Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 61 (3.8.1937)
- Date
- 1937-08-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU AUS DEM REICH Nr. 61, 3. AUGUST 1937 Kölner Chronik Von unser«« Berichterstattern Zionistisches Leben. Am 22. Mai fand ein Oneg Schabbat unter dem Motto .,Vor dem Kongreß“ statt. Kurt Bing referiert« über aktuelle Probleme in Palästina. Dr. Gerhard Buetow las Stellen aus älteren Kongreßreden vor. — Am 26. Mai sprach Assessor Georg Guthmann, Düsseldorf, über das Thema: ״Der Schekel als Baustein der jüdischen Zukunft“. — Am 7. und 8. Juni lief der Film ״Hatikwah“. Am Klavier spielte Julius Goldberg. Es sprachen zum Film Assessor Georg Guthmann, Düsseiaorf, Dr. Albert Kramer, Köln, Dr. Gerhard Buetow, Köln. — Am 24. Juni sprach Dr. Michael T r a u b, Berlin, über das Thema: ״Vor der Entscheidung“, vor etwa 500 Besuchern. Seine Rede wirkte sehr stark und löste großen Beifall aus. — Am 13. Juli sprach Dr. Fritz Ikenberg, Düsseldorf, über das Thema ״Judenstaat «der Nationalheim? — eine aktuelle Gedenkrede zum 33. Todestag von Theodor Herz!“, Der Chor der Bünde sang unter Leitung von Julius Goldberg drei hebräische Lieder. — Im Arbeitskreis sprach am 20. Juli Kurt Ooldmaiui über die rechtlichen Grundlaten des Mandats. — Am 11. Juli sprach zu den Führern der ünde Direktor Dr. Klibansky, der Leiter des Jawne- Gymnasiums, über das Thema ״Hellenismus und Judentum“. Künstlerisches Leben. Im Kulturbund Rhein-Ruhr gab es noch kurz vor Toresschluß zwei Erstaufführungen. Molieres ״George Dandin“ wurde etwas überstürzt herausgebracht, nicht ganz dem Stile der französischen Komödie gerecht. Die Darsteller waren unter der Regie Frankelrroons bemüht, sich, so gut es ging, zu Behaupten. Sugfestiv stellte Alfons Fink in der Verkörperung der Titelrolle as Menschliche dieses Bauerntvps iri reicher Skala der Empfindüngen auf die Buhne. Mit ihrem sprühenden Temperament spielte Ruth F e s t e r s e n die junge und hübsche Frau Angelique. Als eleganter Clitandre trat Heinz Friedeberg auf. Julius Köhlers Herr von Soter.ville hatte prächtige Nuancen, ln den übrigen Rollen bewährten sich: Erna Conn (Lorenz), Kurt Schindler, Emmy Samuel (Merkel) und Julius Butkowsk v. Eigens wohl nur für laue Sommernächte erdacht, war das Lustspiel ״Bob macht sich gesund“ von Axel Ivers, das der Kulturbund in köstlichem Ensemblespiel herausbrachte. Friedl M ü n z e r ergänzte mit entzückendem Charme die lange Kette ihrer .,Salonschlangen“. Ausgezeichnete Chargen boten Frätikel-Froon als Gatte, Ruth F e s t e r s e n als keckes Dienstmädchen und Heinz Friedeberg als fescher Draufganger. Der Liederabend von Ernst Wolff erzielte einen starken Erfolg. Der Sänger begleitet seine Darbietungen selbst am Flügel, Hierdurch entsteht naturgemäß ein etwas zwiespältiger Eindruck und der Wunsch bleibt offen, ihm die Möglichkeit zu freierer Entfaltung auf dem Podium zu bieten, so daß die hemmerde Seibstbegleitung, die in jedem Falle der Atmung hinderlich ist, fortfällt. Mit starkem musikalischem Intellekt verbindet sich bei Ernst Wolff ein Gefühl für ausdrucksvolles Gestalten und ein besonderes Sprach- und Vortragstalent. Die