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Jüdische Rundschau · 1937-04-01 · Heft 26 (1.4.1937) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 26 (1.4.1937)
Date
1937-04-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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-3 4 1937 Nr. 26 / Jahrgang 42 Preis 25 Rpf JUDISCHE RONDSCHA gdulftlaltnng.Varlag u. AnEelgravarwalttugi Berlin W15, M«loak«slr,10 Wturmtt Sunul-Nnuur Jl (Bismarek) 903t. — Bezugspreis einschließlich Bestellgeld r» Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholunjr RM 1,88 bi-w. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertrieb» - Abteilung Berlin 71573 (für Grofi" Berlirs), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon %*m\i]\vr Bemgsiebühren. — Encholnt Jaden Dlamtag und Freitag. BERLIN fam 10^3 'D DONNERSTAG, 1. APRIL 1937 GQltlfft AnzefgenpreislUto Nr. 5. Die 12 ^spalten* mm-'/rile 20 Rpf., für Fsmtlien - Nachrichten 15 Rpf. Für di« Aufnahme von Anreisen in bestimmten Ausgraben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewahr gleistet. Gelegen'.eitsao zeigen nur jf«gcn Voraustahlunjj auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Monta? bis Kreit«? 9—18 Uhr. ArsnahmencMuß für die Dienst«? - Aun?abe Monta? 10 Uhr, für die Freitag- - Aushübe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Ta? vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Helmstatte In Palästina. (Baseler Programm) Vom Council for German Jewry 500000 £ Budget - 171000 £ für Palästina Der Council for German Jewry hat, wie mitgeteilt wird, am 22. März und an den folgenden Tagen Beratungen abgehalten, denen zwanglose Besprechungen in tlcr Vorwoche vorangegangen waren. Den Vorsitz führte Sir Herbert Samuel. Neben den Vertretern der englisch-jüdischen Organisationen, die dem Council angeschlossen sind, nahmen an den Beratungen auch Delegierte der amerikanischen Judenhcit teil, und zwar der Vorsitzende der amerikanischen Sektion des Council, Felix M. War bürg, die Herren Dr. Bernhard Kahn, David J. Schweitzer und Nathan K a t z vom American Jewish Distribution Committcc, Dr. Maurice J. Kar p f, der Exekutivedirektor des Verbandes zur Förderung der jüdischen philanthropischen Vereinigungen von New York, Dr. S. L ö w e n s t e i n, und George Bake r. Die Zionistische Organisation war durch Dr. W e i z m a n n und eine Reihe führender englischer Zionisten sowie die Leiter der „Deutschen Abteilung" der Jewish Agency" vertreten. Der Council hat für das nächste Jahr ein Budget von 500 000 Pfund angenommen. Es wird gedeckt aus Mitteln, die der Council im Britischen Reich aufgebracht hat, aus Zuwendungen des Joint in Höhe von 220 000 Pfund und des United Palestinc Appeal in Höhe von 40 000 Pfund sowie aus Mitteln, die auf dem europäischen Kontinent für Ansiedlung von Juden aus Deutschland in Palästina aufgebracht worden sind. Von dem Gesamtbudget sind 171 000 Pfund für die Arbeit der „Deutschen Abteilung der Jewish Agency" bestimmt, die sich mit der Ansiedlung von Juden aus Deutschland in Palästina befaßt; die Ausgaben für die Auswanderung nach Palästina sind in diesem Betrag inbegriffen. Für Hilfeleistung an aus Deutschland stammende Juden in Großbritannien, in den Vereinigten Staaten und in verschiedenen europaischen Ländern sind 145 000 [Mund vorgesehen. 128 000 Pfund sind für die Arbeit der Organisationen bestimmt, die sich in Deutschland mit Berufsumschichtung und -ausbikiung von Auswanderungsanwärtern befassen. Der Council hat ferner 40 000 Pfund für die Arbeit der Hicem auf dem Gebiet der Auswanderung und Ansiedlung in Uebersee bewilligt. A.