Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 41 (25.5.1937)
- Date
- 1937-05-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 41, 25. MAI 1937 Stettiner Chronik Von unseren Berichterstattern Bev&lkerungs - Bewegung und wirtschaftliche Struktur. Die Stettiner Synagogen-Gemeinde, erst 1816 gegründet, hatte ein verhältnismäBig rasches Anwachsen zu verzeichnen, bis ihre Mitgliederzahl in den letzten Jahrzehnten mit etwa 2700 Seelen stabil blieb. Seit 1033 ist sie im Rückgang begriffen. Durch Auswanderung und Sterbe- Überschuß ist ihre Zahl jetzt auf etwa 1950 Personen gesunkcn. — Wirtschaftlich beruht die Existenz eines großen Teiles der Stettiner Juden seit jeher auf der hier beheimateten Konfektion und ihren Nebenzweigen. Die Zahl der selbständigeil _ Kaufleute übertrifft auch irr allen anderen Geschäftszweigen die der Angestellten bei weitem. Gemeindeleben. Natürlich wirkt sich der wirtschaftliche Rückgang für die Gemeinde auch in steuerlicher Hinsicht aus; der früher viele Jahre hindurch feststehende Steuersatz von 12i/2 0.0 hat auf 25 ״/o erhöht werden müssen, brauchte allerdings in den letzten zwei Jahren nicht weiter erhöht zu werden. — ln der Verwaltung der Gemeinde sind die hauptsächlichsten Richtungen vertreten. Nachdem eine Zeitlang durch Fortzug der zionistischen Vorstandsmitglieder diese Partei nicht mehr vertreten war, ist vor kurzem eine Neuwahl erfolgt, so daß jetzt dem achtköpfigen Vorstand 4 religiös-liberale, 3 zionistische Mitglieder und 1 konservatives Mitglied angehören. Die Repräsentanten setzen sich aus 8 Liberalen, 4 Zionisten und 3 Konservativen zusammen. Die Jüdische Volksschule ist Ostern 1934 mit zunächst 3 Klassen und 4 Lehrkräften von dem damaligen Gemeinderabbiner Dr. Max Elk (jetzt Haifa) ins Lehen gerufen worden und steht unter Leitung des Oberkantors James R a i 11 0 w i t/. Jahr um Jahr wurde sie erweitert, bis sie Ostern 1937 voll (achtklassig) ausgebaut wurde. Die Schülerzahl hat sicli von 58 auf 160 erhöht, die der Lehrkräfte auf 4 hauptamtliche und 4 nebenamtliche. — Seit 1927 ist von der Gemeinde das früher von Literatur- und ähnlichen Vereinen veranstaltete Vortragswesen übernommen worden; Vortragsreihen, Arbeitsgemeinschaften, Einzelvorträge wurden seither eingerichtet und auch musikalische Programme konnteil bestritten werden. Eine besonders eindrucksvolle Veranstaltung dieser Art stellte vor einigen Wochen ein Synagogen- Konzert des W i 11 a w e r - C 11 o r e s dar. J. L*• Die jüdische Wohlfahrtsarbeit wird vom Wohlfahrtsamt der Synagogen-Gemeinde in Gemeinschaft mit der Cliewra Kadischa und dem Israelitischen Erauenverein geleistet und erstreckt sich auf ca. 60) Personen. Der Frauenverein unterhält einen Kinderhort, den durchschnittlich 20 bis 30 Kinder besuchen, und der im Sommer zu einem Tagesheim ausgebaut wird, in dem die Besucherzahl im vorigen Jahre um mehr als das Doppelte stieg. F.ine Kleiderkammer sorgt für Kleidung der Bedürftigen; getragene Kleidungsstücke werden von ehrenamtlichen Helferinnen instand gesetzt. Ein wichtiges Arbeitsgebiet ist die B e r u f s u m s c h i c 11 ־ 111 ng der Erwachsenen und die Neuausbildung der Jugendliehen, das durch den Stettiner Ausschuß für Hilfe und Aufbau in enger Zusammenarbeit mit der Bezirksstelle für Berufsausbildung verwaltet wird. Im Ausschuß für Hilfe und Aufbau in Stettin sind die Vertreter sämtlicher jüdischer Organisationen zusamineugefaßt. Unter einer Gesamtzahl von zur Zeit 56 in Erstausbildung und