Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 55 (13.7.1937)
- Date
- 1937-07-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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14. 7.133 / tfr. SS / Jahrgang 42 Preis 25 RpL JÜDISCHE RONDSCH SArtftlaltang,Verlag >1• AinljtnnnvaiUniii BarllaW IS, Malnakastr.lt Farnrafi 919031, Telegramm•Adraaaa 1 Orghlp, — Bezugspreis einschließlich Bestellgeld Je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 539. — Postscheck - Konten der Vertriebs * Abteilung Berlin 71573 (für CroB. Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). 10 Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebührea. ־־ Emchel»t Jeden Dienstag and Freitag« BERLIN אב תרצ״ז *n DIENSTAG, 13. JULI 1937 Gftltlgt Anselgenprelaliite Nr, 5• Die 12 gespaltene mm •Zeile 20 Rpf., für Familien Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet Gelegenheitsanzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck •Konto Berlin 71618 oder har Montag bis Freitag 9—18 Uhr. AnnahmeschluB für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die F reitag ־ Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien ■ Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Helmst&tte in Palästina. (Baseler Programm) Die Aufnahme in der Welt Juden und Araber ablehnend, öffentliche Weltmeinung wohlwollend Spekulation über Kompromißmöglidikeiten Berichte aus England, Palästina, Amerika, Frankreich, Polen u. a. Wie vorauszusehen war, hat der Bericht der Königlichen Kommission über Palästina in der ganzen Welt ein überaus lebhaftes Echo gefunden. Die ganze Weltpresse hat sieh, meist in Leitartikeln, mit dem Bericht beschäftigt, vor allem widmete natürlich die englische Presse der Sache besondere Aufmerksamkeit, im allgemeinen kann man sagen, daß die meisten Blätter mehr referierend allgemeine Betrachtungen anstelle»; die englische Presse stimmt mit Ausnähme der wenigen minder wichtigen Organe, die in dieser Sache irgendeine bestimmte Sondermeinung haben (7. B. daß England das Palästinamandat nie hätte annehmen sollen), dem Bericht und den Konklusionen der Peel-Kommission weitgellend zu. Man merkt deutlich die Erleichterung darüber, daß jemand die Kühnheit hatte, aus diesem schwierigen und — wie im stillen fast alle überzeugt sind — verfahrenen Problem, einen radikalen Ausweg zu weisen. Freilich merkt man auch schon einen Unterton der B e - sorgnis, oh die künstliche Konstruktion der Teilung Palästinas auch d 11 r c h f ü 11 r b a r sein wird. Charakteristisch hierfür ist eine Bemerkung der konservativen Londoner Wochenschrift ״Spcctator“, die schreibt, ״die Erinnerungen an die Resultate von Versailles lassen einen den Mut der Männer bewundern, die bereit sind, in einem so Kleinen Land wie Palästina sowohl einen Korridor als auch zwei neue nationalistische Staaten zu schaffen“. Nicht weniger als die Sache selbst findet auch die Reaktion Interesse, die der Bericht bei Juden und Arabern hervorgerufen hat. Einsichtige sind sich darüber klar, daß die offiziellen Sprecher beider Parteien die Vorschläge mit Entschiedenheit 111 r ii e k w e i s e n müssen. Man hat ja schon gelernt, dafi diese zur Schau getragene Koinpromißlosigkeit zur inneren Logik des modernen N a t i 0 n a I i s m 11 s gehört, Arabische oder jüdische Führer, die nicht in erster Linie die vielen schweren Gebrechen, die die Peel-Vorscliläge für jedes der beiden Völker mit sich bringen, hervorkehrten und mit Leidenschaft dagegen protestierten, würden nur zum Objekt innerer Kämpfe werden, sie würden als ״Verräter“ abgcstompelt werden, und in der Tat wird schon berichtet, daII am letzten Freitag in den Jerusalemer Moscheen