Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 63 (10.8.1937)
- Date
- 1937-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Rr.M / Jahrgang 42 Pf•!• 25 Rpt JÜDISCHE RUNDSCHAU CWtlgi AmtliwpnliHtU Nr. i. Die 12 *espaHeoe mm Zeile 20 Rpfn ftr Familien * Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme vorn Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Pützen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*» anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck: י Konto Berlin 71618 oder bar Moatag bis Freitag 9—18 Uhr. AnnahmeschluB für die Dienstag *Ausgabe Montag 10 Uhr, für die» Freitag ►Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien •Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt (Dr das indische Volk die Schaffung einer Öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) fidutftlaUang.VarUg u. Anx®lg*nv«rwaU»ngt BnrllnW t§, M«!nak«atr,10 ftrarnf! 919031» TologrammoAdros■•! Orghlp. — Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,8$ bxw. 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Die Umwandlung des Kongresses in eine politische Kommission hätte nur dann einen Sinn gehabt, wenn dadurch ein beschleunigtes Verfahren mit strenger Sachlichkeit, ein wirkliches Durchdenken der Materie, Behandlung von delikaten Einzelfragen des künftigen Judenstaates usw. gefördert worden wären. Die großen Kongreßreden der üblichen Generaldebatte, die sich oft wenig von bloßen Versammlungisreden unterscheiden, wären auf diese Weise überflüssig geworden. Aber wer das erwartet hatte, wurde grimmig enttäuscht. Die Debatte hinter verschlossenen Türen ist, wie deutlich aus den ausführlichen Communiques hervorgeht, die der Öffentlichkeit übergeben werden, nichts anderes als die Generaldebatte früherer Kongresse. Das zeigt sich auch in der äußeren Aufmachung. Man hat den alten Weg der mechanischen Zuteilung der Redezeit nach einem Parteischlüssel gewählt. So kommt es, daß zwar viele Redner die. Befriedigung haben, sprechen zu können, daß aber der Hörer (oder in diesem Falle, soweit das Publikum in Betracht kommt: der Leser der Communiques) 'sich des Eindrucks einer endlosen Wiederholung derselben Gedanken und Argumente nicht erwehren kann. Die Frage, um die es sich handelt, war schon vor drei Tagen abstimmungsreif, als die politische Debatte begann. Wenn überhaupt jemals, so ist es in diesem Falle notwendig, nicht künstliche Kompromißformein zu drechseln, die nachher nach Belieben gedeutet werden können, sondern eine klare Direktive zu geben. Denn da im Peel-Bericht die Zionistische Organisation als eventueller Vertragspartner für einen Staatsvertrag betreffend die Bildung des künftigen Judenstaates in Palästina genannt worden ist, muß man wissen, ob sie bereit ist, eine solche Rolle zu übernehmen. In der Debatte stehen sich vorläufig zwei Anschauungen schroff gegenüber: die Neinsager schlagen vor, England zur strikten Durchführung des Mandats zu veranlassen, obwohl nach dem gegenwärtigen Stand England erklärt hat, daß das Mandat undurchführbar ist; die Jasager plaidieren für die Vollmachten an die Exekutive entsprechend dem Antrag, den Wcizmannzu Beginn des Kongresses in seiner öffentlichen Rede eingebracht hat. Weizmann hat während der Debatte noch in einer zweiten Rede deutlich auseinandergesetzt, was die Exekutive von der Regierung noch fordern will, bevor sie sich endgültig zum Teilungsplan positiv stellt. Seine Darlegungen fanden im Kongreß größte Aufmerksamkeit, aber es besteht eine gewisse Skepsis, ob wirklich alle diese Postulate durchzusetzen sind, und manche Teile des Kongresses fürchten, daß die Exekutive auch ohne Erfüllung sämtlicher Bedingungen sich schließlich mit einer Teilung einverstanden erklären könnte. Es besteht daher, wie immer bei Kongressen, das Bestreben, die Exekutive durch möglichst viele Bedingungen zu binden. Die Fronten sind ziemlieh festgefroren, und niemand erwartet wohl, den Gegner wirklich zu überzeugen. So kann rnan sich den Weiterlauf der Debatte nur psychologisch erklären als den Versuch, Zeit zu gewinnen, tim doch eine Kompromißformel zu