Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 34 (30.4.1937)
- Date
- 1937-04-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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-4. 5.1937? t ¥J Kr. 34 / Jahrgang 42 Preis 25 Rpfj JUDISCHE RUNDSCHAU Schrlftleltnng,Verlag n. Anxelgenverwaltungi Berlin W1S, Melnekeitr.10 Fernruf i 919031, Telegramm-Adr«i»e t Orghip. — Bezugspreis «inschlicfilich Bestellgeld p Monat RM 2,—, je Virrl.l infer' RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 biw. RM 539. — Poitsclircl . Konten <fcr Vertrieb» - AbWIunjr Btrlin 71573 (für GroB - Berlin), Berlin 17392 (für da« Hbri«« Reich). In Füllen hfiherer Gewalt besteht kein Anspmtli auf Nachlieferung oder ErsUttunjr etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienetag ■ n d Freitag« BERLIN T"mn -piN tD'"« FREITAG, 30. APRIL 1937 Cflltlgt Anieig-enpr*i«IUto Nr. 5, Die 12 gespaltene mm- Zeile 29 Rpf, füf Familien Nachrichten 15 Rpf, Für dit* Aufnahme von Anzeigt, in bestimmter! AuR^aben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet Gcleg-ershctts* anzeigen nur jjejjen Vorausrnhlun^ auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder hur Monis? bis Freitajf 9—18 Uhr. Ann/ilitry.'.rf.kiß für dio Dienstag - Ausgrabe Montnjj 10 Uhr, für dio Freitag . Ausgab« Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Erlebte Geschichtsnähe Das Mittelmeer und seine Anrainer Erwachende Traditionen — Nicht „gegen", sondern „mit" — Eine große Aufgabe Die Tatsache, daß seit der neuen Entwicklung des italienischen Imperiums das Mittel in eer in den Brennpunkt der Weltpolitik und der sich begegnenden großen politischen Tendenzen gerückt ist, liat alte Bilder der Geschichte wieder aufleben lassen. Das Mittelmeergcbict ist ja die Wiege Europas und jahrhundertelang war es unbestritten das Zentrum der Ktilturwclt. Um das Mittclmeer hat sich im Altertum der abendländische Geist kristallisiert; in diesem Bereich entstand auch die eigentümliche Gestalt des jüdischen Volkes, und dort hat jüdisches Schicksal sich durch mehr als zwei Jahrtausende abgerollt. Aus dem Lande der Sumerer (dem heutigen Irak) wanderte Abraham an die Küste des Mittelmccres, nach Kanaan, von dort zogen die Söhne Jakobs nach Aegypten, die Juden kehrten nach Palästina zurück, wurden schließlich von der großen hellenistischen und später römischen Welle in alle umliegenden Länder gespült, bildeten Kulturzentren in Alexandrien und Babylon, hatten ihre Kolonie in Rom und zogen mit den römischen Heeren, schufen schließlich gemeinsam mit den Arabern am anderer, äußersten Ende des Mittelmeeres (in Spanien) im Mittelalter eine große Kultur. Das Mittelmeer bildet das verbindende Element zwischen Westasien und Europa, und die anwohnenden Völker waren — und sind in gewissem Sinne noch heute — in einer eigentümlichen Weise in Aussehen, Lebensformen und Temperament miteinander verwandt. Die übliche Einteilung in „Kontinente", die als differenzierte kulturelle Einheiten betrachtet werden, ist in dieser Hinsicht unzutreffend: Die asiatische Mittelmeerküste hat mit Nordafrika und Südcuropa viel mehr Gemeinsames als etwa mit Ostasien, und dasselbe gilt — und galt vor allem im Altertum — auch für die anderen an das Mittelmeer grenzenden Kontinente; Nordafrika z. B. war auch geistig viel mehr zu Südeuropa gehörig als zu Südafrika. Der Krieg in Spanien, der die Aufmerksamkeit der Welt auf diese Ecke des Mittclmeercs lenkt, erinnert daran, daß am Ausgang des Mittelalters hier das mächtigste Reich Europas aufgebaut worden ist, das sein Augenmerk teilweise bereits von Europa und vom Mittehneer ab- und dem Atlantischen Ozean zuwandte. Im Mittelalter war auch die Politik der deutschen Kaiser vorwiegend dem Mittelmeer zugekehrt. Mit der Entdeckung Amerikas rückte der Schwerpunkt der europäischen Welt vom Mittelmeer weg nach Norden und Nordwesten. Die Welt veränderte sich im Zeichen von Renaissance und Reformation, das Mittelmeer wurde zum