Zettel angeklebt waren, die den angeblich dem Teilungsvorschlag geneigten Nashashibi als Verräter brandmarkten. Prompt beschloß die Nashashibi- Partei eine Kundgebung gegen die Teilung. Es gehört schon außerordentlicher Charakter dazu, die Uripopularität seiner eigenen Ueberzeugung auf sich zu nehmen (und es ist überdies meist auch praktisch unwirksam). Die gesamte arabische und jüdische Presse Palästinas weist den Vorschlag zurück; die Ein wände von jüdischer Seite liegen auf der Efand, und es ist begreiflich und berechtigt, daß sie mit aller Entschiedenheit vorgebracht werden. Die Vorschläge der Peel-Kommission, sollten sie verwirklicht werden, würden nicht nur die jüdische Entwicklungsmöglichkeit im Lande und das Ausmaß der Einwanderung beeinträchtigen, sondern auch dem jüdischen Volksgefühl schwere Wunden schlagen, und diese psychologischen Wirkungen wären vielleicht noch trauriger als die effektiven. Aber was ist praktisch zu tun? Im ersten Moment müssen die Affekte das Wort haben, die Enttäuschung muß sich Luft machen; aber ״bei zweiter Uebcrlegung“, wie die Engländer sagen, muß jeder einsehen, daß bloße Ablehnung nichts nützt, sondern daß ein Alternativ Vorschlag gemacht werden muß, der a!111 e h m - barer ist. Der High Commissioner hat in seiner Rundfunkrede all Juden und Araber appelliert, sie mögen den Peel- Bericht einem gründlichen Studium unterziehen, bevor sie ein endgültiges Urteil fällen. Bis Jetzt dürften nur sehr wenige zu einem solchen Studium Zeit gefunden haben, aber auch bei flüchtiger Durchsicht findet man, daß der Pcel-Bericht seihst eine Reihe von Vorschlägen für den Fall der Beibehaltung des Mandates (also der Ablehnung des Teilungsvorschlages) macht. Im zweiten Teil des Berichtes werden fast zu jedem Punkt derartige eingehend begründete Reformvorschläge gemacht, und es ist für den jüdischen Leser sehr interessant, daß dabei in vielen Fragen der Vergangenheit der jüdische Standpunkt gebilligt wird und scharfe Kritik an den Methoden der Verwaltung geübt wird, z. B, bei der Behandlung versehiedener Bodenfragen (Beisan, Kabara usw.). Aber die meisten Ratschläge, die die Kommission im Rahmen des Mandates gibt, werden von den Juden sicherlich als unannehmbar bezeichnet werden. Vor allem aber ist die Kotnmission in dem entscheidenden Punkt, der leider, weil besonders dornig und unangenehm, bisher auch von den Engländern bagatellisiert wurde,* zu einem völlig pessiin istischen Urteil gelangt: sie glaubt nicht, daß es möglich ist. eine gemeinsame palästinensische Nation zu schaffen, weil sowohl Juden als auch Araber ausschließlich ihren eigenen nationalen Zielen nachgehen, nicht aber einem übergeordneten Gesamtinteresse des Landes: es gibt in diesem Sinne keine palästinensische Staatsidee, sondern nur jüdische bzw. arabische Nationalziele, auf die auch die ganze Erziehung der jungen Generation beider Völker ausgerichtet ist. Daher wäre nach Meinung der Kornmission jede im Rahmen des Mandates versuchte Lösung zum Scheitern verurteil(, ja, würde nach den Worten der Rundfunkrede Lord Peels zur Katastrophe führen. Ob zwei kleine Nationalstaaten, die dauernd miteinander im Konflikt zu leben drohen, eine bessere Lösung darstellen, wird von vielen bezweifelt werden. Eines aber ist sicher: eine wirkliche Widerlegung der Peelvorschläge vor der unparteiischen öffentlichen Meinung der Welt wäre nur dann erfolgversprechend, wenn in diesem von allen als entscheidend empfundenen Punkt das Gegenteil nach ge wiesen werden könnte: nämlich, daß ein paliistinensischer Staat, der beide Völker umfaßt, dennoch möglich ist, und daß beide Völker ihn einem salomonischen Urteil des Schwertstreiches, der