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Jüdische Rundschau · 1937-05-28 · Heft 42 (28.5.1937) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 42 (28.5.1937)
Date
1937-05-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42, 28. MAI 1937 A-BLATT Zur geistigen Situation in Palästina Für jeden, der die hebräische Sprache und den jüdischen Gedanken liebt, ist das (hier bereits kurz angezcigte) Heft der ״Mosnajim“, der vom Verband der hebräischen Schriftsteiler herausgegebenen palästinensischen Zeitschrift mit ihrem publizistischen, kritischen und belletristischem Teil eine wahre Freude. Doch es ist mehr als das: es regt zum ernsten Nachdenken an. Das gilt namentlich von Steinrnanns Abhandlung: ״ln der Werkstatt unserer K u 11 u r“. Das Thema, soweit es die Lage der hebräischen Literatur (und der hebräischen Literaten) in Palästina betrifft, hat schon mancher früher gestreift: so, wenn wir uns recht erinnern, Bialik in seinen palästinensischen Ansprachen, Laudau in seinen ״Giljonoth“, vor kurzem in humoristischer Form auch Berkowitz in seinem ״Menachem-Memiel in Erez Israel“. Keiner aber so wie Steinmann. Dieser gellt zu Werke mit einer Tiefe der historischen und seelischen Analyse tmd mit einer entsprechenden Formulierung, die aufrüttelnd wirkt. Doch lassen wir ihn selbst sprechen: Etwa im Laufe eines halben Jahrhunderts, seit den Anfängen des Jischuw bis heute, entstanden auf dem palästinensischen Boden Keime oder Ansätze zu einer neuen hebräisclien Kultur, die sich erst noch weiter zu entwickeln hat. Aber eben deswegen, eben weil es sich um Keime handelt, die der Pflege, die eines geeigneten Milieus zu ihrem Wachstum bedürfen, ist es wichtig, das Verhalten der Umgebung zu ihnen wahrheitsgemäß ins Auge zu fassen. Besteht im Jischuw, so fragt Steinmann, eine Erkenntnis der hebräischen Kultur, ein Sinn für sie, ein Glaube au sie? Gibt es einen Wunsch nach ihr? Ist um sie herum eine Atmosphäre der Achtung entstanden? Besteht wenigstens die Möglichkeit, daß das, was aus der ווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווו!ווווווו!וווווווווווווו!ווווווווו:11)1ו!ווווחוווווווווווווווווווווווווווווווווו!ווווווווווווווווו:ווווווווווווו!וו Krönungstag in Jerusalem Das erleuchtete Amtsgebäude der Jewish Agency ״ . Foto: Keren K4j©sn»tK Wurzel unserer neuen Kultur hervorgehen wird, zum Range von Werten emporwachsen wird, die die Allgemeinheit bcein- Bussen und sie gestalten, ja sie erst zu einer wahren, d. h. zu einer Kulturgemeinschaft machen? Wohlgemerkt, Steinmann hat bei seinen Fragen nicht irgendeine Elite, geschweige denn die Träger oder Schöpfer der neuen hebräischen Kultur selbst, sondern den Durchschnitt, die Masse im Auge. Er glaubt aber, daß die letzten 12 Jahre, von denen er die notorisch, ungünstigen ausnehmen will, also die Jahre 5091—% und 5684—85, genügend Stoff zur Beantwortung seiner Fragen bieten. Mit allem Nachdruck betont Stcinmann vor allem die fn der Tat grundlegende Tatsache: ״Wir (in Palästina) sind eine Versammlung verschiedener Galuthen und eine Mischung aus verschiedenen Sprachen und Kulturen.