Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 30 (16.4.1937)
- Date
- 1937-04-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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§ Nr. 30,16. IV. 1937 jnniSrHc PUMORCHAU Seife 5 Jabotin sky in Südafrika Von unserem südafrikanischen Korrespondenten Johannesburg, Ende März Jabotinsky hat in Südafrika seine revisionistische Propaganda-Kampagne mit einer Massenversammlung in Johannesburg unter dem Schlagwort „Die elfte Stunde hat geschlagen" eröffnet. Außerhalb des Saales kam es zji kleinen Zusammenstößen zwischen dem Saalschutz und antirevisionistischen Gruppen. Jabotinskv hat in seinem Vortrag die bekannten revisionistischen "Forderungen vertreten und besonders betont, daß mit Rücksicht auf die Not der jüdischen Massen im europaischen Osten die Idee, Palastina als eine „Mustci-Kolonie" aufzubauen, fallen gelassen werden müsse. Vielmehr müsse man Millionen von Juden innerhalb einer Anzahl von Jahren nach Palästina verpflanzen, und unter diesen Umstanden sei die Idee eines jüdischen Staates nicht mehr eine politische M a x i m a I f o r - d e r u n g, sondern eine M i n i m a 1 f o r d e r u n g. Jabotinsky faßte seine Postulate in drei Punkten zusammen: 1, Oeffentlichc Verkündigung eines ,,Z e h Ii j a Ii r e s p 1 a n c s". Mit diesem Plan sollten der Welt und der Mandatsmacht gegenüber die Bedingungen aufgestellt werden, unter denen das jüdische Volk , in absehbarer Zeit" (Jabotinsky gebrauchte diese deutsehen Worie) einen jüdischen Staat mit einer jüdischen Mehrheit erbauen könne. 2. Eine B ü n d n i s p o I i t i k. Das jüdische Volk müsse versuchen, diejenigen Staaten für eine aktive Förderung seiner Ziele zu gewinnen, in denen sieh die Judenfrage zu einem brennenden Problem entwickelt hat. Diese Staaten, zu denen praktisch fast alle osteuropaischen Länder gehörten, würden in einen. Abgrund der Barbarei versinken, wenn die Errichtung des Judenstaates und die Ueberführung von Millionen von Juden aus dem „jüdischen El.ndsgürtel" nach Palästina nicht in absehbarer Zeit gelänge. 3. Hie L' i n i g u n g des jüdischen Volkes auf der Grundlage eines „bedingungslos demokratischen" Wahlsystems. Das bisherige Sehekelsystem müsse abgeschafft und durch ein allgemeines, gleiches Wahlrecht ersetzt werden. Auf diese Weise sei das jüdische Vo'k als kollektive Körperschaft zu organisieren, und es sei eine jüdische Welt-Nationalversammlung zu wählen, die die Einheit des jüdischen Volkes in seinem Verlangen nach Errichtung eines jüdischen Staatswesens in Palästina und Transjordanien in eindrucksvoller Weise der Welt gegenüber verkörpern solle. Jabotinsky beschloß seine Ansprache mit dem Bemerken, daß er beabsichtige, eine Abstimmung unter den südafrikanischen Juden herbeizuführen, in der seine Vorschläge entweder angenommen oder zurückgewiesen werden sollten. Obwohl Acußerungen der hiesigen jüdischen Presse zu dem von Jabotinsky entwickelten Programm noch nicht vorliegen, muß es doch überaus zweifelhaft erscheinen, ob es ihm gelingen wird, auch nur nennenswerte Teile des sütlafrikanischhen Judentums für seine Ideen zu gewinnen. Bisher hat jedenfalls die südafrikanische Judenschaft ganz überwiegend auf der Basis des „allgemeinen Zionismus" gestanden. Anders als vor sieben Jahren, als Jabotinsky seine erste Propagandareise durch Südafrika