Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 32 (23.4.1937)
- Date
- 1937-04-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 32, 23. IV. 1937 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 f*f?T**!K — (*'' *t;iJ ■' -v, "!«A '' —. J Foto: Archiv Eine amerikanische Zionistin Emma Lazarus (gest. 19. 4.1887) Als die junge Rebecca Kohut, die Freundin Henrlctta Szolds und Lebensgefährtin des bedeutenden Forschers Alexander Kohirt, zuerst zum Bewußtsein ihres jüdischen Fraueniums erwachte, da strahlten ihr, — so erzählt sie selbst — vor allem zwei amerikanische Jüdinnen als leuchtende Vorbilder entgegen: das war Rebecca Gratz, die „Tochter Israels", deren Liebreiz und Stolz Walter Scott zur Gestalt seiner Rebecca im Ivanhoe geführt harte, und Emma Lazarus. Es ist jetzt ein halbes Jahrhundert her, daß Emma Lazarus, erst 38 Jahre alt, von der Welt schied; ihre einst so viel gelesenen Schriften in Vers und Prosa werden (bis auf ein Gedicht!) wohl nirgends mehr gelesen; aber der Lebensgang dieser Jüdin und ihr Weg zum Zionismus vor HerzI verdient es, daß wir heute einen Augenblick ihrer gedenken. Denn die Entwicklung der hochbegabten jungen Frau zeigt Züge, die wir fast als typisch für die Sucher aus unseren eigenen Reihen zu betrachten gelernt haben. Emma Lazarus entstammt einem Hause, in welchem deutsche Kultur und deutsche Dichter mitten im amerikanischen Umkreise ebenso heimisch* waren wie etwa im Vatcrhause der Henrictta Szold; unter ihren ersten Arbeiten finden sich eine Goethe-Novelle und Uebersctzungen Heinescher Gedichte. Das früh gereifte junge Mädchen, dessen Erstlingswerk die Aufmerksamkeit des berühmtesten Mannes in Amerika, Ralph Waldo Emerson, erweckt hatte und das rasch zur vielgedruckten und vielgelescnen Schriftstellerin geworden war, erwacht durch die zermalmenden Eindrücke der Judenverfolgungen im Osten in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erst zum eigenen Bewußtsein der Schicksalsgenosscnschaft und Stammesgenossenschaft mit den Scharen der unglücklichen Einwanderer, die ihr jetzt in New York entgegenströmten und für die sie zu sorgen begann. Aber sie begnügte sich nicht mit dieser Liebestätigkeit; mit fast blitzartiger Erkenntnis ahnt sie schon damals, daß die Lösung der Judenfrage nicht durch Philanthropie, nur dürch aufbauende Arbeit erfolgen könne. Zugleich aber beginnt sie selbst die Rückkehr zu ihrem eigenen neben soviel Kenntnissen und Bildiingsbcstrcbungen lange vernachlässigten jüdischen Volkstum. Rebecca Kohut erzählt, wie Emma Lazarus als schon berühmte Schriftstellerin begann, Hebräisch zunächst bei der Tochter des sephardischen Rabbis, ihrer Jugendfreundin Sarah Lyons, zu lernen; der bedeutende Hebraist Prof. Arnold B. Ehrlich, der auch George Kohut und Stephen Wise unterrichtete, hat dann die hebräische Ausbildung der überraschend fortschreitenden Schülerin weitergeführt. Nun erscheinen jüdische Themen immer häufiger im Stoffkreise ihrer Schriften. Aus ihrer Hilfstätigkeit selbst schöpft sie ihre ^Erzählungen aus <lem Leben der russischjüdischen Einwanderer"; in ihrer „f'pistle to fhe Hehrews" stellt sie ihren eigenen positiv jüdischen Standpunkt fest und bekennt sich schon damals zu einem entschiedenen Zionismus. Noch ihr letztes Werk war der Lösung der Judenfrage gewidmet. Als sie starb, schrieb der amerikanische