Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 36 (7.5.1937)
- Date
- 1937-05-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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-8 5.1937 fit. 36 / Jahrgang 42 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU SchrUtleltnng.Verlag c. Anzeigen verwaltan;?: Berlin Wl 5, MaloakMtr.lt Fatnrnf > 919031, Telegramm-Adrei««i Orghlp. — Btiug»prei« eicuchlitBlich B«rt«Ug«U i« Monnl RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholunf RM 1,88 bsw. RM5.39. — Postschrclc . Konten der Vertrieb» - Abteilung Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt bfsteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter BetuTSgebQhren. — Erscheint Jeden Dienita; and Freitag. BERLIN fsnn vn VD FREITAG, 7. MAI 1937 Gültijp AnxelgaapreUUste Nr. 5, Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf„ für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmtea Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet Gelejjeoheitsanzeigen nur gejten Vorausxahltmjj auf Postscheck Konto Berlin 71618 oder b nr Montag b i a Freitag 9—18 Uhr. Anrmhmeschluß für die Dienstag - Ausgabe Montag 1© Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstatte In Palästina. (Baseler Programm) ie Krönung Nur noch wenige Tage trennen uns von der Feier 'der Krönung Georgs VI. zum König von England. Das englische Volk durchlebt eine Zeit fieberhafter freudiger Erregung, die englische Hauptstadt empfängt seit Wochen die einströmenden Gäste, das äußere Bild Londons verändert sich, alles wird auf das Gepränge dieser einzigartigen Feier vorbereitet. Alle oder fast alle Völker werden Abordnungen nach London entsenden, um dem englischen Volk und dem König ihre Glückwünsche darzubringen, — ein Zusammentreffen verschiedenster Persönlichkeiten, die in ihren Ländern hohen Rang bekleiden. Von altersher waren solche Ereignisse auch Anlaß zur Fühlungnahme und zu ungezwungenem Meinungsaustausch. Gewiß weiden politische Weltprobleme von den Notwendigkeiten der Völker bestimmt und die oft sehr schwierige Diplomateuarbeit ist nicht Sache festlicher Augenblicke. Aber die Prachtentfaltung eines solchen Tages hat ihre Anziehungskraft für die Schaulust aller, und sicherlich sind die Wünsche der meisten, deren Blicke für einen Moment auf dieses politische Weltzentruth ersten Ranges gerichtet sind, von dem gleichen Wunsche beseelt: daß die Regierungszeit Georgs VI. eine Zeit des Friedens für die Menschheit sein möge, des Friedens, der in so hohem Maße von dem englischen Weltreich abhängig ist. Was immer bei dem persönlichen Zusammentreffen so vieler Diplomaten und Völkerrepräsentanteii zur Förderung der Annäherung, der Beruhigung und des Friedens geschehen kann, wird in vielen Herzen dankbaren Widerhall finden. Die jüdische Bevölkerung der Gliedstaaten des Britischen Weltreiches nimmt in ungetrübter Gemeinschaft zusammen mit ihren Mitbürgern an der Freude der Nation teil. Eine besondere Stellung hat dabei das Mandatsland Palästina, das unter der Schutzherrschaft des Königs von England steht, ohne aber formell dein -englischen Reiche anzugehören. Auch in Palästina wird der Krönungstag als Staatsfeiertag gelten, und die jüdische Bevölkerung wird entsprechende Feier-, lichkeiten veranstalten. Wie die arabische Bevölkerung,' die in grundsätzlicher Opposition zur englischen Mandatsherrschaft lebt, sich verhalten wird, dürfte wohl erst im letzten Moment klar werden. Ein unverbürgtes Gerücht besagt, König Georg wolle auch den Titel eines „Königs von Jerusalem" annehmen — ein Titel, den die ehemaligen Habsburger Kaiser der österreichungarischen Monarchie (bis 1918) als ein formelles Ueberbleibsel des Mittelalters geführt haben, ohne daß er eine praktische Bedeutung hatte. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Nachricht um eine arabische Propagandameldung. Aber mit oder ohne Titel, die Verbindung des englischen Königs mit dem Mandatsland ist unbestritten, und man darf an seine Krönung den Wunsch knüpfen, daß unter seiner Regierungszeit der Friede in Palästina hergestellt werden möge. Auch palästinensische Delegationen werden in London vertreten sein. Die Araber haben zwar eine offizielle Beteiligung abgelehnt, aber man kann annehmen, daß ihre zu Propagandazwccken nach London entsandte Abordnung in der Zeit des politischen Hochbetriebes besonders aktiv sein wird. Es hieß sogar, der Mufti wolle nach London fliegen. Sind doch gerade die Fragen Palästinas in einem akuten Stadium. Unter allen Angelegenheiten von großer Tragweite, die jetzt auf der Tagesordnung stehen, ist Palästina wahrscheinlich diejenige, die als erste in der nach der Krönung anbrechenden neuen Aera der englischen Politik zur Entscheidung kommen wird. Allem Anschein nach will man die Beschlüsse nicht überstürzen. In einer Zuschrift, die, wie sich jetzt herausstellt, bereits am 25. März von Außenminister Eden an das Völkerbundssekretariat in Genf gerichtet wurde, aber erst jetzt veröffentlicht wird wurde ersucht, die für die Behandlung Palästinas be stimmte Sitzung der Permanenten Mandats-Kommission erst für Ende Juli anzuberaumen; bis dahin also will sich die Regierung Zeit lassen, so daß schon jetzt angenommen werden darf, daß der neue Kurs der Pa lästina-Politik nicht vor dem Monat Juni bekanntgegeben werden wird. Die Regierung dürfte dann zugleich mit dem Bericht der Peel-Kommission auch ihre eigenen Vorschläge dem Parlament unterbreiten. Sie hat wiederholt zum Ausdruck gebracht, daß nach Verkündung der Entscheidung die, Zügel energisch in die Hand genommen und keine Unruhen im Lande geduldet werden Viele sind der Meinung, daß auch im Jahre 1936 die Regierung die Möglichkeit gehabt hätte, die Unruhen zu verhindern. Das Zionistische Aktiuns-Comite' hat eben erst ausgesprochen, daß die wankelmütige Politik der Regierung und ihr Zögern eine der Ursathen des Sudafrikas Absperrung Keine Einwanderung von Staatenlosen9 Kapstadt, 3. Mal. (JTA.) Das Südafrikanische Parlament hat in dritter Lesung eine neue Bestimmung für die Regelung der Einwanderung nach Südafrika angenommen, durch die die Einwanderung von Personen, die ihre Staatsangehörigkeit verloren haben, unterbunden wird. In der Bestimmung heißt es, daß Personen, deren Ausweispapiere zu den sogenannten .einseitigen Papieren" (one way-papers) gehören, künftig nicht mehr zur Einreise nach Südafrika zugelassen werden sollen. Der stellvertretende Innenminister J. H. H o f m c y r erklärte, daß in der Zeit vom 1. November 1936 bis zum 1. Februar 1937 nur 56 Einwanderungskandidaten in die Union gekommen sind. Nach dem 1. Februar war die Zahl der Einwanderer noch geringer. Bis zur Entscheidung des Einwanderungsausschusses (Immigration Selection Board) über die Gesuche um dauernde Niederlassung werden noch mehrere Monate vergehen. Die Eimvandeningsbeamten dürfen jetzt nur Touristen vorübergehende Aufenthaltsgenehmigungen erteilen und nur einen Aufenthalt bis zu höchstens sieben Tagen bewilligen, in der Praxis werden jedoch Personen, die als bona fide-Touristen angesehen werden können, Verlängerungen auf unbestimmte Zeit gewährt werden. Die jüdischen Einwanderer, die in der Zeit vom 1. November bis zum 15. Februar eingetroffen sind, erhalten die Bewilligung zu vorübergehendem