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Jüdische Rundschau · 1937-05-14 · Heft 38-39 (14.5.1937) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 38-39 (14.5.1937)
Date
1937-05-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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1K 5.1937 Preis 25 Rpi. JÜDISCHE RUNDSCHAU 8chr!ffcieltun5׳,VeH.11j n. AiiKftljenverwaltiaiigi Berlin W15, Msioekeitr.10 Fenunfi 919031« Telegramm -Adreise» Orghip. - Bezugspreis einschließlkh Be*tel!gel״i je Monai RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 b2w. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertrieb# *Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nnchlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. —* Erscheint jeden Dienstag «and Freitag• BERLIN די סיון תרצ״ז FREITAG, 14. MAI 1937 GflltlK, Anielg.nprelaHat« Nr. 5. Die 12 jrejpalttne mm ■ Zeile 20 Rpf. Ar Familien. Nachrichten 15 Rpi. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Aufgaben oder an bestimmten Plätren wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheita- •nreijen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. AnnahmeschluB für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr. für die Freitag. Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien •Anzeigen em Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt tDr das JDdische Volk die Schaltung einer dffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Unerfüllte Aufgabe Geistige Ordnung und materielle Existenz Zum Schawuoth-Fest 5697 Die Frage nach dem Wesen und der Aufgabe eines Volkes, also eine überzeitliche, immer von neuem gestellte, auch höchst ,,moderne“ und aktuelle Frage, steht schon am Anfang der jüdischen Erinnerung. Es gellt hier um etwas, was nicht nur das jüdische Volk betrifft; was ein Volk ist, erklärt sich dadurch, was es soll. Wir selren in dem Ablauf der Zeitalter, wie immer wieder aus grollen Ereignissen ein Sinn licrvorleuchtet; wie die Völker ringen, um zu ihrer eigentlichen Aufgabe zu gelangen. Die jüdische Ueberlieferung hat in ihrer Er- Zahlung von dem Auszug der Juden aus Aegypten diesen Vorgang besonders anschaulich gemacht. Die Mcnsciien, die um der Zugehörigkeit zur gleichen (jüdischen) Blutsgemeinschaft willen von Pharao unterdrückt und schließlieh durch den Willen eines starken Führers aus dem ,,Hause der Knechtschaft“ hinausgeführt werden, sind wohl eine Schicksalsgcmeinschaft, aber noch kein Volk. Aufeinander angewiesen, sind sie doch häufig uneinig, manche sehnen sich nach den Fleischtopfen der Knechtschaft; aber wie immer der Einzelne auch denken mag, das unerbittliche Schicksal zwingt alle, unabhängig von ihrem Willen, auf den gleichen Weg. Nur auf die Frage des Wohin und Warum wissen sie keine rechte Antwort zu geben; ungläubig sind sie, selbst wenn die Feuersäule vor ihnen hergeht. Nicht die Blutsgemeinschaft und nicht die Schicksalsgemeinschaft reichte aus, um ein Volk zu bilden und seine Zukunft zu sichern. Es mußte die g e i s t i g e Ordnung hinzutreten, das gemeinsam empfangene Wort ״Du sollst“. In ״Donner und Blitz“ ist es auf die vor dem Sinai versammelten Stämme niedergegangen. Dieses grandiose Ereignis der ״Gesetzgebung“ feiern wir am Schawuothfest. Das zentrale Faktum unserer ganzen Volksgeschichte ist das Mysterium des ״Bundes“, der schon mit Abraham geschlossen ward und am Sinai mit der ganzen Schar seiner Nachkommen erneuert wurde. Sein Sinn ist in dem Wort zusammengefaßt: ״Ihr sollt mir sein ein Reicli von Priestern, ein