“ Dies ist in der Tat ein schweres Hindernis für die Entstehung einer neuen Kultur. Allein Stcinmann betont, daß auch gar manche Gebildeten immer noch in ihren fremden Sprachen und Kulturen verharren; daß gar mancher schon lange in Erez Israel ansässiger, ja dort geborener Jude sich zuweilen den Aetißerungen einer kulturellen jüdischen Eigenart entfremdeter zeigt, als ein Jude in der Galuth. Er bringt für die Stärke, mit der der Jude auch in einem neuen Lande der Kultur seines Heimatlandes noch anhängt, historische Parallelen bei: die aus Spanien Vertriebenen haben ihr Spaniolisch selbst in den vier heiligen Gebieten — Safed, Hebron, Tiberias und Jerusalem — noch generationenlang gepflegt; die Exulanten aus Mainz nahmen ihr Deutsch auch nach Polen und Rußland mit zum Gewahrsam; und so sind auch im Jahre 1937 die Olim aus England und Amerika nicht willens, auf ihre Anhänglichkeit für eine Sprache zu verzichten, mit der man durch alle Weltteile reisen kann. Das Ergebnis ist ein Zustand, den Stcinmann so formuliert: ״Vor der Fülle der Kulturen bleiben wir ohne Kultur ... Wir alle (sic!) sind Gäste in der schwanken Laubhütte unserer eigenen Kultur ... Der Schädel des neuen Juden im Lande Israel legt sich zumindest zweierlei Tefillin an.“ Und dazu kommt oder vielmehr damit hängt zusammen auch die Liebe zu allem Ausländischen: ״Mit Wohlgefallen betrachtet er jeden wirkliehen oder vermeintlichen Wert, auf dem die Marke ,Made in diesem oder jenem Staate‘ klebt.“ Handelt es sich bei diesen Erscheinungen um das Erbe oder, wenn man will, um die Last der Vergangenheit der Ansiedler, so tritt nun, als zweiter Faktor, die Tatsache selbst der Verpflanzung auf einen neuen Boden, man möchte sagen, auf einen Ko 1 o n i a I bo d e n, hinzu. ״Sobald der Jude den Boden Erez Israels betritt, entladt er sich des Wenigen, was ihn nocli an die geistige Vergangenheit (seines Volkes) band und wird weniger verantwortungsbewußt, was Bestand und Zukunft seiner Kultur betrifft. Es scheint ihm geradezu, daß das Wohnen in Palästina ihn vieler Pflichten entbinde. Und er löst vor allem seine Verbindungen mit geistigen Werten. Er fragt nicht nach ihnen und glaubt nicht an ihren Nutzen ... Es gibt Feindschaft gegen den ,Geist‘‘in Palästina.“ Steinmann meint abschließend, diese Erscheinung sei überhaupt, auch in früheren Zeiten, typisch gewesen für die Palästina-Rückkehrer, und zitiert aus Zacharias (also aus der Zeit von Dareios): ״Wenn jemand weiter weissaget, sollen sein Vater und Mutter, die ihn gezeuget haben; zu ihm sagen: Du sollst nicht leben, denn du redest falsch im Namen des Herrn; und werden also ihn zerstechen, wenn er weissaget“ (13,3). Hierselbst wird überhaupt von ״Propheten und unreinen Geistern“ in einem Atem gesprochen (13,2). Nur, meint Stcinmann, wenn heute ein Prophet etwr« in einem Tel-Awiwer Kino den Leuten ins Gewissen predigen Defizit der Das Verwaltungsjahr 1936/37 Das Verwaltungsjahr, das am 31. Mal 1937 endete, ergab zum ersten Male seit vielen Jahren ein Defizit In den Finanzen der Palästina-Regierung. Es beträgt LP 1396000. Das Defizit Ist ln erster Reihe verursacht durch die Wirkungen des arabischen Streiks im Jahre 1936 und die Kosten des militärischen Aufgebots zur Unterdrückung der Unruhen. Die Einnahmen der Regierung betrugen £P 4 620000; das sind um CP 1 150 000 weniger als im vergangenen Finanzjahr 1935:36. Die Ausgaben betrugen ungefähr CP 6 000 000, das isf um CP 1 753 