unternahm, wird er heute nicht 'mehr als Vertreter einer sozusagen „parlamcntaris-clien Opposition" betrachtet und anerkannt; vielmehr sieht man hier in ihm überwiegend den Vertreter einer Richtung, die das Gebäude der Zionistischen Organisation zu zertrümmern sucht, und es kann daher nicht verwunderlich erscheinen, daß der Ankunft der revisionistischen Vertreter eine abweisende und zum Teil feindselige Pressekampagne fast der gesamten südafrikanischen jüdischen Presse voraus- §ing. Nur bei einem Teil der jüngeren Generation und auch ei einigen Vertretern älterer Ziomsten dürften revisionistische Ideen auf fruchtbaren Boden gefallen sein. In allgemein-zionistischen Kreisen glaubt man indes nicht an einen Erfolg des revisionistischen Propaganda-Eeldzuges in Südafrika: es wird darauf hingewiesen, daß die „Minimalford crung" der Errichtung eines jüdischen Staates mit jüdischer Mehrheit in Paliistina und Transjordanien unter den gegenwärtigen weltpolitischen Umstanden von der Mehrheit der Juden Südafrikas als utopisch abgelehnt werden dürfte. Dr. Fritz Petz all Gesetz und Arbeit Zur Aktion des „Keren Thora wa'Awoda" Uns wird geschrieben: Es wird oft zu wenig klar erkannt, daß im Zionismus zwei Gedankengänge zusammengeschlossen sind. Der Zionismus meint nationale Idee und kolonisatorische Aufgabe zugleich. Das Bekenntnis zum Volk verleiht dem Aufbauwerk Begeisterung und heroischen Schwung. Die Aufgabe, Frez Israel aufzubauen, gibt der nationalen Idee eine reale Basis; das kolonisatorische Werk schafft die Grundlage dafür, daß der jüdische Volksgedanke nicht Utopia, im Nirgendslande bleibt. Wäre da* Bekenntnis zum jüdischen Volke unabhängig von der Verpflichtung, am Aufbau Erez Israels mitzuwirken, so bliebe es Lippenbekenntnis. So wie im Leben nie die Trennung zwischen Leib und Seele güllig ist, so erkennen wir, daß das Bekenntnis zur Idee die Kraft zum wirklichen Leben gibt. Aber trotzdem besteht weiterhin die Gefahr der Verflachung, wenn die nationale Idee zu materialistisch verstanden wird. Zuvorderst muß die Frage nach dem Sinn der jüdischen Geschichte stehen. Das Festhalten des Ein/einen an der Gemeinschaft ist nur dann sinnvoll, wenn die Existenz der Gemeinschaft als eines Ganzen einen Sinn besitzt. Daraus ergibt sich, daß die Nation nicht nur I lerkunfts- und Gegenwartsgemeinschaft ist. Als volle Lebensgemeinschaft bedeutet sie auch Z u k u n f t s g e m e i n s c Ii a f t. Das ist aber ohne Sinngebung ihrer Existenz unmöglich. Ein jüdischer Nationalismus, der eine Auffassung vom Judentum zu verwirklichen sucht, die dessen historischen, d. Ii. religiöstraditionellen Grundlagen widerspricht, geht fehl. Die Lösung von Gesetz und Geschichte bedeutet Lösung von der Gemeinschaft seihst. Die Auflösung der religiösen Bindung führt zur Auflösung der Gemeinschaftsverhindung. Wenn man erkannt hat, wie wichtig es ist, die religiösen Tendenzen im Zionismus zu fördern, so wird man auch verstehen, wie notwendig es ist, die Position der Menschen zu stärken, die sich und ihr Leben für die Verwirklichung der religiösen C h a 1 u z i u t einsetzen. Dein reljgiöscn Arbeiter muß auf seinem weiten und schwierigen Wege von der Idee zur Verwirklichung Hilfe gebracht werden. Dabei darf nicht vergessen werden, daß die positive Leistung für den religiösen Chaluz den Charakter des Zusätzlichen trägt. Schon