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Jüdische Rundschau · 1937-06-08 · Heft 45 (8.6.1937) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 45 (8.6.1937)
Date
1937-06-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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יי 10.6.1937 Nr. 45 ✓ Jahrgang 42 Preis 25 Rpf, JÜDISCHE RUNDSC Schriftleltw&g,Verlag n. Anzelgcnverwaltaogt BerllnW 15, Meinekestr.ld Fernrufs 919031, Telegramm •Adresse t Orghip• - Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bzvt. RM 5,39. —• Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Groß-Berlin), Berlin 17392 (für dos übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebuhren. — Erscheint Jeden DUmtag and Freitag, BERLIN כ" ט ם יון תרצ״ז DIENSTAG, 8. JUNI 1937 Gültig* AnseigenpretsUate Nr. 5• Die 12 gespaltene mm.Zeile 20 Rpf., für Familien * Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet Gelegenheitsanzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die F reitng Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jddische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Alllcplll* v/Affi TVilima-Cfllail* Der Nationalgedanke m ß# KElv ■hE wf MA Ai 0 Der nationale Gedanke ist die Schicksalsmacht der .... M .י!...׳/.!. I« n.i I... ., m... •/.I. «1.1 ri 11,* 1« 1־' «,« ,ד״ rv^tnii I ר׳ Englands politische Linie Die palästinensisch-arabische Tageszeitung ״h'elesti;.“ veröffentlicht einen Brief des jetzt in Amerika weilenden Mitgliedes der inoffiziellen arabischen Delegation, Dr. lzzat T a 11 11 o 11 s, in dem er sich mit den Plänen einer Teilung Palästinas befaßt. Die Frage einer Teilung P a 1 ii s t i n a s, schreibt Dr. Tannous, ist nach dem Lärm der ersten Zeit in Vergessenheit geraten. Die englische Presse hat aufgehört darüber zu schreiben. Obwohl der Bericht der Kgl. Kommission streng geheimgehalten wird, herrscht in d e 11 L o 11 d o 11 c r p o I i t i - sehen Kreisen die M e i!111 n g, d a ß die Vorschlage des Berichtes nicht verwirklicht werden würden. Von zuverlässiger Seite hat man der arabischen Delegation mitgotcilt, daß die Regierung ihren Bericht allen Ministern und Ihiterstaatssekretärcn vorlcgen und ihn dann ins Arabische und Hebräische übersetzen lassen wird. Inzwischen wird die Regierung den künftigen politischen Kurs in Palästina fcstlegen. Faule Juni oder Anfang Juli wird sie den Bericht veröffentlichen und ihre künftige Politik bekanntgebeii. Sowohl der Bericht als auch die Erklärung über die neue Palästina-Politik werden der Mandats! o 1;. ״ :eo i übergeben werden. Im Parlament wird eine Debatte über den neuen politischen Kurs stattfinden, doch wird die Regierung, wie die arabische Delegation erfährt, unbekümmert darum ihre Pläne in die Tat Umsetzern Deshalb sind Verband- 1 u n g e 11 über d a s n eue S v s t e 111 n i c h t n ö t i g. In der Tageszeitung ״El I. i w a a", dem Organ des Großmufti, werden die Gerüchte über eine Teilung Palästinas als ״Komödie“ bezeichnet. Die arabischen Forderungen und Rechte seien für jedermann klar. Jeder Versuch, die Araber um ihr Recht zu betrügen, werde von diesen zurückgewiesen. Die Oeffentlichkeit wird aufgefordert, den Teilungsgerüchten, die noch immer verbreitet werden, obwohl die Regierung von arabischer Seite aufgefordert wurde, sie zu dementieren, keinen Glauben zu schenken. Der Oberste Arabische Rat habe in einer kurzen Erklärung festgestdlt, dal! ihm von einer geplanten Teilung nichts bekannt sei und daß