Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1937-04-16 · Heft 30 (16.4.1937) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 30 (16.4.1937)
Date
1937-04-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653625-2653654--30585-2685143
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

19. Nr. 30 / Jahrgang 42 Preis 25 Rpf. JUDISCHE RUNDSCHAU Idurif Ualtuig,Varlasr tu Anzeigen Verwaltung! Berlin W1S, Melnekantr.il> Ferarnft 91 W31, Telegramm-Adreiae > Orghip. — Beiuijsprei» em«eblit61icji BMtellgeld je Monnt RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75t, bei Abholung RM 1,88 biw. RMS.39. — Po«t»chec)c - Konten der Vertrieb» ■ Abteilung Berlin 71573 (für GroB - Berlin), Berlin 17392 (für dm iibrijre Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa «chon jrer.ah.lter Beiugsgebühren. — Erscheint Jeden DUmtag and Freitag. BERLIN T*snn n^« #n FREITAG, 16. APRIL 1937 GfllHgt Anielgenprolaliato Nr, 5. Die 12 jftspaltcne mm ■ Zeilo 20 Rpf, für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*« anzeigen nur siegen Vorauszahlung «uf Postscheck Konto Berlin 71618 oder bar Montij bin Freitag 9—18 Uhr. AnnahmeschluB für di« Ditnltajr Amjsb« Montaj; 10 Uhr, für die Freitajr-Aujjzab« Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Ein Wendepunkt Die drei Möglichkeiten jüdischer Palästina-Politik Zur Sitzung des Zionistischen Aktions -Comifäs in Jerusalem am 20. April Das A.-C. vor neuen Fragen Ist ein Wendepunkt in der Geschichte Palästinas und des jüdischen Volkes gekommen? Kein Zweifel, daß eine Teilung Palästinas, wie sie nach den viel diskutierten englischen Zeitungsmeldungen geplant sein soll, ein völlig neues Kapitel der Entwicklung des Landes einleiten würde; aber auch für die Gesamtheit des jüdischen Volkes wäre eine neue Lage mit vielen neuen Problemen geschaffen, wenn die völkerrechtliche Anerkennung eines jüdischen Dominion mit Sitz im Völkerbund Wirklichkeit werden sollte. Die große innere Anteilnahme, mit der die Gerüchte über die angeblichen Absichten der unter dem Vorsitz von Lord Peel stehenden Kgl. Kommission in allen jüdischen Kreisen aufgenommen und die Leidenschaft, mit der sie erörtert werden, ist also erklärlich. Aber diesmal dürfte die seit Jahrzehnten übliche Methode, durch Polemik und Resolutionen politische Probleme (meist negativ) zu „erledigen'', sich als unzureichend erweisen. Wenn in diesem Moment das Zionistische Aktions-Comite in Jerusalem zusammentritt, wird es sich gewiß Rechenschaft über den Ernst der Lage geben. Nicht auf die Menge interner Diskussion und Wiederholung von unzähligemal Gesagtem kommt es jetzt an, sondern auf die Kraft zu Entschlüssen, die einem veränderten Sachverhalt gemäß sind. Nach zwanzig Jahren Wir stehen am Abschluß einer Epoche. Zwanzig Jahre nach der Balfour -Deklaration, in der England die Errichtung eines Jüdischen Nationalheims in Palästina zu erleichtern versprach, soll aus den Erfahrungen, die sich aus der Anwendung dieser Politik ergeben haben, eine politische Konsequenz gezogen werden. In diesen zwanzig Jahren hat sich Palästina stärker verändert als in den sechshundert Jahren davor. Das Land ist aus der Lethargie, in die es, wie alle Länder des Nahen Orients, versunken war, zum Leben erwacht, sein Aeußeres hat sieh gewandelt, der Einstrom einer modernen jüdischen Bevölkerung hat das Land unmittelbar an den europäischen Kutllurkreis angeschlossen, die Anstrengungen und der Enthusiasmus des jüdischen Volkes, das sich in Palästina sein Nationalheim baut und seine Avantgarde ins Land entsendet, haben ein neues Palästina