Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 48 (18.6.1937)
- Date
- 1937-06-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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f Nr. 48,18. VI. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 9 ״Funktionäre11 Die nachstehenden Ausführungen, die uns ans unserem Leserkreis zugingen, behandeln ein Problem, das in der Tat jür das jüdische öffentliche Leben von größter praktischer Bedeutung ist, \Venn wir auch in mancher Beziehung die hier vorgetragenen Ansichten für allzu schematisch und daher in ihren Ftdgerungen zu weitgehend ansehen, so scheint uns doch, daß damit ein Punkt berührt wird, der gelegentlieh zu Mißverständnissen Anlaß gegeben hat und im jüdischen Publikum vielfach diskutiert wird. (Red.) Das jüdische Leben, das unter dem Einfluß der äußeren Geschehnisse der jüngsten Vergangenheit einen wachsenden Einfluß auf den Lehenskreis des einzelnen luden nimmt, dessen Bedeutung für das Schicksal zahlreicher Menschen also immer größer wird, ist weitgehend durch diejenigen Menschen bestimmt, die es zu führen und zu gestalten haben. Es ist daher für das Schicksal unserer Gemeinschaft von größter Bedeutung, die Frage zu beantworten, inwieweit die Auswahl dieser Funktionäre, seien es nun beamtete Kräfte, die hauptberuflich tätig sind, seien es ehrenamtlich arbeitende Menschen, zweckmäßig ist. In einer zurückliegenden Zeit standen an der Spitze der jüdischen Gemeinschaft, ihrer Gemeinden und Organisationen in der Hauptsache die Frömmsten und Gelehrtesten. Es gab wenigstens der Idee nach in der jüdischen Gasse etwas Aehnliches wie eine ״Herrschaft der weisen“. Und wenn das jüdische Leben auch eng war und durch zahllose Bestimmungen, die die Umwelt gesetzt hatte, in seiner Ausgestaltungsmöglichkeit gehemmt, so wurde doch durch die Menschen, die an der Spitze der jüdischen Gemeinschaft standen, ein höheres Maß von geistiger und menschlicher Wirkung erzielt. Das war gewiß nicht immer im idealen Sinne der Fall, weil auch in der Vergangenheit menschliche Schwächen bei der Auswahl der Funktionäre eine Rolie spielten; schon damals bahnte sich eine Verkniipfung von Gelehrsamkeit und Wohlhabenheit an, weil ja vielfach gerade die Söhne der wohlhabenden Familien am ehesten dazu in der Lage waren, das geforderte hohe Maß von jüdischer Bildung'zu erwerben. Hieraus entstand in einer Zeit der inneren Auflösung der jüdischen Bindungen und der Abwertung der alten jüdisehen Werte, an deren Stelle keine neuen Eigenwerte traten, die Erscheinung, daß an der Spitze des jüdischen Lebens in der Hauptsache die wohlhabendsten, in der Umwelt angesehensten Männer standen. Dies brachte es zu Wege, daß das jüdische Leben auch von der organisatorischen Seite her einem tiefgehenden Wandel unterworfen wurde, und daß das meiste, was in seinem Bezirk getan ward, den Stempel des Verw a 11 u n g s m ä ß i g e n annahm. Auch diese Erscheinung, die eine Entleerung von geistigen Inhalten bedeutete, hatte ihre Vorteile, da die Verwaltung jüdischer Einrichtungen vielfach nicht schlecht war, besonders in jener Zeit, als die erste Generation derer, die im Aufstieg der Nachemanzipationszeit zu Ansehen und Einfluß gelangt waren, an der Spitze jüdischer Einrichtungen stand; ohne Zweifel waren sie ein Geschlecht, das durch Tüchtigkeit im Lehen ausgezeichnet war und diese auch in der jüdischen Gerneindestube und in jüdischen Institutionen überhaupt beweisen konnte. Anders wurde es, als die Erben ans Ruder kamen, sowohl draußen im Leben