-C-Sitzung in Jerusalem Die Beratungen der Exekutive in London Die Exekutive der Jewish Agcncy hat am 24. und 25. März in London Sitzungen abgehalten, an denen auch der Präsident der Jewish Agcncy, Dr. Chaiin Weizmann, und der Ehrenvorsitzende der amerikanischen Sektion der Jewish Agency, Felix M. W a r b u r g, teilnahmen. Die Beratungen waren am ersten Tage fast ausschließlich Inneren Angelegenheiten und insbesondere dem Vorschlag gewidmet, das Administrative Conimittce der Jewish'Agcncy im April einzuberufen. Von den Mitgliedern der Exekutive waren bei der Sitzung der Leiter des politischen Departments, Mosche Schertok, Dr. M. J. Karpf, Dr. M. B. Hext er, der Schatzmeister Elieser Kaplan und der Leiter des Einwanderungsdepartments, Dr. Werner Senator, anwesend. Außerdem wohnten den Beratungen I>r. S. Löwenstein und George Baker, zwei Führer der amerikanischen Nichtzionisten, bei. Am folgenden Tag kam man zu dem Beschluß, von der für den nächsten Monat geplanten Sitzung des Administrative Committee der Jewish Agency abzusehen. Man kam Cberein, nach dem Muster des sogenannten „Kleinen Aktions- Comites" in Palästina ein „Kleines Administrative Committee" einzusetzen, das sich mit den Hauptproblemen der jüdischen Palästinapolitik zu befassen haben wird. Wer dieser Körperschaft angehören wird, steht noch nicht fest, doch wird der Grundsatz der Parität zwischen Zionisten und Nichtzionisten gewahrt werden. Die Zionistische Exekutive hat beschlossen, das AkHons-Comitd nicht, wie vor kurzem angekündigt, am 13. April in London, sondern am 20. April in Jerusalem zusammentreten zu lassen. Der Peel-Bericht Mutmaßungen über seine Vorschläge Der politische Mitarbeiter der zu dem Rothermere-Konzern gehörenden Londoner „S u n d a y Dcspatch" erklärt, in der Lage zu sein, die Grundzüge der Vorschläge mitzuteilen, die die K g I. Kommission in ihrem Bericht machen wird. Es herrsche in der Kommission Einmütigkeit darüber, daß die Einwanderung nach Palästina auf der Basis einer annähernd festgesetzten Jahresquote geregelt werden soll. Das Prinzip der Abhängigkeit der Einwanderung von der Aufnahmefähigkeit des Landes soll aufgegeben werden und die festzusetzende Einwanderungsqtiote Personen sämtlicher Einwanderungskategorien umfassen. Ferner soll ein Legislative Council eingesetzt werden, der größere Vollmachten besitzen soll, als sie High Commissioner Sir Arthur Wauchope im November 1!>35 vorgesehen hatte. Weiter ist beabsichtigt, die unmittelbare britische Regicrungsgcwalt zu stärken und die Abhängigkeit vom Völkerbund zu verringern. Der Verfasser glaubt, daß der Vorsitzende der Kgl. Kommission, Lord Peel, für eine Einteilung Palästinas in geographische Bezirke oder Kantone mit verschiedenen gesetzgebenden Körperschaften eintritt. Diese Meinung wird jedoch nicht von sämtlichen Mitgliedern der Koirmission geteilt. _ Ein Antrag der nationaldemokratischen Fraktion im Stadtrat von Lodz, in dem die Entlassung aller jüdischen städtischen Beamten sowie die Nichtvcrgebung städtischer Aufträge an jüdische Lieferanten gefordert worden war, ist von der Stadtverwaltung mit dem Hinweis abgelehnt worden, daß für solche Maßnahmen kein sachlicher Grund vorhanden sei. Zum ersten April Der 1. April kann für die Juden in Deutschland nicht Vorübergehen ohne ein Gedenken an den Tag vor vier Jahren, der sich in ihrem Bewußtsein tief eingegraben hat. Es ist ein bedeutsames Datum in der Geschichte der Judenheit Deutschlands und wohl auch des ganzen jüdischen Volkes. Am 1. April war es, daß den Juden in Deutschland — und Unter ihnen vielen Tausenden, die sich selbst niemals recht als Juden gefühlt hatten, und in der Oeffentlichkeit am liebsten von allem Jüdischen abrückten — der Stempel ihres Judeseins in unmißverständlicher Weise von außen aufgedrückt wurde. Bis dahin galt es unter Juden vielfach als vornehm, nicht als Jude aufzutreten, und man wurde nicht gern an die „arme Verwandtschaft aus der Judengasse" «rinnert. In den aufwühlenden Ereignissen einer stürmischen Zeit hat sich auch auf diesem Gebiete — wie auf so vielen anderen Gebieten — ein Umbruch vollzogen. Das Erwachen eines jüdischen Bewußtseins aus der