Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 50 (25.6.1937)
- Date
- 1937-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 / Jahrgang 42 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAD Sdhriftltltnng,Verlag u. AnvolgeavenraUnngi Berlin W15, Melnekostr.10 Fsnurttfj 919031, Teiegraunm ■Adrei■•! Orjfhlp. - Bezugspreis eioscMießlidb Besiallgeld je Monat RM 2,—*, je Vierteljahr RM 5,75, bet Abholung RM 1,88 brw. RM 53^• — Postscheck Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Groß * Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht Win Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Besugsgebührea. — Erscheint jaden Dienstag and Freitag« BERLIN ט״זתמהתרצ״ז FREITAG, 25. JUNI 1937 Gfiltlgr Anxeigenprelsllate Nr. 5• Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf., füi Familien * Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmtes Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird Iceine Gewahr geleistet Gelegenheite• aszeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. Anaahmeschluß für di« Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die F r e i t a g A u s g a b« Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien •Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Europäische Umschau Peel-Bericht unterzeichnet Amtlich wird mitgeteilt, daß der Bericht der Kgl. Kommission für Palästina am 22. Juni, Nachmittag, in London unterzeichnet worden ist. Der Bericht wurde sofort dem König unterbreitet. Ein Schritt vorwärts Die amtliche Mitteilung darüber, daß Lord Peel und *eine Kollegen ihre Unterschrift unter den Bericht ge- Setzt haben, beendet die Gerüchte über die angebliche Un- Schlüssigkeit der Kommission. Da keine näheren Angaben gemacht werden, so ist anzunehmen, daß alle. Mitglieder den Bericht unterschrieben haben und nicht ein Minderheitsvotum beigefügt ist, wie das sonst bei solchen Berichten zuweilen der Fall ist (so z. B. war dem Palästina- Bericht der Shaw-Kommission von 1930 ein Minderheitsvotum des Kommissionsmitgliedcs Snell, jetzt Lord Sneli, beigefügt). Es ist aber wohl möglich, daß im Rahmen des Berichtes an manchen Stellen abweichende Meinungen einzelner Kommissionsmitglieder besonders notiert sind. Der Bericht ist unterschrieben und besiegelt. Was er enthält, ist der Oeffentlichkeit nach wie vor unbekan nt. Nach all den Meldungen der letzten Zeit wird man freilich annehmen müssen, daß der Gedanke einer Teilung Palästinas in ein arabisches und jüdisches Gebiet in irgendeiner Form in den Empfehlungen der Peel-Kommission enthalten ist. Der Bericht selbst ist aber noch kein maßgebendes politisches Moment, sondern nur ein Sachverständigen- Gutachten, auf Grund dessen die Regierung die Politik festsetzen muß. In dieses Stadium sind wir jetzt eingetreten. £s darf wohl damit gerechnet werden, daß die entscheidenden Dokumente innerhalb der nächsten 2—3 Wochen bekanntgegeben werden. Wauchope In London Der High Commissioner hat sich im Flugzeug nach London begeben, wo er sich an der endgültigen Formulierung■ der neuen Palästina-Politik der Regierung beteiligen wird. Seine Abwesenheit wird drei Wochen dauern. Chefsekretär Battershill wird ihn in Palästina vertreten. ״Palcor“ erfährt, daß der High Commissioner vor seiner Ab^ reise dem Mufti eine Privataudienz gewährte, von der der Presse nichts mitgeteilt wurde. Vor seiner• Abreise hielt Wauchope eine Sitzung des Advisory Council ab, der aus den Direktoren der verschiedenen Regierungsabteilungen besteht. Mit Wauchope zusammen ist der Polizeikommandant Col'. Spie er gereist, auf den kürzlich ein Attentat verübt worden ist Auf eine Anfrage der jüdischen Telegraphen-Agentur hat der Leiter des politischen Departements der Jewish Agency, Mosche Schertok, die von einem