Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 40 (21.5.1937)
- Date
- 1937-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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2 ׳ ׳W Nr. 40 / Jahrgang 42 JÜDISCHE Preis 25 Rpi. RDNDSCHÄO Schrif tl»!tung,V®rlÄg au ABxalgenvarnraltnngi BtrUnWlj, Kelncikuh'.IO Ftrnrflfi 9190S1, Telnfrimni יAdrene < Orghtp. - Bezugspreis einschließlich BesteUgsld j# Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bxw. RM 5,39. — Postechecic Konten der Vertrieb* - Abteilung: Berlin 71573 (für Groß Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich), ln Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gerahlter Bezugsgebühren. - Erscheint jadaa Di •na tag and Freitag, BERLIN י״א סיון תרצ״ז FREITAG, 21. MAI 1937 Gfilttgt Anzelgenprelsliat• Nr• 5* Die 12 gespaltene mm ■ Zeile 20 Rpf., für Familien»Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Platzen wird keine Gewähr geleistet Gelegenheit*- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bia Freitag 9 — 18 Uhr. Annahmeschluß für dia Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag •Ausgabe Mittwoch 13 Uhr• (Für Familien-Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schäftung einer dffentlleh - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Leben, nichts als leben! Macht und Ohnmacht — Kollektive Verantwortung? — Kampf um Zertifikate Die Teilungs• Diskussion — Nationale Disziplin An dieser Stelle werden die Angelegenheiten des jüdischen Volkes behandelt. Unsere Aufgabe ist es, die Lage der Judenheit so darzustellen, wie sie wirklieh ist, und dazu beizutragen, daß die Zukunft des Volkes gesichert und auf eine neue Grundlage gestellt wird. Diese Aufgabe ist oft nicht einfach. Es mutet uns manchmal schwer an, immer wieder von den Sorgen und Nöten unseres Volkes zu sprechen, immer wieder auf die Wunden hinzuweisen, die dem Körper des jüdischen Volkes geschlagen werden, stets ein M a h - ner;zur Besinnung auf die Kräfte in uns zu sein, die aus der Not des Tages in eine bessere Zukunft hinüberweisen. Trotz alledem können wir uns dieser Aufgabe nicht entziehen. Die Not großer Teile des jüdischen Volkes steigert sich von Jahr zu Jahr und nimmt zum Teil groteske Formen an, die in der Geschichte der Völker einzigartig sind. Zugleich aber werden häufig Juden oder gar das jüdische Volk als solches für Schäden, die irgendwo in der Welt auftreten, und für mancherlei Ereignisse in den fernsten Teilen der Erde verantwortlich gemacht. So wird zum Guten und zum Bösen — meist leider zum Bösen — die tatsächliche Macht der Juden weit überschätzt. Demgemäß ist dann die Rede von der Notwendigkeit einer ״Befreiung von der jüdischen ,Weltmacht“ und wir finden Bestrebungen dieser Art nicht nur in der Sphäre der Politik, sondern auch in der ,Wissenschaft, mit dem Ziel, den Anteil der Juden an der geistigen Formung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu erforschen und ihn zu eliminieren. Wir Juden, die wir oft ratlos und machtlos vor den fast ausweglosen Problemen unseres Lebens stehen, empfinden demgegenüber schmerzlich genüg die Ohnmacht unseres Volkes, und uns dünkt der Gegensatz zwischen der tatsächlichen Lage der Juden vieler Länder und dem Bild, das man sich zum Teil davon macht, unüberbrückbar. Gewiß gibt es Gruppen der Judenheit, denen es materiell gut geht und unter denen Einzelne von Rang und Einfluß sind, die auf das wirtschaftliche, politische und kulturelle Schicksal des Volkes, unter dem sie leben, Einfluß nehmen können, zugleich aber vv ä c h s t die Sorge in den jüdischen Gassen der Länder Ost- und Mitteleuropas, in denen die Masse des jüdischen Volkes zu Hause ist, die Not pbcht an die Pforten und das Gespenst der Vernichtung׳ geht um. Aus Polen drangen in den letzten Tagen wiederum Nachrichten zu uns, die diese Situation kraß beleuchten. Erst vor wenigen Tagen wurde über den im vergangenen Jahre durchgeführten Pogrom von Przyty k vor dem polnischen Obergericht verhandelt, und schon wieder wird die jüdische Welt diirch die Nachricht von furchtbaren Ausschreitungen gegen Juden, diesmal in Brest-Litowsk und einigen anderen Städten, erschüttert. Der Bericht unseres Warschauer Korrespondenten, den wir in unserer heutigen Ausgabe veröffentlichen, gibt ein eindrucksvolles Bild von den Vorgängen in Brest und von den Hintergründen, die zu dem traurigen Ereignis geführt haben. Was dabei besonders auffällt, ist die