Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 32 (23.4.1937)
- Date
- 1937-04-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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,-4JIJlJ"»,lU»ti»"ri,. Nr. 32 / Jahrgang 42 Preis 25 Rpt, JUDISCHE RUNDSCHAU Seferl'Ueltnng,Verlag n. Anzelgenverwaltnngi Berlin W15, Metnakeatr.10 Farnrnfi 919031, Telegramm-Adresse > Orghip. — Bezugspreis einschließlich Bestell jreM i« Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 biw. RM 5,39. — Postscheck . Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 173 92 (für das übrig« Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachliefeniasj odrr Erstattung etwa schon reüahlier Beragsjrebühren. — Erscheint Jeden Dienstag and Freitag, BERLIN i*!nn FREITAG, 23. APRIL 1937 GÜItigt Ans»!ff«npr«lallst« Nr. 5. Die 12 j»*ipaltcne mm . Zeile 20 Rpf„ füf Familien - Nachrichten 15 Rpf, Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmtet» Ausgaben oder an bestimmten PUti-en wird keine Gewahr gleistet Gele^cnheit»- onzeig-en nur g*jen Vorauszahlung auf Postscheck « Konto Berlin 716 IS odef bar Montag hin Freitag 9—18 Uhr. Annahmeschluß für dia Dienstag1 - Ausgabe Montag- 10 Uhr, für die Freitag- - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien Anzeigen am Tajf vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jDdische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstatte in Palästina. (Baseler Programm) Politische Akrobatik? Geteiltes Palästina — Judenstaat in der Retorte — Jeruschalajim Jüdisch - arabisches Verständigungs-Programm H. F. In dem Augenblick, in dem die Judenfrage in vielen Ländern der Welt einer Zuspitzung entgegentreibt, die vielerorts bereits mit Recht als Katastrophe bezeichnet werden kann, kommen die Nachrichten über die Absicht der Königlichen Kommission, Palästina in drei Teile zu zerlegen oder es zu kantonisieren. Noch tasten wir im Dunkeln, und mehr als Vermutungen über die wirklichen Absichten der Mitglieder der Königlichen Kommission sind in diesem Augenblick nicht vorhanden. Trotzdem steht die jüdische Welt schon mitten in einer Auseinandersetzung, die viel tiefergreifend ist als, alle bisherigen Auseinandersetzungen, die sich mit der politischen Zukunft Palästinas befaßten. In diesen Tagen kommt es uns wieder einmal ganz zum Bewußtsein, was dieses Erez Israel uns bedeutet. Sein Wachsen und seine Entwicklung gaben und geben der jüdischen Diaspora Licht, Inhalt und Hoffnung. Immer noch dort, wo sich Juden optimistisch, zukunftsgläubig, vertrauend zusammengefunden haben, stand und steht Erez Israel als Kraftquelle im Mittelpunkt ihres Denkens, Fühlcns und Höffens. Es ist daher mehr als ein politisches Geschehen, um das heute Hirne und Herzen der Juden bangen, und um das sie mit Sorge ihre Gedanken kreisen lassen. Die irrationalen Kräfte, die in der großen Zionsbcwegung des jüdischen Volkes wach geworden sind, manifestieren sich heute deutlicher als seit langem. Es wäre falsch, auf die vorhandenen Gerüchte nur gefühlsmäßig zu reagieren. Es ist ebenso leicht wie ungefährlich, sofort ein Ja oder ein Nein in die Welt hinaiiszubrüllen. Eine kraftprotzige Reaktion, die unter Berufung auf die eigene Stärke sofort „unmöglich" ruft, ziemt uns ebenso wenig wie die Reaktion der ewig schwäciiiichen Kompromißler in unserem Lager, die bereit sind, jeden Vorschlag zu schlucken, wenn er nur den Frieden bringt. Alle Vorschläge können für uns nur daraufhin untersucht werden, ob sie imstande sind, uns die weitere Entwicklung des Jüdischen Nationalheims zu sichern. Von diesem unserem Ziele werden wir auch um den Preis des Friedens nicht abgehen. Das jüdische Volk hat wenig in der Gallith und alles in Erez Israel zu verlieren. Um dieses Erez Israel werden wir kämpfen müssen, auch wenn die äußeren Umstände noch schwerer