jüdischen Blatt in Polen gebrachte Meldung, die britische Regierung habe die Jewish Agency zu einer Stellungnahme zu dem Plan einer Teilung Palästinas aufgefordert, als unrichtig bezeichnet. Englische Pressestimmen Die ganze britische Presse nimmt als feststehend an, daß die Kommission die Teilung Palästinas vorschlägt. ״Manchester Guardian“ erklärt, man könne nicht länger daran zweifeln, daß die Kommission die Teilung empfohlen habe, wenn es auch weit weniger sicher sei, ob die veröffentlichten Vermutungen über Grenzziehung und Tei* lungsbedingungen in allen Einzelheiten zutreffen. In demselben Sinne äußert sich die ״Morning Post“, die auf die nunmehr gegebene Möglichkeit einer jüdischen Vertretung im Völkerbund hinweist. ״Daily Telegraph“ meint, daß der jüdische Staat an der Küste und der arabische Binnenstaat vor! annähernd gleicher Größe sein dürften. Außerdem seien für den arabischen Staat Korridore zu den Häfen von Haifa und Jaffa vorgesehen. Demgegenüber betont die Zeitschrift ״Great B r i - tain and the East“ im Leitartikel ihrer am Donnerstag erscheinenden Nummer, daß alle Voraussagen über die Vor¬ Die Ausschreitungen in Czenstochau Die Jüdische Gemeinde Czenstochau hat am Montag begonnen, die durch die Ausschreitungen des Sonnabend und Sonntag entstandenen Schäden amtlich feststellen zu lassen. Man erwartet das Eintreffen eines Delegierten des Innenministeriums. Die Polizei hatte einige Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren verhaftet, sie aber bald wieder freigelassen. Der Kreishauptmann von Czenstochau hat den Vorsitzenden der Nationaldemokratischen Partei zu sich bcrufen und ihn aufgefordert, seine Anhänger zu beruhigen. Die Jüdische Gemeinde hat an den Ministerpräsidenten, den Vize-Innenminister und den Woiwoden von Kieke Telegramme über die Vorfälle gesandt. Der Stadtpräsident von Czenstochau hat an die Einwohner einen Aufruf erlassen, in. dem er auf die bedauerlichen Vorfälle der letzten Stunden hinweist und vor den Folgen des Versuches warnt, der staatlichen Justiz durch Selbsthilfe vorzugreifen. Die Lage in Czenstochau war auch ain vierten Tag nach dem Ausbruch der Unruhen noch immer bedrohlich. In den Vorstädten haben sich die Ausschreitungen wiederholt. Die Polizei wurde mit Steinen beworfen. Nach einer nächtlichen Versammlung am Grabe des getöteten Polen Baran wurden abermals die Fenster jüdischer Häuser zertrümmert. schlage reine Vermutung sind. Gleichzeitig werden die gegnerischen Parteien in Palästina vor dem Versuch gewarnt, die Regierung einzuschüchtem, denn diese sei entschlossen, solchen Versuchen mit fester Stirn zu begegnen. Was in Palästina auf dem Spiel steht, sei so bedeutsam, daß inan sich davor hüten sollte, durch unüberlegte Worte leichtfertig Unruhen hervorzurufen. ״Manchester Guardian“ meint, daß die britische Regierung sich doch noch entschließen dürfte, den Bericht der Kommission zunächst allein und ihre Entscheidung erst im Spätsommer zu veröffentlichen. Vermutlich werde der Bericht Mitte Juli, jedenfalls noch vor den Parlaments ferien, veröffentlicht werden. Es habe immer geheißen, daß die Regierung den Bericht und ihre Entscheidung gleichzeitig bekanntgeben wolle, doch seien drei Wochen für die Prüfung des sehr umfangreichen Berichtes zu kurz. Ein arabischer Kongreß? Wie die arabischen Zeitungen melden, soll unmittelbar nach der Veröffentlichung des Berichtes der Kgl. Kommission ein arabischer Kongreß zusammentreten, zu dem auch Syrien, Transjordanien und der Irak Vertreter entsenden werden, um die Richtlinien der arabischen Politik einheitlich festzulegen.. Der Mufti hat eine Reise angetreten, deren Ziel gebelmgehalten wurde. Es ergab sich jedoch, daß er nach D a m a s k u s gereist ist, um die Opposition gegen den Emir