Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 28 (9.4.1937)
- Date
- 1937-04-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 28, 9. IV. 1937 Die „Enge des Judentums" Friedens. Ohne Frieden wird die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims erschwert sein, aber auch die Entwicklung der arabischen Gemeinschaft wird gewaltige Rückschläge und Opfer erleiden. Es ist daher naheliegend, jeden auftauchenden Vorschlag auch unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, ob er den Frieden bringt. Der bisherige Eindruck ist In dieser Beziehung n i c Ii t ermutigend für die Kommission. Beide Völker sind nur in einem Punkte einig: in der Ablehnung der Vorschläge. Da aber beide sich hiermit begnügen, ohne gemeinsam eine andere Lösung vorzuschlagen, weil beide das Ganze wollen, so entsteht eine Situation, in der die englische Regierung sich darauf berufen kann, daß sie einen Machtspruch fällen muH. Der angebliche Vorschlag der Kommission ist ein „salomonisches Urteil" über das ehemalige Reich Salomos: nur sind diesmal beide Mütter subjektiv ehrlich überzeugt, die w ahrc Mutter zu sein. Ganz anders würden die Dinge liegen, wenn der Mandatarmacht ein Alternativ-Vorschlag vorgelegt würde in dem Sinne, daß unter der furchtbaren Bedrohung des das Kind zerschneidenden Schwertstreichs beide Völker sich bereit erklärten, lieber gemeinsam das ganze Land zu besitzen, als es in Stücke reißen zu lassen und dadurch unabsehbaren Komplikationen auszusetzen. Wird ein solcher Schritt, der, soweit wir sehen, allein eiti-e autoritäre Entscheidung Englands verhindern könnte, in letzter Minute noch erfolgen? Wer diese Frage unter Kenntnis aller Gegebenheiten aufwirft, muß zu einem pessimistischen Resultat kommen. Dennoch sind wir der Meinung, daß zumindest von jüdischer Seite versucht werden müßte, der Maudatarinaeht einen Alternativ-Vorschlag zu unterbreiten, der die Handhabe zu einer Lösung im Sinne der ü e m e i n s a m k e i t, also der „Teilung" Palästinas in der idealen Sphäre, aber nicht in der materiellen Sphäre, bieten konnte. Mit Proklamationen, wie sie jetzt in der leidenschaftlich enegten Atmosphäre Palästinas erfolgt sind, scheint uns wenig zu erreichen zu sein. Wenn eine gerade tagende jüdische Konferenz eine Resolution faßt, daß ganz Palästina jüdisches Land sei, oder wenn eine Zeitung erklärt, nur die Unfähigkeit des englischen politischen Denkens schaffe die Schwierigkeiten, dann sind das zwar erklärliche Oemütsreakliontn, aber keine Beitrage zu einer Lösung der wirklichen Probleme, und es be>tcht die Gefahr, dafi die M.indatarmacht dadurch immer mehr zu der Uebcrzeugung gedrängt wird, sie könne nur ohne Rücksicht auf die Wünsche der beteiligten Parteien eine Politik dekretieren und durchfuhren. Es ist ein entscheidender Moment, wie er seit dem Kriegsende noch nicht war — ein Moment, der allen jüdischen Repräsentanten und Wortführern die höchste Verantwortung auterlegt. Erste Stellungnahmen Der Leiter des politischen Departments der Jewish Agency, Mosche Schertok, der gegenwärtig in London weiit, hat sich zu der in mehreren Londoner Zeitungen erschienenen Meldung über den Plan der Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat in einer Erklärung geäußert. Schertok sagte zunächst, er wisse nicht, wieviel Wahres an der ganzen Geschichte sei. Er könne nur sein Erstaunen über die Annahme zum Ausdruck bringen, daß ein Plan, demzufolge die Juden als endgültigen Anteil an Palästina das erhalten sollen, was sie bereits besitzen, bei den Juden Zustimmung finden könnte oder daß sie sich damit zufrieden geben würden. Ein solcher Plan, erklärte Schertok, würde zweifellos heftiger bekä m p f t werden, als jede Gefahr, die bisher dem Jüdischen Nationalheim drohte. Bei einer Konferenz des palästinensischen Misrachi in Tel- Awiw hielt Ben Gurion eine Ansprache über die politische L.ige. Er erklärte, daß die Gerüchte 'über den Inhalt des Berichtes der Kgl. Kommission unbegründet