Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 27 (6.4.1937)
- Date
- 1937-04-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 ✓ Jahrgang 42 / Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSC Schilf tleltnng,V«rUz u. Aiualgaimrwajtangs BarUnW IS, Mein.kantr.lO r*numti S.mm.l-Nummer J1 (Bismarck) 9031. - Bei„g,prei, r:n,chHteiich Be«tellg«W je MoimI RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM IM biw. RM 5,39. — Porfachedt . Konten der Vertrieb» . Abteilung Berlin 71573 (für GroB- Berlin), Berlin 17392 (für du übrige Rtidi). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch oui Nachlieferung oder Erstattung etwa «chon jeiahlter B«BiK»««bühren. ~ Erichatnt jeden Dlenutag und Fr»lt«g, BERLIN t*2Tn id"o rvo DIENSTAG, 6. APRIL 1937 Gültigi AnzeigeiipreisUste Nr, 5. Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf,, für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmte!! Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewahr jjr leistet Gel^jj-enheita» «nzeigtsn nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto iirrlin 71618 oder bar Montagb i * F r e i t n g 9—18 Uhr. AnnnhmcschluÜ für dio Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die F r e i t a & - A u s % n b o Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tagvor Erscheinen 13 Uhr) Dar Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Fauzi Kaukji enthüllt Wie die Palästina-Unruhen organisiert wurden In der Londoner „Times" vom 1. April berichtet der Jerusalemer Korrespondent des Blattes von einem Artikel, den der aus den Unruhen bekannte Rebelienführcr Fauzi Kaukji in einer ägyptischen illustrierten Zeitschrift veröffentlicht hat und in dem er schildert, wie er da/u kam, den Aufstand zur Befreiung Palästinas zu organisieren. Kaukji (selbst ehemaliger türkischer Offizier des Weltkrieges — A. d. R.) erklärt zuerst, daß er eine geringe Meinung von der Kampffähigkeit der arabischen Soldaten, verglichen mit den Türken, hatte, bis er ihren Wert während der syrischen Revolte von 1925, an der er teilnahm, erkannte. Dadurch ermutigt, kam er zu der Ueberzcugung, daß es möglich war, das auseinandergerissene Syrien wieder zu vereinigen und Palästina vor den Juden zu retten. Demgemäß arbeitete er zwei Projekte aus, eines für Syrien und eines für Palästina. Kaukji fährt dann fort: „Ich kam im Juli 1934 nach Jerusalem, dort bemühten wir uns, eine große Versammlung abzuhalten, an der wir beide Projekte erörterten. Es wurde beschlossen, den Plan für die Befreiung Syriens in Anbetracht der besonderen Umstände in Angriff zu nehmen. Ich ging nach Bagdad und machte die notwendigen Vorbereitungen für die Unternehmung. Dann kehrte ich nach Jerusalem im April 1935 zurück und bereitete alles für die Befreiung Palästinas vor. Ich fuhr von Jerusalem nach Bagdad im vollen Vertrauen auf den Erfolg beider Projekte. Es war der 30. Tag des syrischen Streikes und so beschlossen wir, diese Gelegenheit zu ergreifen, um die Aktion zu beginnen. Aber bald kam der Streik zu einem Ende, da die Franzosen vorschlugen, das syrische Problem durch Verhandlungen zu lösen. Als die Verhandlungen begannen, hielten wir es für das beste, die Revolte aufzuschieben. Während wir noch auf die Ergebnisse warteten, hörten wir die Nachrichten über den Streik in Palästina und die damit zusammenhängenden Unruhen, welche täglich heftiger wurden. Dadurch wurden wir veranlaßt, das palästinensische Projekt in Angriff zu nehmen. In 20 Tagen waren wir imstande, genügende KrMfte zu organisieren, und zwar von Horns, Hama, Damaskus, Drusen aus dem Libanon, ferner aus Transjordanien und Irak. Wir statteten unsere Kräfte hinreichend mit Waffen und Munition