Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 34 (30.4.1937)
- Date
- 1937-04-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34, 30. IV. 1937 JODISCHF RUNin.SCHAU Scits 5 Kleinstadtjudentum In der kleinen Stadt folgte das jüdische Leben schon immer eigenen Oesetzen, Ein eigener Rhythmus des Daseins war in ihr zu spüren. Früher richtete sich das jüdische Leben in der kleinen Ocmcindc nacli dem der Groligemeinde. jetzt ist das umgekehrt. Trotz aller Konzentration der Juden in wenige Städte wird das jüdische Leben in ihnen seelisch und gesellschaftlich von der Provinz her bestimmt. Gewiß ist dies nicht auf den ersten Blick zu sehen. Aber wenn man ein wenigdie Probleme der kleinen Gemeinde betrachtet, vir sehen so manches, was sich auch in Berlin, in Frankfurt, Breslau usw. ankündigt. Da gibt es Probleme der Zahl, Probleme der Ordnung, aber vor allem und immer wieder Fragen des Menschlichen. Es ist, als habe diese Zeit mehr denn je die Urgründe des Menschlichen in uns angerührt und in unseren Reihen das Geheimnis des menschlichen Zusammenlebens überhaupt das Letzte von Herz und Seele problematisch werden lassen. Die elementarsten Dinge des Gemeinschaftslebens müssen neu gestaltet werden. Der Wandel der äußeren Gegebenheiten ist am inneren Mensehen nicht spurlos vorübergegangen. Die Möglichkeit, Mensch zu sein, ist eine andere geworden. Das natürliche Maß der Dinge schwindet; Großes erscheint klein und Kleines groß. Es stellt sich auch das Gefühl ein: wir leben fast am Leben vorbei. In der Kleingemeinde merkt man, was das alles bedeutet. Jetzt, wo der Frühling ins Land kommt, spürt mau, was das heißt, daß die Verhältnisse sieh geändert haben. Man mißt heute den Lauf der Jahreszeiten daran, daß nun wieder ein Teil des Jahres vorübergegangen ist, wieder etwas vorbei ist, dem wir, da wir ein anderes Gefühl für die Zukunft bekommen haben, mit einem fast dumpfen Gefühl entgegengesehen haben. Die Landschaft spricht eine andere Sprache zu uns. Die Natur wird uns fern und ferner. Wüschen aus unseren Fenstern auf sie hinaus. Die Menschen haben sich in der kleinen Gemeinde sehr verändert. Sie sind alt geworden. Ihr Aeußcres ist nicht wiederzuerkennen. Sic lassen sich gehen. Au ihrer Kleidung merkt man es und auch an ihrem Gehaben. Eine Atmosphäre der Kleinheit, noch stärker als früher, hat sich gebildet. Einer sitzt fast auf dem anderen. Einer sieht fast in den Kochtopf des anderen. Es ist oft eine Distanzlosigkeit zwischen den Menschen. Menschliche Eigenschaften sind emporgestiegen, die früher nie in dem Ausmaß bekannt waren. Sie gehen bis zum offenen Neid und bis zur Mißgunst. Sie geheil bis zu der Frage: „Weshalb geht es gerade X. gu1, und — ich?" Eine seelische Wirrnis breitet sich aus. Fast scheint es, als seien manche Menschen eigentlich gar nicht mehr sie selbst, als spräche ein anderes Ich aus ihnen, ein früher nicht gekanntes Ich. Da leben sie nun nebeneinander. Es sind nur wenige. Sie sind aufeinander angewiesen. Aber sie macheu sich das Leben selbst so schwer. Kleinlichkeiten werden oft. großgezüchtet; Streitigkeiten gibt es um Dinge, die nicht wert sind, (laß man um sie ein einziges Wort verliert. Oftmals hat es den Anschein, als lebten diese Menschen wie eine Schiffsmannschaft zu den Zeiten der Segelschiffahrt. Monatelang waren damals die Leute gezwungen, immer die gleichen Gesichter zu sehen. Eine seelische Atmosphäre der Reizbarkeit entstand. In den Kleingemeinden kommt hinzu, daß es da Menschen gibt, die in dem Augenblick, in dem sie vom Schlafe erwachen, fast schon ihr Tagewerk getan haben. Menschen im besten Mannesalter stehen mit den Händen in den Hosentaschen herum. Es gibt für sie nichts zu tun. Es gibt nur wenig für