seien; es sei unmöglich, mit Bestimmtheit zu wissen, ob die Kommission einen Plan der Kantonisierung Palästinas in Erwägung gezogen habe. Die arabische Presse mache die jutlen für eins Auftauchen dieses Planes verantwortlich. Tatsächlich seien die Juden gegen die Kantonisierung Transjordanieiis, die im Jahre l')21 in Vorschlag gebracht worden war, gewesen; um so weniger seien sie bereit, einer „Verse I l(bung der transjordanisciien Grenze nach dem Westen" zuzustimmen. In Tei-Awiw fand eine stark besuchte Pressekonferenz; statt, bei der tler Präsident des Keren Kajemeth, U s s i s c h - k i n, eine Rede hieit. Er gab seinem Zweifel über die Begründung der umlaufenden Gerüchte über die bevorstehende Teilung Palast in as Ausdruck, und erklärte, daß die Araber niemals ihre Zustimmung dazu geben würden. Obwohl die Zionistische Organisation noch keinen Beschluß in dieser Frage gefaßt hat, müsse er persönlich seinen energischen P r o t e s t gegen den Vorschlag einer Teilung des Landes ausdrücken. Die j ü <! i s e he Presse Palästinas nimmt gegen den Vor-chiag einer Aufteilung Palästinas Stellung. Die „P a 1 e s t i n e Post" erklärt, eine derartige Lösung wäre ein Schritt der \ er/weiilung „Haare z" meint, die Vorschläge, Palästina zu teilen, seien ein Zeichen der Unfähigkeit des britischen politischen Denkens. Die britischen Staatsmänner irren, wenn sie glauben, über die gegenwärtigen Schwierigkeiten dadurch hinwegkommen zu können, daß sie versuchen, den Zionismus für ein „Judenstaat" genanntes Spielzeug zu kaufen, das alles besitzt außer Boden. Der Zionismus sei nicht ein Symbol, sondern eine sehr ernste Sache, bei der es um die Existenz der Juden geht. Araber gegen Teilungspläne Auch die arabischen Zeitungen beschäftigen sich mit den Londoner Berichten. In den arabischen Kommentaren wird einmütig zum Ausdruck gebracht, daß die Araber in eine Kantonisierung Palästinas niemals einwilligen würden. Der Plan wird als ein von jüdischer Seite ausgehender Vorschlag bezeichnet, der bei einer kleinen englischen Gruppe Unterstützung findet. Anfragen int Unterhaus angekündigt In parlamentarischen Kreisen haben die Berichte über die geplante Teilung Palästinas lebhafte Besorgnisse erweckt. Man ist bestrebt, eine Befragung des Parlaments vor einer endgültigen Entscheidung über die zu treffenden Malinahmen herbeizuführen. Eür den 14. April haben die Abgeordneten M o r g a n und M a n d e r abermals Anfragen über den Zeitpunkt der Veröffentlichung des Kommissionsberichtes sowie darüber angemeldet, ob dem Haus die Gelegenheit geboten wird, den Bericht zu prüfen, bevor die Regierung ihre Entscheidung trifft. Vor kurzem (in Nr. 26) ist in der „Jüdischen Rundschau" ein diesem Thema gewidmeter Artikel veröffentlicht worden. Damit wurde die einzig richtige Taktik befolgt: unsere wunden Sitten nicht zu verbergen, sondern sie bloßzulegen. Denn jene Frage gehört zu den kritischsten, ja mit der Existenz des Judentums selbst verbundenen. Sie wurde auch schon von mancher Generation nicht als abstrakt, sondern als höchst vital empfunden; sie hat beispielsweise — um das klassische Beispiel anzuführen — die Bewegung der Haskai ah ausgelöst mit ihrer Sehnsucht nach Licht, nach Freiheit aus der Enge, mit Kämpfen und Verfolgungen, kurz, mit einer Realität (die wir aus gar manchen Tagebüchern und Erinnerungen kennen), der gegenüber die bekannte Losung jener Bewegung: „Die Weisheit (oder auch die Schönheit) Japhets in den Zelten Sems heimisch zu machen", fast wie eine schönfärberische und bloße Formel anmutet. Heute handelt es sich indessen nicht um historische Parallelen, sondern um höchst aktuelle Tatbestände unter den spezifischen Bedingungen der Gegenwart. Gemeint sind natürlich seelische Tatbestände, seelische Situationen vor allem in der heutigen Jugend, deren klagendes Leitmotiv, wie in jenem Artikel ausgeführt wurde, die „Enge des Judentums" ist, besonders bei denen, die von der „europäischen Kultur" herkommen