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Jüdische Rundschau · 1937-06-04 · Heft 44 (4.6.1937) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 44 (4.6.1937)
Date
1937-06-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44, 4. VI. 1937 JöDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Briefe an die Redaktion Internationales Recht Kordhausen, den 28. Mai 1837 Sehr geehrte Rcdaktijn! Im Interesse Ihres Lcserkrcises weise ich Sie auf die auch dieses Jahr wieder im Juli 1937 beginnenden Fortbildungskurse der Akademie für iiitcrnalionalis Recht im Haag, Holland, hin. Es werden auch dieses Jahr Vorträge daselbst gehalten, die die Aufmerksamkeit aller Ü1״׳anisationen beanspruchen, welche sich mit der Emigration befassen. Es spricht unter anderem ira Juli 1937 Prof. Cardahi in Beyrouth über Theorie und Praxis des internationalen lhivatreehts im Islam, Baror» Asbeck über Fremdenrecht in den Kolonien, Dr. Allix über Finanzrcoht hinsichtlich der fremden Staatsbiirger, Professor Rechid in Istanbul über den Islam und das Völket recht, I’rof. Makatow über das Staatsbürger! echt der verheirateten Frau und Dr. Feinberg aus Tel Aviv über Gesetzgelnmg und Re! Ist sprcchttng des Ständigen Internationalen GeiHn-hofcs betreffs Mandate und Minoiitätenrecb*. Ich empfehle die Arbeiten des Instituts besonderer Beachtung durch alle am Einwantlerungsrecht Interessierten. Ks wurden in den vergangenen Jahren Vortrüge gehalten, die erhebliche Bedeutung haben, so voriges Jahr z. B. ein solcher über die Be- Ziehungen zwischen Mutterland und Kulonien, Dominien usw. hinsichtlich des öffentlichen Rechts. Mit verbindlichem Gruß W a r b ti r g, Rechtsanwalt lige Verkennung der Situation. Iss kommt sehr wohl darauf an, wieviel Juden in diesem Jahre den Schekel zahlen, denn die Stärke der Zionistischen Organisa'ion wird von ,1־er nicht jiitlischeu Welt gerade nach der Zahl der Menschen, die sich hinter sie stellen, bemessen. Bei d!c-er Gelegenheit :null daian erinnert werden, daß schon einmal — narb dem Weltkriege—׳ die Zionistische Organisation in große Schwierigkeit geriet, weil die Juden nicht in dem erwarteten Maße sich für den Palästinaanfbau oinsetzten. Die Tatsache, tlaß weite Schichten der Judenheit dem Palastinaaufbati in!eresselos oder ablehnend gegen- Überstunden, lieferte englischen Politikern wichtige Argumente gegen uns In der heutigen Zeit darf sieh ein solches Schauspiel nicht w ieder holen. Wir dürfen heute von jedem Juden verlangen, daß er sich mit in die Front derer einreiht, die um unser Recht in Palästina kämpfen und die sich für Fortsetzung der Eimvandc- Hing und des Aufhaiis aussprechen. Jedem Jaden kann das kleine materielle Opfer zugemute! werden, tlas die Zahlung des Schekels t er fordert. Man kann iilcr unsere Zukii'ifi-aus-ieliten verschiedenartiger Meinung sein. Auf jetten Fall muß aber jeder Jade alles tun, unsere 1’0'ition in den Kümpfen der nächsten Monate so stark wie möglich zu machen. Schalom! Fritz Bergmann * Die Schekelaktion Berlin, d. 1. Juni 1937 Sehr geehrte Redaktion! Ich habe in den letzten Tagen mehrere Besuche für die Sehekelaktion gemacht und hatte dabei eine Unterhaltung, die mir für gewisse Kreise der Juden Deuf'rlilands typisch zu sein scheint. Ein Bekannter, den ich besuchte, erwiderte mir: ״Wozu soll ich mich an der Schekelaktiou beteiligen? Die Tatsache, ob ich ein Schckclzahter bin 0:1er nicht, kann an der Ent- Scheidung über das Schicksal nichts ändern. Nicht wir haben 1'a-ülrer zu lrcfiiv'cn. sondern die B itische Mandatsre :ierung, und diese wird doch nur narb ihren eigenen Inlere.v-en übel' das Land entscheiden.