aus und entwarfen genaue PIMne, welche Wege die einzelnen Gruppen einschlagen sollten, so daß wir uns an einem bestimmten Platz alle treffen. Wir begannen diesen Marsch mit Gottes Segen und gelangten gesichert an unseren Bestimmungsort. Eine neue Seite im Geschichtsbuch des arabischen Volkes, wie es sie seit den Omajaden nicht gegeben hat, war aufgeschlagen.'' Kaukji schließt seinen Artikel mit einem Appell für eine arabische Föderation und Einheit gegen alle Feinde, einschließlich der Türkei (siehe Alcxandrette). Der Berichterstatter der „Times" hebt hervor, der Artikel beweise, daß der Streik in Palästina unabhängig von den extremen Nationalisten begann, aber daß sie sich seiner nachher bedienten. Dieser Artikel Katikjis wirft ein eigentümliches Licht auf die Vorgänge des letzten Jahres. Fr zeigt deutlich, daß die Hauptmacht der arabischen Revolutionäre nicht Palästinenser waren, sondern eine Armee von F r e i s c h ä r - lern, die von Kaukji .organisiert a u s allen N a c h barländern nach Palästina gezogen waren. Demgegenüber erhebt sich nochmals in aller Eindringlichkeit die Frage, wieso die englische Regierung so etwas zulassen konnte. Das englische Intelligence Service (Geheimer Nachrichtendienst) muß doch von Vorgängen, die gemäß den Enthüllungen Katikjis so gewaltigen Umfang angenommen hatten, Kenntnis gehabt haben, und es wäre für eine europäische Militärmacht vom Range Englands, die auch über Flugzeuge verfügt, gewiß eine Kleinigkeit gewesen, den konzentrischen Marsch dieser irregulären Truppen nach Palästina und ihre Vereinigung zu einheitlicher strategischer Operation zu verhindern. Wäre dies geschehen, dann würde das ganze Palästina-Problem, das jetzt von der Königl. Kommission untersucht wurde, einen ganz anderen Aspekt haben. Wir wollen gewiß nicht behaupten, daß damit die politischen Schwierigkeiten beseitigt gewesen wären; aber die Haltung der Mandatarmacht, die ja zum Schluß den Rebellenführern auch noch einen ehrenvollen Abgang offen ließ, muß von den Terroristen als Ermutigung aufgefaßt werden. Daß Kaukji sich heute bereits offen seiner Taten rühmt und die Geheimnisse seiner Organisation aufdeckt, zeigt nur, daß er sich sicher fühlt, wie ja in der Tat in England eine Reihe nicht unwichtiger Stimmen der Bewunderung für diesen romantischen und gewiß persönlich mutigen Condottiere laut geworden sind. Araberführer bei Wauchope Der Mufti von Jerusalem und Auni Nashashibl wurden am 1. April vom High Commissioner empfangen, der sie unter Hinweis auf das bevorstehende Nebi Musa-Fest bat, dafür Sorge zu tragen, daß Ruhe und Ordnung bewahrt bleiben, was auch im Interesse der Araber liegt. Außerdem forderte der High Commissioner sie auf, eine Delegation zu wählen, die die Araber bei den Krönungsfeierlichkeiten in London repräsentieren soll. Ferner bat der High Commissioner die Araber um ihre gegenwärtige Stellungnahme zum Legislative Council. Die Araberführer versprachen, ihr möglichstes zu tun, um einen friedlichen Verlauf des Nebi Musa-Festes zu gewährleisten. Ueber die anderen vom High Commissioner zur Sprache gebrachten Punkte würden sie sich in den nächsten Tagen äußern. (Palcor.) Teilung Palästinas? Neue Mutmaßungen über den Peel-Bericht Der Londoner „Daily H e r a 1 d" veröffentlicht angebliche Informationen über die Vorschläge der Königl. Untersuchungskommission. Danach liegen der Kommission zwei Pläne vor, entweder die Schaffung zweier unabhängiger Staaten, eines selbstregierten jüdischen Gliedstaates innerhalb des britischen Weltreiches und eines unabhängigen arabischen Staates. Der andere Plan sehe die Teilung des Landes in autonome jüdische und arabische Kantone nach Schweizer Muster vor