Binnenmeer, bis es am Ende des IQ. Jahrhunderts durch die Konstruktion des Suez-Kanals wieder zu einer Hauptstraße des Weltverkehrs wurde. Seit der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika hat der kolonisatorische und imperialistische Drang Europas keinen Ausweg mehr über den Ozean, und das Mittelmeer, der Weg nach Osten, tritt wieder in den Vordergrund. Heute ist das Mittclmeergebiet ein besonders empfindlicher Punkt der Welt geworden. In diesem wichtigen Moment vollzieht sich die Rückkehr des jüdischen Volkes nach Palästina, nachdem in vielen Ländern, in denen durch die Jahrhunderte des Mittelalters und der Neuzeit die Juden innerhalb der primitiven Wirtschaftsstufe jener Zeit eine Heimat gefunden hatten, ihre Position erschüttert worden ist. Die Juden sind kein Volk, das in dem Kampfe der Großmächte um politische Stützpunkte mitmachen könnte. Die Jüdische Sehnsucht nach Palästina ist uralt, ist mystisch mit dem Volksbewtißtseiu verbunden, aber erst in der heutigen Zeit der kapitalistischen und technischen Entwicklung konnte dieser Traum praktische Formen annehmen, unter dem Druck der stärksten Triebkraft, die es im Leben der Völker gibt; der Not. Der moderne Zionismus hat bereits in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen, also zu einer Zeit, in der Palästina ein völlig vernachlässigtes Land war,.für das sich kaum jemand ernstlich interessierte. Heute hat es vielfach den Anschein, als ob die Juden, denen durch ein unerbittliches Schicksal kein anderer Ausweg als dieser Versuch einer nationalen Restauration geblieben ist, durch ihr Palästina-Unternehmen in das Spiel der Großmächte hineingezogen würden. Darauf deutet z. B. die Auffassung des italienischen Professors Orano, dessen Buch wir in Nr. 20 besprochen haben. Diese politischen Nebenwirkungen, die ganz jenseits der zionistischen Vorstellungswelt lagen, hatte gewiß niemand erwartet. Denn das Jüdische Volk Ist schon durch die Tatsache, daß Juden in fast allen Ländern als loyale Staatsbürger leben und sich naturgemäß mit den Staatsinteressen der betreffenden Länder identifizieren, zu einer absoluten Neutralität in allen weltoolitiscben Fragen gezwungen. Darum müssen wir in diesem Moment, wo das geographische Gebiet, in dem Palästina liegt, so bedeutungsvoll geworden ist, den Versuchen, uns in bestimmte kämpfende Systeme einzureihen, widerstehen. Unter diesem Gesichtspunkt bekommt das jüdisch •arabische Verhältnis eine besondere Note. Es entsteht der Anschein, als ob im ganzen Mittelmeergcbict, wo eine kleine jüdische Minderheit einer großen arabischen Mehrheit gegenübersteht, ein arabischjüdischer Gegensatz konstruiert werden sollte. Solche Tendenzen sehen wir nicht nur in den Nachbarländern Palästinas, wo es z. B. in Syrien und Irak in den vergangenen Jahren gelegentlich zu politisch motivierten antijüdischen Demonstrationen kam, sondern auch in Nordafrika von Tunis bis Marokko, und zahlreiche gut unterrichtete Korre- Das A.-C. zur Lage Die politische Resolution In der am Dienstag geschlossenen Sitzung des Zionistischen Aktions-Comites jn Jerusalem wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: 1. Das Aktions-Comite" billigt die Haltung der Exekutive der Jewish Agency, wie sie in ihren Aussagen vor der Königlichen Kommission zum Ausdruck gekommen ist. 2. Die im Palästina-Mandat anerkannte historische Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Palästina, die Not der jüdischen Massen in der Diaspora, die in Palästina zutage getretenen großen Möglichkeiten, sowie die Vorteile, die dem ganzen Lande durch die jüdische Siedlungstätigkcit erwachsen sind, bilden die Grundlage der judischen Forderung an die Mandatarmacbt und an den Völkerbund, daß die in der Balfous-Deklaration und im Mandat enthaltenen Verpflichtungen in vollem Alaße durchgeführt werden sollen. 