werden, als sie es bisher waren. Leidenschaftlich sind wir um den Frieden im Lande bemüht und bereit, diesem Opfer zu bringen. Allein diese Opfer dürfen dasjenige Maß nicht überschreiten, bei dem sie sinnlos werden. Sinnlos muß jedes Opfer sein, das die Dynamik des jüdischen Palästina-Aufbaus unterbricht und unsere Möglichkeiten so beschränkt, daß sich der Einsatz nicht mehr lohnt. Unter diesen Gesichtspunkten allein können wir die wirklichen oder vermeintlichen Vorschläge, vor die wir gestellt sein werden, untersuchen. Das jüdische Volk hat in Erez Israel niemals „jüdische" und „arabische" Gebiete unterschieden. Jedes Gebiet war ein potentiell jüdisches. Wenn heute in den Kantonisierungsplänen zwischen jüdischen und arabischen Gebieten unterschieden wird, so geschieht hier etwas, wogegen sich die zionistische Bewegung immer gewandt hat: die Einführung statischer Begriffe in den Aufbau des Jüdischen Nationalheims. Auch die heute jüdischen „Kantone" waren vor nicht langer Zeit arabisch. Wären die Teilungspläne einige Jahre früher aufgetaucht, so hätte man damals Emek Jesrecl, Emek Chefer, die Haifa- Bay auch in den arabischen Kanton einbeziehen müssen. Ziel der friedlichen Durchdringung war gerade, den dynamischen Kräften, die in dem Aufbauwillen unseres Volkes ruhen, freien Raum zu geben, uns zu Nutzen, niemandem zu Leide. Die ganze Bitterkeit des letzten Unruhejahres in Palästina wird wieder in uns wach, weil wir zu wissen glauben, daß einerseits dieser Aufstand sich gegen die wirklichen Interessen des arabischen Volkes richtet und andererseits, daß es ein Leichtes gewesen wäre, den Aufstand im Keime zu unterdrücken und damit alle die weittragenden politischen Konsequenzen zu vermeiden, die jetzt aus einem Steinchen zur Lawine zu werden drohen. Der Gedanke, das kleine Westpalästina zu kantonisieren und zu teilen, trägt schon aus geographischen und physikalischen Gesichtspunkten den Stempel des Widersinns an seiner Stirn. Wäre Palästina «in großes, unerschlossenes Territorium mit riesigen Landreservoiren, das kolonisiert werden könnte, lägen die Dinge anders. Das politische Zwirtergebilde eines dreistaatlichen Palästina wäre so voll von Explosionsstoffen, daß es wahrlich scheinen könnte, man volle den Teufel mit Beelzebub austreiben. Wir wissen, an welch schwerer und großer Verantwortung die Männer an der Spitze der Zionistischen Organisation heute zu tragen haben. Aufgabe der Bewegung ist e«, ruhig und unnervös Gefolgschaft-zu lei- Nachdem in Nr. 30 der „Jüdischen Rundschau" vom 16. April der Ilauplschriftleiler dieser Zeitung sich zu der durch die angeblichen Teilungspläne in Palästina entstandenen Situation geäußert hat, wird diese Erörterung heute von einem Mitglied der Geschäftsführung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland fortgeführt. (Red.) sten. In dem festen Willen, zur Lösung des jüdisch-arabischen Problems in Palästina beizutragen, sollten wir auch die Teilungspläne kühl und nüchtern auf ihre Durchführbarkeit betrachten. Jede Ablehnung muß eine fundierte und überlegte sein. Wenn es sich lediglich darum handeln würde, zwei oder drei heute noch arabische Gebiete auszuschalten (wie etwa das Dreieck Tulkerem—Nablus—Dschenin), um etwa dafür entsprechende Gebiete jenseits des Jordan einzutauschen, so wäre dies ein Vorschlag, der das Gesicht Palästinas zwar ändern, es aber nicht verkleinern würde. Wogegen wir uns vor allem wenden müssen, ist der Versuch, das vorhandene Siedlungsgebiet zu verkleinern. Heißt Teilung Palästinas Verkleinerung jüdischen Siedlungsgebietes, dann können wir nicht zustimmen. Wie aber auch immer die gedachten Grenzen eines solchen Teiluttgsplanes sein werden (vgl. Kartenskizze in der „Jüdischen Rundschau" vom 16. April 1°37), so scheint uns der eigentliche Zweck dieser Teilungspläne, eine