heiliges Volk“. Damit war dem jüdischen Volke eine Last aufgebürdet, die zu tragen die Kraft von Erdenmenschen beinahe überstieg. Es war ihm eine Aufgabe gesetzt, deren restlose Erfüllung erst am ״Ende der Tage“ eintreten kann. Denn so wie nach der Legende die Juden vor dem Sinai sich sträubten, die Thora anzunehmen, so ist es Mensehenart, sich gegen die strenge unbedingte Förderung wehren und ihr auszuweichen suchen; und so lange die Juden Menschen sind, wird diese ״Judenfrage“ ungelöst bleiben. Das Leben des jüdischen Volkes steht im Zeichen einer Geduld, die den langen Atem der Menschheitsgeschichte hat. Aber etwas von diesem Gedanken der Verpflichtung und ״Erwählung“ ist in den Begriff ״Volk“ schlechthin eingegangen. Er ist so aus einer Naturtatsache eine geistige Kategorie geworden. * Nicht nur das Woher, auch das Wohin bestimmt das Lebensgesetz eines Volkes. Das jüdische Volk konnte nicht untergehen, weil es das Bewußtsein der unerfüllten Aufgabe in sich trägt. Die Juden sind, obwohl sie zahlreiche äußere Merkmale eines Volkstums verloren und sich mit anderen Völkern vermischt haben, immer im besonderen Sinn ein ״Volk“ gewesen, weil sie diese Forderung, ein heiliges Volk zu sein, mit sich durch die Jahrhunderte trugen. Dies ist der geistige Hintergrund aller Bestrebungen, den Juden wieder ein freies Volksleben zu ermöglichen. Alle, die in unserem Zeitalter dieser Idee ihr Leben geweiht haben, sind bewußte oder unbewußte Träger der Verpflichtung, den ״Weg ohne Ende“, den Weg zur Erfüllung des Unerfüllbaren, ein Stück weiter zu gehen. Das moderne Problem des Jüdischen Nationalheims in Palästina erscheint in diesem Lichte nicht nur den Juden selbst, sondern auch vielen Nichtjuden. Dies ist, mehr als etwa das Mitleid mit den verelendeten Juden des Ostens, ein Motiv des Interesses am Zionismus. Die Wiederherstel* lung des jüdischen Volkes hat einen geistigen Sinn in sich selbst, aber auch über sich h i nau s weise n d. Diesen Gedanken hat vor einigen Jahren der gegenwärtige britische Kolonienminister, Mr. Ormsby-Gorc, ein Mann von starken geistigen Interessen, besonders eindringlich ausgesprochen. Nicht nur weil der Sprecher heute sehr entscheidend über Palästina mitzuhestimmen hat, verlohnt es sich, diese Rede in Erinnerung zurückzurufen. ״Der Zionismus“, so sagte damals, es mag 6 Jahre lu׳r sein, Mr. Orinsby-üori‘, ״muß natürlich seine politische Seite haben, aber wie ich es sehe, ist die zionistische Bewegung wesentlich etwas, was über den Rahmen der bloßen Politik hinausgeht und nicht in rein politischen Begriffen aus/.udriieken ist. Der Zionismus muß einen Körper in Palästina Italien, das ist seine Grundlage; aber das 7eseiitliehe daran ist der Glaube, daß das jüdische Volk als Volk noch etwas zu den Ideen, der Kultur und der Wissenschaft der Welt beizutragen hat, und zwar nicht als englische Juden oder deutsche Juden oder polnische Juden, sondern als Juden schlechthin. Das Nationallleim ist verbunden mit dem Gedanken, daß die ganze Welt wieder einmal den Beistand des j ü d i - sehen Idealismus braucht, nicht nur in der Lösung politischer und ökonomischer Probleme, sondern in den größeren Problemen des Lebens, unter denen Politik 770 Zertifikate für 4 Monate Wie aus Jerusalem gemeldet wird, hat der High Commissioner für die vier Monate April bis Jul! 1937 770 Ein- Wanderungszertifikate bewilligt. Hiervon erhält die Jewish Agency 620 Zertifikate, während 150 das Einwanderungs- Departement der Regierung zur direkten Verteilung zurückbehält. Zugleich ist der High Commissioner ermächtigt worden, Einwanderungs-Schedulen für einen Zeitraum von weniger als einem halben Jahr auszugeben. * Dieser Schednle hat in Palästina selbst und in der ganzen Welt stärkste Enttäuschung hervorgerufen. Die gesamte hebräische Presse übt schärfste Kritik an dem neuen Schedule. ״H a a r e 7.