wie auch im jüdischen Bezirk, die im Besitze überkommenen Reichtums bereits dazu prädestiniert schienen, jüdische Funktionen zu übernehmen. Sie hatten nicht immer die gleichen Talente wie ihre Väter und besaßen auch kein besonders utes Rüstzeug an jüdischem Wissen und jüdischem ebenswillen. Audi heute noch ist dieses Auswahlprinzip der Funktionäre in weiten Teilen der jüdischen Welt vorhanden, und besonders wenn man nach dem Westen, nach den englisch sprechenden Ländern und nach Amerika blickt, sehen wir, daß dort das Wort der Reichen in der jüdischen Sphäre darum besonders viel gilt, weil sie im Leben draußen Ansehen genießen. In der jüngsten Periode hat sich eine dritte Art der Auswahl jüdischer Funktionäre durchgesetrt, und zwar im Zusammenhang mit der Demokratisierung des jüdischen Lebens, mit der Entstehung großer jüdischer Organisationen, die über einen zahlreichen Mitgliederbestand verfügen, und mit der Uebernahrne von Methoden westlicher Demokratie auf den jüdischen Bezirk. Die Auswahl der führenden Personlichkeiten in diesen Organisationen, die Möglichkeit des Aufstiegs in ihnen und damit die Chance, im jüdischen Leben eine öffentliche Funktion nuszuüben, ist in erster Linie an die Fähigkeit des Einzelnen geknüpft, seine Meinung gut vorzutragen oder seine Person in das rechte Licht zu setzen. Es sind in der Hauptsache die Redegewandtesten, die bei dieser Methode der Auswahl nach oben gelangen und in die Reihe der Funktionäre eiritreten. Ohne Zweifel hat dies den Vorteil, daß Menschen an der Spitze des öffentlichen Lehens stellen, die vorzüglich für ihr Amt geeignet sind, wenn es auf Repräsentation einer Sache ankommt, wenn es gilt, einen Meinungskampf oder den Standpunkt einer Gruppe durchzufechten, und auch wenn es sich darum handelt, das jüdische Volk vor der Umwelt zu vertreten. Es ist notwendig, einmal auf diese Wandlungen im Auswahlprinzip der jüdischen Funktionäre hinzuweisen, um zu erkennen, welche Vorzüge und Nachteile damit verbunden sind. Der jüdische Funktionär unserer Zeit, der mit Hilfe und im Rahmen mehr oder weniger ,,demokratischer“ Organisationen aufgestiegen ist, ist in der Regel ein Mann von starkem Selbstbevvußtscin, dem es nicht an Energie mangelt und der es verstanden hat, seine Sache zu vertreten. Ohne Zweifel muß auch ein starker persönlicher Geltun gswille in diesem Kreis von Menschen vorhanden sein, da diejenigen kaum ein Interesse daran haben, aut dem Wege der Selektion nach oben zu gelangen, die es vorziehen, inr privates Leben ohne Aufsehen zu führen. Vielfach ist damit eine Portion Eitelkeit verbunden, die zusammen mit dem energischen Geltungswillen für den politisch tätigen Menschen immerwährender Antrieb ist, die Sache zu vertreten, die er auch innerlich für gut befindet. Diese Eigenschaften können naturgemäß mit vielen anderen geistigen und seelischen Werten verbunden sein. Wenn wir das jüdische Leben überschauen, so sehen wir, daß dies vielfach der Fall ist und ganz hervorragende Repräsentanten des jüdischen Lebens in der uneigennützigsten Weise für die jüdische Gesamtheit tätig sind, der sie ihre Erfahrung, Uneigennützigkeit und Klugheit zur Verfügung steilen. Aber diese Eigenschaften sind nicht das eigentliche Prinzip der Selektion. Zwischen dem jüdischen Publikum und den Funktionären besteht nun ein eigentümliches Verhältnis. Es ist gemischt aus Respekt, Vorsicht und Kritik. Respekt, weil man die großen Leistungen anerkennen muß, die das jüdische Leben nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen