Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 69 (31.8.1937)
- Date
- 1937-08-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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:/ ן 1j Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAD Sehrif tleltonjj,V.rl«g n. AnMig»n».rw«H«Bg1 BarflsW 1», Farnrnf! »19031, Tel.gr »mm-Adr•««•! Orghlp. - Buuftprti• eio»*lieil1* Bestellgeld je Monel KM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, l>,i Abholung RM 1^8 biw. RM 537 — Postscheck * Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 11573!für GroB• Berlin), Berlin 17392 (für des übrige Reich). Io Fülle« häherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erncholot Juden Dienstag ■ad Frultog. BERLIN כ״ד אלול חרצ״ז DIENSTAG, 31. AUGUST 1937 GWtlgi Anx*lg«npr«lal!at• Nr* 9• Die 12 gespaltene Tnm-Z*?ilp 20 Rpf,, für FamUiea * N*chn«M®a 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Platzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit«• •nzeigeo nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck Konto Berlin 71618 oder bar Montag bi* Freitag 9—18 Uhr. Annahmesehlufi für die Dienatag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die F r e i t a ן - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien •Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Englands Juden und Palästina Tagebuch der Zeit Oer Adressat der Ballour•Deklaration ״Der Traum vom neuen Palästina** In der Zeitschrift ״Great B r i t a i n and t h e East“ vom 16. August findet sich unter der Uebcrschrift ״Die Teilung und die Meinung der englischen Judenheit“ ein Aufsatz von einem ungenannten Autor, von dem die Redaktion einleitend sagt, daß er eine amtliche Stellung innehabe und ungenannt zu bleiben wünsche. In dem Aufsatz wird ausgeführt, daß die Ansichten über den Zionismus sich gewandelt hätten; wahrend es früher viele englische ' Juden gegeben habe, die den Zionismus als gefährlich betrachteten, weil sie glaubten, daß er die bürgerliche Stellung der Juden in ihren Wohnländern beeinträchtigen könnte, sei es mit der Verschlimmerung der jüdischen Situation klar geworden, daß, wenn nicht irgendeine Heimstä*te gefunden würde, eine Tragödie unvermeidlich sein würde, wie sie in der langen jüdisehen Leidensgeschichte ohne Beispiel ist. Die Non-Zionists hätten sich daher enger an die Zionistische Partei angeschlossen und, ohne vor den Extremisten zu kapitulieren, sie finanziell und moralisch unterstützt, 11m das Nationalheiin zu einem wirtschaftlichen Erfolg werden zu lassen. Daß dieses Ziel erreicht worden ist, habe selbst der Bericht der Kgl. Kommission zugegeben. Jetzt aber stiinden wir vor neuen Problemen. Nach den Teilungsvorschlägen der Kommission sind selbst die Hoffnungen, daß Palästina, wenn nicht ein ״Nationalheim“, so doch wenigstens eine Zuflucht sein würde, völlig vernichtet. Der Autor geht dann auf die Kritik ein, die bei der Sitzung der Jevisli Agency an der englischen Verwaltung geübt worden ist. Es sei nicht seine Absicht,. Sie zu wiederholen, und man dürfe auch nicht glauben, daß sie von der englischen Judenheit gebilligt würde. Die strengsten Krjtiker waren die amerikanischen Zionisten, eine Tatsache, die den besonderen Zorn unserer Gegner hervorgerufen zu haben scheint, die es als eine Anmaßung betrachteten, daß ein amerikanischer Jude es wagte, die Haltung einer britischen Mandatarmacht zu kritisieren. Die Amerikaner, so schreibt der Verfasser, seien «ine merkwürdige Mischung aus Idealismus und Materialismus, und es dürfe nicht vergessen werden, daß sie Millionen Dollars für das Heilige Land gegeben haben, die nicht i'm Interesse der Amerikaner selbst, sondern zur Hilfe der elenden Einwo.hner des osteuropäischen Ghettos gespendet worden sind. Ihre Entrüstung, selbst wenn sie einen etwas undiplomatischen