unter Beibehaltung der britischen Mandatsverwaltung. Nach dem ersten Schema würde den Juden die Küstenebene zugeteilt werden, in der sich die meisten jüdischen Siedlungen befinden und die für eine Million Juden Siedlungsraum bietet. Der arabische Staat würde ganz Palästina außerhalb dieses Gebietes umfassen und Transjordanien einschließen. Arabisch- Palästina würde dann wahrscheinlich unter die Oberhoheit des Emirs Abduliah von Transjordanien fallen, der damit zum arabischen König würde. Jerusalem und andere heilige Stätten würden eine besondere Behandlung erfordern, eventuell als eine Art britischen Mandats vom Völkerbund internationalisiert werden. Der strategisch und als Endstation der Mossul-Oelleitung besonders wichtige Hafen von Haifa würde ebenfalls „neutral" werden unter britischer Kontrolle. (Diese Mitteilungen dürften ebenso wie frühere Zeitungsmeldungcn über die zu erwartenden Vorschläge auf Gerüchten und Kombinationen beruhen. Vor allem ist die Angabe über den Umfang des „jüdischen Kantons" ungenau, da nach allen bisher in dieser Richtung lancierten Vorschlägen dieser nicht nur die Küstenebene — mit Ausschluß von Jaffa und Gaza —, sondern auch das Emek Jesrcel und die jüdischen Siedlungsgebiete in Galiläa umfassen soll. Wir kommen auf das Thema noch zurück. — Red.; Gemäß einem Telegramm aus Jerusalem teilt die Tageszeitung „Dawar" mit, in Jerusalemer politischen Kreisen habe «ich das Gerücht verbreitet, daß die Palästina-Regierung oder einer ihrer Vertreter der Kgl. Kommission eine, durchgreifende Aenderung der Einwanderungsregclung vorgeschlagen habe. Die Einteilung der Einwanderer in verschiedene Kategorien solle fortfallen. Statt dessen soll eine einheitliche Jahrcseinwanderungsquote eingeführt werden, innerhalb welcher die Einwanderer der verschiedenen Kategorien zu berücksichtigen sind. Durch die Einführung einer allgemeinen Jahresquote würden die Schwierigkeiten der Einwandcrungskontrolle für die Regierung fortfallen. Eine Beirut er arabische Zeitung hat die Gerüchte über angebliche Pläne zur Kantonisierung Palästinas um ein weiteres vermehrt, indem sie behauptet, daß gewisse arabische Kreise, angeblich im E i n v e r s t ä n d - nis mit den Zionisten, bemüht seien, die Einteilung Palästinas in zwei Kantone herbeizuführen. Die Zeitung behauptet, daß dieser Plan von Emir Abdullah unterstützt werde und auch Anhänger in einflußreichen englischen Kreisen habe. Weiter wird behauptet, daß auch der Mufti für diese Lösung eintrete und sie anläßlich seines Besuches in Mekka König Ihn Saud empfohlen habe. Der Berichterstatter des Blattes glaubt zu wissen, daß Emir Abdullah von Transjordanien während seines Londoner Aufenthaltes anläßlich der Krönungsfeierlichkeite i sich bemühen wird, die Londoner politischen Kreise für diesen Plan zu gewinnen. Jüdische Delegation beim König von Italien Rom, 4. April. (JTA.) König Viktor Enianuel hat den neuen Oberrabbincr von Rom, Prof. Davvid Prato, und den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde von Rom, Ing. Recanati, in besonderer Audienz empfangen. Im Verlauf der Audienz, die eine halbe Stunde dauerte, erkundigte sich der König bei Prof. Prato eingehend nach der Lage der Jüdischen Gemeinde von Rorrj und erörterte allgemeine Fragen, die die Organisation der jüdischen Gemeinden in Italien betreffen. Es wurden auch die Verhältnisse der Fallaschas in Abessinien besprochen. Besonders für dieses. Thema bekundete der König crolics Interesse. Nathan Birnbaum Wie aus dem Haag gemeldet wird, ist Nathan Birnbaum dort im Alter von 73 Jahren gestorben. Nathan Birnbaum tot! Der Fctierkopf, der eins*; stürmisch auf der Bühne des jüdischen Lebens agierte,: immer sich selbst ganz, und bis zum letzten für eine Idee einsetzend, immer mit größter Uneigennützigkeit• und Unbcdingtheit seiner IJcberzeuguiig folgend, und doch im Grunde ein großer Einsamer, auch wenn im verschiedenen Stadien seines Lebens sich ein treuer: Kreis von Freunden — fast konnte mau sagen „Jün-I gern" -- um ihn scharte.