der Welt umgewandelt haben und die zu einem guten Teil auf die Arbeit derer zurückzuführen sind, die mit unermiidlicher Energie auf vorgeschobenem Posten stehen. Vorsicht, weil man sich vielfach als abhängig von jenen empfindet, die über bestimmte Mittel zu disponieren haben, die z. B. auf sozialpolitischem Gebiete über Einfluß verfügen. Man muß leider gestehen, daß der Einblick der Oeffentiichkeit in die verschiedenen Sphären des jüdischen Lebens nur gering ist, und dieser oder jener unterliegt der Furcht, daß er einmal einen persönlichen Nachteil aus einem laut geäußerten Wort der Kritik haben könnte. Dafür ist diese Kritik im gehe. ..en vielfach um so stärker, und man kann, Der Entscheidung entgegen Dr. Michael Traub über die Palästin&politik Die große Versammlung der BZV., die am Dienstag im Brüdervereinshaus stattfand, ist allen Teilnehmern ein starkes Erlebnis geworden. Jeder spürte die lastende Ungewißheit der augenblicklichen Situation und empfand es deshalb als besonders wichtig, durch die klare״ und überaus eindrucksvollen Ausführungen von Dr. Michael Traub, der vor kurzem aus Palästina zurückgekehrt ist, ein scharf umrissencs Bild von der Lage und von all den Faktoren zu erhalten, die jetzt und in den kommenden Monaten wirksam sind. Einleitend wies Dr. David Schloßberg auf den bevorstehenden Kongreß und auf die wechselvollen Schicksale des zionistischen Werkes in den vergangenen 40 Jahren hin. Er verlangte, vorher schon durch den Schekelfilm wirksam unterstützt, das einmütige Bekenntnis der Juden zu Palästina durch den Erwerb des Schekels. Alsdann nahm unter herzlicher Begrüßung seitens des Publikums Dr. Tr a u b das Wort. ״Ein jUdisches Weißbuch“ Dr. Traub schilderte einleitend die charakteristischen Eindrücke seiner Reise durch Palästina. Fast normal und äußerlich ungestört verläuft in diesen Wochen das Leben der jüdischen Bevölkerung Palästinas. Und doch lastet auf allen, und selbst auf den politisch Gleichgültigen, ein ständiger Druck. Die Frage nach dem politischen Schicksal des Landes, vor allem aber nach der Offenhaltung der Tore Palästinas für weitere jüdische Einwanderung, steht im Mittelpunkt des Interesses. Das Schwergewicht des Lebens liegt m Palästina jetzt nicht im Wirtschaftlichen, sondern im Politischen. Auch die letzte Sitzung des Aktions-Comitds in Jerusalem stand daher voll und ganz im Zeichen der aktuellen politischen Lage. Eingehend berichtete Dr. Traub über die Stellungnahme des A.-C. zu den wichtigsten Problemen unseres politischen Lebens und schilderte im einzeinen unsere Argumente und Forderungen. Gegenüber den verschiedenen, von englischer Seite in der Palästina-Frage im Laufe der Zeit abgegebenen Erklärungen, müßte ein ״jüdisches Weißbuch“ veröffentlicht werden, das unseren Standpunkt mit aller Klarheit zum Ausdruck bringt. Der Redner besprach auch die Möglichkeiten für die weitere politische Prozedur, insbesondere auch vor dem Genfer Völkerbundsforum. Der Teilnngsvorschlag Sodann wandte sich Dr. Traub dem Teilungsvorschlage für Palästina zu. Der Teilungsvorschlag wird durch manche englische Freunde in der Annahme befürwartet, daß unter den Gefahren, die der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina drohen, die Gefahr der Teilung die geringere ist. Für viele Engländer bedeutet aber Teilung ״Kapitalisierung einer Schuld bei gleichzeitiger Reduktion des ausstehenden Beträges“. Demgegenüber ist die Stellungnahme der Araber eine eindeutig negative. Auch bei einer für sie relativ günstigen Grenzreguiierung verlieren sie; 1. den reichsten Teil von Palästina, vor allem aber das gesamte Orangengebiet; 2. den wichtigsten Teil der palästinensischen Küste; 3. den Teil Palästinas, in dem die fiskalischen Einnahmen am höchsten sind; 4. einen ansehnlichen Teil der arabischen Bevölkerung. Der jüdische Standpunkt zur Teiiungsfrage ist in der Resolution des A.