“ Diese Antwort zeigt eine völ- Frankfurt/M., 31, Mai 1037 Sehr geehrte Redaktion! Ich habe bei meiner Werbearbeit für die Schekelaktion festgestellt, daß leider große Unkenntnis darüber besteht, wer einen Schekel er werben kann. Selbst in manrhen zionistischen Fami'bn finriet man die Auffassung vertreten, daß es genügt, wenn der Familienvater oder nur ein Mitglied der Familie einen Schekel erwirbt. Diese Auffassung ist völlig unrichtig. Die Schekelaktion stellt eine Zahlung aller derer dar, die sich zum jiidi-rhen Palästinawcrk be!;cm־,cn, und es kommt deshalb auf jeden Einzelnen an. Nicht nur ein Mi'glied einer Familie muß des• halb einen Schekel erwerben, sondein seine l'atni'ienangehö! igen (auch Kinde!) können und müssen den Schekel zahlen. Hochachtungsvoll 11 ans Cohen luden und jüdisches im Rundfunk Freitag, 4. Juni! Paris (1648), 12.45: Israel. Plauderei. — Beromünstcr (539), 17: Mendelssohn-Stunde. — Budapest (550), 20.10: Sinfoniekonzert, Dir.: J. Dobrowcn. Sonnabend, 5. Juni: Pteßbtirg (299), 13.30: Vortrag Dr. 0- Löbl: ״Die neue Kolonisation in Palästina und die slowakischen Juden“, In Kreuzburg fand eine Bezirkstagung der zionistischen Gruppen Rosenberg, Gnttentag, Konstadt, Pitschen, Landsberg und Kreuzburg am 23. Mai unter Anwesenheit von Fritz Tau, Kurt Berg und Felix Tauber, Beuthen, statt. Dr. Matzdorff hielt ein Referat über ״Die Arbeit der oberschlcsischen Kleingemeinden in der Zukunft“. Erich L e w i n, Rosenberg, sprach über ״Die politische Lage in Erez Israel vor der Entscheidung der Kgl. Kommission“. Herbert Geisenberg hielt ein Referat über ״Jiidische Auswanderung“. Am Abend fand eine öffentliche Versammhing statt, in der Fritz Tau über 40״ Jahre zionistische Bewegung“ und Kurt Berg über das Thema ״Der XX. Zionistenkongreß“ sprach. Die Kölner Zionistische Vereinigung hat beschlossen, Lehrer Abraham Reinhard t s. A. wegen seiner Verdienste um das jüdische Leben in Köln und um den Aufbau Erez Israels in das Goldene Buch des Keren Kajemeth Lejisrael einzutragen. Freunde und Verehrer des Entschlafenen, die sich an dieser Ehrung beteiligen wollen, werden gebeten, ihren Beitrag aut Postscheckkonto 62 003 Köln des Keren Kajemeth Lejisrael, Zweigstelle Köln, zu überweisen. Ankündigungen aus dem Reich Frankfurt am Main: Cliug Iivri, Jugendheim. Am 5. Juni, 16 Uhr, Herr Golfstrom über: ״Mittleren-] Jarlirolniriib“. — Köln: Zlrmbtbche Vereinigung. Am 7. und 8. Juni. 19.30 und 21.30 Uhr, Film-Aufftthrung ״Hatikwah“ im Gemeindehaus, Caciliemtr. 