die Araber ruhig auf den Bericht der Kgl. Kommission warten mögen. Dann werde der Rat Stellung nehmen. Die Araber seien nicht politische Kinder, die sich dadurch irreführen lassen, daß auch die Juden die Teilungspläne verurteilen und die Regierung zu diesen Veröffentlichungeu schweigt. Sie würden sich nicht in einem ״von leichtsinnigen Imperialisten und Zionisten vergossenen Tropfen Oel“ ertränken lassen. Der Kairoer Tageszeitung ״El Ahrain“ wird aus Genf gemeldet, daß England sich mit den Vertretern anderer Staaten bei der gegenwärtigen Völkerbundsversammlang über die Möglichkeit einer Lösung des Pa- I ii s t i n a p r o b I e m s beraten habe. England wolle sich über die Stellungnahme der verschiedenen Staaten zu den von der Kgl. Kommission gemachten Lösungsvorschlägen vergewissem. Politik und Landentwicklung Im englischen Unterhaus stellte am 3. Juni Kolonienminister Ormsbv-Oorc fest, daß die Unsicherheit über die Zukunft Palästinas ein Hindernis für die weitere Erschließung des Landes ist. Der Abgeordnete Mander hatte den Minister gefragt, ob er im Hinblick auf die Lage in Palästina die Verwendung von Regicrungsmitteln für Straßen- und Bahnbai!, für die Er- Weiterung des Hafens von Haifa, für die Förderung städtischer Arbeiten durch Regierungsvorschiisse und für andere in Berichten von Sachverständigen empfohlene Maßnahmen in Erwägung ziehen wolle. Koionienminister O r in s b y - G o r e antwortete: Das Programin der öffentlichen Arbeiten in Palästina ist eine Angelegenheit, die in erster Reihe von dem High Commissioner zu erwägen ist, dessen Empfehlungen mit dem Jahresvoranschlag des Territoriums vorgelegt werden. Trotz der ernsten, durch den starken Rückgang der Einnahmen und den großen Ausgaben für das Sicherheitswesen im Zusammenhang mit den letzten Unruhen bedingten Erschöpfung der Reservefonds schreitet die Arbeit bei gewissen Straßenbauten, bei der Verbessening des Bahnnetzes und dem Ausbau von Telegraph und Telephon rasch vorwärts; ich kann jedoch mit Rücksicht auf die veränderte Finanzlage Palästinas und die bis zur Entgegennahme des Berichtes der Kgl. Kommission bestehende Ungewißheit über die künftige Politik gegenwärtig nicht die Inangriffnahme neuer Erschließungspläne ermutigen. Die arabische Haltung Die Pakt-Pläne Die ״Frankfurter Z e i t u n g“ vom 5. Juni veröffentlicht einen Aufsatz ihres Kairoer Korrespondenten über den arabischen Paktplan. Es wird darauf hingewiesen, daß England eine arabische Einheit unter englischem Einfluß nicht i n d e r F o r m eines g r o ß :1 r a b i ■ sehen Reiches wünsche, sondern in der Form eines Paktes der arabischen Reiche untereinander, der jedem Staate eine unabhängige innere Entwicklung gewährleiste und nur außenpolitisch eine einheitliche Linie schafft. Das Zustandekommen des Paktes wurde durch de!1 Putsch in Bagdad im Herbst 1936 verhindert. Die große Masse der arabischen Völker steht auch jetzt noch mit einer gewissen Zurückhaltung den Machthabern in Bagdad gegenüber. Eng-!and habe neuerdings versucht, die Paktpolitik weiterzuführen. Diesem Ziel galt der Besuch des Kronprinzen von Saudi- Arabien in Bagdad. Jetzt sei eine irakische Delegation aus dem Jemen zurückgekehrt mit dem Ergebnis, dal! der Imam einem Pakt zustimme. Die Delegation habe den Umweg über Palästina gewählt und wurde in Jeru- Salem vom Mufti empfangen. Die Rolle des Emirs von Transjordanien (s. auch an anderer Stelle der heutigen Ausgabe — Red.) sei nicht ganz klar. Er