Abdullah, insbesondere gegen seine angeblich geplante Krönung als König des arabischen Teils Palästinas, zu organisieren. Er hatte dort Unterredungen u. a. mit Schekib Arslan, der bis vor kurzem in Genf das arabische Komitee führte. Eine arabische Delegation aus Gaza, Ramleh lind Nablus hatte eine Unterredung mit dem Emir Abdul״ I a h in Amman, um ihn nach seiner Rückkehr aus Europa willkommen zu heißen. Es verlautet, daß eine Reihe von Konferenzen in Amman stattgefunden haben, deren Gegenstand die zu erwartenden Empfehlungen der Kgl. Kommission bildeten, Die Jugendgruppen der Mufti-Parte! und der Istaklal-Partei in Jaffa erließen einen Aufruf gegen die Pläne einer Teilung Palästinas und gegen den Emir Abd ul Iah. Wer dem Teilungsplan zustimmt und ihn zu propagieren versuche, werde als Werkzeug des Imperialismus erklärt werden, der in dieser Stunde der Gefahr der nationalen Front in den Rücken falle. Die Führer der Opposition in Transjordanien sind vom Emir Abdullah aus Amman verbannt worden, da sie sich geweigert hatten, seine Vor- Schläge anzunehmen. Abdullah hatte sich bereit erklärt, einer Aendcrung in der Zusammensetzung der Regierung zuzustimmen, unter der Bedingung, daß der Ministerpräsident im Amte verbleibt und daß auswärtiges Kapital zugelassen wird. Di« Mitglieder der ״arabischen Opposition“, die ihren Hauptsitz in Bethlehem und dem benachbarten Bet Dschalla hat, führen eine Propaganda für den Plan der Teilung Palästinas durch. Diese Aktion hat eine scharfe Gegenpropaganda von seiten der Anhänger des Mufti ausgelöst. Diese richten besondere heftige Angriffe gegen den Bürgermeister von Bethlehem, Issa B e n d a k. Der Muiti an Roosevelt Der Mufti von Jerusalem, Hadsch Emin el Hussein!, hat als Vorsitzender des Obersten Arabischen Komitees an Präsident Roosevelt ein Telegramm gerichtet, in dem er erklärt, das Oberste Arabische Komitee verfolge mit Kummer und Sorge die Bemühungen der Juden, die Vereinigten Staaten von Amerika zu einer Intervention gegen die gerechte Forderung der Araber, in ihrem Lande frei leben zu können, zu veranlassen. Die Tagesordnung des Kongresses Gedenkrede Weidmanns für Sokolow Nach einer Jerusalemer Meldung ist bereits die Tages- Ordnung für den XX. Zionistenkongreß in Zürich provisorisch festgesetzt worden. Der Kongreß wird von I>r. W e i z - mann mit einer Gedenkrede für Sokolow eröffnet werden; im Anschluß daran wird Dr. Weiztnann einen Bericht über die politische Lage erstatten. Am nächsten Tage wird die politische Debatte beginnen, für die mehrere Tage reserviert worden sind und an der sich die Mitglieder der Exekutive beteiligen werden. Mit Ausnahme von ausführliehen Referaten über die Tätigkeit der Exekutive bzw. über die wirtschaftliche Lage in Erez Israel werden sämtliche Berichte der Exekutive an die betreffenden Komm iss ionen erstattet werden, die Resolutionsanträge zur Vorlage an das Plenum ausarbeiten werden. Am 8. August wird im Saal des Kasino zu Basel eine feierliche Sondersitzung aus Anlaß des 40. Jahrestages des ersten Kongresses stattfinden. 500 Delegierte werden sich am Kongreß beteiligen, dessen Gesamtdauer auf .12 Tage festgesetzt ist. Leon Blum — Bericht des Nansen-Amtes über ein dorniges Weltproblem Kurz nach dem ersten Jahrestag seines Amtsantritts ist Ministerpräsident Leon Blum zurückgetreten. Blum ist Jude, aber sein Wirken als französischer Politiker, ob nun im Amt, oder außerhalb des Amtes, hat mit jüdischen Angelegenheiten nichts zu tun. Er stammt aus dem gebildeten jüdischen Bürgertum Frankreichs, das seine Assimilation, die von Staat und Gesellschaft gefordert und gefördert wurde, vorbehaltlos durchgemacht hat, aber er persönlich ist kein ״Assi״ milant“, sondern es spricht in unseren Augen für seinen Charakter, daß er seine