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Jüdische Rundschau · 1937-07-02 · Heft 52 (2.7.1937) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 52 (2.7.1937)
Date
1937-07-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 52, 2. VII. 1937 Der Bericht der Die Jewish Agency for Palestinc hat soeben den Bericht über die Entwicklung des Jüdischen Nationalhcims i.J. 1936 veröffentlicht. Dieser Bericht ist vor allem zur Informierung der Ständigen Mandatskommission des Völkerbundes bestimmt. Das Memorandum der Jewish Agency ist durch den Generalsekretär des Völkerbundes allen’ Mitgliedern der Mandatskommission, die Ende Juli ihre Palästinatagung abhält, zugestellt worden. Begleitet ist dieses Memorandum von einem Schreiben des Präsidenten der Jewish Agency, Dr. Chaiin Weiztnann, das vom 4. Mai 1937 datiert ist und im Rahmen eines allgemeinen Uebcrblickes die Beschwerden der Jewish Agency gegen die Palästinaregierung wegen ihrer Haltung während der Unruhen enthält. Das Begleitschreiben In dem an den High Coinmissioner mit der Bitte um Weiterleitung an den Generalsekretär des Völkerbundes gerichteten Schreiben W c i z m a n n s werden die Ereignisse des Jahres 1936 und des ersten Vierteljahres 1937 kurz rekapituliert. Daran knüpft Weizmann die Feststellung, daß zur Zeit der Niederschrift noch immer ein Mangel an Sicherheit des Lebens und Eigentums in Palästina besteht, was der jüdischen Bevölkerung und allen friedlichen Einwohnern schwere Sorge bereitet. _ Die Jewish Ag encv, heißt es in dem Begleitschreiben weiter, sah sich zu ihrem größten Bedauern wiederholt gcnötigt, schwere Zweifel über die Wirksamkeit der von der Regierung zur Unterdrückung der Unruhen getroffenen Maßnahmen /u äußern. Der politische Streik der Araber ist nicht als ungesct/lich erklärt worden, und die Regierung hat nicht versucht eiii/ugreifen, obwohl der Streik offenkundig benut/t wurde, um Verachtung für die Autorität der Regierung zu zeigen, und als Grundlage für die Gewaltkarnpagne gedient hat, deren Führung das Oberste Arabische Komitee übernahm und die sogar die aktive oder passive Unterstützung einer An/ab.l arabischer Regierungsbeamter gefunden hat. Das Bestehen und die Tätigkeit dieses Komitees wurde trotz seines oll'enk uiidig a 11 f r ü b r e r i s c h c n C11 a - rakters geduldet, und denjenigen seiner Mitglieder, die von der Regierung abhängige amtliche Stellen bekleideten, wurde gestattet, auf ihren Posten zu bleiben. Zu Beginn des Streiks wurde es Mitgliedern des Komitees sogar erlaubt, eine Reise durch das Land zu unternehmen, auf der sie offen den Aufruhr predigten. Den offiziell dem Komitee erteilten Warnungen, die zur Information des Publikums veröf tent 1 i cht wurden, folgten keine wirksamen Maßnahmen; dagegen wurde das Komitee sogar nach der Nichtbeachtung dieser Warnungen von der Regierung wie eine Vcrtretungs- Körperschaft von anerkannter Geltung empfangen. Erkiärungen, in denen die Regierung in scharfen Worten ihre Entschlosscnheit verkündete, Ruiie und Ordnung wiederherzustellen, folgten nicht entsprechende Taten, und die von der Regierung übernommenen außerordentlichen Machtbefugnisse blieben zum grollen Teil unangewendet. Die Maßnahmen zur Verstärkung der Sicherheitskräfte an Ort und Stelle und von außen her waren durch eine erhebliche Verzögerung gekennzeichnet, was dazu führte, daß sie nach der Ausbreitung der Unruhen kamen, statt sie zu verhüten. Die Untersuchung über die während der Unruhen verübten Verbrechen brachte nur spärliche