-C. eindeutig dokumentiert worden. Eine Teilung Palästinas würde eine wesentliche Verschlechterung unseres Status gegenüber der im Mandat vorgesehenen Regelung zur Folge haben. Unser Kampf gegen diese Schmälerung unserer Rechte muß daher mit aller Energie fortgesetzt werden. Liegt auch in der Idee jüdischer Staat- Iichkeit ein starker politischer Anreiz, so muß dennoch mit aller Deutlichkeit erklärt werden, daß diese Idee erst dann in Erfüllung gehen kann, wenn hinter der Form ein entsprechender I 11 h a 11 sein wird. Jede andere Lösung kann leicht zur Liquidation des Jüdischen Nationalheims führen. Vor allem wäre ein Verzicht auf Jerusalem eine innere Lüge, denn nie und nimmer wird das jüdische Volk aus seinen Gebeten und aus seiner Sehnsucht, aus seiner Propaganda und aus seinem Programm die Hoffnung aut Rückkehr nach Zion streichen. Eindrucksvoll schilderte Dr. Traub die Opposition, die insbesondere von Ussischkin gegen das Teilungsprojckt im Rahmen der A.-C.-Sitzung gemacht wurde. Die eindeutige Stellungnahme des A.-C. enthebt uns aber nicht der realpolitischen Aufgabe, den mit einer Teilung Palästinas verbundenen Fragenkomplex näher zu betrachten. Schon im Jahre 1922 wurde Palästina geteilt, indem Transjordanien abgetrennt und für jüdische Einwanderung verschlossen wurde. Eine weitere Teilung Palästinas könnte sowohl für die jüdische Einwanderung, wie für die jüdische Wirtschaft von schwerstem Nachteil werden. Allerdings könnte vom Standpunkte jüdischer Realpolitik argumentiert werden, daß vieles davon abhängen wird, wie die Grenzen eines neu zu bildenden jüdischen Staatswesens aussehen würden. In dieser Argumentation könnte man weitergehen und erklären, daß eine Teilung nur dann diskutabel sei, wenn wir auf weitere Einwanderung nach lerusalem nicht zu verzichten brauchten und einen Dominion-Status unter britischer Oberhoheit hei voller innerer Autonomie erlangen könnten. Auch dann würden aber im Falle einer Teilung Schwierigk eiten entstehen, die in ihrer praktischen Durchführung kaum überwindbar sein würden: die arabische Bevölkerung würde im jüdischen Teile Palästinas zirka 300 000 Seelen, d. s. 40 oder 45 «,0׳ der Gesamfbevölkenmg, ausmachen; sie würde infolgedessen Minoritätenrechtc vertangen, die ■den jüdischen Charakter des neu zu bildenden ״Staates“ wesentlich beeinträchtigen würden. Ein großer Teil des Bodens würde im jüdischen Teile Palästinas nach wie vor Arabern gehören, die. ihn bei der zu erwartenden vvirtschaftlichen Konjunktur nur sehr zögernd und unter schweren materiellen Bedingungen verkaufen würden. Der jüdische Teil Palästinas würde infolge seiner unvergleichlich schnelleren wirtschaftlichen Entwicklung eine starke Anziehungskraft au! die Einwohner des angrenzenden arabischen Staates bilden, und es wird nicht leicht sein, diese natürliche Einwanderungtendenz zu unterbinden. Auch der Schutz der Grenzen wird bei der erwähnten starken arabischen Minorität ein schwer zu lösendes Problem darstellen. Wichtiger als diese Argumente bleibt aber die Tatsache, daß man sich kaum eine jüdisch-nationale Heimstätte ohne Jerusalem vorstellen kann, Die Alternative Es ist notwendig, die realpolitische