Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 43 (1.6.1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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3 6.1S37־ Preis 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU WfllMlIiHMffli: Sdiriftleitang,Verlag n. Anzeigen Verwaltung! BerllnW IS, Metnekeitr.tO Ftraruf! 919031, Telegramm «Adresse t Orghtp* — Bfjiu^spreis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bxvr. RM 5,39. — PosUcherk - Konten der Vertriebs . Abteilung: Berlin 71573 (für Groß-Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag mnd Freitag• BERLIN כ״ב פירן תרצ״ז DIENSTAG, 1. JUNI 1937 G<igi Anzelgenprelalinte Nr• S. Die 12 gespaltene mm-Zeile 20 Rpf., für Familien»Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewahr geleistet Gelegenheit«- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck •Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Per Zionismus erstrebt fflr das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Baldwins Abgang Palästina aui der Weltausstellung Einweihung des Pariser Palästina-Pavillons Von unserem Pariser Berichterstatter (Siche auch Seite 3) Der Wechsel im englischen Kabinett hat sich während des Wochenendes in der vorgesehenen Form vollzogen, Ncville Chambcrlain ist als Primeminister an die Stelle Baldwins getreten, Baldwin tritt als eine große Figur der englischen Politik in das Oberhaus über, umweht von einer ungewöhnliehen Popularität, die ihren Höhepunkt im letzten Jahr seiner Regierung erreichte, als er sich als ein Charakter und Volksmann erwies, als Hüter der Ciiiter, die dem Engländer als Fundament seines Daseins gelten. In seinen letzten Reden im Parlament hat er das weltanschauliche Erbe, das zu vorwalten ihm als eine Art geheiligte Aufgabe erschien, weithin hörbar verkündet. Fr trat ein für die englische Auffassung von Freiheit und Vernunft, von Weisheit uud 'Humanität im politischen Kampf, und knüpfte dabei an an ein Wort seines grollen jüdischen Vorgängers: ״peace wilh honour“, ״Frieden in Ehren“, — die berühmte Formel, in die Disraeli in seinem Bericht an die Königin die Ergebnisse des Berliner Kongresses 187$ zusammeiifaßte. In den überaus komplizierten äußeren und inneren Problemen unserer Zeit, so sagte Balduin, könne dieses Ziel nur erreicht werden, wenn jeder Einzelne die höchsten Anforderungen an sich stellt, Anforderungen der Sittlichkeit, aber auch des Denkens; am Vorabend der Königs!;rönung, die London in den Blickpunkt der ganzen Weit rückte, wurde so verkündet, daß England ein Ideal zu bewahren habe, das allen Mitgliedern der Nation eine schwere Verpflichtung auferlegt. Solche Kundgebungen sind fiir unsere um große neue Prinzipien ringende Zeit charakteristisch. Die Art und Weise, wie Baldwins Abschied sieh vollzogen hat, ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein ganzes Volk die Verdienste eines großen Patrioten zu würdigen versteht. Die Regierung Baldwins hatte gelegentlich auch zur Judenfrage Stellung zu nehmen, insbesondere wurde im letzten Jahre durch die palästinensischen Unruhen eine Angelegenheit von erstrangigem jüdischen Interesse, die früher meist mir vom zuständigen Ministerium verwaltet wurde, zum Beratungsstoff des Kabinetts gemacht. Baldwill stand stets zu Englands Verpflichtungen aus dem Mandat, trat aber persöniieh wenig in dieser Sache hervor. Man kann vermuten, daß er persönlich die Jtulenfrage nicht als ein Problem empfindet; er sieht wohl hier nur einen Teil des großen Problems der Humanität. Unnötig hervorzuheben, daß Baldwin in vollkommener Harmonie auch mit jüdischen Persönlichkeiten Englands und des Empire