sie zu tun. Es gibt immer den Hotel Paradies, Karlsbad Vornehm bürgerliches Etablissement. Erstklassiges Restaurant und Caf6. We ekcnd-Arrangement Besitzer: E.Wohlrab Telefon 4773 gleichen Gesprächsstoff. Es ist immer dasselbe: Klatsch aller Art und — Skat spielen. Bei den Frauen ist das Reinemachen und das Essen die Hauptsorge. Es dreht sich alles im Kreise. Das sind die Schattenseiten. Aber sicher ist, daß durch die Zeit viele verschüttete Quellen ans Licht gekommen sind; nicht nur schiechte, auch sehr viele gute. Mau muß einmal gesehen haben, wie diese Menschen in der kleinen Gemeinde zusammenhalten, sofern sie es wirklich gut miteinander meinen. Es wird immer ein Zeugnis edelster Menschlichkeit bleiben, was hier ohne viele Worte und ohne viel Aufsehens von einem Nachbarn dein anderen in Fällen der Not und der Krankheit getan wird. Es ist rührend zu sehen, mit welcher Liebe Menschen ihr bißchen hergeben, damit der andere etwas habe. Nächstenliebe ist hier wirklich kein leeres Wort. Vieles Große und Schöne wächst um Menschen. Bei dieser seelischen Wirrnis brauchten die Menschen Führung und Lenkung. Wo so viele auseinander strebende Kräfte emportaiichen, da gibt es ein Problem der Ordnung. Eine starke Hand ist notwendig, um alle zusammenzuhalten, um ihnen den Sinn des Lebens nicht schwinden zu lassen. Um diesen Sinn geht es täglich, stündlich, zu jeder Zeit Hier in der kleinen Stadt spürt man, was eine lenkende Hand tun kann, was ein Mensch mit Geduld und Zuspruch vermag. Hier sieht man, wo/u ein Mensch imstande ist, der über den Kreis der Interessen und des eigenen Lebens hinaufschattt, der die Sache sieht und nicht die Person und nicht die tausend Eitelkeiten, die hier eine so wichtige Rolle spielen. Mehr denn je ist deshalb die Persönlichkeit, ja die Persönlichkeit des Rabbiners oder Lehrers entscheidend. Von einem Rabbiner oder Lehrer hangt eigentlich alles ab, was aus der Gemeinde wird. Sie können vieles aus der Kleingemeinde machen. Erst in der Kleingemeinde sieht mau die ideale Seite des Rabbinerberufes in heutiger Zeit. Die Besten sind hierfür gerade gut genug. Finanzielle Verhältnisse und der Lauf der Dinge haben es mit sich gebracht, daß der Auflösungsprozeß der Kleingeineinden eigentlich durch den Fortgang des Rabbiners befördert worden ist. Die Menschen, die nicht nur reden, sondern die etwas zu sagen haben, wurden immer weniger. Der Umfang der W a n d e r u n g s b e w e g ti n g war groß, sehr groß sogar. In der Bevölkerungsbewegung der Kleingemeinde sind drei Phasen zu unterscheiden. 1933 35: die jüngeren und mittleren Jahrgänge gingen in die Großstadt oder wanderten teilweise aus. 1 '»35,36: starke Binnen wanderui:g der mittleren Jahrgänge; fortgesetzte starke Auswanderung, meist Verwaudtenwanderimg. Diese Wanderung aus der Kleinstadt is' h-tde weitgehend zum Stillstand gekommen. Diejenigen, die durch Liquidation ihres Geschäftes und ihrer Liegenschaften genug erlösten, um davon in der großen Stadt leben oder auswandern zu können, sind in der überwiegenden Zahl der f älle bereits fortgegangen. Die Bevölkerungsbewegung der Juden in der kleinen Stadt tritt in ihre drille Phase ein: Binnenwanderung und Auswanderung sind, soweit sie erfolgen, Verwandtenwanderuug; im übrigen ist ein statischer Zustand eingetreten. Man kann ganz genau übersehen, wer, wie die Leute in der kleinen Stadt selbst sagen, bleiben muß, weil er zur Wanderung unfähig oder ungeeignet ist; nach der Großstadt können diese Uebrigblcibenden nicht, weil sie nicht genügend Mittel haben, auswandern können sie nicht, weil sie zu alt sind oder weder genügend Mittel noch Verwandte haben. Man kann sich ausrechnen, wann der letzte gestorben sein wird. Das klingt