umfangreiche Programmfolge des Abends umfaßte u. a. das Arioso von Händel, die Pierröt-Lieder von Max Kowalski, sowie die Schneiderarie aus Brülls ״Goldenem Kreuz“. Als letzte Vorführung irn Juli bot der Kulturbund einen Konzertabend mit Annie Steiger-Betzak. Diese Geigerin beweist vornehmen künstlerischen Geschmack. Ihr Spiel ist durchaus nicht auf Virtuosität um ihrer selbst willen angelegt. Sie verfügt über einen blühenden, auch größter Zartheit fähigen Ton, über ungewöhnliche Musikalität und einen Vortrag, der keineswegs des Persönlichen entbehrt. Stilvoll und beseelt bewältigte sie die Sonate für Klavier und Violine Op. 44 von Beruh. Sekles. Wir hörten ferner in ausgezeichneter Wiedergabe: Kreislers Konzert C-Dur im alten Stil, von Jos. Achron ״Sternpcnyu-Suite“, Ravels ״Piece et Forme de Habanera“, Rimsky-Korsakow-Hartinanns ״Hummelflug“, Leclairs Sarabande, den Slavischen Tanz von Dvoräk-Kreisler und die Scherzo-Tarantelle von Wieniawski. Ais sicherer Begleiter waltete Kurt He ine mann am Flügel. Der Beifall war stürmisch. Noch erwähnenswert wäre das letzte Konzert der ״Jüdi sch cu Kunstgemeinschaft Köln“. Die vortreffliche Pianistin Ilse Saß und der Baritonist Julius Lenz vereinigten sich zu einer wolilgelungencn Nachmittagsveranstaltung, Die Darbielungen fanden herzliche Aufnahme. F, J. Professor E. L. S u k e n i k sprach am 26. Juli im Gemeindesaal Cäciüenstraße vor vollbesetztem Hause. Nachdem der Vorsitzende der Vereinigung Jüdische# Fehrhaus, Gemeinderabbmer Dr. Kober, den Redner begrüßt hatte, hielt Prof. Sukenik seinen Vortrag über die Ausgrabungen in Palästina. An Hand von Lichtbildern sprach er über die wichtigen Entdeckungen und Funde, die auf der Berghöhe von Schomron (Samaria). (Lieber den Inhalt wurde bereits anläßlich des Berliner Vortrags Sukeniks in Nr. 57 berichtet.) Dr. Kober gab dem Dank der Zuhörer am Schlüsse Ausdruck, indem er gleichzeitig Professor Sukenik herzliche Wünsche für das Gedeihen des an der Universität Jerusalem errichteten jüdischen Museums aussprach. Künstlerisches und geistiges Leben Mannheim. Das abgelaufene Halbjahr des Jüdischen Lehrhauses hat trotz der starken Auswanderung eine Abnähme der Hörerzahl nicht gebracht. Die Kurse in Iwrith haben leider eine starke Abnahme zu verzeichnen, während die Kurse in Englisch ständig zunehmen. Von Vorlesungen, die allgemeines Interesse fanden, seien erwähnt: Dr. Grünewald ״Wege, die die Juden nicht gingen“; Professor Dr. Bilfigheimer ״Wandlung der Gebetsauffassung von Mendelsohn bis zur Gegenwart“. Das Lehrhaus in Mannheim ist wohl das einzige in Deutschland, das schon seit mehreren Semestern einen Kurs über hebräische Kurzschrift unter der Leitung von Studienrat Wetzler gibt. Arbeitsgemeinschaften für die Jugend und die Feier von Freitagabenden sind wie in den vergangenen Semestern auch für das kommende Halbjahr vorgesehen. Dr. O. S. Zionistisches und Gemeindeleben Aschersleben. Dr. Erich Hirschfeld ist mit seiner Familie nach Eres Israel übergesiedelt. Damit verliert die ZOG. und die Geineinde Ascherslebcn einen Menschen, der der zionistischen Sache selbstlos gedient hat. Lieber 30 Jahre ist Dr. Ilirschfeld