habe sieh allen Paktvcrhandlungen ferngeludten, mache aber seinen ganzen persönlichen Einfluß bei den Arabern Palästinas geltend, um die Schärfe der Gegensätze zwischen der Regierung una den dortigen Arabern abzuschleifen. Das vorläufig nur im ideellen Sinne neu geschaffene Königreich Jerusalem sei vielleicht der Anfang einer Entwicklung, ״die nicht so ganz utopisch ist, wie manche Leute im englischen wie im arabischen Lager glauben machen möchten׳*. Eine Diskussion in London Nach einem Bericht der Londoner Zeitschrift ״Great Britain and the East“ sprach in London bei einer Sitzung der ״Near and Middle East Association“ der Delegierte der palästinensischen Araber, Dschetnal H u s s e i 11 i, über das Palästinaproblem. Die Zeitschrift teilt mit: Der Vorsitzende, Waris Emir Ali, erklärte, daß die moslemische Welt keine Antipathie gegen das jüdische Volk oder die jüdische Religion habe. Juden und Araber hätten vor dem Kriege freundschaftlich zusammengelebt. Aber er fürchte, wenn England nicht das Palästinaproblem ein für alle Mal regele, wiirden sich neue Spannungen ergeben und andere Länder konnten dann die Verwirrung zu ihrem Vorteil ausnutzen. Dschetnal H 11 s s c i 11 i führte in seinem Vortrag aus. daß die Araber Gegner des politischen Zionismus seien. Er behauptete, daß das englische Mandat in Palästina allein zum Nutzen des jüdischen Volkes gehaiulhabt worden sei, um es instandzusetzen, sich dort eine Fleimstätte aufzubauen, vülirend es in Wirklichkeit zugunsten aller dort lebenden Bewoliner hätte ausgeübt werden müssen. Unter solchen Umständen sei die Balfour-Deklaratiou ungesetzlich und sollte abgcscliafft werden, sobald der Völkerbund das Mandat übernehme. Während des Krieges seien den Arabern von Lord Allenby Unabhängigkeitsversprechungen gemacht worden; dennoch sei die jüdische Bevölkerung von 7 <״׳ auf 30 "0 gestiegen. Die trübe- Jen Untersuchungskonimissionen hätten zugunsten der Araber ihre Feststellungen getroffen, die jedoch niemals praktisch verwertet wurden. Schließlich behauptete Hussein!, daß die palästineiisischen Juden Waffen und Munition ins Land geschmuggelt hatten, ohne daß die Behörden dagegen eingeschritten seien. Von dem bevorstehenden Bericht der Peel- Kommission hoffe er, daß er den Arabern Gerechtigkeit widerfahren lassen werde: ״Wenn er es nicht tut, wird er die Zerstörung Palästinas bedeuten.“ An diesen Vorfrag schloß sich eine lebhafte Diskussion. Als erster nahm Israel Cohen das Wort, der leugnete, dah den palästinensischen Arabern während des Krieges Verspreehungen gemacht worden seien. Er führte ferner aus, welche Vorteile für die Araber die jüdische Einwanderung gehabt habe; so sei ihre Geburtenzahl gestiegen und ihre Sterbliehkoit gesunken. Auf eine Frage des jüdischen Rechtsanwalts Rernard G i 11 i e s, oh es nicht richtig sei, dah Dr. Weizmann den Arabern eine Round Table-Konferenz angeboten habe und dal! dieses Anerbieten wiederholt zurückgewiescn worden sei, antwortete Dschetnal Hussein!, daß die Araber über Palästina-Fragen nicht mit außerpalästi- 11 e n s i s c h e 11 Juden zu v e r!1 a n d e I u wünschten. Dr. Weizmann sei kein Palästinenser. Auf eine weitere Frage Gillies, warum die Araber die Ernennung eines Legislative Council ablehnten, erwiderte Husseini, die Ablehnung sei erfolgt, weil die palästinensischen Araber sahen, wie ihre Nachbarländer wirkliche Unabhängigkeit erlangten, während Palästina ein Scheinparlainenl erhalten sollte. Italien und