“ erklärt, daß man es mit einer Verletzung der jüdischen Rechte zu tun habe, die als neues Glied in der Kette der Politik der Schwäche und Nachsicht gegenüber dem Terror angesehen werden müsse. ״Daw a r“ schreibt, der Schedule sei ein Anzeichen für die Schwere des kommenden Kampfes um das jüdische Schicksal in Ercz Israel. Aehniich heftig ist die Ablehnung der anderen Blätter. Die arabische Presse erklärt, daß nicht die Anzahl der Zertifikate, sondern das Prinzip das Ausschlaggebende sei; die Araber wenden sich gegen die Einwanderung auch nur eines einzigen Juden. Werfen wir einen Blick auf die Einwaiideningsquoteii in den letzten Jahren, so kommt die G e r i n gf ii g i g k e i t der jetzt bewilligten Zahl eindringlich zum Bewußtsein. Vor zwei Jahren im Sommer 1935 wurden 800( 1 Zertifikate ausgegeben, eine Zahl, die den Höchststand darstellte, der überhaupt in einem halben Jahr jemals erreicht wurde, im darauffolgenden Winter betrug der Schedule 4350 Zertifikate, im Sommer 1936 3465 und im letzten Winterhalbjahr nur noch 1800. Trotz diesem Absinken im Gefolge der Unruhen und der zuriiekgehenden Wirtschaftskonjimktur stellt die jetzige Kürzung eine außerordentlich tief einschneidende Maßnahme dar. Beim jüdischen Volk in den Ländern der Welt, besonders in Mittel- und Osteuropa und nicht zuletzt in Deutschland, das sehnsüchtig auf die Tore Palästinas blickt, weil insbesondere seine Jugend dort neuen Lebensraum, neue Arbeitsmöglichkeiten finden kann, muß diese Nachricht Erbitterung und Protest hervorrufen. (Wir nehmen auch im Leitartikel der heutigen Nummer zu dem Schedule Stellung. — A, d. R.) Die Jewish Agency hat eine Erklärung zu der Ausgabe des stark gekürzten Einwandcrungssehedule vorbereitet. Seine Veröffentlichung ist jedoch mit Rücksicht auf die Krönungsfeier zurückgcsteiit worden. Telegramm der ZVfD. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland hat an die Exekutive der Jewish Agency in Jerusalem das folgende Telcgram m gerichtet: ״Die Juden 'Deutschlands empfinden die bewilligte Anzahl von Zertifikaten als einen Holm auf ihre Lage und den allenthalben bestehenden Drang nach Ercz Israel. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland vertraut der Exekutive in ihrem unermüdlichen Kampfe um unsere verbrieften Rechte und um Vergrößerung des Schedules. Zionistische Vereinigung für Deutschland.“ und Wirtschaft nur einen schmalen Raum einnehmen. Dies war die Iloifnuiig und die Rechtfertigung des schwierigen Experiments, dessen Verwirklichung keine leichte Sache sein kann. Wir alle und auch die gegenwärtigen Kolonisten, die in diesen idealen Hoffnungen nach Palästina gegangen sind, werden dahinsterben. Von der ersten und sogar von der zweiten Generation ist nicht viel zu erwarten. Die Hoffming der Zukunft liegt in der dritten und vierten Generation des jüdischen Volkes, die in Palästina geboren ist, in einer jüdischen Umgebung so jüdisch, wie England eng« lisch oder Schottland schottisch, — auf einem Territoriuni, welches auch andere Volksstänime in demselben Raum umfaßt, die alter das selbständige li c r an w a c!1 s e n e i n e r w a h r e n j ii d i s c h e n Kultur und einer wahren jüdischen Heimstätte nicht stören. Wir lege 11 heute r.ur den Grundstein. VX ir können noch nicht die Resultate erwarten, um derentwillen das Nation,1!hei!n gegründet wird.