bei dem Pro/eß der Umschichtung sind besonders Schwierigkeiten zu überwinden. Arbeilsslellen zu finden, dia eine gute Ausbildung, aber auch die Schabbatheiligung gewährleisten, ist sehr schwer. In manchen Ländern kannl die Berufsumschichtung nur unter großen Opfern durchgeführt werden, die die jungen Menschen wegen der strikten Innehaltung der Kaschruth bringen. Bei der Ausbildung der' religiösen Chaluz.im darf die geistige flach scharaK nicht vernachlässigt werden. Die Jeschiwah, Lernzentren, Seminare sind der Weg, auf dem eine tiefere Schulung und Erfassung erreicht werden soll. Das alles sind aber Dinge, zu deren Durchführung Mittel notwendig sind, die eina chalnzische Bewegung nicht aus eigenen Kräften bereitstellen kann. Bedenken wir vor allem," wie sehr die Hilfe und Leistung für die religiöse Chalu/nith als eine zusätzliche er-! folgen muß, weil die Aktivierung der Jiidcnheit für die Bedeutung des religi.'iscii Gedankens beim Palästina-Aufbau erst; sehr spät erfolgte, so daß heute auf diesem Gebiete viel«! noch nachgeholt werden muß. J Der Keren Kajemeth stellt das Land für den Aufbau zur*! Verfügung, der Keren Hajcssod erfüllt, von der durch den Keren Kajemeth geschaffenen Basis ausgehend, kolonisatorische Aufgaben, unterstützt Verwaltung, sanitäre Einrichtung gen und aufstrebende Siedlungen. Was der Keren Thor« wa'Awoda zu leisten hat, ist die Bewältigung der Aufgaben, die wir zusätzlich nannten, deren Erfüllung aber int Wirklichkeit: Grundlegendes betrifft, f-.s ist die Arbeit des Keren Thora wa'Awoda, durch dessen Hilfe wir die Erziehung eines Geschlechts junger Chaluzini erhoffen, die ihr; Leben nach den Grundprinzipien des Judentums Thora und Arbeit gestalten. Nur ein starker Keren Thora wa'Awoda kann den aufstrebenden jungen religiösen S i e d I u n - gen finanziellen Rückhalt geben, dessen sie bedürfen, um alle ihre Aufgaben erfüllen zu können. Hier mit Wort und Tat, durch Sympathie und Leistung zu helfen, sollte zu den den Juden, der für die Stärn■ligiösen Gedankens beim Aufreu. vornehmsten Aufgaben eim kling und Wirksamkeil des bau Erez Israels eintritt, Seminar für die Leiter der Mlttleren-Hachscharah. Vom 28. März bis 3. April fand in Schnicbinchen ein Seminar für die Leiter der Mittleren-Haclisclmrah statt, au dem zirka '30 Chawerim des Hechaluz teilnahmen. Der Sinti des Seminars bestand vor allem darin, den neu in die Führungsarbeit eintretenden Chawerim die Erfahrung der schon langer bestehenden Gruppen zu vermitteln. Die in eibt Stockholm. Unser lins: Auf Einiadmu Stockholmorl des Schwe-| RICHMOND PARK HOTEL KARLSBAD ist eröffnet Der jüdische Historiker und Nestor Gemeinde von New York, Henry Pereira am 13. April seinen 85. Geburtstag. der sephardifichen M c n d e s, feierte Besprechung erzieherischer Fragen in der Mittlercu-1 lachscharah war daher besonders wichtig und hat den neuen Leitern ihr Arbeitsgebiet deutlich gezeigt. Darüber hinaus wurde ein genauer unterrichtsplan für die gesamte Mittleren- Hachscharah ausgearbeitet. Boris Eisen Stadt legte an Hand eines Lehrplans für die Vertrautinacliung mit zionistischer Ideologie und Geschichte, Georg Josephthal an Hand eines Lchrplans für Paläsiinakunde die Methodik des Unterrichts dar. Die Madrichiin selbst trugen durch rege Diskussion zu den einzelnen Referaten dazu bei, einen klaren Lieberblick über die betreffenden Gebiete herauszuarbeiten. Für diejenigen Teile des Stolfes, in denen wenig schriftliches Material vorliegt, wurde eine genaue inhaltliche Darstellung gegeben. Boris Eisenstadt sprach über den Nachkriegszionismus, Georg Josephtlial über Emanzipation und Assimilation, T a r s e h i s c h über die Entwicklung des arbeitenden Erez Israel. Emil Bernhard Cohn H. R.