Motiv ierun g, mit der man in der polnischen Oeffentlichkeit das Vorgehen gegen die Juden zu begründen versucht. Es wird nämlich klar und deutlich von einer kollektiven Vera nt- Wörtlichkeit gesprochen, die die Juden der Stadt Brest für die Mordtat eines Einzelnen unter ihnen auf sich zu nehmen hätten. Nun wissen wir wohl, daß die Begriffe von Recht und Gerechtigkeit einem Wandel unterliegen können, und daß wir in einer Zeit leben, in der tiefgreifende Veränderungen auch auf diesem Gebiete vor sich gehen, aber es erscheint doch unmöglich, einen Menschen oder eine Menschengruppe für Ereignisse verantwortlich zu machen, auf die sie auch nicht den geringsten Einfluß haben kann. Die einfache Logik erfordert dies und sollte auch in einem Falle, wie er in Brest-Litowsk sich ereignet hat, Die Exekutive der Jewish Agency hat beschlossen, die von der Regierung genehmigten Arbeiterzertifikate der neuen Schedule nicht zu akzeptieren, sondern nur diejenigen Zertifikate anzunehmen, die für S1ed!ung und Ausbildung von Juden aus Deutschland reserviert und von der Regierung fast in der von der Jewish Agency angeforderten Höhe gewährt worden sind, und zwar auf Grund der vom Council for German Jewry unter Sir Herbert Samuel getroffenen finanziellen Vorkehrungen. Erklärung der Exekutive Die Exekutive veröffentlicht folgende Erklärung: ״Die Exekutive der Jewish Agency erachtet es für notwendig, ihre Stellungnahme zum Beschluß des High Commissioner, die Arbeitcr-Einwanderungs-Schcdule für den Zeitraum 1. April bis 31. Juli 1D37 mit 620 anzusetzen, bekanntzugeben. Die Exekutive sieht sich genötigt, aufs energischste gegen diesen Beschluß zu protestieren, der die jüdische Arbeitereinwanderung durch drastische Kürzung auf ein geringfügiges Maß reduziert, weiches sowohl zu den Aus- Wanderungsbedürfnissen der Diaspora als auch zu den Bedürfnissen Palästinas nach Arbeitskräften in krassem Wider- Spruch steht. Die Jewish Agency hatte um 11 250 Zertifikate für den Zeitraum von 6 Monaten ang,esucht — eine Ziffer, die aut genauen Schätzungen beruht, bei deren Aufstellung ein Vertreter der Regierung sich beteiligte. Die Regierung bat der Agency mitgeteilt, daß die Festsetzung der Schedule ausschließlich unter Berücksichtigung der ökonomischen Momente auf Grundlage des Prinzips der Aufnahmefähigkeit erfolge; die Agency muß jedoch in der von der Regierung angewandten Methode eine vollständige Negierung dieses Prinzips erblicken. Die Unterteilung der Schedule streicht die Ungerechtigkeit noch weiter heraus. Die Jewish Agency hatte u. a. um 700 Zertifikate für Einwanderer angesucht, die mit Hilfe der vom Council tor German Jewry aufgebrachten Mittel in bestehenden landwirtschaftlichen Siedlungen und Hachscharah-Zentren absorbiert werden sollten; diese Zertifikate wurden außerhalb der für allgemeine Arbeitszwecke benötigten Schedule angefordert. Für diesen Zweck sind in der vorliegenden Schedule 400 Zertifikate bestimmt worden, so daß also nur 220 für die Befriedigung der Bedürfnisse des allgemeinen Arbeitsmarktes, d. h. für Landwirtschaft, Industrie, Raugewerbe, Transport, öffentliche Arbeiten und andere öffentliche Dienste, zur Verfügung stehen. Auf diese Weise wird das ganze System der Arbeiter-Schedules zu einer Farce. Die Jewish Agency sieht sich zu ihrem Bedauern außerstände, eine Schedule von 220 Zertifikaten anzunehmen, da sie nicht in der Lage ist, winzige Bruchteile unter sämtlichen Arbeitszweigen in Palästina und den über 40 zählenden Auswanderungsländern der Diaspora zu verteilen. Die Jewish Agency wird die Reduzierung der Et'nwanderung auf ein solches Maß mit größter Entschlossen* heit bekämpfen. Die Agency ist überzeugt, daß das 4 angewandt werden. Würde es anders sein, so müßten z. B. die Juden Polens das polnische Volk in seiner Gesamtheit dafür verantwortlich machen, daß erst in den letzten Tagen — wie wir in unserer vorigen Ausgabe melden mußten — fünf Juden ermordet wurden, darunter ein Jugendlicher durch zwei polnische Jugend* liehe, die eingestanden, daß sie die Freveltat unter dem Eindruck der j u d e!1 f e i 11 d 1 i c h e 11 A g i t a t i 0 11 begangen hätten. Selbstverständlich sind die Juden Polens weit davon entfernt, für diese Exzesse Einzelner oder verhetzter Gruppen die Gesamtheit des polnischen Volkes zu beschuldigen. Es ist bekannt, wer die Agitatoren sind, die die geistigen Urheber solcher Taten darstcllen, und gegen sie allein richtet sich