geschaffen. Man sagt nur einen Gemeinplatz, wenn man ausspricht, daß ohne die Arbeit der Juden, ohne ihren Unternehmungsgeist und ihren zähen nationalen Willen Palästina seinen heutigen Stand nicht erreicht hätte. Im übrigen aber wissen wir, daß auch die anderen Länder des Vorderen Orients, die Nachbarländer Palästinas, sich gewandelt haben, wenn auch in anderer Weise als Palästina. Die Herrschaft und Verwaltung der europäischen Westmächte, der Kontakt mit den modernen Ideen Europas, die Revolutionierung des Verkehrs und der Verkehrsmittel (Auto und Flugzeug statt Kamel und Esel!), die Anfänge kapitalistischer Entwicklung an Stelle des mittelalterlichen Feudalismus — dies alles und noch mehr wirkt sich revolutionierend in dem gesamten Länderkomplex aus. Durch diese Tatsache ist ja die Lage kompliziert worden, weil die jüdische Nationalbewegung sich einer gleichfalls an modernen Vorbildern geschulten arabischen Nation albcwegung gegenübereieht. Das jüdische Volk hat England gegenüber einen guten „Rechtsfall" (das, was der Engländer „case" nennt) zu vertreten, in festem Vertrauen auf England und auf die das Mandat garantierenden 52 Staaten der Welt haben die Juden den Aufbau des Nationalheinis in Angriff genommen. Ohne Englands Garantie wäre dies wahrscheinlich nicht geschehen. Eine solche Garantie ist ihrem Wesen nach unkündbar. Hunderttausende, vielleicht Millionen jüdischer Familien, weit mehr als die heutige Einwohnerzahl Palästinas anzeigt, haben ihre Existenz mit dem Lande verbunden. Ein auf lange Sicht berechnetes Unternehmen, wie es dieses beispiellose Siedlungswerk sein muß, bedarf der Sicherheit und Stetigkeit, und kein englischer Staatsmann kann bezweifeln, daß die Garantie dieser Stetigkeit in der englischen Verwaltung und in Englands feierlichem und oft wiederholtem Versprechen erblickt wurde. Sogar englische Gegner der Juden und des Palästinawerks müssen heute erklaren, daß nach diesen zwanzig Jahren England nicht von seinem den Juden gegebenen Versprechen zurücktreten kann. Insofern ist das Nationalheim zu einer vol 1 endeten Tatsache geworden. Dagegen ist die Frage, welche endgültige Gestalt das Nationalheim im Rahmen Palästinas annehmen soll, noch offen. Der erste Versuch, die Frage zu beantworten, war das Churchill-Samuelsche Weißbuch vom Juni 1922, in dem ausgesprochen war, daß das jüdische Volk als Ganzes einen Anspruch auf Einwanderung nach Palästina „kraft eigenen Rechtes und nicht aus Duldung" haben soll, daß diese Einwanderung sich im Rahmen der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes halten muß und dem Nationalheim ein stetiges Wachstum gesichert sein soll; auf der anderen Seite wurde festgestellt, daß nicht g a n z Palästina ein „jüdischer Staat" werden und keineswegs den nichtjüdischen Bewohnern Palästinas eine jüdische Nationalität (Staatsangehörigkeit) aufgezwungen werden soll. Das Weißbuch von 1022 wurde von der Zionistischen Organisation als Jewish Agency zwar akzeptiert, hat sich aber im Bewußtsein der jüdischen Oeffentlichkeit nicht durchgesetzt. Die Gegnerschaft gegen seine „einschränkende" Interpretation wurde bei vielen Gelegenheiten laut. Dali die Araber das Weißbuch ablehnten, bedarf kaum der Erwähnung, denn die arabische Politik ist seit dem Kriege auf der These aufgebaut, die Siegermächte hätten den Arabern einen unabhängigen Staat versprochen, der das ganze arabische Gebiet einschließlich Palastina umfassen soll; aus diesem Grund« erkennen die Araber das Mandat nicht an. Sie müssen damit als Tatsache rechnen, aber sie betrachten es als einen Akt der Gewalt