das Kind der Mutter in zwei blutende Teile teilt, vorziehen. Es wäre Unseres Erachtens unrichtig, wenn sieh die jüdische Ocffentlichkeit, nachdem ihr der Peel - Bericht vorliegt, darüber täuschte, daß hier und nirgends anders der springende Punkt zu suchen ist. Niemand wird bei gründlicher Lektüre des Blauhuches den Mitgliedern der Kommission das ehrliche Bemühen absprechen können, die Probleme des Landes zu verstehe!!, und niemand wird leugnen können, daß sie sehr viele wichtige Punkte richtig gesehen und gut formuliert haben. Aber wie viele Menschen werden den Bericht wirklich lesen? Die Volksmeinung bei Juden und Arabern wird sieb vermutlich auf Grund von Schiagworten bilden. Das wäre überaus bcdauerlich, denn sowohl bei Juden als auch bei Arabern müßte, wenn eine Hoffnung auf die Abwendung des Unglücks der Teilung bestehen soll, eine intelligente und weitblickende Gruppe vorhanden sein, die versucht, durch gemeinsame Bemühung das Land in seiner Unversehrthe't zu bewahren. Mit bloßen Protesten wird dies nicht gelingen, besonders da die Engländer auf dem Standpunkt stehen, daß die einander entgegengesetzten Proteste von Juden und Arabern einander algebraisch ״aufheben“. Die Berichterstatter der englischen Zeitungen bemühen sich eifrig, hinter der Wand der öffentlich protestierenden Stimmen die weniger sichtbaren, nur durch private Aeußerungen erreichbaren Elemente zu entdecken, die zu Kornpro missen bereit wären. Der Berichterstatter der ״Times“ behauptet z. ß., daß führende Araber, mit Eine Erklärung Mussolinis Die Londoner ״Times“ vom 9. Juli berichtet folgendes: Vor einigen Tagen hat Außenminister Eden den Italien!- sehen Botschafter Graf Grandi empfangen, um ihn über die bevorstehende Veröffentlichung des Peel-Berichtes zu informieren und die Hoffnung ausgesprochen, daß die 11 a - lienlsche Regierung eine Möglichkeit sehen wird, in der Sache mitzuhelfen, indem unfreundliche Radio- Kommentare vom Sender Bari vermieden werden, Mussolini schlug darauf den ungewöhnlichen und bezeichnenden Weg ein, seine Antwort in Form einer persönlichen Botschaft an Mr. Eden zu übersenden. Diese Botschaft wurde dem Außenminister von Graf Grandi übermittelt. Sie besagt, daß die italienische Regierung alle möglichen Schritte getan hat, um Edens Wunsch entgegenzukommen und in einem freundschaftlichen Geiste ihr Bestreben, die Situation zu erleichtern, zu zeigen. Eden sprach seitens der britischen Regierung seinen Dank für diese Botschaft aus. (Der Sender Bari sendet regelmäßig Radiovorträge in arabisuier Sprache, worüber schon mehrmals im englischen Unterhaus debattiert wurde.) denen er sich unterhalten hat (die Namen dieser ״\ erräter‘* können natürlich nicht genannt werden), die I eilimg zwar mißbilligen, aber nicht z u r ii c k ־״ eisen. Sie hätten vielmehr gegen das Projekt in seiner heutig e!1 G e st alt verschiedene Einwendungen, vor allein wehren sie sich g e g e 11 d i e E i 11 b e / i e 11 11!1 g v 0 11 tr a 11 z (i a 1 i 1 a a und solcher Plätze, wie z. B. die für die Araber mit grollen hisfori« sehen Erinnerungen verbundene, fast nur von Arabern be* wohnte Stadt Akko in die jüdische Zone. Von dieser Seite wird auch die .Möglichkeit einer Beiolkeningsanssiedluiig be* stritten. (Auch wir haben in der ״J. R.“ schon darauf hin״ gewiesen, daß sich die Kommission in diesem Punkt irrt.) Diese arabischen Gewährsmänner des ״Ti1!1es"-Korrespondcn״ teil schlagen vor, an Stelle von Galiläa den Juden große Teile des Negew (Süd-Palästina) zu überlassen, da die Juden behaupten, diese Gebiete mit Hilfe von Wasserbolirungen erschließen zu können. Der J,Times“-Korrcspoudent fügt hinzu: ״ich glaube, die Araber würden lieber das ganze Land südlich der Linie Jaffa—-Jerusalem einschließ* lieh Jerichos und des südlichen Jordantals hergeben, als auf Galiläa verzichten.