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Jüdische Rundschau · 1937-05-14 · Heft 38-39 (14.5.1937) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 38-39 (14.5.1937)
Date
1937-05-14
Page
– (sequence 15)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38/39, 14. MAI 1937 t Tel-Awiw: Zwei Städte Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tel-Awiw, Anfang Mai 1937 Asien und Europa Wer heute die großen Hauptstraßen von Tel-Awiw durchwandert, durchschreitet eine völlig europäische Stadt. Was noch vor einigen Jahren eine lustige Mischling von Orient und Okzident war, wo die Autos mit den Kamelen konkurrierten und die einfache Kleidung des palästinensischcn jüdischen Arbeiters scharf von der des arabischen Dörflers mit seinem langen Mantel abstach, zeigt heute den absoluten Sieg des Weste n s. Europäisch in Kleidung, elegant in Läden und Lokalen, ohne Pferdedroschken und ohne Kamele, bietet diese Stadt am Mittelmeer ein durchaus westliches Bild. Nur die lila Blütenwellen der Bougain- Elieser Ben Jehudastraße -Pf־»•. •r, ן*״•(» afeidtUj.' ville, die die Häuserwände überfluten, und der glasblaue Himmel erinnern daran, daß wir uns an der Ostküste des Mittelmeeres befinden. Die Ausdehnung Nach allen Seiten, die Raum bieten, hat sich Tel-Awiw in den letzten Jahren ausgedehnt. Jetzt ist diese Ausdehnung langsamer geworden, aber sie ist nicht zum Stillstand gekommen. Es wird in der Stadt nur wenige geben, die sie in allen ihren Teilen genau kennen, und Monat um Monat sieht man die hellen Häuserblocks neue noch ungepflasterte oder gerade entstehende Straßen entlangwachsen, nach den noch freien Richtungen hin. Nach Osten hat sich das Häusermeer bis an den Boden von Sarona, der nebenliegenden deutschen Kolonie, und an die Chaussee, die Tel-Awiw und Petach Tikvvah verbindet, herangeschoben. Nach Norden ist die Stadt an den Jarkon gelangt und bereitet sich vor, ihn zu überschreiten. Nach Westen bildet das Meer die Grenze, und bekanntlich macht sich der viel umstrittene ״Qruenblatt- Plan“ anheischig•, auch das Meer zurückzuschieben, um Boden für die Stadt zu gewinnen. Nach Süden, wo Tel-Awiw an affa grenzt, hat die Stadt einen großen Sprung gemacht und! aut mitten in den uferlosen Sanddünen eine neue Tocht e r s t a d t, Kirjath Awodah, Es Ist anzunchmen, daß Tel-Awiw heute über 150 000 El n wohn er hat. Seine Ausdehnung aber läßt auf mehr schließen, ebenso wie die Frequenz der besonders abends gedrängt vollen Hauptstraßen. Diese große Fläche, die von einer ganzen Reihe von Autobuslinien durchquert wird, ist eine Folge der relativ niedrigen Häuser. Freilich sind diese in den letzten Jahren ganz beträchtlich in die Höhe geschossen. Die kleinen einstöckigen und dann zweistöckigen Bauten haben drei- und vierstöckigen Platz gemacht, Dennoch verlangt diese Bauweise immer noch viel Raum, besonders da noch an den meiste« Stellen an der alten Regel festgelialten wird, daß Zwischenräume zwischen den einzelnen Häusein bestehen bleiben müssen, eine Regel, die noch aus jenen Zeiten stammt, als Tel-Awiw eine Gartenstadt werden sollte. Davon kann jetzt keine Rede mehr sein, aber es ist auffallend und erfreulich, daß in den letzten fünf Jahren die Stadt ihren trostlosen Charakter der unlebendigen Steine etwas verloren hat. In den kleinen Hausgärten blüht und grünt es, der helle Beton wird freundlicher durch Rankenpflanzen, die unter diesem Himmel mit einer verblüffenden Schnelligkeit emporschießen. Freilich, öffentliehe