18-22 (s. Inserat). Familien-Nachrichten Herr Ernst Hamm und Frau Erna, geh. Salonion, Wuppertal-E., Kölner Sir. 94, begehen am 9. Juni die silberne Hochzeit. Herr Carl II e i m a n n, Meiningen, Anton-Uliiclr-Str. 10, begeht am 8. Juni den 75. Gebutstag. Herr David Kaufmann, Mcmmelsdorf (Unterfranken), begeht am 11. Juni den 75. Geburtstag. Frau Luise Meyer, Hildecheira, Schillerstraße, begeht am 4. Juni den 88. Geburtstag. Bar Mizwah-Termine Am 12• Juni (3. Tammu-): Helmut. Honig, Israelitische Waisenanstatt, Frankfurt am Main, Rüder bergweg 87. — Am 12. Juni (3.Tammu«): Felix S t. a e 1, Hohn von Siegmund Stack Saarbrücken 3, An der Trift 24. —• An! 19. Juni (10. Tammtis): Erich Fried-!ander, Scitn von Martin Friedliimler, Bredau, Garten5tr. 3. — Arn 23. Juni (17. Tammtis): Erich Oppenheimer. Sohn von Gustav Oppenheimer, Frankfurt am Main, Rodetbcigwcg 32. Geschäftliches. Das Kaffee-Restaurant von der Walde, Koblenz, Lohrstr. 28, I, besteht jetzt 25 Jahre. Ein Siebziger Max J. Friedländer, der einstige Leiter des Kupferstichkabinetts und des Kaiscr-Friedrich-Museums, wird am 5. Juni siebzig Jahre alt. Er hat Dürer, Altdorfer und Schongauer grundlegende Monographien gewidmet und seine wissenschaftliche Methode hat nicht versagt, als er sie auf den damals noch lebenden Liebermann angewandt hatte. Ein produktiver Mensch, der das Organ dafür hat, daß Kunstanalysc keine liebelccre Anatomie ist, sondern eine festliche Verrichtung, versteht er es, geschichtliche Entwicklungen und inneres Wachstum eines Meisters so nachzuzcichneit! daß, während er noch ein Dokument deutet, sich ein Mosaiksteinchen zum andern fügt und man ein geistiges Bild ent* stehen sieht. Sein Standard-Werk ist die Geschichte der Altniederländischen Malerei, die 1924 von Paul Cassirer begönnen wurde und jetzt im Heimatland der dargestellten Meister von A. W. Sijthoffs Uitgeversmaatschappij N. V. (Leiden) zu Ende geführt wird. Ein für Kunsthistoriker wie Museumsbeamte, Sammler und Kunsthändler unentbehr• lieber Oeuvre-Katalog von unübertroffener Zuverlässigkeit, mit einer klassischen Darstellung des Hugo van der Goes.!Die Zusammenfassung der zwei Jahrhunderte ist in Max J. Friedländers Prägung zum Sclilagwort geworden: Von Eyck bis Brtteghel! Da er auch den Niederländer-Band der Propyläen-Kunstgeschichte für das 17. Jahrhundert bearbeitet hat, verdanken wir ihm die umfassendste Darstellung des organischen Wachstums der vliimischen und holländischen Kunst, deren völkische Sonderarten er frühzeitig herausarbeitete, wie in Dirk Boufs und Lucas van Leiden das Rembrandische und bei Scoral und Eloris das Rubens-Element durchbricht, wie Rembrandts Lichtmysterien, Hals’ demokratischcs Gruppenbild oder Ruisdaels Landschaftslyrik als Stammeseigenschaften sich ankiinrligen usw. Friedbinders kunstgeschichtliche Philologie geht stets in produktive Kunstlerpsychologie über, aber auch wichtige Eormprobleme wie Manierismus und das Neben- oder Gegencinanderwiikeil von lokaler handwerkiieher Tradition und internationaler Selbstnuf* gäbe spielen in seiner stilkritischen Methode, die aus der Sichtung anonymen Bild best;,mlcs und vorsichtigen Zuschrei• hungern gesicherte, unirilihafte Kirnst Icrpcrsünlicli keifen macht, eine große Rolle, Zeitstufo, Nationalität und individuelle Anlage werden als Faktoren der Entwicklung dieser Meister greifbar, die sich noch als ״Handwerker'־' fühlen, unbeschadet dem Genius, den eine Nachwelt, die an Cezamie und Manet selten gelernt hat, an ihnen entdeckte. Weit tun sich die Tore der Kulturgeschichte hinter friedlämlcrs wegen seiner Kimsfkennerscliaft und wegen seiner Kunstschriftstclicrei gleich bewundernswerten kunstgcschichtlichen For• schungen auf. Dr. Lutz Weltmann Die Adresse des Elternhilfswerks für die jüdische Jugend, die kürzlich in einer Notiz, falsch angegeben war, ist: Charlottenburg, Kanistr. 