und mit der Weite dieser Kultur das Judentum, so wie es ihnen heute sich präsentiert, vergleichen. Da ist nun aber notwendig, etwas näher zuzusehen, woher diese Enttäuschung kommt. Sie kann kommen und, nach den Belegen jenes Artikels, sie kommt auch erstens aus der Form, in der heute vielfach die Probleme des Judentums traktiert werden. Daß diese Form aufs engste mit der Sprache verbunden ist, dürfte sich ohne weiteres aus dem umstand ergeben, daß diese Kreise, ihrem eigenen Bekenntnis gemäß, von der „europäischen Kultur" herkommen, somit kaum die hebräische Sprache als ihre eigene nennen düifen, ihre Vorstellungen vom Judentum vielmehr fast ausschließlich aus deutschsprachigen jüdischen Büchern und — Ueutnatm Hoffmaw* Herren- und Demen-Ausatattungen Berlin SW, Friedrichstraße 50-51 last not least — aus der deutschsprachigen jüdischen Presse schöpfen. Dadurch wird aber einmal die Lockung eines Vergleichs mit gleichfalls deutschsprachigen großen Kulturwerken nahegelegt, bei dem dann sich leicht der Eindruck der „Enge" des Jüdischen einstellen mag. Noch wichtiger aber — das muß einmal gleichfalls mit aller Offenheit ausgesprochen werden — ist eine der Quellen dieser Enge-Empfindung. Die j üdischc Presse handelt ausschließlich vom Judentum _ und neben faktischen Mitteilungen aus aller Welt wird immer wieder in allgemeiner Form über das Judentum traktiert. Kann es bei diesem Tatbestande ausbleiben, daß, wie jene Ankläger mit Recht sagen, oft der Eindruck der Künstlichkeit oder talscher Sentimentalität entsteht? Ucbrigens kann der gleiche Vorwurf, wenn auch vielleicht in etwas geringerem Maße, auch der hebräischen Presse nicht ganz erspart werden. Auch hier finden sich Erörterungen über das Judentum, überhaupt über das Jüdische, in einem Maße, das schon deswegen getrost reduziert werden könnte, weil hier schon die Sprache selbst das Jüdische ist. Da könnten uns wirklich die Redaktoren der Bibel als Vorbild dienen, die eine ganze Reihe von Teilen mit aufgenommen haben — Salomos Sprüche, Lied der Lieder, Hiob —, bei denen nicht ein einziges Wörtchen vom Judentum handelt. Ich muß bekennen, — und meine pädagogischen Erfahrungen bestätigen es, daß auch manches unserer heutigen hebräischen Lesehefte viel zu viel ausschließlich jüdische Stoffe enthält und diese dadurch zu einer, geistig ebenso wie auf physiologischem Gebiete, bedenklich allzu häufigen Nahrung macht! Ist denn nicht viel mehr noch wichtig zu zeigen, daß die hebräische Sprache auch allgemein-menschliche Stoffe meistern kann, nicht nur, weil ihr linguistisch, sondern auch geistig eine Eignung, neben dem Volkseigenen, auch zum Universalen innewohnt? Gewährt uns B i a 1 i k s Uebersetzung Don Quichotes oder seine, keineswegs spezifisch jüdischen, Liebesgedichte weniger Genuß als seine anderen Schöpfungen? Hat ihn selbst nicht bei jenen Uebersetzungen das soeben angedeutete Motiv der Universalität geleitet? Der Eindruck der „Enge des Judentums" kommt aber nicht nur aus der Formfrage her, sondern auch offenbar, weil jene sich über die Enge beklagenden Kreise eine ein- Gegen den Hochschul-Terror Rede des polnischen Vize-Kultusministers Warschau, C. April. (JTA.) Der polnische Vizeminister für Kultus und Unterricht, Prof. Kornel Ujejski, ein ehemaliger Rektor der Universität Warschau, hielt im polnischen Rundfunk eine Rede, in der er die jüngsten Ausschreitungen an den Hochschulen aufs schärfste verurteilte und die Gründe auseinandersetzte, die die Regierung zur Auflösung der studentischen Organisationen in Warschau und Wilna bewogen haben. Der Vizeminister betonte, daß das Ueberfalien von Einzelnen durch ganze Gruppen aus dem Hinterhalt zu einer gewöhnlichen Erscheinung an polnischen Hochschulen geworden sei. Die Hochschulbehörden und Beamten würden durch Drohproklamationcn terrorisiert, Pedelle würden mißhandelt, weil sie ihre Pflicht erfüllen, und ein polnischer Student sei so zugerichtet worden, daß ihm der Verlust des Augenlichtes