3. Das Aktions-Comite" legt besonderen Nachdruck auf die dem Mandatar auferlegte Verpflichtung, politische, administrative und wirtschaftliche Bedingungen in Palästina zu schaffen, die das Entstehen eines jüdischen Nationalheimes gewährleisten, und fordert die Mandatsregierung auf, bei der Erweiterung der Aufnahmefähigkeit des Landes für jüdische Einwanderung behilflich zu sein, Staatsböden für jüdische Siedlung zur Verfügung zu stellen, die Industrie zu fördern, und gesetzgebende und administrative Maßnahmen zu treffen, die geeignet sind, die Entwicklung Palästinas im Interesse der Gesamtbevölkerung zu beschleunigen. 4. Das Aktions-Comite" erklärt, daß das jüdische Volk entschlossenen Widerstand leisten wird jedem Versuch einer Beschränkung der Rechte, Möglichkeiten und des Umfangs des jüdischen Nationalheims; jeder Verletzung der im Mandat enthaltenen Verpflichtungen und jeder Abschwächung der Balfour-Deklaration; jeder Abweichung vom Grundsatz der ökonomischen Aufnahmefähigkeit; jeder Begrenzung des Bodenkaufs; jeder Politik einer Kristallisierung des Nationalheiines in seinem jetzigen Ausmaß oder der Beschränkung des Landesgebietes durch Teilung, durch Verstümmelung mittels Kantonisierung oder in welcher Form immer, die das Aufbautempo zu verlangsamen geeignet ist. 5. Das Aktions-Comite" sieht in dem Verbot jüdischer Einwanderung und Siedlung in Transjordanien eine Verletzung der jüdischen Rechte, die im Widerspruch zum Palästina-Mandat steht und gleichzeitig den wirtschaftlichen Fortschritt Transjordaniens hemmt. Aus diesem Grunde fordert das Aktions-Comite" die Beseitigung der Hindernisse, die der jüdischen Siedlung in Transjordanien in den Weg gelegt werden. 6. Angesichts der verzweifelten Lage großer jüdischer Volksmassen muß die Beschleunigung des Aufbautempos und die Erweiterung des Umfangs der jüdischen Siedlung mehr als je zuvor als lebenswichtige Notwendigkeit angesehen werden. 7. Die wankelmütige Politik der Mandatsregierung bildete eine der Ursachen der Unruhen von 1936. Das Aktions-Comite" protestiert gegen die Weise, in der die Situation von der Palästina-Regierung gehandhabt wurde, die den Ausbruch der Unruhen nicht verhinderte, die Ausdehnung und Fortsetzung der Unruhen duldete und trotz ihrer weiten Befugnisse und der ihr zur Verfügung stehenden bedeutenden Machtmittel nicht vermochte, Leben und Eigentum des Jischuw und der anderen friedlichen Einwohner des Landes zu schützen. 8. Das Aktions-Comitä wiederholt den vom XVII. Zionistenkongreß ausgesprochenen Willen der Bewegung, auf der Grundlage der Anerkennung des Grundsatzes, daß ungeachtet der zahlenmäßigen Stärke beider Bevölkerungsteile keiner von ihnen herrschen oder beherrscht werden soll, in friedliche Beziehungen zu den Arabern zu treten. 9. Das Aktions-Comite" Ist überzeugt, daß die treue Erfüllung des Mandates und eine beschleunigte Entwicklung, die sowohl dem jüdischen Nationalhcim wie der Gesamtbevölkerung Nutzen bringt, die beste Gewähr für einen dauernden Frieden in Palästina bieten. (Weitere A.«C. «Nachrichten Seite 2. Neue-Details zum Teilungsplan Seite 9.) spondenten wissen von starker antijudis' her Propaganda und von einer wachsenden Spannung /wischen Juden und Arabern in diesen Ländern ztt berichten, was gleichbedeutend ist mit einer latenten Pogromgel'.ihr, da ja die Araber in diesen Gebieten den Juden weit ub-rlcgen sind. Es ist nicht /n verkennen, <iah das Ar a bcriuin nicht nur im eigentlichen Arabien, nicht nur durch den Aufstieg Aegyptens, da* sich /war nicht unbedingt mit dem Arabismus identifiziert, aber als Zentrum islamischer Kultur und Wissenschaft für die arabische Welt seine Bedeutung behalt, sondern auch in Nordafrika eine gewisse Renaissance durchmacht. Diese Bewegung ist gewiß zunächst etwas chaotisch und meist nur auf das äußerlich Politische gestellt, Es fehlt noch an wirtschaftlicher Konsolidierung und an echten kultureller» Bestrebungen, aber die Entwaldung geht in unserer Zeit sehr schnell, und wir können die Perspektiven gar nicht absehen. So wie die Teilnahme der Araber am Weltkrieg und etwa das Werben