Dichter John Greenlcaf Whittier einen Nachruf, in dem er sagt: „Ihre Volks- und Glaubensgenossen werden den Verlust einer solchen Frau beklagen, aber sie werden nicht allein trauern. Unter den Trauernden an ihrem Sarge wird die teilnehmende Stimme der christlichen Tochter sich mischen mit dem Jammern der Töchter Jerusalems." Alle diese Werke sind heute mehr oder weniger vergessen. Und doch keimt so mancher Jude, der in den letzten Jahren in Amerika landete, eines ihrer Gedichte. Sie hatte ein Sonett ,.The Colossus" auf die Freiheitsstatue im Hafen von New York geschrieben. Mehr als zehn Jahre nach ihrem Tode wurde dieses Gedicht auf eine Gedenktafel übertragen — und heute ziert es den Sockel der Statue, die von so vielen Einwanderern als Sinnbild eines neuen Lebenssnfangs begrüßt worden ist. B.B.St. JÜDISCHE WELT. Ausländ. Erzählg. 4.50 Frauenleben in Palästina Bemerkungen zu einer Broschüre Der Heehaluz hat soeben eine Broschüre herausgegeben, die dem Thema des Lebens der jüdischen Arbeiterin in Palästina gewidmet ist (C ha Weroth in Erez-Israel. Ein Sammelheft. — Heehaluz Verlag, Berlin 1937). Sie soll die Probleme der arbeitenden Frau in Palästina darstellen, insbesondere die Fragen ihrer Eingliederung in den Arbeitsprozeß und ihrer Stellung in W i r t s c Ii a f t und Gesellschaft. Andere Probleme, wie die der Familie, der Kindererziehung usw. sind bewußt zurückgestellt worden. In diesem Rahmen bewegen sich eine Reibe von Aufsät/en und Briefen, die zum Teil von führenden Frauen der Arbeiterschaft Palästinas stammen, zum Teil von unbekannten Cha- Juzoth, die über ihr Leben in den ländlichen Siedlungen oder in der Stadt berichten, zum Teil von Menschen aus der Sphäre der sozialen Arbeit, die über ihre Erfahrungen referieren. Das Bild, das sich ergibt, ist sehr bunt. Besonders eindrucksvoll erscheinen uns die Beiträge, die von den kleinen Dingen des täglichen Lebens auf dem Lande erzählen, von der Schwierigkeit der Gewöhnung an die physische Arbeit, von den langen Wintertagen und anderem mehr. Das Heft wird ohne Zweifel seinen Zweck weitgebend erfüllen, nämlich den Menschen, die sich selbst auf ein Leben der physischen Arbeit in Palästina vorbereiten, einen Einblick in die Probleme zu geben, die sie dort erwarten, und darüber hinaus einem größeren Kreis von Lesern eine Vorstellung von einer bestimmten Seife des jüdischen Aufbaus zu vermitteln. Wir lernen die Probleme der Frau im Kibbuz, in der individuellen Arbeitersiedlung, dein Moschaw Owdim, in der Kolonie kennen, erfahren die Bedeutung des Kampfes um neue Arbeitsplätze, und erleben auf der anderen Seite die Sorgen der städtischen Arbeiterin, die Fragen der Arbeitsvermittlung, der arbeitenden Mutter usw. Wie bereits erwähnt, beschränkt sich die Broschüre bewußt auf gewisse Probleme und schaltet andere nicht weniger wichtige aus. Vielleicht ist es hierauf zurückzuführen, daß eine gewisse Einseitigkeit entstanden ist. Es sind im wesentlichen immer wieder zwei Sorgen, die in diesen Beiträgen zum Ausdruck kommen, nämlich einmal die Eroberung neuer Arbeits möglich keiten und Arbeitszweige für die Frau, die sich vom Mann all/u sehr in den Hintergrund gedrängt fühlt, und auf der anderen Seite die Forderung, die Frau im ü c s e 11 s c h a f t s 1 e b e n stärker zu aktivieren und ihre Passivität zu überwinden. Nun ist es gewiß so, daß