Befriedung des Landes, unerreichbar, wenn man sich klar macht, wie unmöglich auch das arabische Zwergstaatengebilde sein wird, das dann in Westpalästina bleibt, und dem nicht dadurch zu helfen ist, daß man es zu Transjordanien schlägt. Nichts bedroht auf die Dauer unser Siedlungswerk mehr als ein verelendetes, wirtschaftlich ruiniertes arabisches Nachbarland. Die Grcnzspannungcn zu diesem würden noch weit mehr den Keim zu zukünftigen Unruhen in sich tragen, als dieses bisher der Fall war, wo immerhin lange Jahre des friedlichen Aufbaus nur durch verhältnismäßig kurze Unruhezeiten unterbrochen wurden. Die Sicherung unseres Werkes besteht vor allem darin, daß die Araber an dem ökonomischen und kulturellen Aufbau teilhaben, und daß die gemeinsamen Interessen schließlich wichtiger werden als die bestehenden natürlichen oder künstlichen Differenzen. Die geplante Teilung Palästinas würde uns in einen „Philisterstaat" zwängen, eine Irrcdcnta diesseits und jenseits der Grenzen schaffen und die nationalen Aspirationen auf beiden Seiten in einem Maße vergrößern, daß das jüdische und arabische Palästina nie zur Ruhe kommen werden. Eine Kantonisicnmg oder Teilung Palästinas müßte Juden und Arabern aufgezwungen werden. Wir können nicht glauben, daß damit Ruhe und Frieden im Lande einziehen werden. Wenn es den englischen Polizei- und Militärtruppen schon heute nicht möglich ist, bei Hunderten von Morden auch nur einen einzigen Mörder zu fassen und zu verurteilen, wie müßte es erst in dem geteilten Palästina aussehen, wo Terrorbanden Ausfälle aus dem arabischen in das jüdische Palästina viel ungefährlicher erscheinen müßten, weil der Rückzug in das nur wenige Stunden entfernte eigene Territorium sie noch besser vor Verfolgungen schützt als die Unfähigkeit der heutigen englischen Polizei. Die Kantonisierungspläne begünstigen geradezu einen permanenten G u e r i 11 a - K r ie g. Die arabischen Kantone würden ein idealer Aufenthalt für die Terrorbanden werden. Es mag sein, daß die Ruhe in Palästina herzustellen ein schwieriges Problem ist, obwohl wir dieses nicht ganz einzusehen vermögen. Niemand aber wird uns glauben machen, daß es leichter sein wird, in einem zerstückelten Palästina eine ruhigere Entwicklung zu garantieren als in einem ungefeilten. * Hand in Hand mit diesen Teilungsplänen scheint das Angebot eines ,,J u d e n s t a a t e s" -u gehen, mit eigener Verwaltung, Sitz im Völkerbund, eigener Armee und allen Merkmalen eines Nationalstaates. Die Verführung, die in diesem Angebot liegt, ist nicht klein. Die Verlockung für das jüdische Volk, das nirgendwo mit Regieriingsfunktioncn und staatlicher Selbständigkeit seine Geschicke führen kannj diesen Zustand zu ändern, ist groß, und es scheint, daß mancher sich von diesem Gedanken berauschen läßt. Das geplante Zwerggebilde aber, ein jüdisches Monaco oder Liechtenstein, zum Judenstaat zu proklamieren, kann nicht mit einer jüdischen Regierung, jüdischem Völkerbuiidssitz und jüdischen Pässen aufgewogen werden; auch wenn, wie bisher, nach dem Wortlaut der Balfour-Deklaration und des Mandats nichts geschehen würde, was die politischen und bürgerlichen Interessen der Juden in anderen Ländern berührt, so darf nicht vergessen werden, daß der Gedanke des Jüdischen Nationalheims in Palästina getragen wird von dem ganzen jüdischen Volk, das sich in der Zionistischen Organisation den „Judenstaat unterwegs" geschaffen hat. Der Partner Englands und des Völkerbundes heim Aufbau de* Jüdischen Nationalheims ist nicht der Jisrhuw, M-mlern die Jcwish Agency, d. h. in Wirklichkeit die Zionistische Organisation. Sie zu bewahren und int a k t / u halten, ist eine L e b e n s n o t w c n d i g k c i t für das jüdische V olk. Wenn Zustimmung oder Ablehnung zu den Teilungs- und Kantonisierungsplänen die Einheit der