Ergebnisse; auch in den Fällen, wo Vernaftungen vorgenommeii wurden, enthüllte das spätere Verfahren schwere Fehler seitens derjenigen, die die Verfolgung zu leiten hatten; von den im Zusammenhang mit der Ermordüng von S2 Juden verhafteten Arabern wurde nur einer endgültig verurteilt. Mangelnde Ueberwachung der Landesgrenzen ermöglichte das Eindringen bewaffneter Abenteurerbanden nach Palästina; diese terrorisierten große Teile der arabischen Landbevölkerung und erweiterten den Umfang der Kampagne der Gesetzlosigkeit. Man hat es /!!gelassen, daß Jewish Agency fremde Regierungen, die keinen locus standi auf Grund des Palästinamandates besitzen, sich in palästinensische Augelegenhciten ein mischen; das einzige Ergebnis hiervon war, daß die mandatsfeindlichen Kräfte in ihrer Hoffnung, die britische Regierung durch Gewalt zur Aufgabe der Politik des Jüdischen Nationalheims zwingen zu können, bestärkt wurden. Alle diese Faktoren trugen zur Ausbreitung und Verlängerung der Unruhen bei, bis die Entsendung starker Streitkräfte durch die Regierung notwendig geworden war, um die Situation zu meistern. Konkrete Forderungen Nach einem Hinweis darauf, daß die Erörterung der Hauptfragen für die künftige Entwicklung des Jüdischen Nationalheims erst nach der Veröffentlichung des Berichtes der Kgl. Kommission stattfinden kann, werden in dem Schreiben Weizmanns einzelne Forderungen der Jewish Agency angeführt: zunächst die nach Entschädigung der Hinterbliebenen nach den bei den Unruhen Gefallenen, der Verletzten und derjenigen, die materiellen Schaden erlitten haben, durch die Regierung und die nach Eingliederung der Hilfs- Polizisten in das Sicherheitskorps des Landes bei restloser Uebernahme der Erhaltungskosten durch die Regierung. Die Genehmigung zur Verladung und Ausladung von Gütern auf der Reede von Tel Aviv wird als eine Maßnahme bezeichnet, die von der jüdischen Bevölkerung Palästinas sehr begrüßt wurde. Die Eröffnung des Hafens von Tel Aviv sei nicht bloß eine Notstandsmaßnahme zur Versorgung des plötzlich durch die Sperre des Hafens von Jaffa von der See abgeschlossenen Gebietes von Tel Aviv und seines Hinterlandes, sondern sei dazu bestimmt, die jüdische! Bevölkerung Südpalästinas für die Dauer von Jaffa unabhängig zu machen, da die Erfahrung gezeigt habe, •daß dort keine Sicherheit des Lebens besteht und der Handel ständiger Störurigsgefahr ausgesetzt ist. Darum werden alle Erleichterungen für die Entwicklung des Hafens von Tel Aviv und seines Güter- und Passagierverkehrs verlangt. Mit G e - nugtuung wird auch die in letzter Zeit erfolgte Heranziehung von Juden zu Hafenarbeiten in Haifa erwähnt. Die jewish Agency hofft, daß die Zahl der jüdischen Hafenarbeiter auf ein angemessenes Verhältnis zur Gesamtzahl der Beschäftigten gebracht werden wird. Dasselbe wird für die Eisenbahnen verlangt, bei denen die Zahl der jüdischen Angestellten noch immer unzulänglich ist. Weiter wird die Fertigstellung• der Chaussee Tel Aviv—Haifa in möglichst kurzer Frist verlangt. Das Fehlen einer direkten Verbindung zwischen diesen beiden Städten habe 1936 zu Verlusten an Menschenleben geführt, die sich hätten vermeiden lassen. Auch der Bau von Straßen zu Sicherheits- und Erschließungszweckcn wird gefordert. Die interessierten jüdischen Siedlungen seien bereit, sich an den Kosten zu beteiligen. Die Wirtschaftslage Der letzte Absatz des Begleitschreibens ist den wirfschaftlichen Folgen der Unruhen gewidmet. In diesem Zusammenhang wird Beschwerde darüber geführt, daß die Regierting sich bei der Bemessung der Einwanderung nicht an den Grundsatz, der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes gehalten habe. Die unruhigen Verhältnisse in Palästina, heißt es in dem Schreiben, haben natürlich dem Wirtschaftsleben des Landes ihren Stempel aufgedrückt. Insbesondere die arabische Bevölkerung hat unter den Folgen des langandauernden Streiks und der dadurch herbeigeführten Wirtschaftsstörung gelitten. Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Gemeinschaft ist nicht unberührt geblieben, doch haben weder der Streik noch die Unruhen erreicht, was zugegebenermaßen ihr Ziel war, nämlich, eine wirtschaftliche Lähmung des jüdischen Nationalheims. Sie haben im Gegenteil Kraftreserven in der jüdischen Wirtschaftsstruktur in Erscheinung treten lassen, so daß die jüdische Landwirtschaft und die jüdische Industrie jetzt solider fundiert und besser ausgestattet sind als vorher. Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf himveisen, daß keine einzige jüdische Siedlung während der Unruhen verlassen wurde, während seit der Ein- Stellung des Araberstreiks vier neue jüdische landwirtschaftliche Siedlungen im Beisan-Gebiet und im Jordantal gegründet worden sind. Im allgemeinen zeigt das Land nach so vielen Prüfungen der Vergangenheit bemerkenswerte Fähigkeiten der Wiedererholung, wie dies die Steigerung der Einkünfte nach einer vorübergehenden Senkung, die verbesserte Position vieler Industrien, die sinkenden Ziffern der Arbeitslosigkeit unter den Juden, die jetzt nicht über den vernünftigen Umfang einer unentbehrlichen Arbeitsreserve hinausgeht, beweisen. Die zur Feststellung des Arbeitsbedarfes für das nächste Halbjahr vorgenommenen Erhebungen haben ergeben, daß in der Landwirtschaft und in einer Reihe von Industrien Bedarf nach weiteren Arbeitskräften besteht. Es gereichte dem jüdischen Volk zur tiefen Genugtuung, daß die Einwanderung während der ganzen Zeit der Unruhen fortdauerte und die Regierung es abgelehnt hat, sich durch Gewaltanwendung von der Aufrcchterhaltung des wiederholt autoritativ bekräftigten Prinzips abbringen zu lassen, daß jüdische Einwanderer entsprechend der Wirtschaftliehen Aufnahmefähigkeit des Landes zuzulassen sind. Ich bedauere, daß es nicht möglich ist, mit gleicher Genugtuung von der praktischen Anwendung dieses Grund- Satzes im Falle der letzten Arbeiter-Schedulen zu sprechen. Die Jewish Agenev glaubt, daß, falls die seinerzeitige Nachfrage nach Arbeitskräften objektiv in Erwägung gezogen worden wäre, sogar eine vorsichtige Schätzung der Aufnahmefähigkeit des Landes wesentlich höhere Arbeiter-Schedulen erfordert hätte, als diejenigen, die in der Berichtszeit tatsächlieh bewilligt wurden. Ich wage ' die zuversichtliche Hoffnung auszudrücken, daß jetzt ein*; Arbciter-Schcdule bewilligt werden wird, die dem Grundsatz der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit voll Rechnung trägt ynd die berechtigten Anspriiehe des jüdischen Arbeitsmarktes befriedigt, und daß die Einwanderung von Juden anderer Kategorien ohne Unterbrechung weiter zugelassen werden wird. Es bleibt die feste Uebcrzeugung der Jewish Agency, daß der Grundsatz der Aufnahmefähigkeit die einzige gerechte und anwendbare Grundlage für die Regelung der jüdischen Einwanderung ist und daß jedes Abweichen hiervon dem Druck politischer Ein- Flüsse und damit völlig willkürlichen Entscheidungen Tür und Tor öffnen muß. Die Jewish Agency hat bei der Darlegung ihres Standpunktes vor der Kgl. Kommission deutlich