Aufenthalt, bis die Entscheidung des Emwanderungsausschussfs bekanntgeworden ist. * Zu der Frage der jiidenfeindlichcn Propaganda in Südafrika hat der Rat der holländischen Kirche in Südafrika eine Entschließung gefaßt, in der die Stellungnahme zum Antisemitismus dem Gewissen der Gläubigen überlassen wird. Diese sollen selbst entscheiden, ob er int öffentlichen Interesse gerechtfertigt sei. Feuer-Ueberfall in Warschau Ein Kind erschossen, zahlreiche Verletzte Warschau, 2. Mai. (JTA.) Während der Mai-Umzüge in Warschau haben einige junge Leute einen Feuerüberfall auf eine Gruppe von Juden verübt. Es wurden zahlreiche Revolverschüsse abgegeben und ein Sprengkörper geworfen. Der 5jährige Abraham S c h e n k e r wurde so schwer verletzt, daß er bald darauf seinen Verletzungen erlag. Schwere Schuß Verletzungen erlitten außerdem der 51jährige Abraham Englischer, die 6jährige Chawa Wagmann, der 43jährige Hirsch Kramalcwski, der 8jährige Gerson Perlmutter, der 17jährige Leiser Nissenbaum und Frau Feige Juforrj. Der Zustand der letzteren, die an Kopf, Knie und Hand verwundet wurde, ist besonders ernst. Nach dem Feuerübcrfall hat die Polizei eine Razzia in den Kreisen der Nah'onaldemok raten und Nationalradikalen durchgeführt. Als der Tat verdächtig wurden sieben Studenten verhaftet. Während der Festlichkeiten zur Feier des Jahrestages der Verkündung der polnischen Verfassung, an denen Vertreter aller jüdischen Organisationen teilnahmen, haben naiionaldemokratische und nationalradikale Fxzedenteii an vielen Stellen der Stadt Warschau jüdische Passanten ii b e r f a 11 e n und Schaufenster jüdischer Geschäfte zertrümmert. In vielen Cafehäusern wurden jüdische Gäste gezwungen, das Lokal zu verlassen. Mehrere Juden haben bei diesen Zwischenfällen leichte Verletzungen erlitten. Palästina -Einwanderung 1936 Von den im Jahre 1936 in Palästina eingewanderten 29 387 Personen waren 27 910 Juden. Einschließlich der bereits im Lande weilenden Touristen, die im Jahre 1936 als Einwanderer registriert wurden, ergibt sich eine Zahl von 31 671 Einwanderern, davon 29 729 Juden. 3014 Personen waren Einwanderer mit einem Vorzeigegeld von 1000 Pfund; unter ihnen 2970 Juden. 2833 Personen, davon 2810 Juden, kamen auf Anforderung ihrer Angehörigen. Von den Einwanderern kamen 11594 oder 41 »» aus Polen; davon 11 5SS Juden. Aus Deutschland kamen 8265, unter ihnen S18Ü Juden. Ausbruchs und der Ausbreitung der Unruhen von 1936 gewesen sind. Die neue Palästina-Politik wird nicht mehr vom Kabinett B a 1 d w i n bestimmt werden. An seine Stelle tritt nach der Krönung Neville C h a in b e r 1 a i n, ein Sohn von Joseph Chamberlain, der 1903 Herzl das Angebot einer Judensiedlung in Ostafrika gemacht hat. Der neue Primeministcr, der bisher nur wenig mit Kolonialfragen zu tun hatte, wird vermutlich die alte Linie unverändert fortsetzen. Sicher wird auch Orrnsby- Gore, dessen Erscheinen als britischer Vertreter vor der Mandats-Kommission in Genf im Juli Mr. Eden jetzt bereits angekündigt hat, Kolonialminister bleiben. Was die angeblich bevorstehenden A e n d e r u n g e n i m K a - binett betrifft, so ist darüber noch nichts Sicheres bekannt, und alle Zeitungsnachrichten gehören in das Gebiet der Mutmaßung. Am meisten ist die Rede von einem bevorstehenden Rücktritt des Kriegsministers Duft Cooper, und interessant ist in diesem Zusammenhange die (freilich unglaubwürdige) Meldung des „News Chronicle", daß der jetzige Transportminister Höre Belisha, das einzige jüdische Kabinettsmitglied, zum Kriegsminister ausersehen sei. Das lange Warten, verknüpft mit den Erörterungen aller möglichen und unmöglichen Pläne