diejenigen Frauen und Mädchen, die überhaupt schreiben und ihre Stimme in der J. PRINZ: Das Leben im Ghetto 4.80 Oeffentlichkeit laut werden lassen, bereits eine Auswahl derer darstellen, die einen starken Drang zur Aktivität be«1 sitzen und über den engeren Kreis von Familie und persönlicher Arbeitssphäre hinaus wirken wollen. Die zionistische Bewegung, wie überhaupt jede gesellschaftliche Bewegung ist auf derartige Frauen angewiesen, und der jüdische Aufhau verdankt ihnen Außerordentliches. Auf der anderen Seite darf man nicht übersehen, daß diese Frauen vielfach Träg«! einer Auflassung sind, die eine allzu formale Gleich^ berech tigung der Frau anstreben, die im Grunde davor/ ausgeht, daß nicht eine Gleichwertigkeit, sondern eim* Gleichartigkeit der Geschlechter besteht. Es kann gewiß verstanden weiden, daß in Zeilen der Arbeitslosigkeit der Kampf um neue Arbeitsplätze, z.B. beim Straßen bau, auch für die Frauen zwingend notwendig ist. Daraus jedoch eine begrüßenswerte Erscheinung zu machen, wie es gelegentlich in Palastina und auch in Beiträgen dieses Saimuclheftca geschieht, dürfte allzu weitgehend sein. Gewisse Vorstellung gen von der Emanzipation der Frau sind in Palästina vor' nanden, die noch allzu sehr in der Hcgriffsweit des verj gangenen Jahrhunderts wurzeln, in dem man glaubte, daflj diese Emanzipation nur dann durchgeführt werden kannj wenn man über die Vcr>chicdenartigke:r der (iesclileehtetj hinwegsieht und die Fiktion ihrer Gleichartigkeit aufstellt.1 Man glaubt, daß gleichen Rechten auch gleiche Pflichten entsprechen müssen, und übersieht, daß auch durchaus verschiedenartige Pflichten zur Gleichwertigkeit und damit Gleichberechtigung in der Gesellschaft führen können. Das kommt in einem Briet aus Kf.ir Gileadi gut zum Ausdruck, in dem die Schreiberin bemängelt, daß die Mädchen sich/ krampfhaft darum bemühen, im anderen Aussehen den Männern ähnlich zu sein, und nicht erkennen, „daß es ehva* Schönes ist, ein Mädchen zu sein", j Dasselbe Problem spielt ohne Zweifel auch bei der Frugd der g e ü c Ii s c h a f 11 ii h v n A k t i v i t ä t d e r F r a u einet Rolle. Es ist nicht pädagogische Unfähigkeit derer, du.' diese' fordern, lirj der Vi rlrt-üiug i'uvr Forderungen, sondern liegt wohl tiefer im Wesen der Ii,ig, wenn mir eine Verhältnis-, mäl'ig kleine Zahl zu solcher Aktivität gelangt, die sehr viele* Frauen, auch geMig äußeret regsamen, nicht entspricht. Man' darf dabei jedoch nicht Übersellen, daß ihre Wirksamkeit in einer stilleren, aber tieferen Sphäre der Gesellschaft sieh auch in den öffentlichen Funktionen auswirkt. Die Art de.» Mannes wird j.i nicht zulei/t von der I r,.u bofimmt, mit der er zusammenlebt. Das Ut ohne ZwviH auch in kollektives! Lebensformen, wie dem Kibbu/ der Fall. i Die Broschüre des Heehaluz wird gewiß die Frörtcw) ruug all dieser! ragen bei unserer jungen Generation regen und damit eine wichtige erzieherische Funktion füllen helfen. oa» " i *»—i an^ er*j Die Oper „Dybuk" in Preßburg Wie uns aus Bratislava (Preßburg) berichtet wird, ist dort im Slowakischen Nationaltlieater die Oper „Dybuk" von R o c c a (nach der Dichtung von Ait-ski) aufgeführt worden. Wir haben über dieses Werk des italienischen Komponisten bereits anläßlich einer Aufführung in Rom ausführlich berichtet. Die Oper ,,Dybuk" ist auch mehrmals von italienischen Sendern