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Jüdische Rundschau · 1937-07-23 · Heft 58 (23.7.1937) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 58 (23.7.1937)
Date
1937-07-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 58, 23. JULI 1937 Religiöse Jugend siedelt Die Entstehung einer Siedlung in zwölf Stunden Kibbuz Rodges auf neuem Boden Text und Aufnahmen von Dr. Nach um GidaL Am späten Nachmittag eines ganz gewöhnlichen Wochen• tages wird es in dem sonst so ruhigen ßeth Alpha sehr jebendig. Im Verlauf von einigen wenigen Stunden kommen immer wieder hochbeladene Lastautos und vollbepackte Pferdefuhrwerke angefahren. Der Nachmittagszug bringt Gäste aus dem ganzen Land. Diesmal keine gewöhnlichen Touristen, sondern Arbeiter, geübte Facharbeiter. Eine große Gruppe kommt aus Rod• ges, dem Kibbuz des Hapoel Hamisrachi bei Petach Tikwah. Aridere kommen aus Kfar Baruch, aus Kfar Chassidim, aus allen Orten, wo Mitglieder des Hapoel Hamisrachi, der Vereinigung gesetzestreuer Arbeiter Palästinas, leben und arbeiten. Aber auch aus den anderen Siedlungen des Emek Jesrcel treffen Facharbeiter ein, um an dem Werk dieses Tages, dem Aufbau einer neuen Siedlung, mitzuhelfen. Beth Alpha ist der Sammelpunkt für alle, die morgen hinausziehen, zur Besetzung eines neuen Ansiedlungspunktes in Südosten von Beisan, der für 160 bis 200 Menschen des Hapoel Hamisrachi bestimmt ist. Die neue Siedlung wird Tirath Zwi heißen, nach Rabbi Zwi Kalischer, dem Gründer der Hapoel Hamisrachi-Bewcgung. Auf einem weiten Platz vor Beth Alpha werden die Vorbereitungen getroffen. Einige Arbeiter bereiten Stacheldrahtreiter zum ersten Schutz der neuen Siedlung vor. Andere beladen ein Lastauto mit Proviant für die erste Woche. Ein Turmgerüst von zwei Meter Höhe wird zusammengesetzt, der Scheinwerfer aufmontiert. Tischler arbeiten an den llochbepacki fahren die Autos zum Siedlungspunkt i*!, '/ ״.öl ־” ’-?VtSäSrz» st:•»! k Schutzwänden, die am Bestimmungsort nurmehr aneinander- | g«reiht und mit Chazaz (einer Mischung von kleinen Steinchen) ausgefüllt zu werden brauchen, um sicheren Schutz gegen Gewehrkugeln zu geben. Bis in die späte Nacht hinein arbeiten hunderte Mensehen unter der Anleitung der Fachleute ruhig an den Vorbereitungen, bis alle Lastautos fertig beladen nebeneininder, fahrtbereit aufgefahren sind. Schwere Wolken ziehen in geringer Höhe den Gilboa entlang und verdecken Mond und Sterne. Der Scheinwerfer Von Beth-Alpha leuchtet den Berghang und die Ebene ab. Die Projektoren von Ejn-Charod, von Schatta, von Tel- Amal und von Hassadeh herüber geben Antwort. Die Vorbereitungsarbeiten sind beendet. Müde sitzen einzelne Gruppen auf dem Boden zusammen. Es wird kaum gesprochen. Man hört nur das Rauschen des Windes in den Bäumen und das Ticken des Morse-Apparates, der nahebei seinen Standort hat und mit Tel-Amal Nachrichten wechselt. * Nach dem Abendessen versammeln sich die Gäste mit den Mitgliedern des Kibbuz Beth-Alpha zum festlichen Zusammensein im großen Saal. In der Mitte des Raumes sind zehn Tische zu einer riesigen quadratischen Tafel zusammengerückt. Große Schalen mit Mandeln und mit Trauben aus den Weingärten Beth-Alphas stehen