Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 51 (29.6.1937)
- Date
- 1937-06-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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7.1337 .1־ 0 י; 6* Kr. 51 / Jahrgang 42 Preis 25 Rpl, JÜDISCHE RUNDSCHAU Schriftleltuiig,Verlag a. AnzelfanverwaHangi Berlin W15, MeinekeBtr.10 Ftnurafi 919031, Telegramm•Adreeie 1 Orghlp. — Bezugspreis emttdhließlicb Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertriebs * Abteilung: Berlin 71573 (für Gr*>6• Berlin), Berlin 17392 (für das Übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. - Erscheint jeden Dienstag and Freitag» BERLIN כ׳ תמוז תרצ״ז DIENSTAG, 29. JUNI 1937 Gültig! Anzelgenpreleiiste Nr. 5• Die 12 gespaltene mm * Zeile 20 Rpf., für Familien Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Platzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit«- anzesgen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck «Konto Berlin 71618 oder bar Montag bia Freitag 9—18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag ■ Ausgabe Montag 10 Uhr, für die F reitag « Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien •Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt fQr das jddlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Woche der Gedenktage Kurz vor der Entscheidung Von Richard Lichtheim, Jerusalem Die nachstehenden Ausführungen, die uns Herr Lichlhcim, ein führendes Mitglied der ״Judenstaatsparfei", sendet, verdienen unseres Erachtens stärkste Unterstützung. Es würde in der Tat jede geordnete und politisch vernünftige Auseinandersetzung unmöglich machen, wenn durch Deklarationen und Resolutionen, wie sic jetzt schon von allen möglichen Seilen nieder prasseln, die Freiheit der öffentlichen Meinung innerhalb des Zionismus in einer überaus delikaten politischen Situation terrorisiert würde. Abgesehen von allen anderen Gesichtspunkten wäre auch darauf hinzuweisen, daß derartige Deklarationen, wie sie z. B. (siehe Nr. 50 der ״./. R.“} die palästinensischen Oberrabbiner mit einigen anderen Persönlichkeiten abgegehen haben, wenig nützen können, wenn nicht gleichzeitig gesagt wird, wie das doch zweifellos — zumindest für England — vorhandene Problem gelöst werden soll. Die Ausführungen von Herrn Lichtheim zeigen, daß erfreulicherweise in der heutigen Situation die Parteischranken innerhalb des Zionismus sich als weniger starr erweisen als die sachliche Ueherlcgung; die Meinungsverschiedenheiten bezüglich des richtigen zionistischen Verhaltens in dieser Stunde gehen quer durch alle Parteien durch. Der Aufruf zu Disziplin und Einigkeit, ein hohes Zeichen zionistischen Verantwortungsgefühls, wird gewiß von der Mehrheit der Zionisten aller Parteirichtungen begrüßt werden. (Red.) Die Ungewißheit der politischen Situation ist so groß, daß es verfehlt wäre, Prophezeiungen über den Ausgang der jetzigen Krise zu wagen. Täglich erscheinen neue und sich widersprechende Meldüngen über die angeblichen Absichten der Royal Commission und der englischen Regierung. Was aber wohl möglich ist und was jetzt durchaus versucht werden müßte, ist die Festlegung der politischen Linie, auf der die Zionistische Organisation und ihre Anhänger in den nächsten Wochen marschieren sollen. Es ist notwendig, in dieser kritischen Situation Ruhe und Diszipiin zu wahren, keine voreiligen Beschlüsse zu fassen und vor allem nicht die zionistische ©Öffentlichkeit in immer größere Aufregung und Verwirrung hineinzutreiben. Daher halte ich es fiir sehr verfehlt, wenn so einflußreiche Führer des Zionismus wie Herr Ussischkin eine Kampfparole ausgeben, die sich nicht nur gegen die evetituell zu erwartenden Beschlüsse der englischen Regierung, sondern auch gegen diejenigen zionistischen Kreise richtet, welche die politische Situation anders bewerten als er