droht. Der bewußte Gebrauch der liüge sei ebenso wie die Verwendung von Stöcken, Stinkbomben, Tränengas und Schlagringen zu einem allgemeinen Kampfmittel geworden. Diejenigen, die diese Kampfmittel ersonnen haben, mögen sich nicht einreden, daß der „Heilige Krieg" gegen die Juden solche Methoden rechtfertige. Auch für den Kampf eines Volkes gegen das andere seien ritterliche Ehrbegriffe maßgebend. Keine Armee, die sich selbst schätzt, werde demjenigen den Ehrentitel zubilligen, der mit bewaffneter Hand einen Unbewaffneten abschlachtet. * Die Warschauer Technische Hochschule, die vor drei Wochen wegen judenfeindlicher Unruhen geschlossen werden mußte, und am Montag wieder eröffnet wurde, wurde am gleichen Tage geschlossen, weil in den Hörsälen Tränengasbomben geworfen wurden. Aut einer vom K a n a d i sc h - J ü d i s c h en Kongreß einberufenen Landeskonferenz der kanadischen Juden und des Verbandes polnischer Juden in Kanada wurde gegen die Behandlung der Juden in Polen Protest erhoben. Die Regierung von Albanien hat eine in V a I o n a gegründete jüdische Gemeinde als die erste jüdische Gemeinde öffentlichen Rechts anerkannt. seitige Vorstellung vom Judentum selbst haben. Ihnen stellt sich das Judentum anscheinend unter der Form eines engen Brauchtums, enger Dogmen oder unter der Form von Auslassungen jüdischer Presseorgane dar. Sie vergessen völlig auch die Weite des Judentums, jene Weite, die sich schon, wie erwähnt, in der Bibel selbst ausprägt, und die im Mittelalter die Juden befähigte zu Trägern der antiken (und späteren) Philosophie. Es gibt einen herrlichen und genialen Satz Darmsteters, daß im Mittelalter wohl gar mancher „Europäer" sich unter der Deckung der Nacht in ein Haus im Juden-Ghetto einschlich, um sich dort in philosophischer Unterhaltung zu erquicken. Jenen jugendlichen Anklägern ist offenbar der (allerdings sehr häufige) 'Irrtum unterlaufen, daß sie aus der großen Skala des Judentums irgend einen Ton herausgehört und vergessen haben, daß das Judentum im Verlauf seiner Jahrtausende umfassenden Entwicklung gar nicht anders konnte, als sich zu einem überaus umfassenden geistigen Organismus zu entwickeln, der neben und mit eigengesttzlichen Elementen universelle verband. Und wie steht es aber schließlich mit der „weiten europäischen Kultur" selbst heute? Ist nicht aus ihr heraus, bei allen seinen Uebertreibungcn, der „Untergang des Abendlandes" geboren worden? War nicht ein beträchtlicher Teil von ihr einer geistigen Zerfahrenheit anheimgefallen, durch die sich das Aufkommen neuer Bewegungen mit erklärt? Was ist aber nun das tatsächliche Ergebnis? Entscheidend ist das Bewußtsein s c h i c k s a I s m ä ß i g e r Verbundenheit mit der Judenheit. Habt ihr es, so seid ihr schon keine schlechten Juden. Findet ihr dann auch irgendeinen gefühlsmäßigen Anschluß an das Judentum, so tut ehrlich und nützlich jeder sein Werk und bewahret jenes Bewußtsein und Gefühl in einem tiefen Winkel eures Herzens, wenn auch unformulierbar, unaussprechlich, ja gerade unaussprechlich! Dr. Elias Hurwicz * Nachbemerkung: der Redaktion Es ist vielleicht die Bemerkung erlaubt, daß Dr. Hurwicz mit seinen Ausführungen den Spuren seines großen Vaters Sch. lsch Hurwicz folgt, der in einem berühmten Artikel seines hebräischen Sammelbuches „Heatid" (etwa 1912) in einer Polemik gegen Achad Haams „enge" Auffassung des Judentums die Forderung nach „Erweiterung der Grenze n" aufgestellt hat. Das Problem ist in der Tat insofern ein schwieriges, als die Westjuden und zum Teil auch die Ostjuden, die durch das Stadium der Aufklärung (und zugleich meist auch einer kulturellen Assimilation an die Umwelt) durchgegangen sind, im jüdischen Bezirk nur das „Jüdische" behandelten,während ihre — den weitaus größeren Teil ihres Daseins ausfüllenden — sonstigen geistigen und kulturellen Bedürfnisse in Verbindung mit dem Leben der Umwelt befriedigt wurden. Daher entsteht das Mißverhältnis, daß in demjenigen Teil des