^ Wenn mau Birnbaum als Menschen charakterisieren' soll, so kann man sagen, dali bei all seiner Wandelbarkcit und bei all seinen vielen Wandlungen ihn doch eines vor allem; auszeichnete: Treue gc«i gen sich selbst. Er: war ein großer Non-Konformist, und es ist bezeichnend für unser Zeitalter, daß ein solcher: Mann schließlich bei derj Orthodoxie gelandet ist,, obwohl er auch dort in Religiosität ein nicht ins Foto: Archiv seiner Art und in seiner Parteileben passender Einzelgänger war. \ In Nathan Birnbaums Leben begegnen sich allediej gewaltigen Kräfte, die wir unter dem Namen „Jüdische! Renaissance" zusammenfassen und die in verschiedenen; Gestalten in den letzten fünfzig Jahren wirksam gewor-1 den sind. Er ist einer der Pioniere des jüdischen Nationalismus in Westeuropa. In der zweiten Hälfte des; 19. Jahrhunderts war Wien ein Zentruni, in dem sich Ost und West berührten, die ursprünglichen volkstümlichen Kräfte, die im Ostjudentum sich erhalten hatten, durch die Berührung mit dem westlichen Geist Europas eine neue Existenzform finden mußten. Schon die von Birnbaum gewählten Titel sind vielsagend: Seine Zeitschrift (seit 1803 in Wien) hieß „Selbstemanzipation",, 1S93 erschien „Die nationale Wiedergeburt", 18% „Die jüdische Moderne". Das war es, wonach die jüngere Generation jener Zeit strebte: die jüdische Moderne, ein „modernes" Judentum, ein Judentum, das seinen eigenen kulturelle^! Ausdruck entsprechend dem Geist der modernen Wef^ findet. Schon 1883, nach dein großen russischen l'ojjffom und nach dem Erscheinen von Pinskers „Atitoe'manzipation", hat der junge Birnbaum zusammen mit Perez Smolenski und anderen den ersten Wiener Studentenvereiu gegründet, die „Kaclimah". Kurz darauf — auch das schon charakteristisch für den künftigen Birnbaum — trennte er sich von ihr, weil sie sich in eine farbentragende Studentenverbindung verwandelte, eirle Form, die Birnbaum ablehnte. Lange vor dem Auftreten Herzls war er ein leidenschaftlicher Propagandist des Zionismus. Das Wort „Zionismus" stammt von ihm, und auch eine jüdische Staatsidee ist bei ihm schon 1893 vorhanden. Auf dem ersten Zionistenkongreß hielt er das Kulturreferat, aber dann wendet er sich von der Zionistischen Organisation ab, weil ihm Herzls Methoden (das „Diplomatisieren") nicht zusagen. Immer geht er seine eigenen Wege; wenn die anderen ihn eingeholt haben, ist er selbst schon anderswo, und in tiefer Selbsterkenntnis gibt er sich das Pseudonym „Mathias Acher", der Schriftstellername, unter dem er nicht nur in der jüdischen und zionistischen Publizistik hervortrat, sondern auch um die Jahrhundertwende' in allgemeinen Zeitschriften sich zu kulturellen Proble-> men äußerte. Ucberzeugt von der Notwendigkeit einer organischen Entwicklung der wirklich vorhandenen. Volkskräfte, empfand er den Zionismus Herzls als kirnst-* lieh und äußerlich; auch vermochte er den Primat des Palästina-Gedankens gegenüber dem wirklichen Volksleben nicht anzuerkennen. Er warf der zionistischen Bewegung vor, daß sie, in ihrem organisatorischen Eigenleben und in doktrinären Ideologien befangen, sich um das wirkliche Volk nicht kümmert und die Volkskräfte verkümmern läßt. Um diese zu entwickeln, müsse man sich mit dem Volksleben, wie es nun einmal ist, d. h. mit dem Leben der Massen in der Diaspora, identifizieren und. ihre eigenarticeu Werte anerkennen,'