aus Rom bzw. Mailand im Rundfunk übertragen worden. Roccas „Dybuk" wurde u. a. in Warschau und in Amerika aufgeführt. Der Komponist hat den jüdischen Stoff mit den Elementen der italienischen Oper verbunden und nach eingehendem Studium jüdischer Bräuche und jüdischer Folklore ein sehr klangschönes, teilweise auch dem jüdischen Charakter der Handlung gerechtwerdendes Werk zustande gebracht, lieber die Aufführung in Bratislava wird uns geschrieben: -Die Künsilerschar des Slowakischen Nationaltheaters hat alles daran gesetzt, um diesem eigenartig-schönen, künstlerisch hochstehenden Werke auch den ätiliereit Glanz zu verleihen. Rührend, mit wieviel Liebe und Hingebung sich die Darsteller ihrer so ganz abseiligen, wesensfremden Rollen annahmen, mit welcher künstlerischen Hingabe sie sich bemühten, diese ihnen fremde Welt so echt wie möglich darzustellen. Das Orchester unter der liebevollen Leitung des Kapellmeister Fol« precht bot ein Spiel von hoher Reinheit, Klangschönheit und Präzision. Meisterhaft auch die Inszenierung von Viktor Stile, welcher der eigenartigen mystischen Atmosphäre, die alle drei Akte durchweht, in sehr einfallsreicher Weise gerecht wurde. Die Tänze der Chassiditn, der Bettler und der Toten voll mitreißender und erschütternder Dynamik, wäret! vor allem das Verdienst des Choreographen Jen. ik. Vom erste« Erheben des Vorhanges bis zum letzten Takte blieb das voll«; besetzte Haus in atemloser Spannung. — Ungezählte Mal» konnten sich der anwesende italienische Autor und auch allaj Mitwirkenden für den nicht endeuwolleuden, wohlverdienter^ Beifall bedanken. p4rtäsÜHa-lHfot*n(tiioHs*we- Der Keren llajessod (Jüdise beabsichtigt, für seine Freunde und Palestme lt Orient Lloyd, Berlin, und Lloyd, Jerusalem, in Zusammenarbeit les Palästinawerk) e, Mitglieder durch de den Paicstine K- Egypt mit dem Zionistischen ertj Informationsbüro eine P a I ä s t i n a -Informationsreise veranstalten zu lassen, die Gelegenheit zu gründlichen! Studium des Palästina-Aufbaus unter besonderer Berücksichtig gung der Probleme der wirtschaftlichen Entwicklung des Lan»| des geben soll. Abreise nach Marseille ab Berlin: 24. Mal ab Marseille mit dem 15 000-Tonnend Jampfcr „Champollion* des Messageries Maritimes am 25. Mai. Eine 15tägige Rundreise und die Teilnehmer mit der '.vichtigsten Siedhingen und wirtschaftlichen Unternehmungen] bekanntmachen. Daniber hinaus gewährt die Tatsache, da II: die Rückreise innerhalb von zwei Monaten beliebig angetreten' werden kann, die Möglichkeit zu läu;e-cm Verve Um in Palästina. Anfragen an Keren I lajessod, Berlin W 15, Meinekestr. 10. E.B. COHN: Jüdische Geschichte 1.25 einer hinter dem andern. Als der Zug nach großem Umweg durch den Meschek zum Chadar Ocliel zurückkehrte, wo immer noch auf dem Dach der Mann stand und in das Horn blies, wurde er geführt von einem farbigen, viele Spenden tragenden Vortrupp: Eine große Kanne Milch und ein Kälbehen von den Kuhstüllen, ein« meterhohe, allerdings künstliche Traube von den Weinbergen, ein ebenso kunstlicher, Frucht trügender Baum aus dem Pardess (Orangenparten), den Sowelow und Darki hielten, ein Korb Eier und fünf Hühner von den Hühnerställen, vier Zentner Weizen von den Feldern, ein Korb Gemüse aus dem Gemüsegarten, ein kunstvoller Liegestuhl aus der Tischlerei, ein kleiner arabischer Pflug aus der Schlosserei, baumelnde