zusammengearbeitet hat. Zugleich mit Baldwin scheidet der Mann aus dem Kabinett, der ursprünglich Baldwins Gegenspieler und später sein enger Bundesgenosse war: Ramsav Mac Donald. Unter Mac Donalds Ministerpräsidentschaft fiel im Jahre 1929/30 die erste große Krise der Palästina-Politik. Nach dem Weißbuch vom Oktober 1930 (Passfield-Wcilibuch), das die jüdische Einwanderung stark beschränkte, kam es damals zu Verhandlungen der Jewish Agency mit einem Kabinettkomitec, wobei Mac Donalds Sohn Malcolm, der dem neuen Kabinett Chamberlain wieder als Doniinionminister angehört, wichtige Dienste leistete; das Ergebnis war der sogenannte ״MacDonald-Brief“ vom Februar 1931, in dem der damalige Primeminister eine neue Interpretation der englischen Politik gab und vcrschicdene Stellen des Weißbuches abschwüchte. Erst vorige Woche hat Kolonienminister Ormsby-üore im Unterhaus wieder diesen MacDonald-Brief als das maßgebende Dokument der englischen Palästina-Politik bezeichnet. MacDonald hatte bereits vor Beginn seiner Ministerlaufbahn 1922 Palästina besucht und über seine Reise eine Broschüre veröffentlicht, in der er sich bewundernd über die jüdischen Leistungen in ihrem damaligen Anfangsstadium ausspricht. Es wäre aber unrichtig anzunelimen, daß die damals auf der Reise des Privatmannes gewonnenen Eindrücke auch für den Ministerpräsidenten die mallgebenden Motive für seine Haltung in der Palästinafrage geblieben wären. Iin MacDonald-Brief 1931 hob der Primeminister u. a. hervor, daß die Arbeiterregicrung von 1931 die erste englische Regierung sei, die von sich aus einen konstruktiven Beitrag in der Form einer Millionenanleihe für die Erschließung Palästinas leiste. Dieser Punkt ist aber nicht realisiert worden, da inzwischen die akute Finanzuud Wirfschaftskrise Englands im September 1931 alle derartigen Projekte durchkreuzte. Diese Krise führte zur Bildung der ersten Nationalen Regierung unter MacDonald, der damals zwei Juden in wichtigen Aemtern angeliörten, und zwar der inzwischen verstorbene Lord Rcading als Außenminister und der damalige Sir Herbert Samuel als Innenminister. In der letzten Zeit hat MacDonald nicht mehr aktiv an der Politik teilgenomineii. Im neuen Kabinett Chamberlains ist das Amt des Kolonienministers in den Händen Ormsby-Gores geblieben. Der eine Jude, der bisher dem Kabinett angehörte, Höre- Belisha, ist von Chambcrlain übernommen worden, freilich in einem viel wichtigeren Wirkungskreise als bisher (s. Seite 3). Auch das andere jüdische Mitglied der Regierung (nicht des Kabinetts), Sir Philip Sassoon, ist auf einen höheren Posten befördert worden. Von Interesse ist ferner der Eintritt iii die Regierung von Lord Winterton, einem ehemaligen Unter- Staatssekretär für Indien, der in der Palästinafrage häufig als Wortführer der Sache der palästinensischen Araber im Parlament und außerhalb des Parlaments hervorgetreten ist. Der Eintritt Lord Wintertons gerade in einem Augenblick, wo ' Palästina so umkämpft ist, ist eine Tatsache, die nicht un- /beachtet bleiben kann. * Der Eintritt des Königreichs Aegypten in den Völ- *,erbund bildet den formellen Abschluß einer Periode 41gen Ringens um die Unabhängigkeit dieses bedeutendsten K. Paris, im Mai 1937 Als einer der ersten fertig-gestellten Pavillons der Pariser Weltausstellung 1937 ist jetzt der Palästina- Pavillon feierlich eröffnet worden. Die Feierlichkeit gestaltete sich zu Dr, Weltmann bei seiner Ansprache. Hinter ihm .'