Alternative zu erkennen, mit der wir in den kommenden Wochen zu rechnen haben. Entscheidend bleibt die Frage, was geschieht, a) wenn ein Teilungsvorschlag in der einen oder anderen Form gemacht wird, b) wenn die Regierung statt dessen die jüdische Einwanderung mit Festlegung einer bestimmten rozcntueilen Quote zur arabischen Bevölkerung beschränen wird. Wie sehen die politischen Bedingungen aus, unter denen wir unseren Kampf zu führen haben? Jüdische Realolitik in Palästina erfordert im gegenwärtigen Augenblick iare Zielsetzung und mutige Erkenntnis der e g e b e 11 e n Realitäten. Eingehend analysierte Dr. raub die Bedingungen, unter denen unsere Arbeit verläuft. Zu unseren Ungunstet! wirken folgende Faktoren: Englands Befürchtung in bezug auf die Entwicklung in anderen arabischen Ländern; Zweifel an der Verwirklidumgsmöglichkeit des Mandats in seiner jetzigen Fassung; eine Mandatsmüdigkeit, die sich in manchen englischen Kreisen bemerkbar macht. Diesen negativen Faktoren stellen für uns günstig wirkend entgegen: die gegenwärtige Krise ries Panarabismus, der in den Händen einzelner arabischer Völker jeweils eine Waffe vor der Verwirklichung des politischen Zieles im betreffenden Lande ist; die Tatsache, daß im gleichen Maße, in dem die neuentstandenen arabischen Staaten sich der konstruktiven Arbeit im eigenen Lande zuwenden, sie gezwungen sind, sich von äußeren Konfiikten fern zu halten. Vor allem aber die kolonisatorische Leistung, die wir im Laufe der letzten 20 Jahre in Palästina vollbracht haben und die aus dem wirtschaftlichen und politischen Kräftespiel des Nahen Orients nicht ausgeschaltet werden kann. Man muß Palästina gerade in diesen Wochen gesehen haben, um zuinnerst überzeugt zu sein, wie unums töß lieh die wirtschaftlichen und geistigen Tatsachen sind, die wir dort ungeachtet aber Konflikte und Schwierigkeiten geschaffen haben. Unsere Forderungen sind nicht nur in der Balfour-Deklaration und im Mandat, sondern im Leben Palästinas verankert. Wir verlangen daher eine aktive Politik seitens der Regierung zur Verwirklichung des Mandats und sind überzeugt, daß die Mandatshestimmungen sowohl den Juden wie den Arabern gegenüber erfüllbar sind. Die Behauptung, daß die Möglichkeit einer jüdisehen Mehrheit in Palästina dem Mandat widerspreche, muß als willkürliche K o n s t r u k t i o n mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden. Unabhängig vom gegenseitigen Zahlenverhältnis soll keines der beiden Volker Palästinas vom anderen beherrscht werden. Jüdischer Partner des Mandats ist aber nicht die zufällig in Palästina lebende jüdische Bevölkerung, sondern das jüdische Volk in der Welt, dem die nationale Heimstätte in Palästina versprochen wurde. Eine nationale Heimstätte, die bei einer erreichten Million oder 11 ö Millionen vor weiterer jüdischer Einwanderung gesperrt werden würde, wäre eine Heimstätte der in Palästina lebenden Juden, aber keine nationale Heimstätte des jüdischen Volkes. Die Antwort des Volkes Der letzte entscheidende Faktor im Kräftespiel der Palästina-Poiitik ist das jüdische Volk seihst. Die iinfaßbare Judennot in vielen Ländern der Welt hat den Streit um Palästina zu einem Kampf um Lebensrecht und Lebensraum gestaltet. Die Ausweglosigkeit unserer Situation werfen wir in die Waagschale der politischen Diskussion um Palästina, — bildet sie doch neben den Argumenten der historischen Verbundenheit und der vollbrachten Leistung die moralische Grundlage unseres Kampfes um Frez Israel, ln diesem Kampfe liegt der