hart und unsentimciital. Aber es ist die Wahrheit: die Gemeinden in der Provinz sterben aus. In einer kleinen Gemeinde, die heute 200 Seelen gegenüber früher 400 zahlt, sind 120 Personen, mehr als die Hälfte, über 50 Jahre alt. Hiervon hat wieder der allergrößte Teil das oO. Lebensjahr überschritten. Es gibt nur 30 junge Menschen, Knaben und M"dehen, bis zu 20 Jahren. Sie stehen zum Billige Kuren an den heißen, hochrad. Thermen Bad Teplitz-Schönau bei Gicht, Rheuma, Ischias. Auskunft: Städtische oder Clarysche Kurdircktion. allergrößten Teil noch im schulpflichtigen Alter und werden erst in mehreren Jahren wanderungsreif sein. Mit diesen f ragen der Zahl, der Ordnung und des Menschlicher hat die Kleingemeinde eine Entwicklung vorweggenommen, die heute in der Großgcmeinde langsam sich ankündigt. Man darf dies nicht übersehen. Die Probleme der Zahl sind dort zwar außerhalb der AIfcrsfragc nicht so deutlich. Aber auch in der großen Stadt sieht man die Lücken« Man merkt die Probleme der Ordnung und des Menschlichen, Man versucht sie zwar, wie so vieles, zu infellektualisiercn. In Wirklichkeit ist es aber das jüdische Formproblem, dia Frage, welche Ordnung dein jüdischen Leben gegeben werden kann. Die Frage der Persönlichkeiten wird in der Großgemeinde immer mehr gestellt, und die Frage der Autorität, der schmerzlich entbehrten Autorität, ist auch hier auf ihre Weise spürbar. Auch hier gibt es eine Frage der Oeffcutlichkeit. Sehon früher w;ir es fraglich, ob es je im Judentum in Deutschland so etwas wie eine Octicntlichkcit und öffentliche Meinung gegeben bähe. Auch früher war es nur eine beschränkte, übersehbare Zahl w;ii Menschen, ehe '-ich im jüdischer. Leben aktiv betätigten. Heute ist diese Zahl wohl großer geworden. Aber man sieht <clbst in Bei Ii» bei Veranstaltungen und Versammlungen immer die gleichen Menschen. Die Fragen der Unterscheidung von Lcht und Unecht, von Gut und Bö.c, die Fragen der Kleinheit und Klein« l'chkcit sind jedenfalls auch in der Grol'gemeindegestellt. Vieles, was sich ah Jüdisches I eben" gibt, ist in Wirklichkeit nur eine Vergrülierung eines Kieinstadt- und Provinzleriums. W'as ein ringender junger Mensch als Fuge spürt, daa ist doch vor allem 'etwas, dem der grolle Zug und die Großzügigkeit fehlt. Auch in der <iroßgemeinde gibt es ein Problem der Klcingenicimie. Dr. Arno Herz b e r g - Berlin Der jüdische Padiofeeiutiker Dr. Leon Schulmann hat den Auftrag erhalten, für die Marcoiü Comp, in Santo Amaro den Sender „Ttiiar," zu bauen, der der größte Brasiliens und einer der größten von ganz. Sudamerika sein soll, Preisausschreiben der ZVfl). für einen Plakat-Entwurf zul Schekelaktion. Auf das in Nr. 27 der „Jiid. Rundschau" ver* öi'fi ntliehtc Preis,itissehrcibett sind 31 Entwürfe eingegangen. Das aus den Herren R.-Al Benno Cohn, Heinz Cone!cl{ Georg Fuge!, Prof. Landsben gcr und A. J. Rosenblüth bo stehende PreisrichferkoHegi um hat das gesamte Materia: eingehend geprüft und ist zl folgendem Ergebnis gekörnt tuen: Den 1. Preis erhiell Herr Fred Goldberg, Berlin für seinen Entwurf, der in cM Schckel-Aktien Vcrweudunj finden wird. Den 2. Preis er hie't FraikcJi Grete Wiesen thal, Berlin, eleu 3. Preis Herl Fritz .Melchior, Berlin. Trost preise erhielten die Herrcl Gerhard G. Kolnhäuser, BcP hu, Bruno Gimpel, Diesdeii und hludu'ii Growakl, Berlin Das prcis^ekrüiiic /'itikat von Fred (iol<lber<< Schädlings geworden, und das Spiel ging um eine Frau, um Ilaimi. Dabei war alles innerer Stoff, unausgesprochenes Drama. Dns Aussprechen dieser Dinge hätte einen hübschen Abend gefällt, einen Liebesabend mit Ilanni, so hatte ich es früher mit Lisa gemacht, gesammelt, gesammelt und dann in großer literarischer Form der Ausbruch, der