Zionist. Er hat die hiesige ZOG. gegründet und geleitet und die Jüngeren in die Sprache unseres Volkes eingeführt. Am 23. Juli nahm die Gemeinde mit einer Feier in der Synagoge von ihm Abschied. Den Gefühlen gab Vorbetcr Adler in ergreifenden Worten Ausdruck. Bochum. Die ZOG. veranstaltete am 5. Juli eine HerzFBialik-Gecletikieier. In der schön dekorierten Synagoge sang und rezitierte die Zion. Jugend auf Bialik und Ilerzi bezugnehmende Lieder und Gedichte. Die Gedenkrede hielt Rabbiner Dr. Alfred Philipp, W.-Elberfeld. ׳— Am 20. Juli sprach in der ZOG. Dr. Ncubcrger, Düsseldorf, über: ״Die Kgl. Kommission hat gesprochen — Das Wort hat das jüdische Volk“. — Im August findet jeden Donnerstag, 20.30 Uhr, Wilhelmstr. 16, Heimabende der ZOG. statt. Karlsruhe. Am 15. Juli sprach Dr. Georg Josephthal iiber das Thema: ״Die König!. Kommission hat gesprochen — das Wort hat das jüdische Volk“. Kassel. Am 30. Juni sprach Walter Bacher in der Zionistisehen Ortsgruppe über das Thema ״Herzl und Bialik als Erzieher des jüdischen Volkes“. — Am 21. Juli sprach Landrabbiner Dr Geis über das Thema ״Jüdischer Glaube — Zionistische Wirklichkeit“. Barmlrwah-Termin! Am 7. August (30. Aw): Adolf Dombrower, Sohn von Georg Dombrower, Stolp (Pommern). Erzählende Literatur Jean Gfono: ״Taube BliHen“. Vier Novellen. — Bermann- Fischer-Verlag, Wien. Giono hat für die Lebenshaltung, die sich in seinen Werken ausdrückt, noch mehr als für die Weltbetrachtung, die sich in ihnen ausspricht, eine frühe Klassizität erreicht. Er ist zu einem exemplarischen Menschen des Jahrhunderts geworden. Er hat für sich und, da er auch ein exemplarischer Dichter ist, ebenso für unsere Zeit die Dämonie und die Idyllik der Natur zu einer Einheit verschmolzen und dadurch ein menschliches und kfinstlcrisches Kraftzentrum gewonnen, aus dem sich mit einer literarischen Form auch die menschliche Gestalt, nämlich seine eigene^ in wahrer Größe aufbaut und erneuert. Nicht er kehrt — ä la Rousseau — zur Natur, sondern die Natur kehrt zu ihm zurück. Er macht die Natur nicht zu einem menschlichen Wesen, sondern den Menschen zu einem Natur¬ HALBERSTADT Dienstag, den 3. August 20.30 Uhr, Konferenzsaal der Jüdischen Schule RABBINER ISI BROCH Dis religiöse Renaissance in Erez Jisrael Zlonlelleeh« Virelnfgung, Halb*r.«dt wesen. Er gibt dem Sentiment das Elementare des Wachstums zurück. Davon zeugen auch diese vier kurzen Novellen, denen man gerne einen weniger bildlosen Gesamttitel als ״Taube(?) Blüten“ gewünscht hätte. Zwei von ihnen kreisen um Mensehen, die aus gespenstischen Schicksalen in übertragische Situationen hinaufwachsen, eine betrifft den ״verwundeten“ Wald und die letzte ein erlegtes Wild, in dessen Geblüt, Gebein und Gedärm der ״Große Pan“ noch einmal stirbt. Es sind vier Gedichte in Prosa, aber sie sind mehr als Gedichte — denn sie verdichten Leben und Sein schlechthin bis zu einer — man möchte widerspruchsvoll sagen: zarten Drastik, an deren Rändern und Abgründen der große Flügelschlag des Tragischen von ferne hörbar wvrd. Doch die Schönheit des Schmerzes und des Leidens überwindet, über״mannt“ das Tragische... hs. Colette: ״Die Katee“. Mit 