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Jüdische Rundschau · 1937-03-26 · Heft 24-25 (26.3.1937) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 24-25 (26.3.1937)
Date
1937-03-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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-i. U937 Rr. 24/25 / Jahrgang 42 Preis 25 Rpf. JUDISCHE RUNDSCHAU SdirütleitiuigiVerlaK n. Anzelgenverwaltangi Berlin W15, Melnekeatr.lO Fernruf' Semmel - Nummer JJ (BUmarck) 9031. — Beiustspreij einschlieBlich Bestellgeld i« Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM i,.Vi biw. RM 539. — Postscheck - Konten der Vertrieb» - Abteilung Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (für da» übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter BwBSwrfhühren. — F.racheint jeden Dienstag und Freitag. BERLIN Vinn nDD FREITAG, 26. MÄRZ 1937 Gültig! Anzeigenpreisliate Nr. 5. Die 12 jrespnltcne mm - Zeile 20 Rpf, für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anreisen in bestimmten Aussahen oder an bestimmten Plätten wird keine Gewähr geleistet Gnle^enheitsanrei(;en aur (regen Vorausrahltin({ «uf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montajr bis Freitag 9—18 Uhr. AnnahmeschluB für die Dienstag - Antrabe Montag 10 Uhr, für die Freita; -Aussähe Mittwoch 13 Uhr. (Für FnmtPrn Anreisen »m Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich ,gesicherten Helmstatte in Palästina. (Baseler Programm) Gläubiges Schweigen Betrachtungen zum Peßachfest 5697 Die Festtage des Frühlings sind ein ebenso tiefer Einschnitt im jüdischen Jahr wie die Festtage des Herbstes, die mit Rosch Haschanah, dem Neujahrstage, beginnen. Es ist kein Zufall, daß der Nissan als der erste Monat des jüdischen „bürgerlichen" Jahres gilt, so daH wir eigentlich auch jetzt ein neues Jahr beginnen. Wer je um diese Zeit im jüdischen „Städtel" des Ostens war, weiß, wie gründlich dort auch äußerlich das Haus für einen neuen Jahresabschnitt eingerichtet wird. Jedenfalls sind lebensmäßig diese beiden Gezeiten im Ablauf der Tage deutliche, wirklich empfundene Zäsuren, Stationen des Lebens, an denen man einen kurzen Halt macht, Rückschau und Vorschau hält, Kräfte sammelt. In unserer Zeit gibt es nichts Wichtigeres und Wesentlicheres als diesen Prozeß des Kräftesaminelns, des Atemholens, der wie eine innere Verwandlung ist, wie ein Bad des Geistes, aus dem wir gestärkt hervorgehen. In Schule und Haus, in Beruf und Arbeit pflegen wir das Jahr in diese zwei Perioden zu teilen, die im Herbst und im Frühling beginnen, an jedem Anfang füllen wir uns an mit guten Vorsätzen und Plänen. Vorwärts, nicht rückwärts schauen ist die Losung! Nicht klagen, nicht immer wieder uns unsere schon hinlänglich bekannten Sorgen erzählen, sondern schweigen und handeln. Nicht rückwärts schauen? Ist doch gerade dieses Fest ein Fest der „Erzählung" („Haggadah") von Gewesenem, so wie am Anfang des Herbstabschnittes der Tag des „Gedenkens" („Jörn hasikaron") steht. Kein Volk und kein Mensch kann die Zukunft meistern, ohne die Vergangenheit verstanden zu haben, denn durch alles zieht sich der rote Faden eines ewigen Sinns. Wir Juden des Westens — und das gilt heute auch für viele Juden des Ostens —- haben die Unmittelbarkeit des Zusammenhanges mit der jüdischen Lebenstradition und der Lebensform der Jahrhunderte verlassen, nur sehr wenig davon ist erhalten geblieben. Auch die jüdischen Feste werden von den meisten Westjuden gar nicht oder nur noch oberflächlich gefeiert. In den letzten Jahren mag sich da einiges (besonders in Deutschland) gebessert haben, aber eine Rückkehr zu einmal Gewesenem ist es nicht und — kann es nicht sein. Viele Juden haben versucht, sich