haben nicht weniger für unsere Zeit Geltung als fiir die Jahrhunderte der Vergangenheit, offenbart sich in ihnen doch das tiefste Der heutigen Nummer unseres Blattes ist eine Bildbeilage des Keren Kajemeth Lejisrael beigeiiigt, die von der Arbeit in Palästina, insbesondere in den Gebieten bei Beth Schan und im Galil berichtet, wo die jüdische kolonisatorische Tätigkeit in Zukunft verstärkt einset/cn soll. menschliche Verstehen um das Leid des Herzens, das ebenso sehr incnscliheitiicli gerichtet wie national bedingt, ist. Wir, die wir den Kampf um Palästina in jeder seiner Plinsen miterlelum, wissen, daß genug Opfer gebracht sind, und daß das Land den Frieden braucht, nicht allein um der Politik und der ruhigen Arbeit, sondern in erster Linie um der Heißgkeit des Lebens aller seiner Bewohner und int der Ruhe des Herreris willen. * Die Tage de-. Jahresbeginns sind fiir uns Juden nicht so sehr die Zeit eines Festes als Tage der Abrech innig Wir prüfen in ihrem Verlaufe unser m e n s c 111 i c 11 e s V e! 11 alte n. I )iesc Prüfung erstreckt sich nicht allein auf den Einzelnen, sondern auch auf die Gesamtheit. Dies ist im Grunde auch kein Gegensatz, sondern eines bedingt das andere. Die jüdische Gesamtheit wird nur dann frei von menschlicher Schuld bestehen können, wenn jeder Einzelne ihrer Angehörigen ein Träger der ״Humanitas“ ist. Der einzelne Jude seinerseits wird der Selbstprüfung nur in dem Falle standhaften, wenn er empfindet, daß die jüdische Gemeinschaft, der er angehört, in ihren Aeußerungcn und Handlungen nicht allein eng selbstisch sich offenbart, sondern daß sie als Ganzes die G e s e t z e der Ethik respektiert. Es ist der Stdlz des Zionismus, daß in seinem Kreise und für seine Lebenspraxis diese Gedanken eine Ausprägung in dem Wort vom ״Am-Adam“, dein Mensch- Volk gefiirnlen haben, dessen Eigenart es ist, daß es für sich selbst die Prinzipien der individuellen Sittlichkeit akzeptiert, und daß sein Wesen nicht denkbar ist, ohne daß der einzelne Mensch, der ihm augeliört, selbst Träger humanitärer Ideale und einer eben solchen Lebensfülmmg ist. Wir Juden wissen, daß wir von der Verwirklichung dieser Gedanken in unseren) eigenen 1 eben noch weit entfernt sind. Die Tage der Besinnung und der Abrechnung, die das neue Jahr einleiten, sollen ja gerade dazu dienen, uns Rechenschaft über den Mangel an Erreichtem zu geben und uiwereii Willen und unser Gefühl dafür zu stärken, was es in Zukunft zu tun gibt. Es ist in der Tat nicht einfach, solche Gedanken als Volk in unserer Zeit zu vertreten. Die Welt hallt von Kriegslärm wider, und vielleicht imcii schlimmer als dieser ist jenes Mißtrauen, das zwischen den Völkern und Menschen besteht und in jedem den Feind des anderen vermuten läßt. Wer das Weltgeschehen der letzten Jahrzehnte beobachtet hat, kommt in manchen Augenblicken zu dem Empfinden, daII die Saat der Feindschaft in den Menschenher/en selbst aufgegangen ist, und daß nicht allein der Wille einzelner Gruppen zu den Konflikten führt, die einmal liier und einmal dort auf dem Erdball ausbreehen, sondern daß ein tiefer Instinkt in den Völkern wach ist, der sie zum Kampf und zur Auseinandersetzung treibt. Wir wisseii nicht, ob diese pessimistisch stimmende Vermutung richtig ist. In jedem Falle aber steht für uns seihst fest, daß wir Juden als Volk den Frieden in d e r W e 11 ersehnen— wir, die in allen Kriegen der Weltgeschichte auf allen Seiten mitgelitten haben und die auch bei zukünftigen Konflikten ein solches Schicksal bedroht. Dennoch sind wir in die Händel der Welt verstrickt, und es mutet uns wie eine Ironie der Geschichte an, daß gerade dort und in dem Augenblick, in dem wir den Weg zu einem konstruktiven Neubau unseres Volkslebens beschritten haben, Blut fließt und Onfer fallen, die wir gewiß niemals wollten. * Das neue Jahr führt vielleicht eine neue Epoche der jüdischen Geschichte herauf. Es ist möglich, daß es in die Annalen unserer Geschichte als das Jahr der Staatsgründung eingeschrieben weiden wird. Wer Sinn für die innere Gegensätzlichkeit geschichtlicher Vorgänge hat, könnte meinen, daß aus all dem Chaos unserer Zeit, den

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