14 Zeichnungen. Zeitbild-Verlag, Wien-Leipzig. Dieser neue Roman von Colette Ist die Geschichte einer Ehe, die zerbricht an einer Katze, die der Mann in die Ehe mitbringt und durch die sich die innere Leere dieser Ehe, die Verschiedenheit von Mann und Frau enthüllen. Jwan Bunin: Das Dorf. Uebersetzung aus dem Russischen von Arthur Luther. — Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1936. Ein Buch über den russischen Bauern der Vorkriegszeit, mit solcher Feinheit und Musikalität gezeichnet, wie es wenige gibt. Man spürt am Anfang eine gewisse Schwerfälügkeit der Sprache, aber bald merkt man, auch das gehört dazu, um den Typ des russischen Bauern zu verstehen. Alles, wie es Bunin gibt, ist voller Leben und starker Anschaulichkeit. Man atmet die Atmosphäre des ״Dorfes“; seine Gestalten, besonders die von Kusma Krasnow, der Hauptperson des Buches, treten einein spürbar gegenüber. Kusma ist Autodiktat und versucht auf seine Art mit dem Leben fertig zu werden. Er verschlingt alle Bücher vollkommen wahllos und kommt mit nichts zu Rande. Er versteht sein Leben nicht zu meistern. Nach vielen Jahren des Herumzieheiis als Kaufmann kehrt er in sein Heimatdorf zurück, alt, verbraucht, müde und ohne Kampfwillen. Er beobachtet die Dorfbewohner und kann sein Leid und das ihrige, das Leid des ganzen russischen Volkes nicht verwinden. Julius Vogel: Der Ewige Wind, Roman. — Bermann-Fischer Verlag, Wien 1937. Diesen Roman muß man in einem Zuge genießen, er ist in fesselnder und besonders erdnaher Sprache geschrieben. Wie in einem bunten, von leuchtenden Farben schillernden Bilderbuch kommen die Romangestalten dem Leser entgegen, und man empfindet ihre volkstümliche Kraft und Ursprünglichkeit. Wenn Vogel auch etwas zuviel Psychologie : mithineinverwebt,,so stört es nicht sehr; der Wille, die Men;/1 sehen des einsamen Dorfes, ihre Schicksale in allen Tiefen und Untiefen vor uns entstehen zu lassen, ist zwingend und verfehlt auch nicht die Wirkung. Ein junger Landarbeiter muß seine Heimat an der Nordsee verlassen und verdingt sich als Knecht bei einem Bauern im Gebirge. Er versteht zu arbeiten, erwirbt auch nach kurzer Zeit die Liebe eines Mädchens aus dem Dorfe. Sie bekommen ein Kind, und mit verdoppeltem Arbeitseifer, um bald selbst Haus und Hof zu haben und Marie heiraten zu können, vergräbt er sich in seine Arbeit. Marie, zuerst sehr glücklieh mit Kristian, fühlt sich aber im Dorf nicht mehr am richtigen Ort, da sie das Stadtleben früher kennengelernt hat. Ihre Sehnsucht ist die Stadt mit ihren vielseitigen Abwechslungeil und Vergnügungen. Sie fängt eine Liebele! mit einem früheren Schulfreund an. Kristian erfährt es, und in einem furchtbaren Anfall von Schmerz, Eifersucht und dem Trieb, sich selbst ganz herunterzubringen, versucht er Marie zu töten. Er bringt es aber nicht fertig. Marie trennt sich ohne Zorn von ihm, um in die Stadt zu gehen, und läßt ihm das Kind. Er glaubt zuerst, nicht ohne sie das Leben ertragen zu können, hofft aber dann, sie später, wenn er auf eigener Scholle steht, aus der Stadt in ihr Haus holen zu können. Ch. F. Höchste. 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