Umschichtung befindlichen Jugendlichen aus Pommern ist Stettin mit 16, also mit über einem Viertel, vertreten. Die Wirtschaftshilfe in der Synagogen-Gemeinde Stettin wird teils durch das Wohlfahrtsamt der Synagogen- Gemeinde, teils durch den Provinzialverband in bezug auf Gewährung von Kleinkrediten, und durch die Bezirksdarlehnskasse für Gewährung von ordnungsgemäßen Darlehen geleistet. Das Palästina-Amt und der H i 1 f s v e r e i n unterhalten eigene Beratungsstellen in Stettin (zugleich für die Provinz Pommern), die ebenfalls ihre Arbeit in enger Fühlungnahme mit den genannten Organisationen durchführen. In sehr erfreulicher Weise hat sich die unter der Leitung der Herren Dr. Brock und Walter stehende (1934 ins Leben gerufene) jüdische Genossenschaftsbank Iw• ria entwickelt. Sie hat heute 240 Genossen mit 544 Geschäftsanteilen, die ein Eigenkapital der Bank von 68000 Reichsmark darstellen. Auf mehr als 700 Konten vermochte sie im Jahre 1936 einen Umsatz von 41 000 000 RM. zu erzielen. Etwa 500 000 RM. hat sie im Wege des Kredites begeben und sich dadurch als eine überaus wertvolle Stütze der jüdischen Wirtschaft Pommerns erwiesen. Die Genossenschaftsbank muß als ein besonders geeignetes Instrument konstruktiver wirtschaftlicher Selbsthilfe angesehen werden. Ae. H. - F. K. Das zionistische Leben ist vcrständlicherweisc stark abhängig von der allgemeinen Gemeindesituation. Der Sirukturwandel innerhalb der Synagogen-Gemeinde wirkte sich entsprechend in der hiesigen zionistischen Organisation aus. Ein relativ hoher Prozentsatz der abgewanderten Gemeindemitglicder ging nach Palästina, und wir unterhalten mit einem großen Teile dieser Freunde eine rege Korrespondenz. Trotz dauernder Abwanderung der aktivsten Mitarbeiter konnten wir in den letzten Monaten einen geregelten Ortsgruppenbetrieb durchführen, der den verschiedenen Arbeitsgebieten der zionistischen Bewegung Rechnung trug. In vierzehntägigen Abständen fanden sich die Mitglieder fast regelmäßig zu Ortsgruppcn-Ahenden zusammen, auf denen alle Fragengebiete der Organisation behandelt wurden. Die Arbeit für die nationalen Fonds war in den letzten Jahren besonders erfolgreich, zumal ein bewährter Stamm von Mitarbeitern zur Verfügung stand. Heute schrumpft sowohl der Kreis der Helfer, wie auch der Kreis jener Gemeindemitglicder, die in der Lage sind, mit pekuniären Opfern ihre Verbundenheit mit Erez Israel zum Ausdruck 711 bringen. Um die Arbeit für die Zukunft zu sichern, wurde vor einigen Wochen der I n t e n s i v k r e i s der ZOG. wieder konstituiert. Vor der Mitarbeiterschaft aller Stettiner zionistischen Organisationen sprach aus diesem Anlaß R.-A. Benno Cohn (Berlin), und es gelang ihm, die Träger unserer Arbeit dahin zu verpflichten, daß sie sich für den weiteren Ausbau der zionistischen Positionen in Stettin verantwortlich fühlen. Das zionistische Sekretariat in Stettin betreut zugleich die zionistischen Gruppen in den Bezirken Pommern Grenzmark und Ostpreußen. Infolge der in diesen Bezirken besonders starken Abwanderung und des wirtschaftlichen Rückganges in diesen jüdischen Gemeinden wird die Arbeitsbasis dauernd kleiner, und das Sekretariat muß daher seine Hauptarbeit auf einige Plätze konzentrieren. Neben der Zionistischen Ortsgruppe ist die stärkste Organisation der IT S V. Bar Koehba (im Deti^rhen Makkabikreis), der fast die gesamte sporttreibende jüdische Jugend Stettins zu seinen Mitgliedern zählt. Obwohl dem Bar Koehba kein Sportplatz und