Gärten oder gar Parks gibt es immer noch nicht. Wo sich die Stadt ausdehnt, ersetzt der Beton den Sand. Neue Wohnblocks Die Aenderung des Stadtbildes Ist durch die Modernisierung der Bauweise, die Anlage langer und breiterer Straßen und das Auftauchen von großen Wohnblocks erfolgt. Diese sind unter verschiedensten Gesichtspunkten von besonderem Interesse. Die Baugesellschaft der Arbeiter- Schaft ״Schikun“, die für die Anlage verschiedener, zum Straße im Jemenitenviertel mm■ Teil sehr schöner Arbeiterviertel, die in Einfamilienhäuser aufgeteilt sind, verantwortlich ist, ist mehr und mehr zu großen gemeinsamen Wohnbauten iibergegangen, wo sich der Einzelne in einem großen Komplex eine Wohnung baut. Diese großen Blocks sind heute an verschiedenen Stellen von Tel-Awiw zu finden, große Wolinreilien nebeneinander, mit einem großen offenen Garten in der Mitte, einem Kooperativladen und allem, was sonst dazu gehört. Im. Norden der Stadt, nahe am Jarkon, ist jetzt ein neuer riesiger Block dieser Art im Entstehen, der Hl Wohnungen enthält. Alle diese Bauten sind ähnlich und doch alle verschieden, denn bei jedem versucht man, Fehler auszuschalten, die sich bei den alten herausgestellt haben und Verbesserungen in Bauweise, Einteilung, Ausstattung und Fassaden dtirchzuführen. Direkt an der Grenze von Sarona findet man ebenfalls einen riesigen Wohnblock, den einzigen, der für mittelständische Eiemente von der Kupat-Am Bank angelegt ist und zu Ehren Meir Dizengoffs den Namen Kirjath Mcir führt. Nahe an der heutigen Nordgrenze der Stadt, am Jarkon, findet man auf einer Anhöhe dicht bei dem benachbarten arabischen Dorf einige Traktoren und etliche hundert Arbeiter bei Nivellierungs,arbeiten. Hier wird der Grund gelegt für ein neues Viertel des ״S c h i k u n“, das sich bis nahe an den Fluß erstreckt. Neue Wege, neue Häuser, neue Gärten sind in Vorbereitung. Sie bilden in der Stadt, die ihren Vormarsch verlangsamt hat, eine neue Arbeitsquclle. Eine andere Welt So, in Mietshäusern, in langen Reibenblocks, in neuen Straßen, die einen plötzlichen Blick öffnen auf die grünen beider außerhalb der Stadt oder auf das Meer, präsentiert sich die neue Stadt. Die Hauptstraßen, flankiert von den großen Geschäften, dazwischen die Marmorfassaden der neuen Bankgebäude, die Blumenkästen und bunten Schirme der Restaurants und Cafes — dieses Tel-Awiw sicht ebenso neu aus wie komfortabel, so unternehmungslustig wie frisch. Da plötzlich fängt matt an einer der Hauptverkehrsadern einen Blick auf in eine andere Welt. Man geht dieser Richtung nach, durchquert eine enge Straße und ist piötzlieh, ohne den geringsten Uebcrgang, in einer anderen Weit: Fs scheint, als sei man von Europa nach Asien gelangt. Alte Häuser, aus dem bröckligen Stein gebaut, der sich in den Feisklippen des Meeres findet und aus dem viele der alten Häuser in Jaffa bestehen. Ungepflasterte Straßen, gesäumt von Körben und Blechen, in denen sich der Abfall häuft. Ein buntes Durcheinander von dunklen Gesichtern, von Männern mit Bärten, von Mädchen und Frauen in Kopftüchern mit krausen Haaren und dünnen Beinen, von übereinander purzelnden Kindern, denen die Riegen auf der Nase sitzen. Wir sind in ״Keren Temanitn“, einem der Je menit en viertel von Tel-Awiw, das dicht von der zentralen Hauptstraße abzweigt und doch viele Meilen von ihr entfernt scheint. In den engen Höfen wird gewaschen: die Frauen gehen mit Kuchenblechen auf dem Kopf (es ist Freitag) zu dem nahen Backofen, einer primitiven