finden, die einen möglichst großen Teil des Kongresses befriedigt. Dabei muß rühmend hervorgehoben werden, was Weizmann in seiner Basler Rede vom Sonntag gesagt hat: daß dieser Kongreß wirklich frei ist von persönlichen Kämpfen und Schärfen. Es geht wirklieh jedermann um die Sache, und da es sich um eine sehr schwerwiegende Entscheidung handelt, finden die Bedenken jeder Seite größten Respekt auch auf der Gegenseite. Um eine Beendigung der Diskussion vorzubereiten, wird in den Fraktionen und Gruppen die Möglichkeit einer solchen Resolution beraten. Im Vordergrund des Interesses steht gegenwärtig der Entwurf der Arbeiter-Partei, der auch schon in der Lokalpresse ,veröffentlicht war, Dieser Entwurf besteht etwa aus folgenden Punkten: Der Kongreß muß an dem internationalen völkerrechtlichen Charakter des Jüdischen Nationalheims festhalten und auch für die Zukunft eine derartige Sicherung anstreben. Die Exekutive soll ermächtigt werden, unter Beibehaltung des Mandats während der Zeit der Verhandlungen informative Verhandlungcn zu führen, um fcstzustellen, welche Bedingungen bei der Errichtung des Judenstaats auf einem Teilgebiet Palästinas erzielt werden können. Diese Aufklärung ist einem neu gewählten Kongreß zu unterbreiten. Bis dahin hat die Exekutive nicht das Recht, weder sich selbst noch die Zionistische Organisation in bezug auf dieses Projekt zu binden. Dieser Entwurf hat eine ziemlich günstige Aufnahme bei den anderen Parteien gefunden, und es ist anzunehmen, daß ungefähr auf dieser Linie ein Kompromiß erzielt werden wird, dem auch ein Teil der gemäßigten Neinsager zustimmen wird. Im Vordergrund der Erörterungett steht gegenwärtig die Frage, ob es sich wirklich empfiehlt, daß zur endgültigen Entscheidung ein Kongreß neu gewählt wird, oder ob es nicht richtiger wäre, den jetzt gewählten Kongreß zu einer neuen Session einzuberufen. Es wird geltend gemacht, daß die Wahlen zu diesem Kongreß noch vor Erscheinen des Peel-Berichtes durchgeführt worden sind, so daß die Kandidaten nicht unter dem Gesichtspunkt ihrer Stellungnahme zum Teilungsplan gewählt werden konnten. Daher müßten für den Kongreß, der über den Teilungsplan zu entscheiden haben w׳ird, Neuwahlen stattfinden, bei denen jeder Kandidat deutlich zu sagen hat, ob er für oder gegen ist. Wenn man sich freilich klar macht, daß bis zu dieser endgültigen Entscheidung voraussichtlich noch mehralsein Jahr verstreichen dürfte, dann wäre das praktische Ergebnis eines solchen Beschlusses, daß der nächste Kongreß vielleicht etwas früher als nach Ablauf von zwei Jahren zusammentreten müßte. Zur Behandlung der Resolution ist eine Kommisston eingesetzt worden, die ursprünglich 24 Mitglieder umfassen sollte, dann aber auf 48 vergrößert wurde. Diese Resolutions-Kommission soll gleichzeitig die Rolle spielen, die bei anderen Kongressen die Politische Kornm 1 s s i o n hatte. Damit hat der Kongreß also seinen eigenen Schritt, das Plenum zur politischen Kommission zu erklären, ad absurdum geführt. Die Kommission, die bereits heute, Montag vormittag, zusammentrat, hat den Letzte Meldung Vor der Abstimmung RW, Zürich, Montag Nachmittag (telephonisch) Montag Vormittag wurde die Debatte in der üblichen Form fortgesetzt, ohne daß sie irgendwelche neuen Gesichtspunkte ergab. Das Interesse des Plenums ist schon ziemlich erlahmt. Der Schwerpunkt ist jetzt in die Fraktionen und Kommissionen gerückt, insbesondere in die politisehe Kommission, die heute den ganzen Tag arbeitet. Mart rechnet damit, daß in der Nacht eine Vollsitzung des Kongresses stattfindet, bei der Lord Melc lieft und Weizmann sprechen werden. Ob diese Sitzung der Oeffentlichlichkeit zugänglich sein wird, wurde noch nicht bekanntgegeben. Im Anschluß daran soll dann die Abstimmung in der Nacht oder morgen früh über die von der politischen Kommission vorbereitete Resolution vor sielt gehen. Inzwischen wurden in einzelnen Fraktionen Probeabstimmungen vorgenommen. So zum Beispiel ergab sich in der Gruppe A eine ziemlich große Mehrheit für die Anträge der Exekutive. Dagegen stimmten u. a. die Delegierten der Hadassah aus