Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 68 (27.8.1937)
- Date
- 1937-08-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653625-2653691--31184-2685779- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
30 8 1S37 Nr. 68 / Jahrgang 42 Pr®!■ 29 Rp5 JÜDISCHE RUNDSCHAU SchriftUItnng,Verlag n. Anials.nv.rwaltungi Berlin W1S, H1lnakub.il Feraraf■ 91 »031, Telegramm -Adreaie■ Orghlp. — Beiujiprrii «im«hlm61id1 BaatellgaM j« Monat RM 2,—, je Viprtol'Rhr RM 5,75, bei Abholung RM1 ,K8 bjw. RM 539. — PoiUchedc Konten der Vertrieb! - Abteilung: Berlin 71573 (für GraB- Berlin), Berlin 17392 (für de» übrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt beliebt kein Anspruch auf Nachlieferung oder Eratattang etwa schon geiablter Berujsgebühren. — Erschalttl Jeden Dlenatag and Freitag. BERLIN כ׳ אלול תרצ״ז FREITAG, 27. AUGUST 1937 GBitiffi AaxtlRMpreiiUit• Nr# 5. Die 12 gespaltene mm-Zeile 20 Rpf״ füf Familien ־ Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anteilen in bestimmten Ausjfaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9— 18 Uhr. Annahmeicfaluß für dl« Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die F r e i t « g . A u s g a b « Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tag vor Ersdheioen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Für Teilung mit ״Lehrzeit“ Das Gutachten der Mandatskommission — Der Vorschlag: Provisorische Kantonisierung oder besondere Mandate für beide Staaten Von Tagung zu Tagung Genfer Verhandlungen — Englands Rolle — Verständigung und Unruhe — Die Wirtschaftliehe Seite — Selbstbesinnung Während sich der Sommer seinem Ende zuneigt, ist die Fülle der jüdischen Tagungen noch nicht an ihrem Schlußpunkt angelangt. Nach Abschluß von Kongreß und Jewish Agcncy-Tagung sind in Zürich die Vertreter des Werkes der Jugend-Alijah zur Beratnng zusammengetreten. ln Paris ist eine Konferenz des ORT eröffnet worden, und demnächst werden dort Vertreter der Gesellschaft OSE, die sich mit dem Ge* sundheitsschutz der Juden beschäftigt, konferieren. In Antwerpen beraten die Vertreter der polnischen Ausland-Juden, während in Marienbad die Tagung der Kenessio Gedaulo, der Vcrtretcrversammlung der Agudas Jisroel stattfindet. Diese reiche Zahl von Konferenzen ist eine der merkwürdigen Ersclicinungen unseres jüdischen ״Kampfes mit der Geographie“, da es keinen anderen Weg gibt, um die Fragen des jüdiseben Lebens zu behandeln, als das Mittel der Tagungen. Sie sind nur ein schwacher Ersatz für ein natürliches Volks- und Gesellschaftsleben, da naturgemäß in den wenigen Tagen oder Wochen, die eine solche Konferenz dauert, der Beratungsstoff nur sehr unvollkommen ausgeschöpft werden kann. Das Interesse der jüdischen Oeffcntlichkcit ist allerdings im Augenblick weniger auf die Orte dieser verschiedenen Tagungen gerichtet als nach Genf. Dort hat ein Zwischenspiel begonnen, das für die weitere Entwicklung der Palästinafrage von größter Bedeutung werden kann. Es zeigt sich dabei, daß Genf im gegenwärtigen Stadium der Palästinafrage eine Bedeutung gewonnen hat, die weite Kreise der zionistischen Bevvegung bis vor verhältnismäßig kurzer Zeit nicht vorausgeseheii haben. Man war im allgemeinen im Zusammenhang mit der Skepsis, die in der Frage der Aktionsfähigkeit des Völkerbundes überhaupt herrscht, der Ansicht, daß das Schicksal Palästinas und des jüdisehen Aufbauwerkes im Lande letztlich nicht in Genf, sondern viel stärker in Jerusalem und London bestimmt würde. Diese Ansicht bestand ohne Zweifel insoweit zu Recht, als es sich um das Schicksal von Petitionen