/. £. Ascher Photo.Central, Pari* tf ftm* «*«־ ■ einer sehr eindrucksvollen Kundgebung. Der Präsident der Jewish Agency, Dr. Chaim W e i z m a n n, war aus London nerbeigeeiit, um an dem Eröffnungsakt tcilzimehincn und ergriff auch zu einer kurzen Ansprache das Wort. Zahlreiche französische und jüdische Persönlichkeiten wohnten der Eröffnungsfeier bei. Als Vertreter der französischen Regierung sprachen Handelsminister Bastid uud der Generalkomrnissar der Ausstellung, L, a b 1) e, die den Pavillon als Symbol der jüdischen Leistling in Palästina und darüber hinaus als Symbol der Arbeit und des Friedens bczeichuctcn. Im Namen des Pariser Aussfelhmgskomitees begrüßte Louis A s e h e r die zahlreichen Gäste und gab einen Uebcrhlick über die Geschichte der jüdischen Kolonisation in Palästina. Als Vertreter der Jewish Agency sprach Dr. G o I d 111 a 11 n, der 11. a. auch auf den Vcrständiguiigswillen der Juden gegenüber dem arabischen Volk hinwies. Die Reihe der Redner wurde schließlich durch Senator Justin G o 11 a r t geschlossen, der im Namen des Comites ״Erance-Palestiiic“ die erschienenen Persönlichkeiten begrüßte. Unter den ersten Besuchern des Pavillons waren u. a, die Großrabbiner Weill und Liber, Baron Edouard de Rothschild und Iran, die früheren Minister Rcynaud und M a I v y, die beide dem Comite ״Erance-Palestine" angehören, sowie die Nichte Balfours, Mrs. Dugdale. Als Vertreter der englischen Regierung war der Botschaftsrat in Paris, Sir Robert C a h i 11, erschienen. Nach den Ansprachen besichtigten die Teilnehmer des Festaktes den Pavillon. Die Namensgebung {|cs jetzt fertig-gestellten Palästina-Pavillons hatte, da es sich nicht wie bei den anderen ausländischen Pavillons um eine offizielle Vertretung der Regierung des Landes handelte, einige Schwierigkeiten gemacht. Der Pavillon hat schließlich den Namen ״Israel e 11 Pader arabischen Staaten. Der englisch-ägyptische Vertrag ist damit in einem Hauptpunkt realisiert worden. Für die kolonialen Völker ist der Akt der Aufnahme in den Völkerbund ein Symbol der Gleichberechtigung. Ein eigentümlicher Zufall hat es gefügt, daß bei der Aufnahme Aegyptens gerade der türkische Außenminister den Vorsitz führte; so wurde Aegypten durch den Vertreter jenes Reiches, dem es einst botmäßig war, eingeführt. Neben der Türkei, Iran und Irak wird Aegypten der vierte große moslemische Staat des Vorderen Orients sein, der dem Völkerbund angehört. Die Zugehürigkeit moslemischer Staaten zum Völkerbund ist von besonderem Interesse in einer Zeit, in der der Völkerbund das Palästina-Mandat kontrolliert. Ob freilich nach dem Peel- Bericht nicht, wie manche Voraussagen, auch die Kontrolle des Völkerbundes für Palästina ein Lude finden wird, ist nicht vorauszusehen. Das Gerücht, das davon sprach, daß auch die geplanten palästinensischen Gebilde, so 7. B. das Jüdische Dominion, einen Sitz in Genf erhalten sollen, läßt uns eine solche Aufnahme-Zeremonie besonders interessant erscheinen. Bei den Reden zum Empfange Aegyptens wurde auf die alte Kultur Aegyptens hingewiesen, dem die ganze Menschheit so viel verdanke. Die Erben dieser alten Kultur treten nach jahrhundertelanger Apathie nunmehr in moderner Form wieder in das Völkerleben ein. Von mancher Seite wird Aegyptens Eintritt in den Völkerbund als eine Stärkung der Genfer Vereinigung bezeichnet. Ob dies in der Tat zutrifft, wird erst die Zukunft lehren. Die urlest ine“ erhalten. Der Pavillon ist architektonisch Zweifellos gelungen und macht einen seiner Aufgabe entsprechenden schlichten und würdigen Eindruck. Die Schöpfer des Palästina- Pavillons, die palästinensischen Architekten T a 1a i r und ü rii 11 s p o 11, die seit längerer Zeit in Paris!eben,!iahen es in geschickter Weise \erstanden, die schlichten und geradlinigen Formen des modernen architektonischen Stiles mit orientalischen