153. ANTWORTEN DER REDAKTION Leser des Philo-Lexlkons. Sie machen uns auf die merk• würdige Angabe der neuen Auflage des Philo-Lexikons int Artikel ״Franz R o s e n z w e i g“ aufmerksam, in dem es heißt, daß Rosenzweig zusammen mit Martin Luther die Schriftverdeutschiing begonnen habe. Es handelt sich offenbar um einen Druckfehler. Gemeint ist wohl Martin B u b e r. L. P., Berlin. Warum das Berliner Gemeindeblatt unter das Bild eines Autobusses mit der Aufschrift ״Hadar Hacarmel“ den Text setzt: ״Steigender Verkehr in Tel Aviv“, müssen Sie dort erfragen, ihre Frage, ob es denn auch in Tel Aviv ein Viertel dieses Namens gibt, muß mit Nein beantwortet werden. Das Bild stammt offenbar aus Haifa. Dr. G. N. Ihre Entdeckung, daß der von Ihnen erwähnte Artikel im (icinelndeblatt eine wörtliche auszugsweise Uebersetzung aus einem berühmten Essay Salomofl Schechters (abgedruckt in: ״Studic-s in Judaism“, Philadelphia 1911, S. 46 ff.) ist, hißt vermuten, daß der Verfasser nur vergessen hat, die Quelle anzugeben. Darum halten wir eine so ausführliche Beschäftigung mit diesem Fail für unnötig. seines Volkes. Er rettete 1742 die mährische Judenlieit vor dem Untergang und setzte sich auch für die Prager Juden ein, als sie 1744 aus der böhmischen Hauptstadt vertrieben wurden. Auch andere Gemeinden wandten sich an ihn und fanden stets einen werktätigen Helfer ir, ihm. Aber wie dem auch sei, auch dieser Traum ist zerronnen. Die Milliarde Mark schrumpfte zu armseligen 2000 Mark zusammen, und auch die sind nicht zu haben. Die erregten Erbwilligen sind um einen Traum ärmer. Eigentlich schade, daß das österreichische Bundeskanzleramt diesen nackten Tatbestand mit brutaler Offenheit verlautbaren ließ und solcherart mit roher Hand den Hoffnungsschieier zerriß. Dabei ist das Merkwürdigste an der Sache, daß der einzige Sohn des großen Erblassers, Ephraim Lopez d’Aguilar, ein Junggeselle, das ihm!unterlassene bedeutende Vermögen noch erheblich vergrößerte und dabei in ganz England durch seinen Geiz berüchtigt war. Wo ist also das Geld? Das läßt sich um so schwieriger beantworten, als Baron Ephraim sich bereits 1802 zu seinen Vätern versammelte. Und so bleibt das große Rätsel zum unendlichen Schmerze der modernen Mystiker ungelöst. Kaum ist die Hoffnung auf die freiherrliche Verlassen- Schaft zuschanden geworden, da setzte auch schon die Aussicht auf eine neue Erbschaft, die alle bisherigen an Höhe der Summe bei weitem übertraf, Tausende von Juden in Bewegung. Keine Kleinigkeit, denn diesmal ging es um den ungeheuren Betrag von 90 Millionen Pfuna, die im Laufe von zwei Jahren in der Phantasie der Anwärter aui den Nachlaß allmählich auf 150 Millionen Pfund stieg! Und man hörte es an allen Straßenecken und las es in allen Zeitungen, daß vor etwa 90 Jahren ein Jude namens