die Juden Gral Ciano: Keine geänderte Haltung Rom, 6. Juni. (JTA.) Außenminister Graf Ciano hat den Oberrabbiner von Rom, Prof. Davide Prato, in längerer Audienz empfangen. Der Oberrabbiner wies auf die Besorgnisse hin, die unter den Juden Italiens im Hinblick auf die in letzter Zeit gehäuften judenfeindlichen Angriffe in der italienischen Presse herrschen. Der Außenminister versicherte dem Oberrabbiner, daß in der bisherigen Haltung der italienischen Regierung gegen- Uber den Juden keinerlei Aenderung eingetreten sei. Noch keine Niederlassung in Abessinien Seit der von P o I e 11 bei der letzten Sitzung des Völkerbundsrates ausgesprochenen Anerkennung der italienischen Herrschaft in Abessinien haben sich zahlreiche Juden an die Warschauer italienische Botschaft mit der Bitte um Niedcrlassungserlaubnis in Abessinien gewandt. Die Botschaft hat nunmehr eine E r k I ä r u n g veröffentlicht, in der bekanntgegeben wird, daß polnischen Bürgern ebenso wie den Bürgern anderer Staaten, die die Annexion Abessiniens anerkannt haben, bei der Erteilung von Ein- Wanderungsgenehmigungen der Vorzug gegeben werden wird. Vorläufig könnten solche Genehmigungen jedoch noch nicht erteilt werden, da die Botschaft noch keine Instruktionen dafür erhalten habe. Der nationale Gedanke ist die Schicksalsmacht der europäischen Menschheit im neunzehnten und zwanzigsten Jahr* hundert, ja er wirkt in der Form, die er in Europa erhalten hat, weit über Europa hinaus und verändert in unserem Zeitalter nicht nur die Landkarte Asiens, sondern and) die geistige und politische Haltung der asiatischen Völker. Es gibt in vielen Sprachen eine .umfangreiche Literatur über Nationaltsmus, aber es wird schwer sein, eine einheitliche Begriffsbcstimmung zu finden, so wie die meisten Theoretiker auch darin übereinstimmen, daß es unmöglich sei, einen einheitlichen Begriff der Nation oder Nationalität auf/ustellen. Der Nationalismus ist ein ^geistiges und zugleich geschichtliches Gebilde, er unterliegt ständigen W' a n d 11!!1 g e 11, nimmt verschiedene Formen an. Ist er auch erst in der letzten Epoche ins Bewußtscin getreten, so ist diese Wendung doch seit!angern vorbereitet. Der Nationalismus hat eine lange Vorgcschichtc. Will man den geistigen Quellen naebgehen, aus denen der Nationalismus lierkommt, so wird man gewiß a!1 dem Judentum nicht vorübergehen dürfen. Im jüdischen Volk der Antike finden wir bereits besonders ausgeprägt eine Art von nationalctn Selbstbewußtsein, und die damit verbundene Prahlematik; die Antinomie /.wischen Nationalismus und Sittlichkeit, Partikularismus und Universalismus füllt einen großen Teil der inner jüdischen Geschichte und der antiken jüdischen Literatur. Aber nicht mir das ist es, was für uns als Juden! ein spezifisches Interesse für das geistige Wesen des moderneri Nationalismus begründet. Vielmehr ist der Nationalismus von größter Bedeutung für die Stellung der Juden unter den Völkern geworden und die moderne Judenfrago wäre unverständlich ohne Auseinandersetzung mit ihm. Hinzu kommt noch, daß auch das jüdische Volk seif fünfzig Jahren in einer nationalen Be w e g u n g steht, die aus dein Gestaltwandel des jüdischen Lebens bei seinen? Zusammentreffen mit Europa durch die Aufklärung entstanden ist und ihrerseits den Wandlungsprozeß immer weiter gefördert hat. Die allgemeinen Gesetze des Nationalismus wirken im Verein mit dem die nationale Substanz bildenden Urgtit, das durch die nationale Erweckung zu