000 mehr als im vergangenen Jahre. Durch das Defizit des letzten Jahres ist der aus früheren Jahren angesainmeite U eher schliß der Regicrungsfinanzen von der im April 1936 erreichten Höhe von CP 6 267 000 auf £P 4 898 000 gefallen. * Der ungünstige Abschluß des letzten Rechnungsjahres der Palästina-Regierung war vorauszusehen. Es war ein Ausnahmejahr, das Wirtschaftsleben konnte sich nicht normal entfalten, dazu kommen noch die effektiven Kosten der Unruhen, eine Art ״Kriegskosten“, die nun das Palästina-Budget wollte, würde mail ihn nicht zerstechen, sondern — auslachen. ״Nicht nur um der bloßen Sorge willen“, laufen Steinmanns Schlußsätze, ״sind diese Dinge niedergeschneben worden, sondern als Alarmruf zur Besinnung und zur Tat. Es gilt nicht, sich vor der Wirklichkeit zu verstecken, sondern sie zu verändern.“ ln der Tat wäre es eine aller um das Fortlcbcn der jüdischen Kultur aufrichtig Besorgten unwürdige Vogel- Strauß-Politik, sich der Wucht der von Stcinmann vorgebrachten Argumente verschließen zu wollen. Allein so ernst diese Dinge sind, so scheint uns doch das ganze, von ihm in tiefem Schmerze vor uns entrollte Bild gewisser Korrek turen zu bedürfen, aber auch manchen historischen Situations-Analogien zugänglich zu sein. Elin das eine vorwegzunehmen: Stcinmann scheint (mit seinem zweiten Argument) etwas zu weit gegangen zu sein. Vielleicht ist ihm hier eine Verwechslung unterlaufen, die ohne weiteres Antigeistigkeit ־- Materialismus setzt. Diese Gleichsetziing ist aber doch zumindest in bezug auf einen beträchtliche״ Teil der am Boden bewußt arbeitenden Jugend kaum zutreffend. Man überliefert die Antwort einiger Kibbuz-Leute auf den Vor- Wurf mangelhafter Beobachtung religiöser Gebräuche: ״Unser Ackerbau ist unser Gottesdienst.“ Man mag darüber streiten, ob diese Antwort begrifflich oder dogmatisch zutriflt; höchst bezeichnend bleibt sie jedenfalls, und zwar für die Verlagerung des Idealismus, die wohl historisch unvermeidlich war. Es ist nun wirklich interessant und wirkt zunächst frappierend, daß auch schon der von Stcinmann genannte Prophet das Ackerbau-Motiv in den Vordergrund rückt: ״Und er (der Weissagende) wird sagen (müssen): Ich hin kein Prophet, sondern ein Landmann“ (Zach. 13, 5). Aus diesem ״Anti-Prophctismiis“ leitet Steimnanii einen angeblieh für Palästina-Rückkehrer aller Zeiten charakteristischen ״Materialismus“ 11er. Allein aus anderen Stellen (״Schir Regierung belasten. In allen anderen Ländern ist es unmöglich, derartige Ausnahmekosten aus den normalen Budgets zu decken. Entweder werden zu diesem Zwecke langfristige Anleihen auf genommen oder es werden in anderer Form Sonderauflagen gemacht. Das Land Palästina hatte das nicht nötig, weil es aus den Vorjahren einen großen Uehersclniß angesamrnelt hatte, der anerkanntermaßen ausschließlich auf die jüdische Einw anderu 11 g u 11 d S i c d 111 n g s a r b e i t zuriiekzuführen ist. Wir hätten freilich gewünscht, daß dieser Ueberschuß in einer produktiveren Weise angewandt wird. E>er schon mehrfach erhobene Vorwurf, daß die Regierung bei energischerem Eingreifen, auch diese finanziellen Folgen der Unruhen hätte verhüten oder zumindest das Defizit verkleinern können, erweist auch hier seine Richtigkeit. Das Problem der Staatsfinanzen