Einrichtung. (Welch ein Gegensatz zu dem Riesengebäude auf dem Wege nach Petach Tikwah, wo eine der Brotfabriken von Tel-Awiw mit den neuesten Maschinen arbeitet!) So wie dieses Viertel heute aussicht, mit seinen seit langem nicht reparierten Hütten, mit seinen früh gealterten Frauen, mit seinen Kindermassen, mit seinem Markt, auf dem es von Menschen Haus im Jcmenilenvicrtrl; davor in der Mitte unsere Mit• arbeiterin, Frau Gerda Luft Foto»: Loa Landauer wimmelt, mit seinem ganzen bunten Treiben, das kaum einen Zug von Europa hat, so hat es schon vor Jahren ausgesehen. Die Stadtverwaltung, die eigentlich wohl auf die ärmsten Viertel besonders achten müßte — die Reichen werden sich eher selbst versorgen — hat noch immer hier keine rechten Wege gebaut, noch immer scheint hier die Müllabfuhr nicht gerade ideal zu sein, noch immer scheint sich in der Lebensweise der orientalischen Juden nicht viel geändert zu haben. Aber wenn man genauer hinsieht, so gibt es Anzeichen, daß auch hierher der Ueberfluß der letzten Jahre, wenn auch zu kleinen Teilen, seinen Weg gefunden hat. Windschief ist das kleine verwahrloste Häuschen unten, in seinem Erdgeschoß, aber darüber erhebt sich, grotesk anzusehen in dieser Umgebung und ein Zeichen der Zeit, ein modernes zweites und drittes Stockwerk, nach dem Muster der Neubauten in dem ״modernen“ Tel-Awiw gemacht, ln dieser Art kann man noch hier und da ein paar Beispiele finden. Sie sind auf einleuchtende Art entstanden. In den Jahren der Prosperity hat der Jeinenite seinen Anteil an den großen Arbeitsmöglichkeiten und den erhöhten Löhnen gehabt. Seinen Standard hat er jedocii nicht verbessert. Er hat gespart und das Geld investiert, und das Resultat sind diese sonderbaren •Zwittcrbauten, die dann vermietet werden. Abgesehen von ihnen aber hat sich in diesem ״asiatischen“ Teil der Stadt wenig geändert. Dasselbe Bild, ein enges Nebeneinander von Fortschritt und Stagnation, von Europa und Asien, von Komfort und äußerster Not kann man noch in anderen Teilen der Stadt finden, wo die modernen Stadtteile unmittelbar an die Slums grenzen. Da findet man eine breite Straße, an der eine der größten und schönsten neuen Schulen der Stadt liegt. Sie ist zum Teil von kleinen Häusern, zum Teil von Baracken, Das Gelände von Kirjath Awodah vor D ״ Jahren zum Teil aber auch von großen Mietshäusern flankiert. Von ihr ab zweigt ein kleines Gäßchen, wo Hütte an Hütte liegt, verfallen, aus Brettern zusammeiigehämmert und mit Blech gedeckt, mit zerrissener Wäsche und altem Hausrat aut den Zäunen, mit einem unwegsamen Durchgang zwischeu den Reihen, wo auch heute noch, nachdem Wochen hindurch kein Regen gefallen ist, das Wasser in großen stinkenden Pfützen steht. Wie viele Jahre stellt dieses Viertel schon, in dem hauptsächlich die kurdischen und kaukasischen Juden hausen! Und wie wenig hat es sich verändert, und wenn es sich verändert hat, dann sind die Hütten mir noch baufälliger, die Wege noch unpassierbarer geworden. Komfort und Not nebeneinander gibt es wohl überall. Aber vielleicht findet man es nirgends so dicht beisammen wie liier in Tel-Awiw. Und vielleicht nirgends bekommt dieser Gegensatz ein so scharfes und buntes Gepräge wie hier, weil er nicht nur sieh in dem Nebeneinander von arm lind reich äußert, sondern auch in dem von Europa und Asien, von Orient und Okzident. Das Icl-Awiw von heute zeigü in Umfang um! in Ausstattung, in Wegen und Verbindungen einen gewaltigen Fortschritt gegenüber der Zeit von 