vulkanische Glutregen. Aber immer wieder bremste ich diese Ausbrüche. Es konnte keinen größeren Gegensatz geben als den zwischen meiner inneren Lage und meiner äußeren Lage. Manchmal mußte ich heftig schlucken, auch diese Unsinnrederei durch das Thcmuumbiegen und das viele plötzliche Ilimiusrennen am Abend hätte Ilanni stutzig machen müssen. Aber sie merkte nichts, sie war auch in diesem Punkt wie Lisa, wollte Blut sehen. Eines Abends tut sie im Badeanzug ein paar Schritte im Zimmer. Ich weiß, ich werde gleich hinnusrennen, wenn ich jetzt zu sprechen wage, werde ich eine schrecklich zitternde Stimme haben, aber doch spreche ich, ich kann mieh nicht mehr beherrschen, ich frage sie zitternd, ob sie ein Kind hat von Bartel. Sie erschrickt. Sie bleibt stehen. Ihre erste spontane Bewegung ist verräterisch, denn sie senkt den Kopf und betrachtet prüfend ihren Leib. Zwar reißt sie den Kopf schnell wieder hoch, ober sie bemerkt schon, daß sie sich verraten bnt, da wird sie ganz, rot, die Röte fließt ihr von den Ohren über das ganze Gesieht in den Hals hinein, und sie sagt leise und mich scharf beobachtend: Jn. Es ist still, draußen Nacht. In irgendeiner der Baracken gibt es ein Grammophon, das spielt einen traurigen Walzer von Chopin. Ich renne hinaus. Ich presse meine glühenden Wangen zwischen zwei Hände und schreie in der Tür: Es ist zum wahnsinnig werden. Seitdem ging Ilanni nicht mehr im Badeanzug, sah mich oftmals prüfend von der Seite an. Aber ich hatte längst wieder das eiserne Visier heruntergelassen, hinter diesem Visier kochte und brodelte meine Seele. * Heute sollen Esther und Josef kommen. Wenn man an der Dückerei vorbeigeht, dann begegnet man einer süßen warmen Welle, die in den Blechen mit dem Mürbekeks entsteigt und provozierend daherstreicht. Man sagt, daß die Jugcnualijah Girlanden aufgehängt hat in dem schon längst vorbereiteten Zimmer und daß ein mit Blumen gelähmtes Willkommensschild hergestellt wird. Auch Sprechehöre sind bereit, sehon gibt es Differenzen mit den Alten, weil die Jugendnlijah die Ankunft des Paares als ihr privates Fest feiern will, während doch der Mesehek (Wirtschaft) eigentlich das Paar erst legalisiert und sozusagen gerettet hat. Abends betreten Esther und Josef das Chadar Ochcl. Alles dreht sich um. In irgendeiner Ecke wird geklatscht. Der junge Ehemann ist noch genau so bleich und verlegen wie seinerzeit, scheint sich hinter Esthers Rücken zu verbergen. Esther seilest schreitet mutig voran. Offen gestanden, sie gefüllt mir nicht mehr, Sie ist fraulich geworden. Sic hat einen riesigen Bauch bekommen. Da» unbestimmt Lasterhafte an ihren Augen ist verschwunden, einem gewissen Ausdruck der Mutter gewichen, die glaubt, mit ihrer ersten, konsequent zu Ende gegangenen Entgleisung der ganzen Welt überlegen geworden zu sein und den Schlüssel zu allen Rätseln in ihrem Leib zu tragen und milde und mitleidig dreinschauen zu dürfen. * Damals bot der Mesehek den aus Deutschland Gekommenen an, einen Vertreter als festes Mitglied in den Kulturwnnd (Kulturrat) zu schicken. Da der Kulturwaad von der Assefa Klalit (allgemeine Versammlung) gewählt wurde, handelte es sich darum, einen Vorsehlag zu unterbreiten. In der Südsee soll es Fische gehen mit säbelnrtigen Zähnen, dia alles Fleisch, lebend oder nicht lebend, im Nu bis auf die Knochen zerfetzen und diese kahl machen. So geschah auch dicscy Angebot, als es in die wimmelnden Säbelfisehe der t'hcwrnh aus Deutschland fiel. Sofort bemächtigten sich zwei Gruppen der Sache und verteilten den Posten unter sich. Die eine Gruppe war die von Fritz. König und bestimmte Schneider zum Kulturcxponenten, die andere Gruppe war die von Karsan und bestimmte Wippkc zum Kuhurcxponenten