darauf. Auch Flaschen mit Wein. Man sitzt auf Bänken rings um die Tafel. Ein 'Junge wirft auf die leere Innenfläche des Tischquadrates große Sträuße roter Blu.i en. Einige alte Chawerim von Beth- Alpha sprechen zu den neuen Siedlern, die nach langjährigem Warten morgen nun auf ihren Boden gehen werden. Das neue Gebiet liegt 20 krn von Beth-Alpha entfernt, 20 km also von dem nächsten jüdischen Siedlungspunkt. Von Beisan aus sind es noch 12 km. Ueber 200 m unter dem Meeresspiegel liegt die neue Siedlung. Das bedeutet Schwere gesellschaftliche und klimatische Bedingungen. Das bedeutet aber auch einen verantwortungsvollen Posten im Kampf des jüdischen Jischuw um das Land. Lieder beschließen die kurze Feier. Die wenigen Stunden bis zum Morgengrauen sollen zum Schlafen genutzt werden. Plötzlich ertönt eine helle Knabenstimme. Sie beginnt das ״Hawa nagitah“ zu singen. Und in einem einzigen Augenblick haben hunderte Menschen einander die Hände Altes Haus in Tirath Zwi wird von den früheren ara• bischen Bewohnern übernommen. Kore» Htjenod-Arthi» (2) 1:*•• ■<m auf die Schultern gelegt, in einem einzigen Augenblick wandelt sich die ernstgestimmte Versammlung in einen großen gemeinsamen, tanzenden Kreis. Er wird immer größer, bis die Horra jeden erfaßt hat und jubelnder Gesang wie von einer einzigen gewaltigen Stimme den Raum erfüllt. Erst um Mitternacht löst sich die Kette der Tanzenden. Soweit die Betten nicht reichen, sind jyif dem Heuboden über dem Kuhstall für die Gäste Strohlager bereitet, auf denen man nun einige Stunden ruht. Beim ersten Morgengrauen wecken uns die Schom- 1'im von Beth-Alpha. Nach dem Waschen versammeln sich die Mitglieder des Kibbuz Rodges zum Morgengebet. Danach erfolgt ein letzter Appell. Die Aufgerufenen besteigen die Lastwagen, die an den Seiten mit Panzerplatten ausgelegt sind. Alle Gäste werden zurückgewiesen. Auch mir gelingt es erst nach langem Verhandeln, einen Platz auf dem Wagen zu bekommen. Unterwegs allerdings, auf offener Landstraße, entdecken wir auf einem der Lastwagen einen blinden Passagier, dem es zwischen den' StaCheldrahfrollen und Zementsäcken ungemütlich geworden war. Er hat sich ins Freie gearbeitet und winkt uns zu. Unter allgemeinem Gelächter wird er auf ein anderes Auto übernommen. Es ist ein dicker Weinprüfer aus Rischon-le-Zion, der eigens Ferien genommen hat, um bei der Ansiedlung seiner Freunde dabei zu sein. Die Fahrt geht zuerst am Fuße des Gilboa entlang, dann in gerader Linie ostwärts. Aut dem Wege begegnen uns Autos mit Schomrim und jüdische Hilfe- Polizisten zu Pferde. Sie bewachen die Strecke. Vor Beisan sammelt sich die Autokolonne, um geschlossen durch den Ort zu fahren. Männer, Frauen und Schulkinder kommen Auf den Ruinen der alten Wand wird die neue errichtet aus ihren Häusern gelaufen und schauen staunend den Wagen nach, die da hochbepackt mit Menschen und Baumaterial kurze Zeit nach den Unruhen durch den Ort fahren, in dem als eines der letzten Opfer der z u vertrauensvoll zurückgekehrte jüdische Arzt Dr. Lehrs ermordet worden ist. Aber ehe sie noch recht zur Besinnung kommen, ist die Autokolonne wieder in einer riesigen Staubwolke ver* schwunden. Von Beisan