keine Turnhalle zur Verfügung steht, wird ein systematisches Training in vielen Sportarten mit Erfolg betrieben. Der Bar Koehba bemüht sich — im Interesse des weiteren Aushaus seines Sportbetriebs — einen eigenen Trainingsraum zu schaffen, und es schweben seit geraumer Zeit entsprechende Verhandlungen mit dem Gemeinde- Vorstand, zumal diese bessere Trainingsmöglichkeit zugleich der jüdischen Volksschule nutzbar gemacht werden könnte. Die einzige jüdische Jugendorganisation ist der Makkahi H a z a i r, der auf den regelmäßigen Heimabenden seine Mitglieder einer planmäßigen und erfolgreichen Schuhing und Erziehung unterzieht. Stettin ist seit Herbst 1933 — durch Zusammenarbeit der ZOG. und der Synagogen-Gemeinde -- ein Hachscharah-Zentrum; im Laufe der zurückliegenden Jahre konnten mehrere 'Alijah-Kibhuzim hier zusammengestellt werden. Die hiesige Hachscharah erstreckt sich vorwiegend auf Gartenbau. Mittelpunkt des chaluzischcn Lebens ist das Beth Makkabi, das im besonders engen Kontakt zur ZOG. steht. Es ist besonders Max Braver, der jetzt in Erez Israel lebt, zu verdanken, daß die wechselseitigen Beziehungen so herzliche wurden. Dem Beth Makkabi Stettin stehen jederzeit die Mitarbeiter der ZOG. für die Tarbuth-Arbeit zur Verfügung, und fast alle auswärtigen Referenten der ZVfD. verbinden ihre Anwesenheit in Stettin mit einer Sichah im Beth Makkabi. Die W i z o hat in den letzten Jahren einen beachtlichen Aufschwung erfahren. Es stellte sich als glücklich heraus, die Mitglieder regelmäßig im häuslichen Rahmen der Wizo- Damen zu Tee-Nachmittagen zusammenzuführen, auf denen einschlägige Fragen erörtert wurden. Ein besonders erfolgreicher Abend wurde von Adolf Pollak (Jerusalem), der über die Frauenarbeit in Palästina sprach, bestritten. Als Auftakt der Schekel-Kampagne wurde in zwei über• füllten Vorführungen vor den Gemeindenutglicdern der neue Palästina-Film ״Hatikwah“ gezeigt. Wenn der Beifall Maß• stab für den Enderfolg der Stettiner Schekel-Kampagne sein kann, so können wir überzeugt davon sein, daß die Mitglieder der Stettiner Gemeinde ihre Bereitwilligkeit unter Beweis steilen, an der nationalen Lösung der Judenfrage durch die Zionistische Organisation mitzuarbeiten. Kop. Vom JDdlschen Kulturbund. Im Jahre 1933 war es zunächst der Vorstand der Stettiner Synagogen-Gemeinde, der den Gemeindcmitglicdern Vorträge, Gesangsabende u. ä. ver* mittelte. Diese Veranstaltungen fanden nicht regelmäßig, son* dern nur gelegentlich statt, und waren auch nicht auf einem testen Mitgliederbestand aufgebaut. Im Laufe der Zeit stellte sich heraus, daß in der Gemeinde ein Bedürfnis nach regel• mäßig stattfindenden Veranstaltungen von Konzerten, Vor• trägen und anderen Darbietungen kultureller Art bestand. Im Sommer 1934 wurde der Kulturbund gegründet. Ihm traten die Mitglieder der Gemeinde bald in so großer Zahl bei, daß etwa V4 der Gemeindemitglieder ihm angehörten und der Stettiner Kulturbund sich zu denjenigen jüdischen Kulturbimden im Reich rechnen konnte, die die prozentual größte Mitgliederzahl aufwiesen. Das Wirken des Kulturbundes be* gann mit einem Vortrag von Dr. Kurt Singer über ״Auf• gaben und Ziele des Kulturbundes“. 