Ausdruck fand, über das, was sie als einen Verrat betrachteten, sei daher verständlich, wenn auch nicht zu rechtfertigen. Aber wir müssen Realisten sein und dürfen uns nicht von den beinahe schwarz malenden Leitartikeln einschüchtern lassen, die in gewissen Zeitungen erschienen sind und den Juden Englands mit schrecklichen Folgen gedroht haben, wenn sie es wagen sollten, die Haltung der Mandatarmacht zu kritisieren. Selbst der patriotischste Engländer müsse über ein solches Bekenntnis der Schwäche erstaunt sein wie auch über die Tatsache, daß, während 82 Juden getötet wurden, nur ein Araber abgeurtcilt worden ist, und den arabischen Beamten iin Dienst der Mandatarmacht ohne Entlassung oder Bestrafung gestattet wurde, öffentlich den Generalstreik zu billigen. Der Bericht selbst gibt zu, daß das elementare Recht auf staatlichen Schutz in vielen Fällen mangelhaft befunden worden sei. Obgleich die englischen Juden die Teilung im besten Falle für eine sehr unbefriedigende Lösung halten, können sie doch die Schwierigkeiten Englands verstehen; aber sie verlangen wenigstens, daß der Teilungsplan in einem Sinne überprüft wird, daß den Juden Gerechtigkeit zuteil wird und nicht wieder den wilden Forderungen der Araber nachgeben wird. Zugleich betont der Verfasser, daß ״wir nicht für einen Augenblick der Behauptung zustimmen können, daß freundliehe Beziehungen zwischen Arabern und Juden unmöglich sind“. Es gebe viele Beispiele glücklicher Zusammenarbeit zwischen jüdischen und arabischen Bauern, und es scheine unglaublich, daß zwei Nationen, die so eng verbunden sind, keinen modus vivendi in ^ineni Lande finden können, in dem sie gemeinsame Interessen besitzen. Es könne auch nicht oft genug wiederholt werden, daß keine Nation mehr durch den Krieg gewonnen habe als die Araber; daß ein Gebiet in der Größe Westeuropas jetzt aus arabischen Königreichen besteht, und das sic den Juden ein Gebiet mißgönnen, das nicht größer als Yorkshirc ist. Sowohl vom jüdischen wie vom englischen Standpunkt aus sei die vorgeschlagene Teilung völlig unbefriedigend. Der Verfasser erinnert an den Negew; es sei sicher im Interesse Englands, dies Gebiet dem jüdisehen Unternehmungsgeist zu überlassen, jüdisches Geld hi neinzulassen, um das Land fruchtbar zu machen und auf der Ostseite des Suezkanals einen befreundeten Verbündeten zu haben. Im Herzen der englischen Judenheit lebe noch der Traum« wie 1ie das neue Palistin* wünsche( daß ea das Nationalhelm werder, sollte umT tfm' sicbente Dom in Ion des britisches» Reiches. Unter der britischen Herrschaft würde ein autonomer jiidisdiej- Staat, der unter denselben Bedingungen stünde wie die anderen Dominions, eine Quelle des Stolzes für die Judenheit und eine Stärkung für das Empire in einem Teil der' Welt sein, wo ein solches Dominion von größtem Wert wäre. Die englischen Juden könnten aber auch nicht die so weit verbreitete irrige Auffassung anerkennen, daß. Palästina eine finanzielle Verpflichtung, für England gewesen sei. Es habe England noch keinen Penny gekostet. Die Kritiker seien daran zu erinnern, daß Palästina in jedem Jahr ein wertvollerer Abnehmer werde. Seine Käufe aus England nähern sich allmählich der Grenze von drei Millionen Pfund, und in Haifa hat England einen Hafen erworben, der die ganze Mittelmeerflotte aufnehmen kann. Zum Schluß weist der Autor auf die Bedeutung Palästinas für die hilfsbedürftigen Juden hin, für die es den einzigen Hafen der Sicherheit darstelle, insbesondere da die Tore der Vereinigten Staaten geschlossen seien, und auch die Dominions mit ihren gewaltigen freien Räumen aus verschiedenen Gründen keine Einwanderer aufnehmen. Es bleibt nur Palästina, d»s I and, auf das das jüdische Volk trotz aller Kritik einen unveräußerlichen Anspruch hat. Lord Lionel Walter Rothschild Am 27. August