jüdische Abstammung als wesentliches Element seiner Persönlichkeit empfindet und bejaht. Blum hat seine Fähigkeiten und seinen guten Willen restlos in den Dienst seines Landes und seiner Aufgabe gestellt. Die Schwierigkeiten der französischen Finanzpolitik, die zu seinem Sturz geführt haben, können uns hier, nicht beschäftigen, ebensowenig wie die internationalen Gesichtspunkte der französischen Politik. Dennoch hat der Fall Leon Blum auch einen ״jüdischen“ Aspekt. Als Juden interessiert uns, wo ein Jude beteiiigt ist, die menschliche Seite der Sache. Wie erinnerlich, gab es vor einem Jahr in jüdischen Kreisen (Frankreichs, aber auch z. B. Amerikas) Bedenken dagegen, daß ein Jude eine so hohe und verantwortungsvolle Stellung annimmt. In einer Zeit, wo die Judenfrage in weit höherem Maße als im vorigen Jahrhundert zu einem Gegenstand der Weltdiskussion geworden ist, befürchtete man — so stand es in manchen amerikanisch-jüdischen Zeitungen zu lesen —, ein etwaiger Mißerfolg Blums könnte dem Judentum zur Last gelegt werden;׳'während der Mißerfolg eines anderen (nichtjüdischen) Ministerpräsidenten natürlich nur ihn persönlich, niemals aber die Gruppe trifft, aus der er biologisch oder kulturell hervorgegangen ist. Die Juden* heit, so meinte man, könnte, besonders in dieser Zeit, eine solche Belastung nicht ertragen. Eines der verantwortungsvollsten politischen Aemter der Welt solle, besonders in einer so delikaten Weltsituation, nicht von einem Juden besetzt werden. Dieser Meinung standen freilich andere Stimmen gegenüber, die es unvermeid lieh fanden, daß ein Mann, der im politischen Leben steht, auch die Verantwortung, die auf ihn fällt, nicht ausschlagen kann, ob er nun Jude ist oder nicht, und daß ein solches Verhalten des Auswcichens gerade einem Juden auch mißdeutet werden könnte. Nun, am Ende der Blumschen Ministerpräsidentschaft, wäre die Bilanz dieses Jahres zu ziehen. Dies vom Standpunkt der französischen Politik zu tun, ist nicht unsere Sache. Was den Judenpunkt betrifft, darf festgestellt werden, daß nirgends, auch nicht in der französischen Presse, der Rücktritt Blums in irgendeiner Form mit der Judenfrage oder mit einer Anspielung auf sein Judesein verknüpft worden wäre. Und noch mehr: bei Prüfung des Echos dieses Ereignisses in der Weltpresse kann man wohl sagen, daß ein Unterton von Achtung gegenüber der Persönlichkeit von L60n Blum überall zu spüren ist. Auch seine politischen Gegner erkennen an, daß hier ein Mann von selbstlosem Wollen und charakterlicher Reinheit sein Bestes zu tun versuchte, — in einer Krisen-Situation, die in weiterem Sinne nicht nur Frankreich, sondern uns alle heute lebenden Menschen angeht, nämlich in einer Zeit des Uebergangs, wo die sozialen, technischen und wirtschaftlichen Umwälzungen nach einem neuen politischen und geistigen Ausdruck ringen und die auseinanderklaffenden Entwicklungen miteinander in Einklang gebracht werden sollen. Diese persönliche Anerkennung für Blum darf wohl auch unter jüdischem Gesichts« punkt als Aktivum gewürdigt werden, in einem Moment, wo, objektiv betrachtet, die Karriere Blums wahrscheinlieh keineswegs für immer zu Ende ist. * Zu den vielen ungelösten Problemen, die das Leben in unserer Zeit so unruhig und sorgenvoll machen, gehört auch die Tatsache, daß viele Tausende von Mensehen durch mächtige Umstände aus ihren Heimatländern, ihrer gewohnten Umgebung und ihrer gelernten Beschäftigung herausgerissen wurden und noch keinen neuen Heimatsort gefunden haben. Dieses Problem des Wandern m üssen s ist uns Juden wohl bekannt; es ist seit 50׳Jahren eine ständige Erscheinung des jüdischen Lebens, und die Zuspitzung der ökonomischen und politischen Verhältnisse in den letzten Jahren läßt für die Juden das Gespenst einer immer