Palästinas verdient hesolideres Interesse angesichts der Gerüchte über die angebliehen Teilungs Vorschläge. Im Falle einer Teilung Palästinas in Verwaltungsbezirke oder gar in selbständige Staaten müßte auch der bisherige Staatsschutz — ebenso übrigens wie die durch die In London mitgenommene Anleihe entstandenen Staatsschulden — auf die neuen Staaten verteilt werden. Daraus sowie überhaupt aus dem Postulat einer geordneten Finanzvcrwaltung für die ״Nachfolgestaaten“ ergehen sich gewichtige Probleme, die bi-dier in der Diskussion Fiber die Teilungspläne noch kaum angeschnitten worden sind. Hamaaloth!") wissen wir doch zuverlässig, daß die Rückkelircr zuniiiidcstciis ״Tratinier“ waren, davon ganz zu schweigen, daß Zacharias offensichtlich gegen falsche Propheten wettert. Daß aber auch wahre Propheten im alten Judäa \ielfach verachtet und verspottet wurden, wissen wir genugsam. Man kann diese Lrscheiniii'g also keineswegs als ausschließlich für das heutige Palm-fma kennzeichnend hinsfcllen. Und noch etwas war ebenfalls nicht nur dein Erez Israel unserer läge, sondern notorisch auch dem alten Israel wohlbekannt: die Eiche zu dem ״made in,..“ Man lese doch beispielsweise mir jesaia 2, 6 ff.: ..... Sie lassen sich an fremden Erzeugnissen genügen. Ihr 1 and ist voll Silber und Gold (aus Oplur), ihr Land ist voller Rosse und Wagen (made ui Aegypten)" imv, . .. Ls ist eine allgemeine und weitverbreitete Ansicht, daß der Geist des jüdischen Propludismus unwiederbringlich einer fernen Vergangenheit gehört. Mare dem so, so hatten wir vielleicht schon als Volk zu existieren mifgeliürf. In Wirklichkcit ist der Geist rückhaltloser Wahrhaftigkeit, der auf* rüttelnde Ruf an das Voll < zur Selbstbesinnung und Einkehr, die warnende Prophezeiung des Unterganges immer wieder in unseren hervorragenden Männern lebendig geworden. In diesem Sinne waren llerzl, Nordati, Bialik und manch anderer unserer Geistigen ״prophetisch“, zumindest wirkten sie in prophetischer Art. Und ein gutes Stück dieses mahnenden Geistes der Wahrhaftigkeit und dieses Durstes nach Geist lebt auch in Steinmann selbst. Solange aber ein solcher Geist in uns noch nicht verwelkt ist, dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Auch sofern ist übrigens etwas vom Prophetismus In Steininanns Kritik enthalten, als die Propheten (zumindest nach E. Auerbachs Deutung) die Farben zuweilen etwas zu dick auftrugen. Palästina ist doch heute schließlich der wichtigste Ort hebräischer, literarischer und verlegerischer Produktion. Das kommt in Steininanns Bild gar nicht zum Vorschein. Wir möchten es aber wahrlich nicht missen. Dr. Elias Hurwici Waldlandsdiaft am Karmel JS, צי־?* . *r• : m*•»- fVl?l!Läälii 4m** m .־«י tsi’K״*■' Wir brachten in Nr, 28/29 einen Bericht von einem Ausflug nach Jaaroth Hakarmel, ein neu zu erschließendes Gebiet, wo auf Initiative seines Entdeckers, Ing. Löwy, ein Volkserholungsheim und eine Sommerkolonic geschaffen werden soll. Unser Bild zeigt die nur den wenigsten Palästinensern und noch weniger Touristen bekannten her!liehen Waldwege, die durchaus an die Landschaft eines europäischen ,Mittelgebirges erinnern. Jüdische Wächter und Gaprim besorgen den Wachdienst. Foto: WeiQiMiUin

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