und Beschwerden handelte, die gegen die Durchführung des Mandates im einzelnen erhoben wurden. Dabei war der Vorgang in Genf vor der Mandats-Kommission wie im Völkerbundsrat gewiß auch von moralischer Bedeutung, aber nicht von schwerwiegenden politischen Folgen begleitet. Jetzt hat sich die Situation gründlich gewandelt. In dem Augenblick, in dem das Mandat als solches in Frage gestellt ist, muß der Völkerbund politisch aktiv werden, da er es ist, der als Träger der Institution des Mandates über sein Schicksal zu bestimmen hat. Der Bericht, den die Mandats-Kommission des Völkerbunds für den Völkerbundsrat erstattet hat und über den ein Inhaltsauszug bekanntgegeben wurde, ist für uns von außerordentlichem Interesse. Einmal kann man aus ihm herauslesen, daß in der vorsichtigen Form, wie sie der Genfer Atmosphäre entspricht, Kritik an der Durchführung des Mandates geübt wird. Besonders gilt dies von der Frage der Unruhe 11. Hierzu erklärt die Kommission, sie sei nicht ganz davon überzeugt, daß es unmöglich gewesen sei, früher energischere Schritte zu tun, um den bewaffneten Widerstand zu brechen. Auch in der Aeußerung, mit der sich die Kommission grundsätzlich auf den Boden des Peel- Berichtes stellt, klingt ein leichter Ton der Resignation mit; die Mandats-Kommission hat nämlich das jetzige Mandat aus dem Grunde auch ihrerseits für undurchführbar erklärt, weil es von der Kgl. Kommission und der britischen Regierung als un durchführbar anerkannt wurde. Sie ist damit einer eigentlichen sachlichen Beurteilung dieser Frage aus dem Wege gegangen und hat sich auf den Standpunkt gestellt, daß die Anerkennung der Undurchführbarkeit durch die Mandatsregierung einen Zustand schaffe, der nicht mehr zum Status quo hin revidiert werden könne. Was die Frage des Teilungsvorschlags anbelangt, so hat die Kommission zwar das Prinzip der Teilung akzeptiert, gleichzeitig jedoch vorgeschlagen, daß die beiden neuen Staaten, die in Palästina geschaffen werden sollen, einer ״politischen Lehrzeit“ zu unterwerfen sind. Die Durchführung dieses Gedankens stellt sie sich entweder in Form einer provisorischen Kantonisierung Palästinas oder aber besonderer Mandate für jeden der beiden Staaten vor. in einem Kommentar Ein von der Informationsabteilung des Völkerbundes ver■ öffentiiehtes Communiauc über die außerordentliche Pa■ lästinatagung der Mandatskommission teilt folgendes mit: ״Der Bericht der Mandatskommission enthält: i. die vorläufige Meinungsäußerung der Kommission über das Palästinaprohlem; 2. allgemeine Bemerkungen über die Unruhen von 1936 und die von der Mamlatarmacht ergriffenen Schritte und 3. besondere Bemerkungen über die V e r w a 11 u n g des Lande s. In ihrer Aeußerung ii b e r d i e Unruhen anerkennt die Mandatskommission die Schwierigkeit, die der Verbinderung dieser Unruhen im Wege standen, erklärt aber, sie sei nicht davon überzeugt, daß es unmöglich gewesen sei, früher energischere Schritte zu tun, um den bewaffneten Widerstand zu brechen. Andererseits erklärt die Kommission, daß die Unruhen eine gespannte politische Atmosphäre geschaffen haben, durch die die Schwierigkeiten ihrer Unterdrückung vermehrt wurden. In ihrer vorläufigen Meinungsäußerung über die Zu■ k u 11 f t Palästinas gibt die Kommission nach einem Hinweis aut die ihr erteilten Informationen, die Vorschläge und die politische Erklärung der Mandatarmacht, eine kurze Zusammenfassung der Vor- und Nachteile aller in Betracht kommenden Lösungen des Problems. Hie Kommission erklärt, daß das Anwachsen des Antisemitismus einerseits und das Anwachsen des