Schaftstiefel aus der Schusterei, auf einer Stange zwanzig Hufeisen der Schmiede, Kuchen und Brote des neuen Bäckers, ein großer Blumenkorb der Baumschule und endlich in Schalen getragene Birnen, Pflaumen, Aepfel, Erdbeeren und Quitten des Obstgartens. Man zog mit den Spenden um Chadar Ochel vorbei, hinauf zu einem zwischen den Kinderhäusern befindlichen Basen, auf dessen Höhe eine laubgeschmückte Bühne aufgebaut war. Vor dieser Bühne lagerte sich das Publikum, die Spender begannen, jedesmal von demselben Lied der Kinder begrüßt, der Reihe nach auf die Bühne zu treten, einen Spruch aufzusagen und ihre Spende niederzulegen, zu Füßen eines aus Kisten gezimmerten und verkleideten Altars, der das Wort trug: Nationnlfonds. Sowelow als literarischer Mann las auf der Bühne irgendeine pathetische Erklärung von einem Zettel ab, die indes in der bereits beginnenden Auflösung der Disziplin, vielleicht auch in einein auf Sowelow bezüglichen Gelächter unterging. Nochmals wurde es ruhig, als Ikwi nach Beendigung der Spendenübergabe das Wort ergriff. Sein Pathos, seine innerliche Aufgewühltheit, sein großes Format paßten diesmal zur Sache. Er wies auf den geschichtlichen Hintergrund dieses Festes hin, auf die ehemalige Wallfahrt nach Jerusalem, auf die alte Darbringung der Erstlinge. Er verglich den Nalionalfonds, die große Mutter der jüdischen Siedlung, mit dem Tempel, übergab feierlich die Spende Tel Hamons, die übrigens, in Geld umgesetzt, eine ganz hübsche Summe brachte. Die Sache bekam plötzlich einen aktuellen Sinn, verband sich mit den Kämpfen des tilglichen Lebens. Als nach dem Abendessen die Neschefglocke (Feierglock«) ertönte, fand man das überaus malerische Stilleben am Altar des Nationalfonds von Scheinwerfern bestrahlt. Es wurden noch einige Reden ehalten, schließlich begann Isi mit seinem Mundharmonikaonzert. Er wartete, bis vollkommene Ruhe eintrat. Dann entfaltete er plötzlich auf einem kleinen Instrument eine große Musik, ein technisch" vollendetes Siebwiegen, Gleiten, Sehleifcnbesehreiben, Dnhir.sausen, Rotieren an Ort wie Schlittschuhlauf, unter flimmernden Sternen flimmernd, im lauen Wind schmelzend, in der schwarzen Nacht sich verlierend, eine ganz feine, gläserne, unwirkliche Musik, so unwirklich wie in dieser Stunde das ferne Land und die fernen Berge. Ich glau!>e nicht, daß Bartel ein Verbrecher war und daß er Selbstkontrolle und Bewußtsein hatte und mit Bewußtsein so bündelte. Sondern in ihm war einfach dieser starke Trieb, und den suchte er zu befriedigen. Dabei stieg er von Stufe zu Stufe herab in der Art der Mittel, die er anwandte, zuletzt hatte er schon kein Gefühl mehr für seine Mittel und war ganz unten angelangt. Ganz unten und ganz oben angelangt zu sein, diese zwei Phänomene sind in ihrer Form einander ähnlich: Man benutzt nicht mehr die Maßstäbe der Welt. Bartel handelte' zuletzt wie im Suff, ohne ein Gefühl für den Maßstab der Welt. Eines Tages komme ich ungewöhnlich früh nach Hause, von der Bewässerung. Ben Ezew hatte mir das Wasser weggenommen, weil er es selbst brauchte, und halte mich gehen lassen, um mir sozusagen etwas Gutes anzutun. Kaum lange ich unten in der Eisenbütte nn und sehilitslc mir den Rotz (Schmutz) von den Füßen, da kommt ein Auto gefahren, eines der üblichen Touristenautos, ich halte es an und lasse mich mit hinnufnehmen, in den