Leonold Weißberger aus Ungarn (offenbar günstiger Nährboden für mystische Erblasser) nach Australien auswanderte, wo er in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts verstarb und die Erbschaft von astronomischen Dimensionen liinterließ. Alle Weißberger aus Ungarn und Siebenbürgen, ja noch weit darüber hinaus aus allen europäischen Staaten meldeten sich als erbberechtigt, ließen, wie ihre Schicksalsgenossen in anderen Erbschaftsaffären, in Archiven und Friedhöfen nachforschen und legten waggonweise allerhand Dokumente vor. In Budapest saß in seiner Kanzlei in der Judenstadt ein Anwalt, der nichts anderes tat, als die Anmeldung von neuen Weißbergern entgegenzunehmen und für die anzustellende Familienforschung einen nicht unerheblichen Vorschuß einzustecken. Die Zahl der Anwärter stieg indessen auf 2800, man begann schon Kalkulationen über die Aufteilung der Erbschaft aufzustellen, und einige nach Erez Israel ausgewanderte Erbberechtigte erschienen im Hauptbiiro des Keren Kajemeth, um einen Teil ihrer Erbschaft dem Jüdischen Nationalfonds anzubieten. Als die Hoffnungsflut am höchsten stieg, kam die Kata- Strophe in der Form einer Erklärung des Kgl. rumänischen Generalkonsulates in Sidney, worin festgestellt wird, daß der Nachlaß des verstorbenen Leopold Weißberger beim Erb- Schaftsgericht erliege und aus 4090 Pfund und einer kleinen versiegelten Kiste bestehe. 2809 Anwärter auf eine Erbschaft von 4000 Pfund! Auf den Kopl entfällt also kaum mehr als ein Pfund, wobei der ßmlapester Anwalt sich pro Anmeldung acht Pfund bezahlen ließ... Und die kleine Kiste, was kann sie schon enthalten? Wahrscheinlich Tallis und Tefilin des armen Leopold Weißberger. Und dann kam ein Schreiben des Rabbiners aus Sidney, den man bei der Lektüre förmlich aufatmen hörte, daß das ״Gespenst von Australien“ nunmehr endgültig tot sei... * Träume von großen Erbschaften sind Zeichen schwerer wirtschaftlicher Not. Der Wunsch ist der Vater des Ge* dankens. Und wenn die Not nicht bald vorbei sein wird, so laufen wir Gefahr, bald wieder einmal von einer neuen großen jüdischen Erbschaft zu hören. Fahrt zum Urahn Von Ludwig Lehrfreund, Leipzig Am 23. ijar }ährte sich zum hundertsten Male der Todestag Rabbi Eleasars, der nach seinem berühmtesten Werke der Schemen Rokeach genannt wurde. Er liegt in Abaujszanto, seiner letzten Wirkungsstätte, begraben. Die Gemeinde dieses ungarischen Ortes veranstaltete zur hundertsten Jahrzeit ihres unvergessenen Rabbiners eine Feier, zu der sie seine Nachkommen und zahlreiche Gemeinden eingeladen hatte. Etwa 250 km östlich von Budapest, inmitten der gesegneten Gefilde gelegen, in denen der Tokaier wächst. Ein kleiner Ort, 5000 Einwohner, davon 1000 Juden, die in verhältnismäßigem Wohlstände leben. Die Gemeinde seit alters her das jüdische Zentrum der ganzen Gegend mit dem ״Szanter Raw“ an der Spitze, der gleichzeitig der Rosch der dortigen Jeschiwah ist. Eine außerordentliche Erscheinung, groß, vierschrötig, mit langem Bart- und Schläfenhaar, den Tallis auf dem Kopfe, so stand er in der großen hellen überfüllten Synagoge und hielt einen zweistündigen Vortrag über seinen großen Vorgänger, den Schemen Rokeach. Er sprach kein