“ Die Erwartung, die die Welt mit dieser Tat ver•* bindet, ist eine geistige. Um aber dem Mißverstandnis entgegenzutreten, als handle es sich um ein ״geistiges Zentrum“ ohne physische Expansion, fügte der Rednci ausdrücklich hinzu, daß das Nationalhei 111 natürlich seinp wahren Ziele nur auf der Basis einer vollen und breiten• physischen Existenz erreichen kann. Das im Auge zu behalten ist sehr wichtig, weil in der Tat durch das so stark geistig gerichtete Wesen des jüdischen Volkes das natürliche Gleichgewicht gestört werden kann. Schon das Problem des jüdischen Volkes der Antike bestand nach Meinung vieler darin, daß seine materielle Kultur nicht hinreichend entwickelt war, um feindlichen Anstürmen standzuhalten. Der englische Archäologe Stanley C u s s o n entwirft in einem kürzlich erschienenen Buche ״Progress and Catastrophe“ (״Fortschritt und Katastrophe“, Verlag Hainish Hamilton, Londun) eine ״Anatomie“ der menschlichen Zivilisation im Altertum und kommt zu folgender Feststellung: ,,Die Zivilisation wird stets von z w e i Gefahren bedroht: die erste ist, wenn ihre materielle Entwicklung der m o r a I i s c 11 e n 1111 d g e i s t i g e n weit vor« aus ei 11, was vielleicht heute d e r Lall ist; die andere, wenn ihr moralisches und geistiges Vorwärtsdrängen ihre materielle Ausrüstung überholt. Beides gibt sie den zersetzenden Kräften preis.“ Für den zweiten Fall kennt der Autor nur zwei Beispiele in der Geschichte; eines davon ist das antike Judentum (das andere die Kultur der Mava in Zentralamerika zu Beginn unseres Zeitalters): ״Die Mängel der sozialen Organisation und des politischen Denkens stellen bei den Hebräern in scharfem Gegensatz zu ihrem allgemeinen geistigen Hochstand“. Dies ist auch heute noch — oder heute wieder — ein aktuelles Problem von größter Tragweite für das jüdische Volk. Es kann im kritischen Moment zu einer Schicksalsfrage werden. Wir sind ja in einer Zeit des U e b e r g a n g es zu neuen Lebensformen, wir müssen uns immer wieder lies in« neu und nicht die Gewalten des Werdens über uns Herr werden lassen. Bei der Schaffung eines ״Nationalheims“, eines für sich seihst verantwortlichen Gemein- ,wesens, das in der künftigen Generation mehr als alles andere für jüdisches Wesen repräsentativ sein wird, muß am Anfang die Erkenntnis von der Notwendigkeit eines gesunden Ausgleichs geistiger und mate« rieller Erfordernisse stehen. Wenn wir uns nur auf die Aufgaben des materiellen Aufbaues kunzentrieren, dann werden wir auch diesem nicht genügen können; das jüdische Volk bedarf heute wie einst einer geistigen Ordnung, um Volk zu sein. Wenn aber die andere Gefahr (von der Stanley Cusson spricht) die Oberhand gewinnt, wenn wir im Uebermaß des Bewußtseins geistiger Berufung und in einseitiger Leiden* Schaft für das Geistige die feste und gesunde Grundlage des realen Lebens zu schaffen versäumen, wird dieses Gebilde auf schwachen Füßen stehen. Wir sind durch eine Schule von Jahrhunderten gegangen, und wir wissen heute, daß der G eiste inenTräger braucht, und daß sein Träger, das Volk, gesund und natürlich im Boden verwurzelt sein muß, um seiner (geistigen) Aufgabe gewachsen zu sein. Darum ist es für uns eine Genugtuung, daß Ormsby- Gore die Notwendigkeit einer ״vollen und breiten phy« sisehen Existenz“ des jüdischen Volkes in Palästina

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