und nicht des Rechtes. Die vereinzelten Versuche von jüdischer Seite, die Gedanken des Weißbuches von 1022 zu einer konstruktiven jüdischen Politik auszubauen, indem die Juden unter Anerkennung der Binationalität Palästinas dieses Land bewußt zu einem gemischten jüdisch-arabischen Gemeinwesen mit politischer Parität beider Völker auszugestalten suchen, haben bei der großen Mehrheit der zionistischen Bewegung keine Zustimmung gefunden. Wohl haben die offiziellen zionistischen Gremien mehrmals Deklarationen abgegeben, die in diese Richtung weisen, angefangen von der Resolution des XII. Zionisten-Kongresses (1921), in der es heißt, das jüdische Volk sei entschlossen, „mit dem arabischen Volk in einem Verhältnis der Eintracht und der gegenseitigen Achtung zu leben und im Bunde mit ihm die gemeinsame Wohnstätte zu einem blühenden Gemeinwesen zu machen, dessen Ausbau jedem seiner Völker eine ungestörte nationale Entwicklung sichert" — bis zu der Formulierung des XIX. Kongresses (1933), daß in Palästina keines der beiden Völker herrschen und keines beherrscht sein solle. Aber diese Deklarationen sind niemals konkretisiert worden und konnten nicht verhindern, dal! die arabische Politik völlig im Zeichen der Furcht vor einer künftigen jüdischen Majorität und demgemäß einer Majorisiertmg durch die Juden stand. Schon der erste Bericht einer Untersuchungskommission, der Bericht des Oberrichters Sir Thomas Haycraft nach den Unruhen des Jahres 1921, empfahl als wichtigste Maßnahme zur Beruhigung Palästinas eine eindeutige Erklärung Englands, daß die von den Arabern befürchtete Unterdrückung oder Verdrängung nicht zugelassen werden würde. In einer solchen Erklärung zur Beruhigung der Araber erblickte die offizielle englische Doktrin ein Mittel zur Sicherung des ungestörten Aufbaues des Jüdischen Nationalh c i m s, der sonst immer wieder durch Unruhen und Gewaltmaßnahmen bedroht wäre. Auf diesem Schema baut sich die Dialektik des politischen Geschehens der letzten fünfzehn Jahre auf. Ein neues Kapitel Der arabische Aufstand des Jahres 1936, an dessen Jahrestag die A.-C.-Sitzung zusammentritt, bildet einen neuen tiefen Einschnitt. Wenn die Gerüchte über die Vorschläge der Peel- Kommission richtig sind, dann würde dies bedeuten, daf die Kommission zu der Ansicht gelangt ist, die bisher eingehaltene (oben in kurzen Strichen gekennzeichnete) Linie der britischen Politik könne nicht fortgesetzt werden, und man müsse daher zu anderen, drastischen Maßnahmen greifen. So kam man anscheinend auf den Gedanken einer Teilung Palästinas. Dieser Vorschlag ist schon bei seinem ersten Bekanntwerden sowohl von Juden als auch von Arabern mit Entrüstung bekämpft worden. Die Araber fordern das ganze Land für sich, wobei vorläufig unklar ist, was sie mit der vollendeten Tatsache der bereits bestehenden jüdischen Siedlung anzufangen gedenken; jedenfalls aber würden sie deren Ausdehnung nicht zulassen. Die Juden hingegen fordern, daß entspKTheiid dein Mandat das ganze Land der friedlichen wirtschaftlichen Durchdringung offenstehen müsse, wollet England al* .Mandatamiacht mit Einsatz seiner militärischen Kraft dir Aufrechte!huhung der Ordnung sorgen müsse. Zusätzliche Forderungen betreffen die Teilnahme von Juden an der Selbstverteidigung ihrer fortschreitenden Kolonisation sowie die Ocmmiig Transjoidanieiis für judische Einwanderung. England jedoch fühlt sich durch den dauernden Unruheherd PaS i«lin:i beladet, außerdem verstimmt durch die Ablehnung, die snne Politik sowohl bei Juden als auch bei Arabern findet. Die ..doppelte Verpflichtung", die nach Englands und des Völkerbundes Auflassung'; im Palästinamandat enthalten ist, will man anscheinend dadurch einlösen, indem man jedem der I' a r t n e r einen Teil gibt. So hat sich die Idee der Teilung, in der Literatur unter dein Namen „Kantonisierniig" schon seit langem vorbereitet, aufgedrängt. Die Alternative Die jüdische Haltung muß von der fundamentalen Tatsache ausgehen, daß die Juden, wie wiederholt feierlich erklärt wurde, die Araber Palästinas nicht verdrängen wollen. Demgemäß v.