erklärt, daß die feste Anwendung der im Mandat in bezug auf die Errichtung des Jüdischen Nationalheims vorgezeichnete Politik bei gleichzeitiger energischer Erschließung der Hilfsquellen Palästinas zum Wohle der gesamten Bevölkerung ihrer Meinung nach die einzige gerechte und wirksame Lösung der durch die gegenwärtige Situation gestellten Probleme bietet. Vor allem erachtet es die Jewish Agenev im Interesse des jüdischen Volkes und eines dauerhaften Friedens in Palästina als lebenswichtig, daß es dem Jüdischen Nationalheim ermöglicht werde, durch Einwanderung und Ansiedlung sich in kürzester Zeit zu solcher Größe zu entwickeln, daß jeder Versuch, sein Wachstum durch Gewalt aufzuhalten, vergeblich wird. Der Jahresbericht Der Jahresbericht der Jewish Agency an die Mandatskommission ist in der üblichen Form als doppclsprachigc — englisch-französische — Broschüre gedruckt und umfaßt 55 Seiten. Daneben ist auch eine hebräische Ausgabe . des, Memorandums erschienen. Der eigentliche Inhalt der Denkschrift gliedert sich in neun Abschnitte mit zusammen 125 Para* graphen, in denen Bevölkerungsbewegung (1—5), Einwande* rung (6—16), landwirtschaftliche Kolonisation (17—55), städtische Entwicklung (56—61), Industrie und Arbeit (62—77), Erziehungswesen (78—93), Gesundheitswesen (94—108), die öffentlichen Einrichtungen der palästinensischen Judcnheit (109—112) und die finanzielle Entwicklung (113—125) behandelt werden. w enn Juden auf Sommerreisen gehen Von F a b i 11 s S c 11 a c. 11 Zu all den Problemen, mit denen der moderne Mensch sich plagen muß, tritt in der heißen Jahreszeit das Reise- Problem hinzu, und es hat, wie gar vieles, fiir den jüdidischen Menschen eine besondere Seite. Man möchte den Menschen mit der schweren Sorgenlast zu Hause lassen, um leichter reisen zu können. Man möchte Feierstunden in der Natur erleben, aus dein Alltag sich flüchten. Aber der -Ernst ist zum treuen Begleiter unseres Lebens geworden, er läßt sieh nicht ablösen. Da muß man mit ein wenig Philosophie naehhelfen. Nicht mit dem schweren Geschütz Kants und Schopenhauers, sondern mit der leichtbeschwingten, graziösen S o m m e r p h i I o s o p h i e. Ja, es gibt eine Philosophie des ״Wenn auch‘-', des ״Dennoch", des ״Als ob'‘, warum soll es nicht auch eine Sommerphilosophie gehen? Diese Philosophie im leichteren Gewände ist nicht weniger tief. Sie spricht zum menschlichen Gemüt, zeigt uns. daß das, was als Wesentliches gedacht ist, gar nicht wesentlich ist, — eben weil sie der Natur näher ist und von der Perspektive der Ewigkeit zu uns spricht. Wir beschweren häufig unser Leben durch Grübelei, die uns gar nicht hilft und nur den Schmerz vertieft. Reisende Menschen sollen anders sein, leichter, beweglieber. Auch die Seele wandert mit, aber in Sommertoilette, anmutiger, erschlossener für die kleinen Schönheiten des Lebens, empfänglicher fiir Liebenswürdigkeiten und Freundlichkeiten. Wer die Natur sucht, muß die dunkle Brille ahlegen. Wenn sie ihm auch innerlich etwas geben soll, muß er auf ihre Stimme lauschen, ihre Sprache verstehen. Und hold lächelnd offenbart .sie ihm manche Weisheit. Sie zeigt ihm, daß cs darauf ankommt, wie man die Erscheinungen wertet. Was den! Juden not tut, ist die harmonische Auffassung, das Vergessen des Gestern, die Aussöhnung mit dem Heute und der Trost des Morgen. Nur in der Apotheke der Natur findet man diese Arznei. Das hastende, aufregende l eben zersetzt, zersplittert uns, die Natur macht uns wieder ganz. Der Kampf mit des Tages Sorgen lenkt