neben den Tätern die ganze Schwere der Beschuldigung. Allerdings erleben wir es, daß im Kampfe gegen eine Minderheit, wie es die Juden sind, die sich nicht wehren kann, die Logik ebensowenig gilt wie die m o r a 1 i s c h e n u n d et 11 i s c. h e n Grundsätze des menschlichen Zusammenlebens. Es entwickelt sich dann eine Art ״Ideologie der Verfol״ gung“, die für die Ucbergriffe und Exzesse eine Begriindung liefert. Dennoch bleibt die Aufgabe bestehen, die Prinzipien von Recht und Sittlichkeit im Augenblick der Spannung und Erregung zu betonen, da sie allein imstande sind, die Existenz der menschlichen Gesellschaft für die Dauer zu garantieren. Gerade wenn man die tieferen Quellen der nationalen Spannungen erkennt jüdische Volk in der ganzen Welt sie in ihrer Stellungnahme unterstützen und sich in der jetzigen schicksalsschweren Stunde mit aller Entschlossenheit den harten Beschränkungen widersetzen wird, die in der jetzt festgesetzten Schedule zum Ausdruck gelangen.“ Erklärung; des Waad Lcurai ln einer Erklärung stellt der Waad L e u ni i fest, daß der Jischuw angesichts der kläglichen Schedule, die die Not der Juden in der Welt ignoriert und eine Konzession an den Terror darstellt, von Erstaunen und Niedergeschlagenheit ertaßt ist. Der Waad Leumi billigt den von der Jewish' Agency gefaßten Entschluß und begrüßt die Zurückweisung der Schedule. Die A g ti d a t h Israel hat eine Erklärung veröffent* licht, in der gegen die geringe Einwanderimgs-Sehedule pro״ testiert wird. Eine Abordnung der Agudah hat heim High Commissioner vorgesprochen, um mündlichen Protest gegen die Schedule ciimdegen, Araber gegen Schedule Das Arabische Oberste Komitee hat nach Ab• haltung einer Sondersitzung eine Erklärung veröffentlicht, in der festgesteilt wird, daß die Araber, die die völlige Sistierung der jüdischen E i 11 w a 1111 e rung erwartet hatten, durch die Gewährung der Schedule in Verwunderung und Verzweiflung versetzt worden sind. Die Sehedule stehe im Gegensatz zu allen Grundsätzen der Gerechtigkeit, und die Araber sehen sich genötigt, an die Welt um Hilfe zu appellieren. Das Komitee hat an Baldwin und an Lord Peel Protesttelegramme gerichtet und den Text der Erklärung den arabischen Herrschern zugehen lassen. Das Arabische Oberste Komitee hat ferner beschlossen, den High Commissioner um eine sofortige Audienz zu ersuchen, um die arabischen Bedenken gegen die Gewährung der Einwanderungs-Schedule zur Sprache zu bringen. Die andauernde Freiheitsberaubung von Arabern, die aut Grund der Bestimmungen zur Verhütung von Verbrechen im Gefängnis von Akko untergebracht wurden, wo sie seit vier Tagen im Hungerstreik begriffen sind, war ebenfalls Gegenstand der Beratungen. Die ״Times“ meldet aus Jerusalem: Hohe arabische Emissäre aus Palästina haben beim Ministerpräsidenten Baldwin entschiedenen Protest gegen die Gewährung einer Quote für jüdische Einwanderung erhoben. Während die britische Oeffentlichkeit, so heißt es in der Mitteilung an Baldwin, sich bei den Krönungsfeierlichkeiten vergnüge, bcfinde sich die arabische Bevölkerung in tiefer Trauer über ihre Lage. Anläßlich der Krönung, so meldet das Blatt weiter, haben in Arabien keine Festlichkeiten stattgefunden. Der arabische Arbeiterverband hat der Palästina-Regierung einen Protest gegen die Schedule überreicht. Er weist in diesem Zusammenhang auf die unter den Arabern herrschende Arbeitslosigkeit hin. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland veranstaltet am Montag, 31. Mat, 20.13 Uhr, im Kulturbund■ Theater, Berlin, Kommandanienstr. S7 aus Anlaß ihrer vor 40 Jahren erfolgten Gründung einen Jubiläums ~ Festakt Uraufführung! WERNER SELIG-BASS! ״Feierliches Vorspiel״ (preisgekrönt im musikalischen Preisausschreiben des Reichsverbandes der Jüdischen Kulturbünde) Orchester des Jüdischen Kulturbundes unter Leitung des Komponisten Ansprachen / Knabendtöre FELIX MENDELSSOHN-BARTHOLDY! Ouvertüre op. 60/ Orchester des Jüdischen Kulturbundes, Leitung: Intendant Dr. Kurt Singer Karten xu RM O.SO, 1.30, 2.— ab 2$. Mai im Vorverkauf bei Jüd. Rundschau, Meinekeatr. 10; Huchhdlg, Maaaa, Pestalozzixtraße 15; Kond. Schneider, Kleiststr. 13; Drog. lauf er, Trau• ienaualr. 9; Hansa * Konditorei, Flensburger Sir, 19; Apoih. Saling er, Neue Königstr. 74; Zigarren Epstein, ferusalemer Straße 9; Buchhdlg. Salles, Grenadierstr. 30 Jewish Agency lehnt Zertifikate ab Nur 400 Zertifikate für Deutschland angenommen