ist Lord Lionel Walter Roth- Schild nach langer Krankheit auf seinem Landsitz Tring Park in Herffordshire im Alter von 69 Jahren gestorben. Lord Lionel Rothschild war als Sohn von Nataniel Mayer de Rothschild, dem Freund König Eduard VII. und Gouverneur der Bank von England, dem als erstem Juden die Peers - Würde verliehen wurde, der .,zweite Lord Rothschild“. Sein Großvater war Lionel Nathan Baron de Rothschild, der erste Jude, der dem englischen Unterhaus angehörte. Mütterlicherseits war Lord Lionel Rothschild gleichfalls ein Abkömmling der Familie Rothschild. Er war ein Urenkel von Karl Rothschild aus dem Frankfurter Zweig der Familie. Lord Lionel Walter Rothschild ist am 3. Februar 1868 in London geboren. Nach Studien in Cambridge und Bonn promovierte er zum Doktor phil. Er hat sich später eingehend staatspolitischen Fragen gewidmet. Daneben arbeitete er intensiv auf dem Gebiet der zoologischen Wissenschaften, in Tring gründete er •ein Zoologisch es Museum, dem er auch seine berühmte entomoiogischc Sammlung cinverleibte. Eine 500000 Exemplare umfassende Vogelsammlung überwies er 1932 dem Naturhistorischen Museum in New York. Lord , Rothschild war Mitglied des Kuratoriums des Britischen Museums und Mit- Folc 2 Jüdisches Lexik״» (Jö‘11scR«»r Verlag Berlin) glied der 1660 gegründeten Royal Society, der Prinzen, Staatsmänner und Gelehrte von Ruf alle englischen angehören. In die Geschichte des jüdischen Volkes ist Lord Lionel Walter Rothschild als der Empfänger der Balfour- Deklaration eingegangen, in der am 2. November 1917 die Errichtung eines Nationalheims für das jüdische Volk in Palästina verkündet wurde. Bei der 1920 in London abgehaltenen zionistischen Jahreskonferenz hat er den Vorsitz geführt. Schon vorher hat er sich, dem Beispiel seines Vaters und Großvaters folgend, für jüdische Aufgaben eingesetzt und an allen Bestrebungen teilgenommen, die auf die Linderung jüdischer Not und die Wahrung der sozialen Stellung der Juden gerichtet sind, fm innerjüdischen Leben Englands hat er eine hervorragende Rolle gespielt. Er war bis vor drei Jahren Vizepräsident des Jewish Board of Depu t i es, ferner Vizepräsident der Ang 10-Jewish As soc 1 a t i o n und Präsident des Maccabaean Club. In den letzten Jahren hat Lord Rothschild auch an den Hilfsaktionen der englischen Judenheit zugunsten von Juden aus Deutschland hervorragend Anteil genommen. Mit der Hilfsarbeit für die luden Osteuropas war er als Mitglied des Kuratoriums und Vorsitzender der Exekutive der Jewish Health Organisation, der britischen Abteilung des Verbandes OSE für Gesundheitsschutz der Juden, verbunden. Seine parlamentarische Laufbahn hat der Verstorbene 1899 begonnen. Bis zum Jahre 1910 gehörte er als Abgeordneter der Liberalen Partei dem Unterhaus an. 1916 folgte er seinem verstorbenen Vater als Mitglied des House of Lords. Der Nachfolger des unverheirateten Lords und Erbe des Titels ist sein 26jähriger Neffe Victor Rothschild, der als Forscher auf biologischem Gebiete gearbeitet hat und jetzt im Bankhaus Rothschild and Sons in London tätig ist. Die Beisetzung Lord Rothschilds fand am Spnntagnachmittag auf dem Jüdischen .Friedhof in Wiliestcn' statt, wo sich die Familiengruft der Rothschilds befindet. Die religiösen Zeremonien wurden von Rev. H. Mayerowitsch und "r F«hraim Levine geleitet. Der Tod von Lord Lionel Rothschild erweckt die Erinnerung an die Zeit vor nunmehr fast zwanzig Jahren, als die Balfour-Deklaration publiziert wurde. Damals war es Lord Lionel Rothschild, an den sozusagen als ״Adresse der judenheit“ der berühmte Brief Baifours gerichtet wurde, den dieser im Namen und Auftrage des englischen Kriegskabinetts schrieb. Man hat in der letzten Zeit gelegentlich der Erörterung über das Palästina-Mandat darauf hingewicseii, daß die Balfmir- Deklaration