uns vom Seelischen ab, die Natur führt uns zu unserem eigentlichen Ich zurück. Dem Juden ist schon aus der biblischen Anschauung heraus die Vertiefung in die Natur, die Freude an ihrer Schönheit der Weg zu Gott. Er soll den Schöpfer in der Schöpfung erkennen, sich zum Meister des Weltenbaucs erheben. Trotz aller schweren Schicksale hat der Jude den Sinn für die Natur nicht verloren. Vielleicht sieht er sie ein wenig anders, aber sie versteht ihn, begreift teine Sehnsucht, sie ruft ihn und er folgt ihr. Die Welt am ihn ist anderes geworden, die Natur ist dieselbe geblieben. Die Wahl ist schwieriger geworden, die Sommer- 'rische ist zum Problem geworden, — ist nicht gar Vieles 1ür ihn problematisch? Zwischen Suchen und Finden hat lieh die Kluft vertieft, und manche Brücke, die ihn mit der Welt verbindet, ist im Sturm zusammengestürzt. Und doch will, muß er in die Natur hinaus, nicht nur seines müden Leibes, sondern auch seiner wunden Seele wegen. Es gehört mit zur Tragik des Juden, daß er grübeln muß, wo andere ihrer Neigung folgen. Ueber das ״Warum?“ und ״Wozu?“ vergißt er beinahe das ״Was“ des Lebens. Da muß er wieder über das ״Wohin?“ grübeln, wo er alles Grübeln ins Meer des Alls versenken möchte. Die kleinen und großen Fragezeichen begleiten ihn, quälen ihn und nehmen ihm das Schönste, das Aroma. Ist nicht die Natur auch seine Mutter? Ja, aber auch eine Mutter verteilt häufig ihre Liebe nicht gleichmäßig. Hat es einen Sinn, darüber den Kopf zu zermartern? Alle Gegebenheit ist Natur, jede Metamorphose legt uns» die Pflicht auf, unser Leben darin einzubauen. Das lehrt die alte jüdische Weisheit. Wir Juden wandern, das ist unser Schicksal. Wir sind immer unterwegs, das ist der Weg unserer Geschichte. Wir haben das Nomadentum früher als andere überwunden, aber unsere Bodenständigkeit ist zuweilen — der Not gehorchend — mehr seelischer Natur; wir haben nie aufgehört, unsere innere Heimat zu suchen. Der Jude ist ein Sucher, und seine Tragödie ist, daß er selten Finder sein kann, weil er vom Schicksal immer weiter getrieben wird. Und liegt nicht auch Großes darin, immer weiter zu schreiten, unbefriedigt, unübersättigt, immer neue Wege zum Menschhei|sziel zu suchen? Jeder Jude trägt seelisch das Schicksal seiner Gesamtheit, lebt — bewußt oder unbewußt — das Leben seiner Geschichte. Das offenhart sich in Zeiten großer Wandlungen stärker, und — paradox und doch wahr — in kleinen, persönlichen Fragen deutlicher als in großen. Zeigt sich nicht in der beinahe tragikomischen Prüfung der Wahl der Sommerfrische unser merkwürdiges Schicksal? Sehen wir nicht da, wie das Gesamtbild das persönliche beeinflußt, wie alles Individuelle ins Universelle fließt? Was wir auch anfangen mögen, wir werden erinnert, daß wir Juden sind. Vergessen wir es innerlich, dann rüttelt es von außen an uns. Fragen, ewige Fragen ohne Antwort, Probleme ohne Lösung! Zun1 ״Wohin?“ gesellt sich das ״Wie?“, zum Ausgang der Eingang. Wir sind ja nicht Nurjuden, können es gar nicht mehr sein. Wir können es in der Sommerfrische noch weniger als zu Hause sein. Man meidet natiirlieh alle Orte, in denen der Jude ausdrücklich unerwünscht ist. Aber weiß man es, wo man erwünscht ist? Man wohnt nicht immer hei luden, man leht mit Nichtjuden unter einem Dache, sneist an einem Tische, sitzt im selben Raum. Und doch ruht etwas Trennendes in der Luft. Vielleicht mehr in der Phantasie als in Wirklichkeit. Aber häufig vertauschen die seelischen Elemente ihre Rollen: die Phantasie wird zur Realität und die