-Berichterstatter ilisehen Zionistenvcrbaiulcs und des Skandinavischen Jugend-1 blindes sprach Emil Bernhard Cohn im überfüllten Saal' des Stockholmer Gemeindehauses über das Thema: „Die jüdische Geschichte als Lehrmeisterm". Mit der ihm eigenen rhetorischen Begabung verstand es der Redner, seine Zuhörer in einen! großangelegten Vortrag in seinen Bann ZU ziehen. Berichtigungen. In Nr. 20 der „J. R." war in einer Meldung aus Palästina angegeben worden, daß die Firma.' Kremcner die „durch das von der Palestine Electric;: Corporation eingeleitete Vollstrcekungsverfahren" entstände»! neu Schwierigkeiten überwunden hat und den Betrieh wieder! aufzunehmen gedenkt. Wir werden nun darauf aufmerksam:' gemacht, daß beim Abdruck dieser Notiz, ein Irrtum insofern unterlaufen ist, als nicht die Palestine Electric Cori poration Ltd. (Ruthcnhcrg - Elektrizitätswerk) das Voll«! sfreckungsverfahren eingeleitet hat, sondern die „Palest in Corporation Ltd." — Zu dem in Nr. 23 gebrachten Bild der Geschwister Jehudi und llephzibn M e n u h i rt werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß die beiden Kiinstler nicht in Palästina, sondern als Kinder einer palästinensischen Familie (der Vater ist schon in Palästina geboren) während des Weltkrieges in Amerika gebore« wurden. Nahe Verwandte der Familie wohnen in Rechowoth. — Rabbiner Weinberg, dessen 70. Geburtstag! wir in Nr. 29 gewürdigt haben, wohnt seit seiner Pensionie-l nicht mehr in Regensburg, sondern in Würzburg. rung ('f> In Wien starb im Alfer t e r. der als Regimentsarzi tler militärische Auszeichnungen erhalten Jahren Dr. I Lstiing hatte. Ignanz H Przemvsl e c h J höhet für den Sseder der Sechshundert Ma Nischtnna fragt, im Zeichen des Kampfes gegen die Barchasch, eine winzige Stechfliege, derclwegcn man das Gesicht mit Schemen einreibt, den Mützenrand mit Neft (Petroleum), lange Acrmel trügt und jedesmal aus Tee und Suppe eine Oberfläche ertrunkener Steehfliegcn abzuschöpfen hat. Im Pnrdcss (Orangcngarlen) blüht der Zitrus. Der Geruch des Zitrus entspricht dem Geschmack der Frucht: Eine dumpfe Süßigkeit, die etwas leise faulig Bitteres hat und betönbt, aus einem zarten, fleischigen, porzcllnnanigen Stern kommt. Ganz langsam beginnt es, steigt on, plötzlich steht die ganze Gegend unter diesem Geruch, der Wind fächelt ihn in Wolken hin und her. Gerade die kranken und schon halbtoten Bitume, die gräßlich kahl stehen wie Moorgespensler im norddeutschen Herbst, blühen am üppigsten, haben mit Sternen beperlte Zweige, zackige, weiße Korallen- Äste, als wollen sie noch kurz vor dem Sterben eine neue Generalion hervorbringen. Diese Biiume, die noch Mai und zum Teil sogar noch Juni im Bolz. (Sumpf)) stehen, hat man nicht vom Unkraut befreit: Das Unkraut zieht ja die Feuchtigkeit heraus, steht an dieser Stelle noch in saftigem Grün, während die Disteln schon vertrocknet herumliegen und von der Noar Germnni (Jugend aus Deutschland)) mit Gabeln gesammelt, zu Haufen