nicht an die Zionistische Organisation allein gerichtet war, sondern an einen Mann, der sozusagen als Vertreter aller Juden galt, und daß man dadurch die Tatsache unterstreichen wollte, daß das Anrecht auf Palästina nicht einer wenn auch noch so wichtigen Gruppe des jüdischen Volkes gegeben werde, sondern der Gesamtheit der J u d e n. Lord Lionel Rothschild ist vom Schauplatz des Geschehens abgetreten in einem Augenblick, in dem die Grundlagen der Palästina- Politik Englands erneut umkämpft sind und in dem der Sinn dessen, was einst in der Balfour-Deklaration versprochen wurde, wieder erörtert wird. Der Empfänger jenes fiir die Geschichte des jüdischen Volkes so bedeutsamen Dokuments hat so gleichsam nur die Schwelle der neuen Epoche erblickt, die jetzt für Palästina und damit für die ganze jüdische Geschichte sich anzudeuten scheint. Esgliicbe Juden and die Palästinafrage Das Problem der Haltung der englischen Juden in der Palästina-Frage wird in einem bedeutsame« Artikel besprochen, der in der Zeitschrift des britischen Kolonialamtes ״Great Britain and t he East“ aus der Feder eines anonymen (jüdischen) Verfassers erschienen ist. in der Tat könnte es dem oberflächliehen Betrachter scheinen, als ergäbe sich für die britisehen Juden ein Konflikt infolge der Notwendigkeit, die britische Palästina-Politik vom jüdischen Standpunkt aus zu kritisieren, und andererseits Disziplin gegenüber den Maßnahmen ihrer Regierung zu wahren. Iler Artikel findet hierfür sehr gute Formulierungen, wenn er die höchsten Ideale des Zionismus mit der Wirklichkeit, wie sie sich jetzt im Bereiche der Politik darstcllt, konfrontiert, und wenn er insbesondere die Hoffnungen schildert, die gerade Juden, die britische Bürger sind, für die Zukunft Palästinas im Verbände des britischen Weltreichs hegen. Die Freiheit der Kritik, die durchaus maßvoll ist und sich im Rahmen dessen hält, was den Gewohnheiten der englisch-politischen Verhältnisse entspricht, wird demgegenüber als ein selbstverständliches Recht mehr oder weniger ausgesprochen gefordert und gegen einzelne Angriffe, die gegen die englische״ Juden in dieser Sache in der Presse erschienen sind, poleniisiert. Es ist besonders überzeugend, wenn die engere Verbindung der nichtzionistischen Kreise mit dein Palästina-Werk mit der Gefahr einer T ragödie des j üdi sehen Volkes begründet wird, die in diesem Ausmaße noch niemals das Schicksal der Juden überschattet und daher die Zusammenfassung aller Kräfte erfordert. Marlesbadar Zwischenspiel Während so alle verantwortlichen Kreise und Instanzen des jüdischen Volkes ihr Interesse darauf konzentrieren, die Gefahren abzuwenden oder nach Möglichkeit zu mildern, die die Fortsetzung unseres Werkes in Palästina bedrohen, hat sich gleichsam am Rande des Geschehens ein halb komisches, halb ernstes Zwischenspiel ereignet. Die Agudas Jisroel hatte nach Marienbad eine Tagung ihrer Kenessio Gcdaulo einberufen, bei der naturgemäß das Problem der Teilung Palästinas im Mittelpunkt der Debatten stand. Auch dort wurde ein Beschluß angenommen, in dem der Vorschlag des Peel-Berichtes abgelehnt, die Leitung der Agudas Jisroel jedoch zu Verhandlungen mit der Regierung und den! Völkerbund ermächtigt wird. Neben den offiziellen Beratungen der Tagung jedoch gingen Verhandlungen her mit dem Ziele, eine Einheitsfront gegen den Teilungsplan zwischen der A g u d a h und J a b 01 i n s k y s Neuzionistischer Organisation her/ustellcn. Es gab über diese Verhandlungen auch Diskussionen im Plenum der Tagung, und bei dieser Gelegenheit wurde von führender agudistischer Seite gesagt, daß es der Agudah darauf ankäme, ״dem Monopol der Zionisten ein Ende zu setzen“, und daß die Agudah mit jedem ein Abkommen schließen werde, der das gleiche Ziel verfolge. Die Agudah, so wurde weiter gesagt, ״kümmere sic h