ab geht der Weg abwärts. Wir fahren jetzt auf dem Teilabschnitt Beisan—Jericho des biblischen ״Derech ha־Mclcch“. Im Sommer ist das ein guter fahrbarer Weg. Im Winter aber wird liier ״Boz“ sein, tiefer Schlamm, in dem jedes Auto stecken bleiben rnuß. Noch zweimal fahren wir durch arabische Orte, Smaria und Farwan. Bei Farwan geht der Weg wieder ostwärts, hinab in die Jordansenke. Kurz vor dem neuen Siedlungspunkt liegen einige Gehöfte, die deutschen Siedlern aus Sarona gehören. Dann kommt eine Versuchsstation der Regierung für die Araber, wo Bananen, Granatäpfel, Oliven und andere Pflanzlingsarten gezogen werden. Daneben liegt die arabische Polizei- Station Khumeizir. Nochmals biegen wir vom Weg ab und fahren das letzte Stück, einen holperigen Feldweg über Wiesen und Wassergräben. Vor uns, gegen den Jordan zu, liegt ein weitgestrecktes fortähnliches Gebäude, umschlossen von einer Mauer. Es ist das Kastell eines Verwandten des Mufti, des Staatsanwaltes der palästinensischen Regierung Musa Almi. Am frühen Morgen des heutigen Tages wurden in An- Wesenheit von Regierungsbeamten die letzten Formalitäten der Besitzübergabe erledigt. Nun gehören Gebäude und Boden von 1000 üunam Fläche dem Keren Kajcmcth, der sie J. Gordon vop der Agencp begrüßt die arabischen, eng• lischen und jüdischen Gäste. Links neben ihm Leib Jaffa יי' י ■ dem Kibbuz Rodges zur sofortigen Besitznahme und Be• Siedlung übergeben hat. Rings um den üutsliot sieht man eine Anzahl von Beduinen zelten und Herden. Im Osten senkt sich der Boden zum Jordan, der in einer Entfernung von zwei Kilo* metern hinter einer Waldung vorbeifließt. Dahinter ziehen sich in einer geraden Linie die transjordanischen Berghöhen von Giiead hin. Im Westen schließt das Gebirge Efraim das Landschaftsbild ab. Im Süden sieht man bei klarem Wetter bis in die Gegend von Jericho, das 75 km entfernt im Jordantal liegt, Tirath Zwi ist die südlichste der jüdischen Siedlungen des Jordantales. Weit im Norden liegt de* nächste jüdische Ort Beth Josef. Während dieser Berieht geschrieben wird, kommt bereits die Nachricht, daß in der nächsten Nachbarschaft von Tliirat Zwi zwei weitere jüdische Siedlungen zwei Tage später in derselben Weise aufgebaut worden sind. Die Autos halten. Vom ersten Wagen springen die Schomrim herunter und verteilen sich über das Gelände, Die anderen Insassen der Wagen folgen mit ihren Arbeite* geraten sofort nach und gehen an die schon vorher be* stimmten Plätze. Einige mähen mit ihren Sensen die Distelfclder ab. Andere tragen bereits Stacheldralltrollen hinterher und beginnen Sekunden später mit dem Einschlagen der Eisenpflöcke und dein Anlegen der Zäune. Ein Lastwagen verläßt die Kolonne und fährt zur Nordostecke der Mauer aus Lehmzicgeln, die den Hof umgibt. Zementsäcke werden; ' ~י׳ /.Tg' ■ wSmM *81118? ■■■ ■;4r. Links: Der letzte Appell vor, der Abfahrt von Beth Alpha nach Tirath Zwi (int Hintergrund der Gilboa). — Rechts: Die Lastautos sind in Tirath Zwi angekommen. Sofort begeben sich die Schomrim und Polizisten an die vorherbestimmten Plätze, Inzwischen werden die einzelnen Arbeiten verteilt Foto«; k. Gid,1 (4)

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