tiefen Erschütterung jener Vorgänge war, jüdisch gesehen, eine der großen positiven Konsequenzen einer Umstellung, die für die Juden ünbestrittenermaßen sehr viele leidvolle Verzichte mit sich brachte. Die Ausglicderung der Juden aus dem deutschen Leben hätte, so paradox dies klingt, wahrscheinlich bei den Juden nicht diese spontane jüdische Selbstenfdeckung bewirkt, wenn nicht das dramatische Ereignis des I. April Vorausgegangen wäre. Aus der Erkenntnis, daß kein Jude auf die Dauer sein Judesein ungestraft verstecken kann und aus der in tiefen seelischen Erschütterungen gereiften lieberlegung, daß J u d es e i n nichts Minderwertiges bedeutet, erwuchs ein neuer Stolz, ein Selbstbewußtsein des seiner Vergangenheit cingedenken jüdischen Menschen. Die ältere Generation fand blitzartig vielfach den Anschluß an jenen Teil der jüdischen Jugend, der schon früher sich als innerlich freie, aufrechte Juden gefühlt und das Banner des jüdischen Stolzes hochgehalten hatte. In jenen Stunden des 1. April 1933 haben die Juden in Deutschland vielleicht .zum ersten Male seit einem Jahrhundert ihrer Geschichte ein Volksgefühl empfunden, weil sie ein Volksschicksal erlebten: ein Schicksal, dem jeder Einzelne verhaftet ist, unabhängig von seinen persönlichen Verdiensten oder Neigungen, unabhängig von Bildung und Gesinnung, nur beherrscht von der Kraft der Zugehörigkeit zu dieser G e m e i n s c Ii a f t. Diese neue Erkenntnis befähigte die Juden auch, ihr eigenes Leben im Rahmen der jüdischen Geschichte zu sehen, und daher das Geschehen zwar mit innerer Erregimg, aber ohne Ressentiment und ohne würdeloses Jammern aufzunehmen. Nicht für Klagen und Anklagen, so verstanden die meisten, war die Zeit gekommen, sondern für eine neue Konfrontation mit den für uns ewigen Fragen des Judentunis und Menschentums und ihrer Bewährung. Viele meinten, daß aus dem Erlebnis des 1. April auch die Frucht einer echten schöpferischen Leistung entstehen könne; dies war irrig, weil nicht aus dem Erleiden allein ein neuer Keim geistigen oder sozialen Werdens hervorspriellen kann. Die positiven, aktiven und gestaltenden jüdischen Kräfte aber waren zu schwach geworden, um uns zu tragen. Zwar haben viele aus dem gewaltigen Umsturz ihrer Lebensgriuidlagen die Konsequenz gezogen und sich in die Bewegung eingefügt, die der Gestaltung einer eigenständigen jüdischen Volkszukunft dient. Aber manche Kräfte, die damals zu erwachen schienen, sind inzwischen wieder erlahmt. Immerhin wurde vieles geschaffen, es wächst auch manches in den Herzen. Die Hauptsache ist, zu wollen. Wir müssen auch der eigenen Uiivollkonimenhcit offen ins Auge sehen. Ein Prozeß wie die Entwicklung des Judentums geht nicht in plötzlichen Zuckungen vor sich, sondern in einem mühevollen, beständigen Aufbau, der vor allem eines fordert: „freuer Dienste tägliche Bewahrung". So ist uns der 1. April ein Anlaß, auf die vier Jahre der neuen Epoche des jüdischen Daseins zurückzublicken und uns zu besinnen, wieviel, seitdem durch das gemeinsame Schicksal große jüdische Massen zum jüdischen Volkstum hingedrängt wurden, an jüdischer Volksarbeit noch zu leisten ist. „Enge des Judentums" Kritische Einwände der Jungen Die Möglichkeit zu Ruhe, Aussprache und Nachdenken, die die Feiertage bieten, stärkt die Besinnung auf all das, was wir uns erworben haben, läßt uns in gewisser Hinsicht die Freude am jüdischen Besitz, den wir unser eigen nennen, stärker empfinden, wie sie auf der anderen Seite unser kritisches (iefühl für die Besonderheiten und die Mangel unserer jüdischen Existenz wacher werden lallt. Wenn man heute mit j u n g e n M e n seh e ti spricht, die neu in die Sphäre des jüdischen Lebens eingetreten sind, und auch mit anderen, die den Jahre» nach nicht mehr ganz zur Jugend gehören, deren Geist aber nicht weniger wach ist und die sich den Zugang zum jüdischen Bezirk zu erkämpfen suchen, so stobt