Wirklichkeit flüchtet sich ins Schattenreich. Jeder gebildete Mensch wahrt die Distanz, aber oft kann man einem gewissen Grade des Verkehrs nicht ausweichen. Man wird bald einen neuen Knigge für den sich neu gestaltenden Verkehr brauchen. Der Verkehr mit dem, der seine Judenabneigung offen zur Schau trägt, ist, wie alles Klare, relativ einfach. Man genügt dem Gebote europäischer Höflichkeit, zieht den Hut und geht seines Weges. Schwieriger ist cs, wenn der Nachbar freundlich und liebenswürdig ist und eine Annäherung zu wünschen scheint. Man wird auch da zurückhaltend sein, aber man will sich doch nicht dem Vorwurf absichtlicher Absonderung aussetzen. Man wird ins Gespräch gezogen. Selbstredend meidet man alles Politische, aber gar vieles rührt heute an den Bezirk des Jüdischen. Da scheint der beste Schutz darin zu ruhen, daß man sich frei und natiirlieh gibt. Das Klügste ist, ehrlich zu bekennen: ״Ich bin Jude, mir steht ein objektives Urteil darüber nicht zu.“ Das ist nicht nur taktvoll, sondern die Markierung der Linie, auf der allein ein U m g a!1 g möglich ist. Man kann auf seine Abstammung und seine Religion stolz sein, und gerade darum die Eigenart des anderen verstehen und achten. Jeder vornehme Mensch wird eine Gesinnung achten, die sich treu bleibt, ohne ins Gebiet des anderen sich zu drängen. Alle Kultur und alle Ethik beruht auf Maßhalten, auf Erkenntnis der Grenzen, die die Menschen trennen, und der Brücken, die zueinander führen. Man ist auf Reisen immer Gast. Nun, diese Rolle ist uns ja nicht fremd. Wir haben uns im Laufe der Jahrhunderte darin finden müssen, sie mit Würde zu spielen. Ein Gast muß sich seiner Stellung bewußt sein. Er wird sich taktvoll und zurückhaltend benehmen, und dies ist für ihn weder lästiger Zwang noch ein Opfer, sondern natürliches Wesen. Eine Zuchtlosigkeit, die in der Sommerfrische gegen dieses Gebot verstößt, ist vom jüdischen Standpunkt verwerflich. Uebrigens: Unsere Religionsphilosophie bezeichnet unser irdisches Dasein als Gastrolle, und eine lange Schicksalsgeschichte hat uns unseren Pflichtenkreis vorgezeichnet. Wo der Jude diese schlichte Weisheit beachtet, kann er mit den Dingen fertig werden, kann über Zeit und Raum hinweg an eine Zukunft glauben. Auch das Leid kann vertiefend wirken und einen Weg ins neue Leben zeigen. Gerade in der Somm erfrische, wo man der Natur draußen und seiner eigenen Natur näher rückt, soll man begreifen, daß die Welt im großen und kleinen nicht von der kalten Logik regiert wird, daß das Irrationelle stärker als die Vernunft, das Mystische mächtiger als das Klare ist. Und will man nicht sein Dasein an den Felsen der harten Tatsachen zerschmettern lassen, dann muß man den Weg gehen, den das Schicksal übrig gelassen hat. Mag er noch so schmal und steil sein, er kann doch zur Höhe führen. Man kann das Leben aus der Vogelperspektive der Vergangenheit oder der Zukunft betrachten, und das mag trostvoll, vielleicht auch nützlich sein. Man muß aber schließlieh doch zur Erde herabsteigen und mit den Dingen, wie sie sind, fertig werden. Auch der Weg ins Freie ist nicht allen gemeinsam, ein jeder muß den Weg gehen, der seiner Natur, seinen Kräften entspricht. Das große Ziel menschlichen Fortschrittes hat sich im Laufe der Geschichte wenig geändert und es ist Gemeingut aller Kulturvölker geworden. Alle wandern, wie unser Prophet kündet, zur Gotteshöhe, — auf verschiedenen Wegen, auf der Höhe begegnen wir vielleicht einander.

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