der aus Deutschland Gekommenen. Es fand in dem Zimmer der Sehlde eine häßliche Assefa statt, nu£ der die ganze Jauche der Intrigen und Rivalitäten ausgekippt wurde. AVippke trat freiwillig zurück, Schneider blieb, und im (ihrigen wurden etwa zehn weitere Vorschlüge gemacht, von denen jeder ungefähr eine Stimme bekam, die Stimme des persönlichen Freundes. Die Assefa beschloß, ihre Unfähigkeit in dieser Sache dem Mesehek mitzuteilen und der Assefa Klalit die Wahl irgendeines der aus Deutschland Gekommenen zu überlassen. Die Assefa Klalit, von einer durchaus freundlichen Stimmung beherrscht, wühlte Herl, einen stillen, am Rand lebenden Jungen, einen ehemaligen Medizinstudenten, der lieber mit dem Schlüssel Pflanzen und Tiere bestimmen ging, als öffentliche Reden zu halten. Von jetzt ab saß ISerl jeden Abend neben einem anderen uus Deutschlund Gekommenen, erkundigte sieh nach seinem Befinden und seinen Wünschen, bat ihn, sich aktiv an der Schaffung eines Kullurbetricbes zu beteiligen, Ideen zu produzieren, Anregungen zu geben. Aber nach einer gewisser; Zeil, begann der 1'uMen des Kuli nreepoii, nten .sonderbar zw wandern. Kurz vor seinem Rücktritt halte Beil noch versucht, Arbeitsgemeinschaften innerhalb der Ghcwrah aus Deutschland zu bilden und als Referenten prominente Alts aus dem Mesehek zu bekommen. Aber die Sache war in der Anfangssludicn stecken geblieben. Zu seinem Nachfolger hatte Herl Wippkc bestimmt, der endlich an den repräsentative!! Punkt kam, nach dem er schon lange gelechzt hatte. Abel siedie da, er hatte noch weniger zu schuhen vermocht ah Kerl, die Abstraktionen Kants hatten ihn hcrausgchobci aus dieser Welt, hinein in eine Sphäre reiner \ ernnnft, is der es unmöglich war, sieh praktisch zu kristallisieren. Auch die immer düsterer, immer verz.weilehcr werdenden Beratungen mit seinem Freund Karsan hatten ihm nichts genutzt, da Karsan ganz klar zu sagen pl legte: Meine Ideen stehen fest für den Fall, daß ich in den Kulturwaad kommen würde. Wenn dir wirklich an der Sache liegt, dann tritt zurück und übergih mir den Posten. Und \\ ippke iibergal Karsan den Posten. Acht Tage später teilte der Jmmit (Tagesanz.eigcr) mit, daß auf der Veranda des Chadar Ochd ein Mischpulh (Gericht) über das Iwrith der aus Deutsch land Gekommenen stattlinden würde, zu dem auch die Noai Ge-rmnni (Jugend aus Deutschland) eingeladen sei. Ankläger* Ikwi, Verteidiger: W ippkc, Göttlich und Karsan, Angeklug ter: die aus Deutschland Gekommenen in Tel llamon, Zeugen der Mesehek, Riclitcr: Akiha, Bar Urion, Medinahi und de: Lehrer Moriski. Es war Karsans Idee gewesen. Noch nie hatte sich ein« Assefa eines solchen Zuspruches erfreut. Die Veranda wal knackend voll, man saß und stand aufeinander und übereinander Vorne war ein langer Richtertisch aufgebaut, andern das ganz« Justizpersonal sali, an der Ecke Ikwi, der nach lcieriichcl und förmlicher Eröffnung des Gerichts durch Akiha die groß« Anklagerede hielt. F.r gab einen kurzen Abriß der heroische! Geschichte des neuen Palästina, charakterisierte den Kamp': um die einheitliche hebräische Sprache als eine der Haupt trnditionen der palästinensischen Arbeiterschaft. Sodanr stellte er die zweifache Schädlichkeit des Fehlers fest, den die aus Deutschland Gekommenen in ihrer NichthcmUhung um die hebräische' Sprache machten: Eine Schädlichkeit, is Richtung gegen die Gesellschaft, eine Schädlichkeit in Riehhing gegen sich selbst. Denn die Gesellschaft, sagte er, hat Interesse an der inneren Einheit, die nicht zuletzt durch einheitliche Sprache bedingt ist, und das Ich wiedertm hat Interesse an der geeinten Gesellschaft, kann sich aber ohne Kenntnis der Sprache arn Kulturleben nicht beteiligen (Fortietzt folgt.',