“ Der Korrespondent meint, man könne durch eine jüdisch-arabische Round-Ta blc-Konicrcn! geeignete Mittel für die Anwendung der Empfehlungen des Berichtes finden. Ein solcher Gedanke liege vielen nicht in der Oeffentlichkeit hervortretenden Juden auf dem Herzen, Audi die ״Palestine Post“ habe sich dafür eingesetzt, frei* lieh weniger zwecks Anwendung des Peel-Berichtes, sondern zur Herbeiführung einer Ve r s < ä 11 tl i g u 1! g mit den Ara* bern. die eine Teilung unnötig machen würde. (Also an* scheinend etwa im Sinne unseres in der ״J. R.“ mehrmals formulierten Vorschlags.) Was die Haltung der Juden betrifft, so meint der ״Tin!cs“-K0rresj1o11de11t. daß die Juden Osteuropas, besonders die p o 1 n i s c!1 e!1 J u d e 11, dem Be* rieht uer Kommission günstig gegenüher.stehen werden, weil er die Möglichkeit für eine s o f o r t i g e A n Siedlung v o n 111 ehr als eine r M i 1 1 i o 11 J 11 d e 11 biete (? — A. d. ״J. R.“), was die Lage der polnischen Juden sehr erleichtern würde. Die W e s t j 11 1! e 11 hingegen seien allgemein aus (iefühlsgründeii und aus praktischen Gründen ge gen die Teilung. Die Meinungsäußerungen des ״Times“-Korrespon* deuten sind u. E. mit großer Vorsicht aui/uiiehmeii, da der Autor selbst sehr ausgesprochene Meinungen hat, die er, noch bevor er ,.Ti111es“-Korrespondent war, in Broschürenform veröffentlichte; es ist Mr. אeviIle Barhour, über dessen Anschauungen war in der ״Jüdischen Rundschau“ 193(1, Nr. 77 u. 101, berichtet haben. Die atemlose Spannung, in die alle Beteiligten durch die Publikation des Berichtes versetzt wurden, ließ noch kaum die Möglichkeit, die wichtigsten grundsätzlichen Fragen zu erwägen, Dazu gehört z. FL die Frage, welche Situation sich ergeben wird, wenn die Zionistische Organisation den Vorschlag der englischen Regierung . denn es handelt sich jetzt nicht mehr um die Kommission, sondern um einen R e g i e r u 11 g s Vorschlag —- ablchnt. Niemand kann die Juden zwingen, einen Staat zu bi Ulen und zu verwalten, wenn sie nicht wollen. England müßte dann einen anderen Weg gehen, und entweder das Mandat behalfen, wenn es dies aber nicht tut, dann würde das Land Palästina als Ganzes selbständig. Offen bleibt auch die Frage, in welcher Weise nach einer solchen Ablehnung England das Mandat durchführen würde. Eine weitere Frage ist die Garantie der Existenz des kleinen jüdischen Staates für den Fall seines Zustandekommens. Obwohl sicherlich die mili* tä rische Kampfkraft dieses Staates, gemessen an seinem Umfang, nicht gering zu veranschlagen wäre, kann er sich doch nicht allein verteidigen, zumal wenn mail bedenkt, daß er seine Gelder zur Inn enkolonisation und Ermöglichung einer großen jüdischen Fin* Wanderung brauchen wird, während Militär bekanntlich auch sehr viel Geld kostet. Die Wirtschaftsprohlemc, die sich aus der Zerschneidung des Gebietes ergehen, sind unabsehbar. Der jüdische Teil Jerusalems würde eine Art ״jüdisches Danzig“ sein. Solange eine grundsätzliche Ablehnung des G es a m t v o r s c 111 a g s im Vordergrund steht, ist es natürlich schwer, Einzelheiten zu diskutieren. Trotzdem glau* ben wir, daß auch die entschiedensten Gegner ג er Teilung — zu denen wir uns zählen — sich mit den F>-׳;e!!!eiten be* fassen müssen, solange nicht von einer maßgebenden jüdi* sehen Seite die Frage beantwortet ist, was im Falle einer unqnalifizierten Ablehnung geschehen könnte. Das englische Unterhaus wird vermutlich in der über* nächsten Woche eine Debatte zur Palästinafragc abbaiten, . v«f I il