arabischen Nationalismus andererseits dazu beigetragen habe, die Schwierigkeiten der Mandatarmacht bei der Aufrechterhaltung des notwendigen Gleichgewichtes zu erhöhen. Gleichzeitig habe eine gewisse Tendenz der Politik der Palästina- Verwaltung dazu geführt, daß sich unter den Arabern die Ueberzeugung verstärkt hat, sie würden die jüdische Ein- Wanderung durch Gewalt aufhalten können. Die Kommission erklärt, daß das jetzige Mandat an dem Tag undurchführbar geworden sei. an dem es von der Kgl. Kommission und der Britischen Regierung als undurchführbar anerkannt wurde. Es müssen darum neue Wege gefunden werden. Die Kommission bringt ihre Sympathie für den Gedanken zum Ausdruck, daß die Heiligen Stätten einem Sonderregime unterworfen werden, solange dies mit § 28 des Mandates (in dem die mögliche Beendung des Mandates in Betracht gezogen wird) in Einklang steht. Wenn der Teilungsplan durchgeführt werden soll, hängt sein Erfolg nach Ansicht der Kommission mehr von zu diesem Vorschlag, den die ״Times“' alsbald nach seiner Veröffentlichung gegeben hat, wird diese zweite Alternative als ein guter Vorschlag begrüßt, wenn auch zugleich die Befürchtung ausgesprochen wird, er könnte die Verbitterung und das Mißtrauen von Juden und Arabern verlängern. In der Tat würde die Aufrechterhaltung eines derartigen Mantlatsregimes für die beiden im Prinzip und verwaltungsmäßig bereits getrennten Staaten den Vorteil mit sich bringen, daß insbesondere die Frage der Sicherheit ihrer Grenzen und das Problem ihrer auswärtigen Be- Ziehungen in gewissem Maße erleichtert sein würden, da der Mandatar, England, dann die Verantwortung auf diesem Gebiete noch weiter tragen müßte. Hinzu kommt, daß, wie es in der Erklärung der Mandatskommission heißt, der Zeitpunkt für die Aufhebung der beiden Sondermandate nicht der gleiche für beide Staaten zu sein braucht, so daß also Mandats-Regierung und Völkerbund die Möglichkeit haben, die innere Reife eines jeden der beiden Staaten, seiner Regierung und Bevölkerung zu prüfen. Die Frage der Beziehungen des arabischen Staates zum jüdischen, das Problem der Sicherheit der Grenzen des jüdischen Staates und der Bercitschaft eine Verständigung über gemeinsame Lebensprobleme ganz Palästinas in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht zu treffen, dürfte möglicherweise zu den Kriterien gehören, die für die Beurteilung der endgültigen Aufhebung des Mandates über den Araberstaat dienen können. Dennoch wird man nicht verkennen dürfen, daß die Verlängerung eines Zustandes der Unklarheit, wie er mit diesem Gedanken der Lehrzeit verbunden ist, seine Bedenken in sich trägt. Das positive Element an den Vorschlägen der Peel-Kommission war ja gerade, daß in einer verhältnismäßig nahen Zukunft eine endgültige Regelung des Problems eintreten soll, durch das jedem der beiden Bevölkerungsteile Palästinas seine beiden Hauptforderungen sichergestellt werden, nämlieh Freiheit zur Eigenentwicklung und Sicherheit gegen Majorisierung durch den anderen Partner. Durch eine Verlängerung des Ueberden gegenseitigen Beziehungen zwischen Ju• den und Arabern, als von der vereinbarten territorialen Lösung ab. Wie klug und gerecht die schließlich« Grenz- Ziehung sein mag, sie wird auf die gleichen einander gegensätzlichen Tendenzen stoßen, die die Mandatarmacht als Hauptursache der Undurchfiilirbarkeit des Mandates ansieht. Die Kommission spricht sich zwar zugunsten des Grundsatzes der T e i I u n g aus, teilt jedoch nicht die Meinung, daß die beiden Staaten sofort geschaffen werden sollen, da dies zu vielen