Eormmotiveii zu verbinden. Der Pavillon enthalt mehrere Säle, ihm ist ein im orientalischen Stil gehaltener Hot angeschlossen. Der Pavillon ist in bk-mlendeni Weiß gehalten und nur die Eingaugsfront wird durch blaue Glascinlagen wirkungsvoll unterstrichen. Jeder der Sale ries Pavil- Ions trägt den Namen einer grollen Persönlichkeit des Zionisinns. Der Eingangssaai ist dem Andenken Lord Baif o 11 r s und der Baifour-I)ekl.aratiou gewidmet. Er stellt die Not des .jüdischen Volkes in der Galuth uud seine Renaissance in Palästina dar. Im Mittelpunkt steht eine k׳bc״\große Photomontage, die den Marsch der jüdischen Einwanderer nach ihrer neuen Heimat zeigt. Zahlen mit begleitendem Text beleuchten die Zunahme der jüdischen Bevölkerung Palästinas und ihre Gliederung im Lande. An den Wänden stehen Bilder aus dein Galuthleben des jüdischen Volkes Bildern aus der palästinensischen Arbeit in einem eindrucksvollen Gegensatz gegenüber. Die Bilder der großen zionistischen Führer Theodor Her/1, Nordau um! Dr. \Vc1/1!1an11 umgeben die Büste Lord Balfours. Bemerkenswert ist ferner eine statistische Tabelle, die die Entwicklung der arabischen Wirtschaff seit dem Beginn der jüdischen Einwaiidermig klarlegt. Der zweite Raum, Dizengoff gewidmet, zeigt die Fortschritte der jüdischen Industrie und Landwirtschaft. Die Entwicklung der Stadt Tel Aviv findet eine ausführliche Darstellung. Hier finden wir ferner eine Karle über den Ausbau der palästinensischen Elektrizitätsversorgung, ein Modell des Hafens von Tel Aviv, von Haifa, einen plasti« sehen Ueberblick über die Entwicklung der Anglo-Palestine Bank usw. In dem anschließenden Raum sind die Produkte der palästinensischen Industrie, Oel, Zitrusprodukte, Zigaretten usw. aufgebaut worden und vermitteln dem Betrachter ein Bild der industriellen und agrarischen Fortschritte des Landes. Anschließend das R o 111 s c 11 i 1 d ■ Z i 111 rn e r, dem Andenken des großen Philanthropen ■gewidmet. Der jüdischen Emigration aus Deutschland ist hier ein Platz eiliger,äumt worden. Bilder und Statistiken zeigen die Schwierigkeiten der Einwanderer und die Fortschritte ihrer Eimvurzdung im Der innere Hol des Pavillons F10״; i'ar'n <ßS10Si . ’< spriingliche Idee des Völkerbundes, nämlich die freiwillige Beschränkung der Souveränität des Ein/elstaates im Interesse der Völkergesamtheit, ist heute weiter von ihrer Verwirklichung entfernt als je, trotz der schönen Worte, die der Vertreter eines dem Völkerbünde nicht angehörenden Groß- Staates, Präsident Roosevell, kürzlich gesprochen hat, als er in herzbewegenden Worten die Gefahr eines Krieges und die Notwendigkeit der Bewahrung des Friedens durch gegenseitige Vereinbarungen schilderte. ״Jeder von uns“, so sagte er, ״hat den Ruhm der Unabhängigkeit kennengelernt; wollen wir nun den Ruhm der gegenseitigen Abhängigkeit kennen lernen.“ Aber gerade die Vereinigten Staaten waren es, die nach dem Weltkriege durch ihr Fernbleiben von Genf zum Scheitern dieses Grundsatzes der Bejahung freiwilliger gegenseitiger Abhängigkeit entscheidend beigetragen haben. So ist es zu der Entwicklung gekommen, die dazu geführt hat, daß der Völkerbund heute nicht mehr als ein praktisch brauchbares Instrument für die großen politischen Fragen der Welt betrachtet wird. Trotzdem darf eine Tatsache wie die Einbeziehung Aegyptens nicht unterschätzt werden. Aegypten hat bezüglich Palästinas stets eine korrekte neutrale Haltung bewahrt, und es wäre zu wünschen, daß es auf Genfer Boden seine guten Dienste für die Herbeiführung eines jüdisch-arabischen Ausgleichs einsetzt, um der höherer! gemeinsamen Interessen des gan* ze11 Vorderen Orients willen.