-;U eine Mil»i< n Aiai -r (gc;--'n ' i .n> ir!;a 400 000 Juden), die sich durch natürliches Wachstum vermehren, in Palästina bleiben, Da nun diese Araber weder verdrängt noch unterjocht werden sollen, da ferner der Grund« satz anerkannt wird, dal) keines der beiden Völker über das andere herrschen soll, ergibt sich von selbst, daß die Rechte an dem gemeinsamen Heimatland Palästina zwischen Juden und Arabern geteilt sind. Es fragt sich nun, wie eine solche „Teilung" aussehen kann. Wenn zwei Mensehen einen Sack Mehl oder ein Kilogramm Aepfel zu feilen haben, so ist dies relativ einfach: jeder be« kommt die halbe Menge. Der Gegenstand wird in Teile zerlegt. Schwieriger schon wird es, wenn es sich um einen Edelstein handelt, der — z.B. durch hrbgang - auf zwei Eigentümer übergeht. Hier ist eine Teilung nur durch Virkauf des Gegenstandes möglich, indem jeder Eigentümer die Hälfte des Erlöses erhält. Aehnlieh ist es bei einem Haus_, doch kann hier das Miteigentum auch bestellen bleiben, indem jeder der Miteigentümer einen Teil der Nutzung erhält und die Verfügung über den Gegenstand an die Zustimmung aller gebunden ist. Wenn wir diese privatrechtliehen Begriffe auf das Staatsrecht übertragen, dann liegt die Alternative klar zutage: entweder das gemeinsame Land wird in der Form des gerneinsamen Eigentums (Conriominium) verwaltet, oder aber — wenn dies aus triftigen Gründen, z. B. wegen der Unverträglichkeit der Partner, unmöglich erscheint — greift man zu dem Ausweg einer buchstäblichen Teilung, wie im Falle des Mehlsacks. Das Aktions-Comite wird also mit der allergrößten Verantwortung, ohne sich in wertlose Rhetorik verirren zu dürfen, gewissenhaft prüfen müssen, welchen v on dies e n b ei de n W c gen es f ü r den besseren hält. Wenn es gelingt, in elfter Stunde einen großangelegten, sachlich unterbauten Plan eines Condominiums für ganz Palästina mit weitgehender lokaler Autonomie der national geschlossenen Gebiete und mit einer entsprechenden, auf dem Gedanken der Parität aufgebauten Volksvertretung für das ganze Land zu entwerfen, wenn ein solcher Plan die vorbehaltlose Unterstützung der jüdischen Welt und vielleicht auch — unter dem Eindruck der drohenden Zerstückelung des Landes — die Zustimmung eines Teils der Araber finden könnte, dann wäre u. E. die Grundlage für eine neue entschiedene Politik gegenüber der Maniatarmacht sowie im weiteren Verlauf auch gegenüber dem Völkerbund und der in dieser Frage sehr wichtigen moralischen Weltöffentlichkeit gegeben. Ansätze zu solchen Konzeptionen bestanden schon früher, sie* wurden in der „Jüdischen Rundschau" wiederholt erörtert (zuletzt z.B. im Artikel von Dr. Bilcski in Nr. 57/1936); eine derartige Grundlinie hat auch Dr. Weizmann in seiner Kongreßrede von 1931, die zu seinem Sturz führte, vertreten. Wir verhehlen uns nicht, welche Schwierigkeiten eine solche Wendung machen würde. Die jüdische Oeffentlichkeit, z. B. die größten zionistischen Parteien Palästinas, sind darauf kaum vorbereitet. Auch hat sich die Beziehung zwischen Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.