Englands um die arabische 1 rcund -cbaft (Lawrence) das Sclbstbew uiitsem der Araber unverhältnismäßig schnell vorwärtsgetrieben hat, so ist z. B. das I aktuni der aktiven Teilnahme der islamischen Mauren (Marokkaner) am spanischen Kriege gewill auch ein Element der Stär« kung arabischer Ambitionen. Ein unverbürgtes Gerücht besagt, daß General Eraneo beabsichtige, in Cor« doba eine Stätte arabischer Wissenschaft zu errichten, ir| Anknüpfung an die maurischen Traditionen dieser Stadt; wobei wir uns erinnern, daß vor zwei Jahren in derselben Stadt der 800. Geburtstag des Maimonides gefeiert wurde, der seine Hauptwerke bekanntlich in arabischer Sprache schrieb. Die marokkanischen Pilger, die kürzlich aus Mekka zurückkamen, haben sicherlich mit der islamischen Welt l'ühhmg genommen. Wir spüren hier das Erwachen von Traditionen eines Mittelalters, das für uns Juden besonders bedeutungsvoll war. So wie im heutigen Haben die Traditionen des alten Rom nach zweitausend Jahren bewußt wieder aufgenommen werden, so konnte hier an einen Zustand der Blüte vor 600 oder S00 Jahren angeknüpft werden. In dieser Weise sehen wir — in einem stärkeren Maße als dies etwa im VI. Jahrhundert empfunden -wurde — geschichtliche Kräfte über viele Jahrhunderte hinaus wirken und wieder lebendig werden. Wir Juden haben ja in unserem eigensten Bezirk etwas Aehnlichemitgemacht; für uns hat das biblische Zeitalter heute in einem weit höheren Maße Wirklichkeitswert als je zuvor; auch die Juden des Ghetto lebten geistig immer in der Welt der Bibel, aber diese Beziehung harte keine betk-nsnalie, ist unvergleichbar etwa mit der Einstellung palästinensischer Sdrulkinder, die mit der Bibel in der Hand durch die Landschaft- Palästinas ziehen. Aber auch andere Perinden unserer Geschichte sind uns heute, im Strome des Erlebens eines ungewöhnlich und tief aufwühlenden Schicksals, wieder nahegerückt. Es ist seltsam zu sehen, d,i!l dieses Phänomen der erlebten G e s c Ii i c h t s n ä h e nicht auf uns beschränkt ist, sondern offenbar einem Zuge der Zeit entspricht, und demgemäß ist es auch für uns wichtig, dort anzuknüpfen, wo geschichtliche Erinnerungen in>s<rcs- Volkes sich mit geschichtlichen Erinnerungen anderer berühren. Darum könnte, wenn wir die Kraft haben, uns darauf einzustellen, der Aufstieg der arabischen Welt, gerade wenn er durch die jüngsten Ereignisse auch mit der Erinnerung an die spanisch-maurische Glanzzeit verbunden ist, ein Anknüpfungspunkt für die Wiederherstellung jener großen jüdisch-arabischem Gemeinschaftsarbeit sein, die nach Meinung vieler Forscher die Erbschaft der Antike für Europa gerettet hat. Freilich — bis dahin ist noch ein weiter Weg. Infolge der Rivalität in Palästina ist die jüdische und arabische Welt entzweit, und eine g c in ei n s a m c Ziel» Setzung geistiger Art scheint weiter entfernt als je. Juden und Araber sind Völker, die ihrem Wesen nach geistigen Zielen zuneigen. Heute aber steht das Politische stark im Vordergrund. Auch die Mittehneerweit ist von politischen Tendenzen beherrscht, und der Islam ist ein Faktor geworden, der in den politischen Kombinationen eine Rollo spielt. In den letzten 20 Jahren der Palästina-Politik haben wir oft genug die Erfahrung gemacht, daß die Mandatar« macht für Palästina, Großbritannien, die sich dia größte islamische Macht der Welt nennt — in ihrem Weltreich leben mehr Mohammedaner als Christen — Bedenken trägt, etwas zu tun, was (wirklich oder mutmaßlich) die Gegnerschaft der Mohammedaner erregen könnte. Auf der anderen Seite waren wir erst kürzlich Zeugen des Appells des Führers des neuen Italien an den Islam. Und aus der Rivalität der Großmächte ergibt sich sekundär auch deren Einstellung zu anderen Fragen. So wird z. B. in Italien auch das Palästina-Problem und der Zionismus nicht unter dem Gesichtspunkte der jüdischen Renaissance-Bewegung, sondern unter der Perspektive des gegenwärtigen italienischen Verhältnisses zu England und zum Islam betrachtet.