Zionistischen Organisation zerbrechen, so ist diese „Teilung"' nicht weniger schwer tragbar als die del Landes. Die Sezession der Revisionisten haben wir überstanden — die Spaltung der Organisation wegen der Gestaltung Palästinas wäre verhängnisvoll. Welche „iudisi he Regierung" wurde die Verantwortung übernehmen kotinen, einem verkleinerten Palästina zuzustimmen? Welche Belastung wurde diese Regierung tragen müssen, wenn sie a 1 1 e i n die im Interesse eines normal geschichteten und gesunden Aufbaus notwendigen Grenzen, Auslesen und Beschränkungen einer Einwanderung gegenüber der wachsenden Not des judischen Volkes aufrechterhalten müßte! * Aber nicht nur ein jüdisches und arabisches Palästina würden aus der Teilung des Landes hervorgehen, sondern daneben gäbe es noch den Sektor des Niemandslandes oder, wie man nach den Plänen annehmen muH, eine Anzahl von internationalisierten Kantonen, die weder dein arabischen noch dem jüdischen Staat zugehörig wären. Zu diesen gehörte Jerusalem. Nun hat das jüdische Palastina immer mit Respekt und Ehrfurcht anerkannt, daß Jerusalem allen großen Religionen der Welt heilig ist, und trotz des gewaltigen Aufschwunges dieser Stadt, den die jüdische Mehrheit ihr gebracht hat, trotz der blühenden jüdischen Vorstädte, den zentralen jüdischen Institutionen und Körperschaften, die in dieser Stadt beheimatet sind, trotz der Klagemauer, einer der weniger, sichtbaren Heiligen Statten des judischen Volkes, haben wir immer die internationale Bedeutung Jerusalems anerkannt. Erez Israel aber ohne Jeruschalajim ist ein Körper ohne Herz. Man muß verstehen, daß die Kräfte, die das Volk der Juden zum Wiederaufbau Erez Israels getrieben haben, nicht allein durch die Not und die judischen Katastrophen zu deuten sind. Das, was an Religiösem und Irrationalem in dieser Zionshcwegung lebt, ist unlösbar verbunden mit Jeruschalajim. Auch der kühle Rechner und der nüchterne Poütikei werden verstehen, daß ein Voik nicht nur durch die Kräfte der ratio gestaltet wird. Palastina ohne Jeruschalajim als Hauptstadt wäre ein neues Stück jüdischer Gallith, Die Gedanken der Bevölkerung des Judenstaate« würden unablässig um die verlorene Kapitale kreisen und damit den Keim zu neuen Verwicklungen legen. Was kann geschehen? Mit Recht wird ein Ausweg aus der Sackgasse, in die wir teils mit, teils ohne Schuld geraten sind, durch kühne und konstruktive Ideen gefordert. Voraussetzung aller solchen Ideen muß die Aufrechterhaltung der Einwanderung und die Möglichkeit des Bodenkaufs sein. Wie auch immer das politische Gesicht Palästinas aussehen wird: ohne Einwanderung und ohne V e r - gtößerung des Bodenbesitzes wird das Jüdische Nation alheim zur Farce. Wir haben in den arabischen Nationalisten Palästinas einen scheinbar unnachgiebigen Partner vor uns. Wichtig aber ist für uns, die Grenzen dieser Ulinachgiebigkeit zu erkennen und abzubauen. Die stärkste Stütze der nationalistischen Araberführung, der Gedanke des Panarabismus, hat in letzter Zeit viel a-i Stärke und Aktualität eingebüßt. Es sind arabische und mohammedanische Staaten entstanden mit eigenen Vorstellungen, Bündnisplänen und Zukunftshoffiumgen. Schon gehen die Türkei und der Irak eigene Wege. Syrien, der Nachbar im Norden, und Aegypten, der Nachbar im Süden, haben eigene Vorstellungen, zum Teil solche, die dem panarabischen Gedanken nicht entsprechen. Der Einbrach der europäischen Welt mit ihren wirtschaftlichen und politischen Formgebungen und Zielsetzungen in die Nachbarländer Palästinas schafft neue politische Konstellationen, die einer Einigung dieser Länder im Sinne der palästinensischen arabischen Bestrebungen nicht entsprechen. Den palästinensischen Arabern ihre nationale Autonomie zu verbürgen und gleichzeitig mit ihnen zur Kooperation, zu gelangen, ist der Schlüssel zur