Schwerpunkt im Verhalten des jüdischen Volkes. Die Antwort des Jischuws auf die Ereignisse war stark und eindrucksvoll. Die Ungebrochenheit seines Lebenswillens fand sichtbarsten Ausdruck in der Gründung der neuen Siedlungen. Im Kampfe um unser Recht auf Palästina wird es aber nicht mir aut das Verhalten des Jischuws, sondern auf die Stellungnahme, des jüdisehen Volkes außerhalb Palästinas ankommen. Der Zionistischen Organisation fällt in diesen Wochen die gcwaltige Aufgabe zu, die Kräfte des Volkes in diesem Kampfe zu mobilisieren. Unter diesem Aspekt gewinnt die im Schicksalsjahre 1937 durchgeführte Schekelaktion ihre cigentliehe Bedeutung. Die mehr als anderthalbstündige fesselnde Rede wurde vielfach von Beifall unterbrochen, der bewies, daß Dr. Traub der Versammlung vieles gegeben hatte. Der Gesang der Hatikwah bildete den feierlichen Ausklang des Abends. wenn man mit dem ״Mann von der Straße“ spricht, nur allzu oft die Beobachtung machen, wie falsch die Vor- Stellungen über die Einzelheiten des jüdischen Lebens, über die Verwaltung von Mitteln usw. sind, wie übersteigert die Kritik ist, mag sie überhaupt sinnlos sein oder iu gewissem Umfange zu recht bestehen. Diese Erscheinungen erklären sich aus einer Art von Minderwertigkeitsgefühl des Publikums gegenüber den jüdischen Funktionären. Es wäre gut, wenn alles dafür getan würde, um ein solches Gefühl zu beseitigen. In der großen jüdischen Masse gibt es hunderte und tausende stille Menschen, die daheim ein Leben führen, dessen jüdischer Wert gewiß nicht kleiner ist als das Leben derer, die kraft ihrer persönlichen Eigenschaften in der vorderen Front der Oeffentlichkeit stehen; diese Menschen können daher mit Recht eine nicht geringere Wertung beanspruchen als jene. Man darf vielleicht sogar ohne Uebcrtreibung sagen, daß die tieferen, seelischen Kräfte des Judentums nicht dort kultiviert werden, wo der laute Kampf der Meinungen und die tägliche organisatorische Arbeit vor sich geht, sondern viel mehr an jenen unscheinbaren Punkten, wo ein Mann seinen Kindern jüdisches Empfinden übermittelt, wo das — wenn auch unvollkommen — vor sich geht, was wir als nationale Erziehung zu bezeichnen gewohnt sind. Ohne Zweifel ist das Auswahlprinzip der jüdischen Funkti'onäre unserer Zeit kein ideales. Für manche Tätigkeiten ist es zweifellos gut, für andere Aufgabengebiete unzureichend. Es gibt kein Allheilmittel auf diesem Gebiete, von dem zu sagen wäre, daß man cs an die Stelle jener Aus- Wahlprinzipien setzen sollte, die sich bei uns durchgesetzt haben. Eines aber ist notwendig: Denen, die als jüdische Funktionäre arbeiten, sollten die Bedingtheiten des eigenen Kreises und der eigenen Person klar sein. Man spürt manchmal etwas allzu viel moralisierende Selbstgerecht tigkeit, ein wenig zu viel Selbstbewußtsein, eine Spur zu be« fonter Ucberlegenheit gegenüber dem Mann aus dem Pubtikum — und das ist eine Gefahr,die besonders peinlich ist. So bedeutend die Leistungen sind, die mit Hilfe einer großen Zahl unermüdlich arbeitender Menschen erzielt wurden, und so sehr diese ein Recht auf Anerkennung ihrer Arbeit haben, so klar ist es doch, daß all dies stets nur ein Dienst an der Sache des Volkes sein kann. Wenn in dieser Hinsicht die Selbsterkenntnis vorhanden ist, dann wird auch das Gefühl des Vertrauens noch viel stärker in allen Teilen des jüdischen Lebens entstehen können, als es bisher schon der Fall ist, dann wird auch eine Kritik in sachlicher oder persönlicher Hinsicht vieles an Schärfe verloren haben. Am Haarez