jiddisch- oder ungarisch- Deutsch, sondern ein akzentfreies Deutsch, gespickt mit zahlreichen hebräischen Zitaten. Zu beiden Seiten des Redners an der Stirnseite der Synagoge ein Parkett von Rabbonim, eindrucksvolle Gestalten, die mich an Figuren der Habimah und der Wilnaer Truppe gemahnten. Sie alle gewannen Leben in der der Synagogenfeier folgenden ״Sude scliel Mizwah“. In einem großer! Saale war an langen Tis eben für mehrere hundert Personen festlich gedeckt, mit allem, was eine gute ungarische Küche bieten konnte, und mit unzähligen!־laschen goldgelben selbstgekelterten Tokaiers. Aber Speise und Trank, wie gut sie auch sein mochten, waren nur Vorwände, nur Unfcrbrccbungen zwischen den vielen Reden, die von den Rabbinern gehal* ten wurden. Alle Gelehrsamkeit, aller Scharfsinn, alle Hingabe und Beredsamkeit dieser echten, in der jüdischen Geisteswelt fest verwurzelten Menschen kamen da zum Vorscheine. Nicht nur die schriftlich!unterlassenen Werke Schemen Rokeachs gaben den Stoff dazu, auch mündliche Ueberlieferungen von ihm wurden zitiert. Man!mißte mir scheu, mit welchem Genusse manche besonders prägnanten Zitate v״n den Zuhörern mitgesprochen wurden, um zu erkennen, daß hier eine un* gebrochene Tradition fortlehfc. Dazwischen wurde dem Gast aus Deutschland das Wort gegeben. Er überbrachte nicht nur die Grüße der Leipziger und der Berliner Gemeinde, er suchte auch Stellung zu nehmen zu dein, was er hörte und erlebte. Was hatte er, der Absolvent deutscher Schulen und Universitäten, noch gemein mit dem geistigen Standorte seines Urahnen? Er zeichriete den Weg der Generationen, der der Weg der westeuropäischen Juden überhaupt gewesen ist, von der eng er* scheinenden geschlossenen jüdischen Welt zur Universitas, seinen Höhepunkt und seinen tiefen Fall. Er schilderte den Umbruch, der sieb in dieser Generation vollzogen habe, die Rückkehr 7t1m Judentum als dem einzigen Weg, der aus der Tiefe wieder hinauf führe. Aber zu dem Ideal der älteren Generationen, der Thora, trete ein neues Ideal hinzu, die Awodah, die Arbeit ain jüdischen Volke und am jüdischen Lande. Er schilderte die Arbeit und die Hoffnungen der zionistischen Jugend — und seinen Anteil daran. Und fragte zum Schluß, oh sein Kommen verständlich, seine Anwesenheit gerechtfer* tigt sei. Ein in solcher Intensität nicht erwarteter Beifallssturm gab ihm die Antwort. Ein greiser Rabbiner stand aut und forderte zur Erfüllung der großen Mizwah atif, die in der Arbeit und im Leben für und'in Erez Israel liege. Noch größer war die Genugtuung des Gastes, als er ins Freie trat und dort von den Baenurim umringt wurde, die ihn mit Fragen über Erez Israel bestürmten. Von einem Ortkundigcn begleitet, schritt ich, während dia Reden im Saale weitergingen, zum Friedhöfe. Es war vielmehr ein Friedenshügel, an dem die Gräberrcihen steil cmporklctterten. Weit schweifte der Blick von hier aus über die ungarische Landschaft. Golden strahlte die untergehende Sonne. Da stand ich vor dem Grabe Schemen Rokeachs, meines Ahnen. Ich fühlte mich ihm nicht mir räumlich nahe. Die lose gewordene Kette der jüdischen Generationen schloß sich wieder fester zusammen.

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