man gelegentlich — und nicht bei den schlechtesten -■• auf eine Kritik, die sehr scharf ist und beinahe nach Verneinung aussieht. Iis sind Menschen, denen die Sphäre des U e s c 11 s c h a f 11 i c h - P o 1 i t i s c Ii e n nicht genügt, die einen grüßen Teil des jüdischen Lebens umfaßt. In der Tat ist ja ein wesentlicher Teil des jüdischen Lebens und auch, des jüdischen geistigen Strebens mit dieser Sphäre aufs engste verknüpft. Der Typ des Funktionärs — ob er mm beamtet ist oder nicht, spielt dabei eine geringe Rolle — wird in erster Linie durch eine bestimmte Gesinnung gekennzeichnet, die er im jüdischen Leben verwirklichen will, und es kann nicht geleugnet werden, daß zu ihrer Unterbauiing ein erhebliches Maß an jüdischem Wissen notwendig ist, das aber doch sehr stark mit den Bedürfnissen der Tagesarbeit verbunden bleibt. Niemand kann es geben, der die Bedeutung dieser Arbeit und auch ihrer bildurigsmäßigen Grundlage nicht anerkennen würde, gilt es doch, mit ihrer Hilfe ganz neue äußere Lebensgrundlagcn für uns zu schaffen; trotzdem besteht die Tatsache, daß nicht alle Menschen von dieser Aufgabe befriedigt werden können, daß es eine gewisse Zahl — und unter ihnen besonders nachdenkliche und geistig bewegliche — gibt, die eine tiefere, weitere Form des geistigen Lebens im Judentum erstreben. Gerade aus solchen Kreisen hört man die Kritik, daß ihnen die geistigen Bezirke des Jüdischen verhältnismäßig wenig geben. Man formuliert dies so, daß man sagt, der Umkreis der jüdischen Geistigkeit sei eng, ja er sei langweilig; es seien Gebiete des Wissens und Denkens, die sich nicht mit den weiten Gefilden des europäischen Geisteslebens messen könnten, aus denen man herkomme, und sie könnten daher nicht im entferntesten einen Eisatz. für das bieten, was man im Wechsel der Zeitläufte verloren hat. Vielleicht liegt dieser Kritik eine Tatsache zugrunde; Wir leben mehr oder weniger in einer Forin des säkularisierten Judentums, und wie alle Lebensinhalte, die vor verhältnismäßig kurzer Zeit einem durchgreifenden Wandel ihrer Form unterzogen worden sind, so ist auch das jüdische Geistesleben noch in seinen tieferen Schichten nicht weniger wie in den Oberflächenformationen, in denen es sich unserem geistigen Auge präsentiert, von einer Patina seiner früheren Existenz überdeckt und durchsetzt, die in der Tat einer dem Jüdischen entfremdeten Generation den Zugang erschwert. Die Kritik richtet sich z. B. gegen die Sprache, in der vieles im jüdischen Kreis dargeboten wird, was in Büchern, Zeitschriften und Vorträgen publiziert ist Man sagt, daß auch einfache Tatbestande dadurch verdunkelt werden, daß die Sprache sich geschwollen gibt, und daß eine Art „Metaphysik der Darstellung" dort Platz zu greifen pflegt, wo es sich um mehr oder weniger einfache Dinge dieser Welt handelt, denen eine durchaus physisch - klare Sprache angemessen wäre. Ueber diese mehr äußerliche Tatsache hinaus greifen weitere Einwände, die mit der Sache seihst viel mehr zu tun haben. Man ist unangenehm berührt von einer Art der Sentimentalität, mit der Dinge der Vergangenheit — und nicht nur diese, sondern auch manches aus unserer Gegenwart — behandelt werden. Vergessen wir doch nicht, wie wenig sentimental die heutige junge Generation ist, wie sie hart auf hart den Dingen des Lebens gegenübersteht — und es wird uns klar sein, daß ein Loblied auf die „gute alte Zeit" und auf die Behaglichkeiten ihres Daseins, auch wenn in ihnen hohe ethische und kulturelle Werte lebten, nicht gern aufgenommen wird. Diese Sentimentalität ist gewiß verständlich. Uns erscheint ja die Vergangenheit in einer Zeit, wie wir sie erleben, sehr leicht im Schimmer sanfter Abendbeleuchtung, selbst dann, wenn jene, die einst Zeitgenossen waren, unter den Sorgen ihres Tages vielleicht nicht weniger litten als wir. Dazu aber kommt,

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