selbst, lind sich ihr Urteil über die Beschlüsse der englischen Regierung noch Vorbehalten, bis diese in aller Deutlichkeit vorliegen werden. Es kann der jüdischen Einigkeit und dem Kampf, welchen wir vielleicht noch zu führen haben werden, nicht dienlich sein, wenn heute schon der Versuch unternommen wird, die Anhängerschaft des Zionismus in zwei Lager zu zerreißen, und mit den Schlagworten ״Für Teilung“ oder ״Gegen Teilung“ einen Kongreflwahlkampl einzuleiten, der in dieser Zeit höchster politischer Gefahr am besten ganz vermieden würde oder jedenfalls in maßvollsten Formen geführt werden sollte. Es gibt unter den Juden und Zionisten keine Anhänger der Teilung Palästinas, und daher ist die erwähnte Kampfparole irreführend. Alle Juden sind gegen die Teilung und fordern, daß das Mandat von England so ausgefiihrt wird, wie es ursprünglich verstanden wurde. Es kann kein Zweifel darüber sein, daß alle Kongreßparfeien — dem Beispiel des Zionistischen Aktions-Comites folgend — grundsätzlich ihre Gegnerschaft gegen alle eventuellen Teiltmgs- und Verkleinerungspläne der Regierung auf dem Zionistenkongrefl zum Ausdruck bringen werden. Das Problem aber, vor dem heute die politische Füllrung des Zionismus steht, wird nicht allein dadurch gelöst, daß wir Zionisten noch einmal unseren Anspruch auf Paliistina deklarieren. Diese Deklaration hätte in früheren Jahren öfters und mit größerer Deutlichkeit erfolgen sollen; es war ein Fehler, daß die Zionistenkongressc es stets abgelehnt haben, offen zu sagen, daß wir das Jüdische Nationalheim iin Gesamtgebiet des historischen Palästina zu errichten gedenken und daß dies auf der Grundlage einer großen jüdischen Einwanderung und durch Schaffung der jüdischen Majorität im Lande geschehen soll. Aber heute stehen wir vor der Tatsache, daß die englische Regierung nach der ersten Teilung des Landes, die mindestens für absehbare Zeit Transjordanien losriß (was der Zionismus niemals offiziell anerkannt hat), entweder eine zweite Teilung oder andere schwer in unser Dasein eiegreifende Experimente plant, um die jüdisch-arabische Frage zu lösen. Es ist klar, dal) wir grundsätzlich und vom Standpunkt des zionistischen Programms aus (welches immer u!1verändert bleiben wird), die neuerliche Teilung des Landes nicht gutheißen können. Aber es ist ebenso klar, daß die zionistische Leitung die Pläne prüfen muß, die die englische Regierung vorbereitet, und daß sie versuchen muß, ihren Einfluß für diejenige Lösung einzusetzen, die die relativ beste ist — wenn die englische Regierung auf einen Kompromiß besteht, das versuchen soll, die jüdischen und arabischen Ansprüche in Einklang zu bringen. Mindestens ebenso groß wie die Gefahr der Teilung des Landes ist z. B. die Gefahr einer neuen Auslegung des Mandats, die etwa erklären würde, daß die Jüdische Heimstatte in Palästina bereits im wesentlichen errichtet sei, und daß man keine große jüdische Einwanderung und Kolonisation mehr zulassen könne, damit die Interessen‘ der arabisehen Bevölkerung nicht bedroht würden. Daß von unseren Gegnern in Palästina und in England auf eine solche Lösung hingearbeitet wird, ist seit langem klar. Gegenüber einer solchen Abwürgung des Zionismus im Gesamtgebiet Palästinas kann die Errichtung eines Judenstaats auf einem Teilgebiet unter Umständen als eine verhältnismäßig günstige Lösung erscheinen, vorausgesetzt, daß das Gebiet groß genug ist, um Hunderttausende neuer Einwanderer aufzunehmen und anzusiedeln. Es sind unsere Freunde in England und in der Welt, die für eine solche Lösung arbeiten. Der Zweck dieser Zeilen ist nicht, für die eine oder andere Lösung zu plädieren. Es wäre viel über die Vorteile und Möglichkeiten eines selbständigen Judenstaats in Palästina zu sagen, dessen Errichtung kein neues Uganda und keinen Verzicht auf unsere ferneren