1930. Es lieg־( etwas überaus Anziehendes in dem Unternehmungsgeist, der sich i!1 diesem frappante» Wachstum, dem raschen Wandel manifestiert. Alle Ausbreitung und Verbesserung jedoch bleibt mir halbe Arbeit, wenn die großen Slums neben den modernen Vierteln nicht endgültig gepflastert, gesäubert, gelüftet, saniert werden. Eine schöne Aufgabe für eine unternehmende Stadtverwaltung und die Regierung. Die Tochterstadt Vor etwa 1';״ Jahren standen wir im Süden von Tel-Awiw auf einem kleinen Sandhügel. Das Auto hatte uns auf einer Abzweigung der Chaussee, die Jaffa und Jerusalem verbindet, durch wellenden Sand eine glatte Asphaltstraße entlanggefahren und uns mitten in einer Dünenlandschaft abgesetzt, die an Trostlosigkeit nicht viel zu wünschen übrigließ. Auf einem weiten Gebiet kein kultiviertes Fleckchen, hier und da eine Baumsilhouette und die kärgliche Vegetation, die aut diesem Triebsand sich hält. Auf dem Hügel war etwas aus Brettern aufgebaut, das sollte die Tribüne abgeben für die geplante Feier der Grundsteinlegung. Denn auf dieser Sandfläche war ״Kirjath Awodah“ geplant, die ״Stadt der Arbeit“, und auf diesem anscheinend für nichts benutzbaren Gebiet sollten Massen von Arbeitern aus Tel- Awiw billige, gute Wohnungen und Gärten, freie Luft und Ausdehniingsmöglichkeiten erhalten. Die Pläne für dieses ehrgeizige Projekt sahen einladend aus, und es lag ein sonderbarer Reiz darin, die Phantasie angeregt von den Zeichnungen auf die Dünen schweifen zu lassen. Und es gehörte in der Tat Phantasie dazu, sich in dieser Sandwelt eine Stadt vorzustellen. Aber die Geschichte der Siedlung in Palästina hat uns gelehrt, niemals die Dinge so zu sehen, wie sie sind, sondern wie sie einmal sein werden, wie sie werden sollen und wie wir sie zu gestalten haben. Es verging eine kurze Zeit, gegen 1>2 Jahre. Wieder fährt das Auto über das kurze Stück der Jerusalemer Chaussee, wieder durchquert es jene Abzweigung, aber diesmal setzt es uns nicht in derselben Landschaft ab, sondern in Kirjath A w o d a h. 1 n schön geschwungenen Linien, die besonders ausruhsam wirken nach den eckigen Straßen- Profilen von Tel-Awiw, ziehen sich die Häuserreihen durch den Sand, Reihen von einstöckigen Kleinhäusern, jedes für eine Familie bestimmt, eine Reihe von großen gemeinschaft* liehen Wohnblocks, in denen sich eine Anzahl von Familien zusammengetan haben. Wo damals das Brettergerüst stand, stellt der große, weit in die Gegend hineinschancnde Wasser« türm, ein mit größter Sorgfalt und Liebe eingerichteter, vor« läufig noch in einer gemieteten Wohnung untergebrachter Kindergarten betreut die Kleinen der neuen Stadt, von der einige Straßenzüge bewohnt, andere zum Einziehen fertig sind. Auf einem breiten Platz werden die Grundlagen gelegt für die Schule der Stadt, für die kürzlich unter den Architekten von Tel-Awiw ein Ausschreiben für die Pläne statigefimden hat. Schon heute ist ein Teil der Phantasie verwirklicht. Kirjath Awodah Ist einer der vielen Beweise dafür, daß in Palästina häufig die Phantasten (oder soll man sagen, die Leute mit Phantasie?) recht behalten. Es gehört sclion ein gutes Stück Mut und Vorstellungskraft dazu, mitten in diese Sandhügel eine neue Stadt hineinzudenken. Aber es scheint, daß diese Art der Vorstellungskraft bei vielen hier zu finden ist. Denn nicht nur die Initiatoren des Planes wagten es, hier von der Gründung einer Stadt zu sprechen. Es fanden Kirjath Awodah heute 2S

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