geschichtet, und außerhalb des Pnrdcss verbrannt werden. Es gibt in dieser Zeit die verschiedensten Arbeiten. Abgesehen davon, daß man mit besonderen Löffeln um die Baumstämme herum Löcher grübt bis zu den obersten Wurzeln, die Baumstämme kalkt und den kleinen freigelegton Abschnitt über der Wurzel mit einer besonderen, kupfervitriolhalligcn Lösung anstreicht, abgesehen von der Ausstreuung de» chemischen, der Umpflügung des grünen Düngera und von der normalen Pflegearbeit, die bei den jungen Bäumen notwendig ist und in Binden und Freimachen der Veredelungen besteht, erfordern die besonderen Schäden dieses viel zu reichen, viel zu vitalen Jahres besondere Arbeiten. Fast taglich geht man gegen die Raupcnploge, die sich in einem bestimmten Chelka (Abschnitt) konzentriert hat, und führt je nach dem Stand der Erkenntnis die entsprechenden Arbeilen aus. Zuerst begnügt man sich damit, die Haupen, von denen man oft bis zu fünfzig auf einem Baum findet, abzulesen und mit der Hand zu zerdrücken, bei dieser Massenarbeit lohnt ja nicht eine kunstvollere Exekution. Aber es stellt sich heraus, daß sieh auf der Erde Raupen befinden, die geradlinig den Baumstämmen zustreben, von einem untrüglichen Instinkt geleitet. Man muß also die Baumstamme isolieren, besorgt zu diesem Zweck einen Pach (ßleehgefüß)) jener gelben Maschincnschmier«, die die Traktoristen benutzen, und beginnt, Manschetten aus Fett aufzutragen. Aber die Sonne bringt das Fett zum Schmelzen, der Spülregen spült die Reste davon. Nach einer gewissen Zeit glaubt man, zu bemerken, daß der mit jenem Fett behandelte Chelka im Sterben ist, eine gewisse chemische Zersetzung und Austrocknung der Räume scheint zu beginnen. Inzwischen ist die Verpuppungsperiode der Raupen gekommen, von dieser Seile besteht keine Gefahr mehr. Aber das Fett, das man unmittelbar auf den Baumstamm aufgetragen hat, seheint einen neuen Sehaden gebracht zu haben. Schon gibt man den ganzen Chelka auf, etwa 500 bis 800 junge Biiume, und beginnt, mit Spitzhacke und Turin (schwere Hacke) 'für das Versuchsinsütut in Tel-Awiw eine Reihe von Bäumen auszugraben. Acht Tage später kommt der Bescheid, daß alles in Ordnung ist. Der Rest der Bäume erholt sich, die Veredlungen wachsen neu. Es ist einer der charakteristischen Vorgänge in clor erl'ahrungslosen, lastenden Wirtschaft Palästinas. Für die Drainage hat ein Fachmann gegen hohes Entgelt den Plan aufgestellt. Kerochski glaubt nicht an die Sache. Er hüll den betreffenden Pardessteil für verloren, trügl sich mit Ideen einer Neupflanzung an geeigneterer Stelle. Da der ungewöhnliche und hinge Chamsin (heißer Wind) dieses Jahres vorbei ist. kommen aus allen Landosteilcn Berichte von dem Schaden, von dem hochprozentigen Ausfall, der für die Ernte zu erwarten ist. Im Pardess von Tel llamon glaubt man, durch ein Wunder verschont worden zu sein, die Blüten sind nicht abgefallen, absolvieren richtig ihre Zeit und verwandeln sieh in kleine Früchte. Aber diese Früchte werden nicht groß, sitzen nicht lange am Stengel. Anstalt grün zu bleiben bis kurz vor der Reifung, werden sie schon beim Durchmesser von Pfennigstücken gelb, füllen plötzlich ab, verkohlen und verholzen auf der Erde. Langsam schrumpft die Ernte, wird Iiiglich mit dem stummen Fallen der kranken Frucht kleiner: Der Chnmsin wirkt nach. Andererseits erholt sich ein Teil der für