Schwierigkeiten inneren und äußeren Charakters führen könnte. Darum glaubt die Kom* mission, daß es notwendig ist, die politische Lehrzeit der beiden Staaten zu verlängern Diese Lehrzeit kann durch eine der folgenden beiden Möglichkeiten verwirklicht werden: 1. Provisorische Kantonisierung. der zufolge die beiden Staaten weitgehende innere Autonomie und die Befugnis der Einwanderungsregelung hätten, jedoch In Fragen der nationalen Verteidigung, der auswärtigen Be- Ziehungen, der Zölle usw. unter der Aufsicht der Mandafarrnacht bleiben würden; oder 2. besondere Mandate für jeden der beiden Staaten, bis zu der Zeit, in der Anzeichen vorhanden sein werden, daß sie geeignet sind, sich selbst zu regieren. Dieser Zeitpunkt braucht nicht der gleiche für beide Staaten zu sein.;Zum Schluß zollt die Mandatskommission der Mandat armacht Anerkennung für ihre Bemühungen während der letzten zwanzig Jahre, die in Palästina miteinander im Streit stehenden feindlichen Leidenschaften zu beschwichtigen. Die Jude 11, die so oft zu Unrecht ungeduldig sind über die Schwankungen der Mandatarmacht bei der Errichtung des Natioualheims, mögen sich fragen, ob es ein anderes Volk in der Welt gibt, von dem sie eine bessere Behandlung erfahren haben, und das sich um sie so viele Generationen lang so verdient gemacht hat. Die Araber andererseits, deren Widerstand verstandlieh ist, mögen sich an den Beginn ihrer nationalen Befreiurig erinnern. Ohne die Bemühungen Englands gebe es weder ein Jüdisches Nationalheim noch einen freien Araber- Staat am Anfang des 20, Jahrhunderts.“ gaiigszustandes konnten nur allzu leicht Befürchtungen wieder wach werden, daß diese beiden Gedanken von Freiheit und Sicherheit doch nicht ernsthaft verwirklicht werden. Noch viel mehr gilt dies natürlich von dem Vor* schlag einer provisorischen Kantonisierung, die alle Nachteile der Teilung mit sich bringt, ohne doch die Vorteile einer Staatsbildung in sich zu schließen. Der Peel-Bericht selbst hat dies sehr klar erkannt. Der Völkerbundsrat, der am 9. September Zusammentritt, wird nunmehr auf Grund der Aeußerung der Mandats-Kom* mission, die naturgemäß keinen bindenden Charakter besitzt, sondern nur einen Ratschlag darstellt, seine Be* Schlüsse zu treffen haben. In diesem Zusammenhang muß man dem auch von der ״Times“ hervorgehobenen Schlußteil des Berichtes der Mandats-Kommission auch unsererseits Beachtung schenken. Es wird dort bei aller Kritik, die die Kommission ausgesprochen oder zwischen den Zeilen an der britischen Mandatsverwaltung geübt hat, die Leistung Engl a nds für die E n tw i c k 1 u n g P a I ii s t i n a s, sowohl für das Jüdische N a t i o n a 111 e i m w i e für den Fortschritt der arabischen Unab* h ä 11 g i g k e i t s s a c 11 e gewürdigt. Auch wir müssen gerade in einem Augenblick, in dem ein großes Maß an Kritik an England geübt worden ist, diese Tatsache uns ins Gedächtnis rufen. Dr. Weizmann hat bei seiner Schlußrede auf der Council-Tagung der Jewish Agency Worte an die Adresse Englands gesprochen, die Beachtung verdienen. Die Anwesenheit Englands in Palästina und der Wille des britischen Volkes, dieses Land zu entwickeln, haben uns bis zu dem heutigen Punkt gebracht, der gewiß unbefriedigend ist, wenn wir auf die Ereignisse der letzten Vergangenheit zurückblicken, der aber dennoch einen gewaltigen Fortschritt gegenüber einer Zeit, die noch in unser aller Erinnerung ist, bedeutet und in Palästina die Grundlage eines Natioualheims geschah fen hat, das im jüdischen Leben ein erhebliches Schwergewicht hat und den Ausgangspunkt für eine weitere