Ziele bedeuten muß, auch keine Verschlechterung unserer Möglichkeiten in Jerusalem; ein solcher Staat könnte unter gewissen Umständen sogar den Beginn einer neuen Aera für die Ausbreitung der Kolonisation in Gebieten einleiten, die /.war nicht zum Judenstaat selbst gehören, aber für unsere kolonisatorische Arbeit entscheidend wichtig sind und uns bisher verschlossen blieben. Vielleicht bildet sich so, durch eine ganz überraschend aufgetretene Ursachenkette bewirkt, ein neues Kraftfeld und Energiezentrum des Zionismus, dessen potentielle Möglichkeiten bedeutender sind als alles, was w׳ir von einer Fortführung des bisherigen Systems zu erwarten haben, und dessen Schaffung jedenfalls der drohenden ״Kristallisierung“ vorzuziehen ist. Aber diese schwerwiegenden Fragen müssen und sollen geprüft werden, wenn die Stunde der Entscheidung gekommen sein wird. Der Zweck dieser Zeilen ist nur, die Zionisten über die wirklichen Gefahren der Stunde aufzuklärcn und sie zur Einigkeit in dem Ahwehrkampf aufzurufen, der uns vielleicht bevorsteht. Es wäre töricht und verderblich, in solchen Zeiten eine Spaltung bei den Juden selbst liervorzuritfen und durch die voreilige und sachlich ganz unberechtigte Losung ״für“ oder ״gegen“ Teilung des Landes zu den äußc- 1e11 Gefahren noch die Gefahr der politischen Verwirrung und des Bruderkampfes in den eigenen Reihen hinzuzufügen. Rappard dementiert Das Interview ״aus der Luft gegriffen“ Wir haben in Nr. 48 der ״J. R.“ von angeblichen Informationen Kenntnis gegeben, die ein Vertreter der Wiener Zeitung ״Der Morgen“ von Prof. William Rappard, Mitglied der Permanenten Mandatskommission, erhalten haben wollte. Die Schweizer zionistische Zeitung ״Das jüdische Heim“ hat sich, wie uns aus Zürich berichtet wird, mit der Anfrage an Prof. Rappard gewandt, ob die Informationen des ״Morgen“ wirklich von ihm stammen. Darauf hat Prof. Rappard dem genannten Blatt unter dem 22. Juni folgende Erklärung übermittelt: ״In Beantwortung Ihres Schreibens vom 21. Juni habe ich die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß die Erklärungen, die mir der Wiener ״Morgen“ zugeschrieben hat, voll und ganz aus der Luft gegriffen sind. Ich habe einen Korrespondenten dieser Zeitung nur zirka 30 Sekunden gesprochen, um ihm zu erklären, daß Ich als Mitglied der Mandatskommission es für unstatthaft hielte, ihm irgendwelche Mitteilungen zu machen. Ich hoffe, daß der ״Morgen“ die ihm von mir eingesandte Richtigstellung veröffentlicht haben wird. sig. Rappard.“ Wir haben also hier ein Musterbeispiel unverantwortlieber und unzuverlässiger journalistischer Sensationsmache vor uns. Die Londoner Abendzeitung ״Star“ behauptet, der Peel- Bericht sei im letzten Augenblick abgeändert worden. Die Acnderungen seien von erheblicher Bedeutung und bezweckten, die Besorgnisse der Juden über die geplante Teilung Palästinas zu beschwichtigen. Nach den abgeänderten Vorschlägen soll im Norden ein größeres Gebiet als ursprünglich beabsichtigt, für den unabhängigen Juden- Staat zur Verfügung gestellt w׳erdet1 und, was noch wichtiger sei, Jerusalem und die benachbarten Heiligen Stätten sollen nicht, wie ursprünglich gepiarit, von dem jüdischen Staat vollständig getrennt werden. (S. auch Seite 2.) Herzl und Bialik — Ungarische Judendebatte — In tausend Zungen Der heutige Tag, der 20. Tammus, darf nicht vorübergehen ohne eine Stunde tiefempfundenen und dankbaren Gedenkens an den Mann, der vor 33 Jahren gestorben ist. Der Todestag Theodor Her/ls ist für das jüdische Volk ein alljährlicher Gedenktag geworden, aber dies soil nicht zum konventionellen Brauch erstarren. Als sich die Tragödie dieses edlen und großen Menschen, der seine besten Kräfte im Dienste für sein Volk vorzeitig verbraucht hatte, in Edlach vollendete, da war der Schmerz, der die judenheit von einem