rettungslos krank gehaltenen Bäume, die Fäulnis, die an den Wurzeln gesessen hat, wird von der Hitze ausgebrannt, auf den kahlen Zweigen keimen plötzlich junge Blätter: Es ist ein Glück, daß Buhicw nicht erlaubt hat, die hundert Bäume umzugraben. So geht man im Dunkeln, weiß nichts. Ein großer Teil der alten BUume hat verdächtig staubige, farblose Blätter. Unter der Lupe bemerkt man Scharen der roten Spinne, die ihre Eier in die Blätter legen und die Almungsorgane der Bäume zu zerstören drohen. Auch im Obstgarten kiugt man über ungewöhnliche Schäden und Schädlinge. Der starke Winter hat die unter Staub und Stein ruhenden, freundlichen und feindlichen Kräfte zur Entfaltung gebracht: Plötzlich ist der Typhus da. Er kommt von den Bergspitzen, aus den arabischen Dürfern, durchbricht die Kette der jüdischen Aenste, hält mit der Sense Einzug in den jüdischen Siedlungen. Wieder wird gestorben Emek, .stehen Chaluz.im Posten, obgleich Bar Komb einmal erklärt, daß das Leben trivial geworden sei und keine Bücher mehr geschrieben werden können. Es wird ein sanitärer Wand (Bat) gebildet, in ihm unter anderen Zacharias und Hagesrhcr, und mit Lysol und Aufrufen zur Sauberkeit nimmt man den Kampf auf. Inzwischen duftet der Zitrus: dumpf, schwer, süß, es mischt sieh etwas faulig Bitteres ein von der Schale der Frucht. Eines Mittags ist unten in der Eisenhütte eine Diskussion im Gange zwischen Bar Konch und einem jungen Traktoristen, von dem ich in letzter Zeit bemerke, daß er sichl zu entfalten beginnt, wie ein Schmetterling, der dein Kokon entsteigt. Dieser Junge wurde später nach Europa geschickt, um für die Bewegung zu wirken. Zum erstenmal sehe ich, daß Bar Konch Schwierigkeiten hat, daß einer ihm gut zu antworten versteht. La handelt, sich um irgendein wichtiges Treffen des Kibbuz llumeuehad (Vereinigter Kibbuz), der Junge will, daß dieses Treffen in Tel llamon staulinde, und liur Koach will, daß es wo anders stattfinde, da Tel llamon schon genug belastet ist mit den Spesen solcher Veranstaltungen. Wer wird bezahlen? ruft Bar Konch. Ilaben wir schon jemals einen Pfennig gesehen vom Kibbuz llumeuehad, für diese ganzen Dinge? Sie essen bei uns, sie schlafen be', uns, und so Und soviel Chawerim werden ihretwegen herausgenommen aus der normalen .Arbeit. Cnd wozu das Ganze? Via Protokoll Löcher anzufertigen? Der Junge antwortet. Er ist erregt. Er ruft, daß wir; alle jetzt hier nicht sitzen würden und Bar Koach nicht Bau} Koaeh würe, ohne die Bewegung und ihren Spesenetat, ohnetj das, was man heute so ironisch nennt: Opfer bringen. Aber jetzt sitzen wir doch, sagt Bar Konch und lachT, Ja, du sitzt, aber es gibt noch viele andere, die nicht! sitzen, sechzehn Millionen Juden stehen draußen in der Welt und schauen auf Bar Koach, ob er bereit ist, ein paar Teller Essen mehr zu bewilligen, ein bißchen Wasser in die Suppe schütten und die Fleischstücke kleiner schneidend zu lassen, damit sechzehn Millionen Juden gerettet worden«' Und es wird eine herrliche, scharfe Diskussion. ' Nachher erhebt sich Bar Koach und fragt mich lachend,) was meine Meinung sei. Er fragt in einer Weise, aus der ich entnehme, daß ich ihm Staub auf dem Acrmel bin, ein Neuer, der die hochpolitischen Diskussionen der Alten schon aus sprachlichen, geschweige denn aus inhaltlichen Gründen nicht versteht. (Fortsetzung folgt). I « a.