Meschek. So daß ich oben im letzten Abschnitt der Mittagspause vor meinem Zelt Stahe und hineinwill. Ich höre zwar wieder Geräusche von Vorgängen, aber ich ärgere mich diesmal und habe den Gedanken: Es ist mir alles gleichgültig, sie sollen endlich ein Zelt für sich fordern. So knote ich die Schnüre auseinander und stehe plötzlich drin und bin Zeuge einer Szene, die mir das Blut aus dem Kopf und den Boden unter den Füßen fortzieht. Hanni liegt auf dem Bett, mit geschlossenen Augen, in Kleidern, und Bartel steht vor ihr und hält den Revolver, dessen Ankunft er mir damals so freudig mitgeteilt hat. Er macht sofort eine blitzschnelle Wendung und legt den Revolver auf mich an. Ich sehe noch heute sein Gesicht vor mir: Es war ein verschwitztes, verzerrtes Gesicht, die nach unten gezogenen Mundwinkel zuckten nervös, der Ausdruck war mehr der eines Fliehenden als der eines Angreifenden, so entsetzte er sich selbst vor der untersten Stufe, auf der er angelangt war. Ich weiß heute nicht mehr, was Ich dachte, was Ich fühlte. Ich' sah dieses Gesicht und den Revolverl auf nut mich gerichtet und wurde mindestens so sehwach und zitierig in den Knien wie Härtel selber war. Einem let/teti, auf praktischen Nutzen bedachten Instinkt folgend, schleppte ich mich nah an Bartel heran und nahm ihm den Revolver aus der Hand. Dabei bemerkte ich deutlich, daß er ihn ganz schwach' hielt, selber kaum noch stehen konnte vor Aufregung. Es war eigentlich mehr so, daß er den Revolver losließ und mir in die Hand gab. Er klappte dann sofvrl zusammen, setzte sich auf die Kante de-, Bettes, wo Unnni lag- Iehi setzte mich auf dasselbe Bett, in einem gewissen .Absfand. Das alles geschah in zwei Sekunden. Du Irrsinniger, sagte ich. und zitterte mit Stimme und Körper, dabei hielt ich den Revolver, die Laufmündung aul den Boden gerichtet. Ja, sagte er genau so, ich bin wohl etwas irrsinnig. Eine Weile lang schwiegen wir beide, atmeten heftig und wischten uns den Schweiß. Dann war ich sofort bei der praktischen Frage, überhaupt sind die wenigsten Menschen im entscheidenden Augenblick philosophisch oder scatimentaL Wie hast du dir das eigentlich gedacht? fragte ich. Wolltest du hier mitten in Tel Hamon schießen? Er zuckte mit den Achseln, sank immer tiefer zusammen. Inzwischen aber hatte sich Ilanni aufgerichtet und sagte, ebenso aufs Praktische bedacht: Bitte, Dajan, wenn du etwas verstehst von Waffen, dann nimm sofort die Kugeln aus dem Revolver heraus. Er ist ja irrsinnig. Plötzlich sagt Bartel, mit erstickter Stimme, halb weinend: Ich bitte euch, erzählt allen Leuten, was ich tun wollte. Damit ich mich endlich ändere. Vielleicht werde ich jetzt ein anderer Mensch. Hör mal, Bartel, sage ich, laß jetzt den Quatsch'. Du wirst dich auch so Bndern. Und den Revolver üborgebe ich' dem Meschek. Ich habe dann den Revolver in ein Handtuch gewickelt, so zusammen mit den Kugeln, wie er war, und bin zu Rasetzki gegangen, den Chef der Schmirah (Wacht), um ihm ein Geschenk zu machen, von dessen Herkunft und Geschichte er heule noch nichts weiß. Als ich zurückkam, waren Bartel und Unnni vei* selnvundcn, zur Arbeit gegangen. Uebrigens bat sich Bartel nicht geändert. Acht Tage spater hat er wieder eine Szene gemacht, so daß Hanni zu mir kam und mich bat, mit ihr zusammen ein« Lösung auszudenken und durchzuführen. (Fortsetzung folgt) t