Amerika, die der Gruppe A angehören. Ein Vorschlag von Dr. Hans Friedenthal, die Debatte im Plenum abzubrechen, da keine neuen Gesichtspunkte mehr zutage kommen können, wurde mit 116 zu 77 Stimmen abgelehnt, so daß die Debatte weitergeht. Auftrag bekommen, bis zur Naehfsifzung von!teilte abend oder spätestens Dienstag früh einen Entwurf für eine Resolution, die die politische Debatte ab* schließt, dem Kongreß vorzulegen. Dies ist deswegen notwendig, weil Dr. Weizmann Dienstag nach Gen! fährt und bei seinen Unterredungen mit der Mandats- Kommission dieser die Meinung der Zionistischen Organisation mittcilen muß. Es ist unmöglich, daß Dr. Weizmann eine solche Aufgabe übernimmt, ohne daß der Kongreß einen klaren Beschluß gefaßt hat. Weizmann wird ohnedies in einer ähnlichen Position sein wie der englische Kolonialminister, der gleichfalls nicht mit einem endgültigen Beschluß des Parlaments kommen konnte, sondern das Recht erhielt, die Vorschläge der Regierung weiter erörtern zu lassen, ohne aber das Parlament zu binden. Auch der Kongreß dürfte sich, wie aus dem erwähnten Resolutionsentwurf hervorgeht, das Recht Vorbehalten, nach Abschluß aller Verhandlungen die endgültige Entscheidüng zu treffen. Ob die beabsichtigte Resolution tatsächlieh noch Montag abend zur Abstimmung kommen wird, läßt sich schwer beurteilen, kann aber bezweifelt werden. Immerhin ist es vom Gesichtspunkt eines Fortgangs der Arbeiten zu begrüßen, daß durch Weizmanns Abreise ein äußeres Druckmittel geschaffen wurde, das zu einer Beschleunigung nötigt. •Nach Abschluß der politischen Debatte und nach der Abstimmung über die politische Resolution zum Peel- Bericht wird, wie ein Mitglied des Präsidiums ankündigte, der Kongreß in seine ״normale“ Arbeit eintreten. Es werden dann, nachdem eine volle Woche verstrichen ist, die Kommissionen für alle Einzelfragen mit ihren Resolutionsanträgen vor das Plenum treten. In dieses zweite Stadium dürfte der Kongreß am Dienstag eintreten. Inzwischen wurde am Sonntag in Basel eine erhebende Erinnerungsfeier an den I. Kongreß abgehalten. Wenn in dem Kampf des Tages oft die Gemüter erhitzt sind und die Atmosphäre nicht immer sehr erfreulich ist, so wirkte ein solcher Rückblick auf die große heroische Zeit des Zionismus, die allen in gleicher Weise teuer ist, ausgleichend und erhebend. Die Fahrt nach Basel war ausgezeichnet organisiert, es gab einen überfüllten jüdischen Extra-Zug, auf dessen Waggons hebräische Aufschriften zu lesen waren, und die Veranstaltung im Stadtkasino hatte äußerst feierliche Momente, so zum Beispiel als die Fahne des 1. Kongresses der Exekutive übergeben wurde, wobei Dr. Weizmann daran erinnerte, welchen Eindruck es auf ihn gemacht habe, als beim 11. Kongreß (1898) eine Schweizer Prozession, die gerade am Stadtkasino vorbeizog, ihre Fahne vor der jüdischen Fahne respektvoll gesenkt hat. Das, so sagte Weizmann unter begeistertem Jubel der ganzen Versammlung, werden wir dem Schweizer Volk nie vergessen. Auch die schweizerischen Behörden und die lokale Presse haben sich zu der Veranstaltung überaus freundlich verhalten und mit einem gewissen Stolz darauf hingewiesen, daß der Zionismus durch sein Basler Programm mit der Stadt Basel untrennbar verknüpft ist. Die Feier war ein Moment tiefer Erschütterung, 14pweht von dem Hauch der Historie. Auch wer nicht zur Sentimentalität neigt, fühlte das Einzigartige und mcnschlieh Ergreifende der Situation: alt gewordene Männer versammeln sich an der Stätte, wo sie als sorglose Jünglinge in die Zukunft geträumt, und sehen die Träume Wirklichkeit werden und die Jungen von heute am Werke des Aufbaus. Die Feier erhielt noch einen besonderen Reiz dadurch, daß an demselben Tage der 74. Geburtstag des Kongreß- Präsidenten Ussischkin war. Der Glückwunsch, den ihm Dr. Weizmann aus diesem Anlaß öffentlich aussprach, wurde lebhaft akklamiert. Nach dieser sonntägliehen Feier trat der Kongreß am Abend des gleichen Tages wieder in Zürich in seine Arbeiten ein, (Bilder von der Basler Feier bringen wir auf Seite 3 der heutigen Nummer. Red.) ,Wir geben umstehend den Verhandlungsbericht.