Lebens, den wir speziell als das „jüdische Leben" bezeichnen, immerfort vom „Jüdischen" die Rede ist, a I s o b dieses den ganzen Menschen ausfüllte. Der jüdischen Nationalbewegung war es aber immer als Ziel gesetzt, eine Gemeinschaft zu schaffen, die in ihrem Jüdischsein so selbstverständlich ist, daß sie darüber nicht mehr zu reden braucht, sondern ihre menschlichen, kulturellen und geistigen Interessen pflegt, deren Gestaltung durch die sprachliche (hebräische) Form und zugleich durch die soziologische Bedingtheit und religiöse Unterbauung „jüdisch" ist, so wie das Leben der englischen Gemeinschaft englisch oder das Leben der polnischen Gemeinschaft polnisch ist. In dem Zwitterdasein, das wir heute führen, ist die Anomalie einer übermäßigen Betonung des Jüdischen und dementsprechend einer gewissen, auf das spezifisch Jüdische beschränkten „Enge" des jüdischen Lebens wohl schwerlich zu vermeiden. Es kommt nur, um ein Wort von Buber zu variieren, darauf an, daß wir nicht die Sklaven, sondern die Herren dieser Enge sind. Der Schlußfolgerung von Dr. Hurwicz können wir freilich in dieser Allgemeinheit nicht zustimmen; In einer Zeit, in der die spezifisch-jüdischen Kenntnisse so vernachlässigt wurden und so viel nachzuholen ist, genügt das abstrakte „Bewußtsein der Schicksalsverbundenheit" nicht, vielmehr ist dies nur eine erste Stufe und bedarf der Fundierung durch die tatsächlichen Kenntnisse über jüdische Geschichte, Vergangenheit und Gegenwart und vor allem Eroberung der jüdischen (hebräischen) Sprache. An der Erwerbung dieser Kenntnisse, an der Aufdeckung und Vertiefung der Zusammenhänge und damit an dem Verständnis für das Wesen der jüdischen Lebensprobleme — auch über den jüdischen Bezirk hinaus —- mitzuwirken, betrachten wir als eine Hauptaufgabe der jüdischen Presse. R. W. Der Synagogenbrand in New York Unter der Beschuldigung, den Brand, durch den die Schaare Tefila-Synagoge in Nevv York vernichtet wurde, gelegt zu haben, ist der Synagogenwart Kindermann verhaftet worden. Er wurde von dem städtischen Richter vernommen. Da er erklärt hat, er habe aus einem „unkontrollierbaren Impuls heraus" gehandelt, wurde er zur Untersuchung einer Nervenklinik übergeben. Eine Metamorphose vorgeschlagen. Wir lesen in der „Rheinischen Landeszeitung" (Düsseldorf): „In Berlin lebt ein würdiger Musikforscher und verdienstvoller Lexikograph, Professor Wilhelm Altmann, der in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag feiert. In den Glückwunsch, den der alte Herr durch sein Lebenswerk redlich verdient hat, flechten wir nur die Bitte ein, in Zukunft keine Kulturpolitik mit umgekehrten Vorzeichen zu treiben. Denn anders ist sein Rezept, das er in einer Arbeit über ,Mit Unrecht zu wenig berücksichtigte oder gar vergessene Opern' der Oeffentlichkeit unterbreitet, nicht zu kennzeichnai. Er bedauert, daß der Oesterreicher Julius Bittner so wenig auf deutschen Bühnen berücksichtigt wird und schreibt dann: ,Daß neuerdings Bittners einaktiges deutsches Singspiel ,Das höllische Gold' nicht mehr gegeben wird, liegt unstreitig nur daran, daß darin die Figur eines edlen jungen Juden vorkommt, dem die Wuchergeschäfte seines Vaters ein Greuel sind; man brauche aus dem Juden nur einen nach Deutschland verschlagenen Armenier oder Griechen zu machen, um den Anstoß zu beheben.' Um die ganze Verstiegenheit dieses Vorschlages zu erkennen, so schließt die ,Rhcin. L.-Z.', braucht man sich nur die Folgen seiner Verwirklichung auf das politische Leben übertragen vorzustellen."; Hauptschriftleiter! Dr. Robert W e 11 s c h, Berlin - Charlottenburjj 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Locwtnilcin, Berlin W 15. Anzeigenleiter und verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Hermann Finn, Berlin W 15. Gültig Anzeigen Preisliste 5 vom 1. April 1936. Verlag und Anzeigenverwaltungs judische Rundschau, Berlin W15, Meinekestr. jlO. D.A. Mau 33 162. —• Druck: Siegfried Scholem, Bln.-Schönebcrg.