neuem Leben kommt. Wir haben am jüdischen Nationalismus oft untersucht, wie sich zwei einander entgegengesetzte geistige Tendenzen, die der Aufklärung und die der Romantik, Rationalismus und Tradition, in ihm verbunden haben. Das ist aber ein Vorgang, der in der Geschichte des Nationalgedankens bei allen Völkern beobachtet werden kann. Dieses Thema der Gegenüberstellung von allgemeinen und besonderen Grundeiementen des Nationalismus ist noch lauge nicht erschöpft; es ergibt immer neues Material zur Selbsterkenntnis des Nationalismus und seines geistigen Standortes. Ein kürzlich erschienenes Rudi von Prof. Otto V o ß - ler ״Der Nationalgedanke von Rousseau bis Ranke“ (Verlag Oldenbourg, München) ist unter diesem Gesichtspunkte besonders reizvoll, weil Etappen dieses Weges durch das Spektrum der Anschauungen einzelner Persönlichkeiten vorschiedener Nationalität gezeigt' werden. Diese Männer haben da« Denken des Zeitalters erheblich beeinflußt, aber zugleich sind sie selbst Zeugen einer infolge der wechselnden Lebensbedingungen sich wandelnden Anschauungswclt. Voßler heschaftigt vor allem der Gedanke, wie sich die Ueberwindung des Rationalismus des achtzehnten Jahrhunderts, der bei den Geistigen eine Abwendung von der Politik lind ein Hinneigen zum Kosmopolitismus erzeugt hatte, vollzieht, wobei es dem Verfasser offensichtlich darauf ankommt, den universalen Gedanken nicht zu negieren, sondern seine versteckte Weiterführung im nationalen Gexvand 7.11 verfolgen. Line Versöhnung von Weltbürgertum und Nationalismus müßte in einem neuen echten Humanismus gipfeln. Dies ist anscheinend auch die Tendenz, die Voßler für den von ihm behandelten Zeitraum (bis Mitte des 19. Jahrhunderts) annimmt. Auf dieser Grundlage entstellen dann neue geschichtliche Kräfte, eine Entwicklung, die schon Friedrich Mein ecke in seinem Werk ״Weltbürgertum und Nationalstaat“, das seinerzeit auch in zionistischen Kreisen das Denken über das Wesen des Nationalismus angeregt hat, darstelite. An die Spitze stellte Voßler eine Abhandlung über Rousseau, in dem er, abweichend von der üblichen Auffassung, den wahren Bahnbrecher des Nationalgedankens sieht. Rousseau überwindet die Kluft zwischen Einzelnem und Staat, zwischen Moral und Politik, zwischen Recht und Macht, zwischen Freiheit und Zwang, indem er den Einzelnen mit dem Gemeinschaftswillen verschmilzt und dadurch Staat und Persönlichkeit miteinander verbindet. Zu dieser ״natürlichen“ Begründung des Nationalismus tritt dann durch den Eng-!ander Burke die Brücke des historischen Denkens, das die soziologische Gebundenheit des Einzelnen an die Gemeinschaff kraft des Erbes von Jahrhunderten zu einer bewußten und aktiven Kraft werden läßt. Die dritte Stufe bei der Ueberwindung des Kosmopolismus ist die Vereinigung von nationaler und Mcnschlieitsidee in der Weise, daß die Forderung, für die ganze Menschheit beispielhaft zu sein, gerade• zu zum Inhalt des Nationalismus gemacht wird. Dies ist eine. Abwandlung des Gedankens vom ״a 11 s e r w ä h 11 e n Volk“. Indem das Volk seine spezifisciie Auffassung von Menschentum realisiert, leistet es eine für die gesamte Menschheit notwendige und maßgebende Aufgabe. Gerade die Negation des Beschränkenden, des Nationalen, wird aut diese Weise der stärkste nationale Antrieb. Als Prototyp dieses Nationalismus nennt Voßler den Amerikaner Jeff ers o n, der die berühmte Unabhängigkeitserklärung da f |

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