in der Presse, ist eine harte Anforderung an die Nerven aller an Palästina Interessierten. Hunderttausende von jungen Juden in allen Landern der Welt haben ihre Zukunft mit Palästina verbunden, und es ist ein peinigendes Gefühl, nun in solcher Ungewißheit zu verharren. Diese Juden fühlen sich aber als alles andere denn als bloße Zuschauer. Sie sind entschlossen, das jüdische Volk in Palästina unter allen Umständen aufzubauen, und sie hoffen, daß die Weisheit und das Verständnis der Mandatarmacht und der anderen maßgebenden Mächte ihnen den Weg ebnen wird. * Das jüdische Leben in Palästina selbst entwickelt sich inzwischen in stetean Fortschritt. Wie alles Leben steht es im Zeichen des Wechsels von Auf und Ab, von Erfolg und Mißerfolg, und nicht immer halten die persönlichen Erfahrungen des Einzelnen mit den Perspektiven der Gesamtheit Schritt. Bei einer Sache, die so vollständig neu ist, gibt es nicht nur objektive Hindernisse, sondern wie überall auch menschliche Schwierigkeiten und Unzulänglichkeit aller Art. Häufig findet man Verschiedenheitert der Betrachtungsweise, und es entstehen paradoxe Situationen, wo entgegengesetzte Welten aufeinanderstoßen. Das ist natürlich. Der Einzelne lebt nicht immer in der Sphäre des großen Pathos und der Ekstase, er sieht nicht immer die Zusammenhänge, oft ist das kleine Erlebnis des Moments ausschlaggebend, bringt Vorstellungen und seelische Reaktionen hervor, die auch zum Gesamtbild gehören. Palastina ist schon von vielen Seiten gezeigt worden, die Darstellungen drohen bereits zur Schablone zu verblassen; alle, die an Palästina hängen und mit dem Aufbau zu tun haben, sind sich der Größe dieser umwälzenden Sache wohl bewußt, aber gerade darum hat es einen besonderen Reiz, einmal auch die menschliche Seite ungeschminkt zu sehen, das viele „Menschliche Allzuinenschlichc", das in jedem Lehen ist und in einem so eigenartigen, so neuen, für viele der Beteiligten ihrem bisherigen Dasein so entgegengesetzten Leben wie dem der palästinensischen Siedlungen auch in einer besonders eigenartigen Weise zutage tritt. Wird einmal dargestellt, wie dieser oder jener es wirklich erlebt hat, dann bedeutet das keine Bewertung, und niemand braucht an die heiligsten Güter zu erinnern, die niemand antasten wollte. Wir haben eine große Aufgabe der Volkserziehung; unsere junge Generation muß zu echtem Gemeinschaftsgefühl und neuen Lebeusidealen erzogen werden, aber ist es nicht auch eine erzieherische Gefahr, dieses Prinzip zu überspannen? Wir glauben, daß es auch ein Element der Erziehung ist, die Dinge einmal ohne Verklärung rein lebensmäßig und tuen schlich zu sehen; zu wissen, daß es in jeder Gemeinschaft und in jeder Situation solche und solche Charaktere gibt, daß Eigenheiten, Schrullen, ja oft auch selbstsüchtige Eingebungen in jeder Menschengemeinschaft auftauchen, und daß es keine Beleidigung Palästinas oder irgendeiner palästinensischen Gruppe ist, wenn etwa ein Schriftsteller seine Darstellung derartiger menschlicher Vorgänge in das Milieu einer palästinensischen Siedlung verlegt (wie es z. B. in dem jetzt in der „J. R." laufenden Roman geschieht, der uns Proteste aus palästinensischen Kibbuzim eingetragen hat). Wir wissen, daß die besten Menschen in den Kibbuzim keine Verherrlichung wünschen und brauchen, daß sie auch nicht empfindlich sind und zu lachen verstehen; wir wissen den Ernst ihres Tuns zu würdigen, mit all den Sorgen und Konflikten und der Müdigkeit des Alltags — ein großes Werk, eine Pionierleistung, ein Gebäude von Blut und Schweiß, von Geist und neuem Ethos, die fruchtbarste Tat des jüdischen Volkslebens der Gegenwart.