1934/35 und 1935/36 wurde das Programm fortgesetzt durch Vorträge von Julius Bab, Artur Eloesscr, Lutz Weltmann, Prof. Landsberger, und durch Rezitationsabende von Ludwig Hardt, Edith Herrnsladt-Oettingen, Ilse Intrator, Karl Ettlinger. Aus dem Ge• biet der Musik sind Vorträge von Dr. Anneliese Landau hervorzuheben. Auch eine beachtliche Reihe von Sängern und Sängerinnen konnten den Mitgliedern vorgestellt werden, so Fritz Lechner, Michael Wittels, Paula Lindberg, Wilhelm Guttmann. Ein besonders wertvolles Werk war der Kammermusik-Abend des Mendelssohns-Trios. Auch Bülmenwerke konnten, obwohl sowohl die Raumwie die Kassenverhaltnisse schwierig waren, gebracht werden. So wurden ״La serva padrona“ von Pergolese mit der ״Kleinen Nachtmusik“ von Mozart als Einleitung, ״Der Brief des Uria“, Schauspiel von Emil Bernhard, und zwei Offen bachsche Einakter aufgeführt. Auch die leichtere Kunst war veitreten. Wir heben hervor: ,,Eine Soiree bei Bankier Meyerbm“, in der u. a. Egon Jacobsohn, Camilla Sptra, Wilhelm Guttmann, Erna Klein mitwirkten, einen Abend der klassischen Operette mit Max Kuttncr und Erna Eisner, einem Abend ״Ernstes und Heiteres“ mit Stella Hay und eine Reihe von Abenden der Kleinkunst, so den ״Berliner Bilderbogen“ und ״Ostjudisehen Bilderbogen“, das Ensemble von Willi Prager, Max Ehrlich und sein Ensemble, eine Veranstaltung der Diseuse Beatrice Waghalter, einen heiteren Abend von Camilla Spira und Dagobert Meyer, zwei Abende mit Dela Lipinskaja. Trotz der schwierigen Lage gelang es, auch die Dar• bietungen der Spielzeit 1936/37 nicht nur in der gleichen Zahl wie bisher, sondern auch in mindestens gleicher kirnstlerischer Höhe stattfinden zu lassen. An Vorträgen wurden gebracht: ״Künstlerisches Leben in Palästina“ (mit Licht• bildern) von Dr. Werner Levie, ״Jüdische Dichter in dieser Zeit“, eine Hörfolge von Erich Lichtenstein, unter rczitativischer und gesanglicher Mitwirkung von Erna Feld-Eeonhardt und Hildegard Lippstadt, ״Ein Spaziergang durch Rom“, unter Berücksichtigung der jüdischen Denkmäler (mit Lichtbildern) von Dr. Max Osborn, ein Rezitationsabend von Otto Bernstein. Die Musik war vertreten durch einen Ge• sangsabena von Paula Lindberg und Julius Peissachowitscb mit Erna Klein am Klavier, einen Kammermusik-Abend des Rose-Trios, das sich außerdem bei Aufführung eines Quartetts und Quintetts noch durch eine Bratschistin und einen Kontra• Bassisten verstärkte, ein Geigenkonzert des jugendlichen Vio-!invirtuosen Gerhard Kander mit Leo Taubmann am Flügel, und einen Liederabend von Susanne Löwenstein, gleichfalls mit Leo Taubmann am Flügel. Als Theatervorführung wurde die Komödie ״Ingeborg“ von Curt Götz gebracht, unter Mitwirkung von Steffie Rosenbaum, Simon Sainsky, Lilli Kann, Werny Hinzelmann und Fritz Schönfeld. Die leichte Muse schließlich kam zu Gehör in einem Abend des Kabaretts ״Der schiefe Spiegel“ mit Erna Cohn-Lorenz, Trude Mirauer, Alfred Lichtenstein, Heinz Kahnemann, Herbert Meyerowitz, Hermann Ludwig Schlesinger und Werner Baer, durch einen Kleinkunstabend von Bruno und Milli Bendix, STETTIN JULIUS WOLFF Fabrik feinster Fleisch-u, Wurst waren Bismarckstraße 18 Möbel -Borchardt Seit 67 Jahren Stettin, Königsstr.l .׳ Seit über 60 Jahren Brei(« Sie. 13 preiswert und gut Möbel ki&us Genossenschaftsbank Iwria eingetr. Genossenschaft mit beschränkter Haftung Paradepl. 28/29 STETTIN Fernruf: 31933 Bankgeschäfte aller Art Devisen / Effekten Vermögensverwaltungen Passage ״ Abteilung Alleinvertretung für Pommern des Palestine & Orient Lloyd Cor •eihau• Amelsen-Annahme: Manfred EngerS HAMBUR3 Ippandortar Undatr. 10 / Ruf 53 09 SO Kl. Blumenreich Stettin, Gr. Woliweberstr. 20/30 Verkauf gegen bar und auf Teilzahlung maschhouisHi's Mittagu. 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