Ende der Welt zum andern erzittern machte, groß und echt. Bei weitem nicht alle Juden stanclen damals hinter Herzl, aber die Gemeinde derer, die von der Idee der Erneuerung des jüdischen Volkes gepackt waren, wurde durch den niederschmetternden Schlag dieses Verlustes, durch eine wirkliche nationale Trauer, in höherem Malte zu einem fühlenden und lebenden Vnlkdsörper zusamtmengeschweißt als durch das Bekenntnis zu noch so gut formulierten Parteiprogrammen. Genau ein Drittel eines Jahrhunderts ist seit Her/ls Tod verstrichen. Die jungen Menschen von heute wissen von ihm nur aus Büchern und Berichten, und -noch mehr: die Zeit, aus der er hervorgegangen ist, ist für sie völlig fremd geworden. Es ist oft, als trennte uns von ihr ein ganzes und nicht ein drittel Jahrhundert. Ueber Herzl ist sehr viel geredet und geschrieben worden, Tiefes und weniger Tiefes. Die beste Empfehlung, die man den jungen Men• sehen von heute geben kann, ist, Her/ls Werke seihst zu lesen. Er hat kein eigentliches Buch hinterlassen, er ist kein Soziologe oder Theoretiker der Judenfrage, seine Reden und Aufzeichnungen sind eng mit dem Leben verbunden, aus der Situation und dem Impuls geboren, darum echt erlebt. Viele der Dinge und Verhältnisse, über die er sprach, sind längst veraltet, Palästina steht heute unter ganz anderen Bedingungen und die Lage der Judenheit hat sich geändert. Dennoch ist die entscheidende Erkenntnis Herzis noch heute aktuell, und der Geist, der aus seinen Schriften strömt, wirkt übers Grab hinaus auf den seelischen Aufbau des Volkes. Adel und Größe, Einsatzbereitschaft und Hingabe, umfassende Humanität, verbunden mit staatsmännischer Kühnheit des Blicks — diese Gaben Theodor Herzis schweben uns vor, wenn wir daran denken, wie der neue Jude aussehen soll, den wir herbeisehnen und dem alle unsere jüdische Arbeit gilt. * Der Kalender dieser Woche bringt uns noch einen Todestag. Einen Tag nach dem 20. Tammus starb vor drei Jahren der Mann, der nicht nur der Bahnbrecher einer neuen hebräischen Dichtung und der klassische Sänger des jüdischen Nationalismus gewesen ist, sondem zugleich eine einzigartige Verkörperung des jüdisehen Volksgcistes, eine überströmende und beglückende Persönlichkeit, die den letzten 3(3 Jaluen des jüdischen Lebens in einer trotz aller Ehrfurcht noch immer nicht ganz erfaßten Weise geistig den Stempel aufgedrückt hat. Im Gegensatz zu Herzis Tod erinnern wir alle uns noch an den Schreckenstag, der uns die Kunde vom Hinscheiden B i a 1 i k s brachte. Bialik versinnbildlicht die jüdische Seite unserer jüdischen Renaissance, Er konnte seine weitgesteckten Pläne nicht vollenden, er hat nur den Anfang gemacht mit jener ״Einsnmmlung“ eines verstreuten oder wenig beachteten Geistesgutes, auf das sich die jüdische Renaissance, wenn sie nicht der Gefahr des Barbarismus oder Levantinisinus erliegen soll, stützen muß. In den heutigen schwierigen Verhältnissen Palästinas, wo auch die Jugend sehr stark vo!1 den aktuellen politischen Dingen ergriffen wird, kommt uns zum Bewußtsein, welcher Energie und welchen klaren Willens es bedarf, um Bialiks Vermächtnis hochzuhalten. Die Liebe dieses Dichters galt vor allem der Jugend. Möge die Jugend ihm danken durch Treue zu seinem Werke und seinem Geiste. Wir kämpfen gegen einen übermächtigen Faktor, den Ablauf der Zeit und den Wechsel der Generationen, aber es gibt nationale Güter, die vo!1 Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben werden müssen, und gerade dieses Weitergeben ist es, was das Wesen eines Volkes ausmacht. Bialiks Werk, Bialiks Geist gehören ebenso wie der ganz andersartige Herzl zu diesem unverlierbaren Besitzstand. * Theodor Herzl stammte aus Ungarn, wenn er auch frühzeitig nach Wien gekommen war und in der eigentümlichen österreichischen Kultursphäre lebte, ln Ungarn