dem Jüdischen wieder zu nähern, sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und den Zukunftshoffiiungen des jüdischen Volkes bekannt zu machen, in der ietzten Zeit ist vielfach darüber geklagt worden, dal! diese Umkehr nur vorübergehend und nicht genügend gründlich war. Man zieht das Fazit dieser vier Jahre und meint, es sei eine Ernüchterung und Enttäuschung zu bemerken, die Menschen wenden sich vom Judentum wieder ab; das zeige sich besonders darin, daß die Versammlungen und Vorträge nicht mehr so stark besucht werden. Diese negative Bewertung schießt wahrscheinlich ebenso weit über das Ziel hinaus wie die übertriebene Erwartung, die manche 1933 auf das durch das Erlebnis jüdischen Schicksals, zum Teil aber auch nur durch äußeren Zwang bewirkte Interesse für das Judentum setzten. Beides wird dem wirklichen Sachverhalt rieht gerecht, nämlich der Erkenntnis, daß das Schwergewicht unserer Lebcnsprobleme auf einer anderen Ebene liegt und sie zum Teil gar nicht willcnsmäßig zu beeinflussen sind. Denn die Wurzeln des geistigen und seelischen Seins von Menschen können nicht einfach nach Belieben ausgetauscht werden. Gewiß sind manche Leute unverbesserlich, viele wollen aus Bequemlichkeit die Wirklichkeit nicht sehen und ihre Pflicht nicht tun, wieder andere hängen Illusionen nach; aber es bleibt die große Masse derer, die einen Weg suchen und nicht finden, die eine tiefe, noch nicht geheilte Wunde im Herzen tragen und keinen Balsam erhalten, gerade die, die ehrlich sind und sich nichts vormachen wollen, und gegen solche in tiefen Schichten des Seins verwurzelte Widerstände sind Ermahnung und Ueberredungskünste machtlos. Vielleicht war die liebende Bemühung um sie nicht stark genug; Max Brod hat vor etwa zwanzig Jahren, noch unter ganz anderen Verhältnissen, seine „Elegie an die abgefallenen Juden" gedichtet mit dem Kehrreim: „Weh mir, ich hab euch nicht genug geliebt!" Nur liebende Kraft kann wahrhaft erlösen und suchenden Menschen Wege weisen. Und noch eins müssen wir bedenken: vielleicht hat das Jüdische, das den Menschen, die es nicht mehr besitzen, neu entgegentritt, nicht genügend werbende Kraft, weil das Judentum seine neue Form aus dem Geiste dieser stürmenden und brodelnden Zeit noch nicht gefunden hat, weil es noch nicht als eine Realität dasteht, die die wankenden Menschen überwältigt und stützt. Wahrlich, das ist keine Rechtfertigung der Säumigen und Lässigen, denn es ist deine Sache wie meine, ihre wie unsere, an den Geburtswehen dieser neuen erhofften Synthese Anteil zu haben, und wer sich ausschließt, hat kein Recht, Ansprüche zu stellen. Wir verurteilen nicht, und wir rechtfertigen nicht; wir wollen nur helfen, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Wir feiern ein Fest des Erzählens. Manchmal sind wir des Redens müde. Wenn wir in uns hinein horchen, spüren wir ein neues Werden? Die Verfasser der Haggadah in ihrer Weisheit wußten, daß nichts so gefährlich oder tötend ist wie die Routine. Das Judentum Weizmannn und Schertok bei Ormsby-Gore London, 23. Mär«. <JTA.) Def Präsident der Jevvlsn Agency und - der ■ Zionistischen Organisation, Dr. Chaim W e i z m a n n, und der Leiter des politischen Departments der Exekutive der Jewish Agency, Mosche Schertok, haben im Colbnial Office eine längere Unterredung mit dem Kolonienminisfer Ö r m s'b y - G o r e gehabt. Es wurden die aktuellen Palästinafragen, insbesondere die Frage der öffentlichen Sicherheit, erörtert. ist schon einmal .durch Veräußerlichung und seelenlose Formenübung innerlich erstarrt und morsch geworden, eine Beute der Stürme, die von auswärts kamen. An mehreren Stellen appelliert die Haggadah an das personliche Erlebnis des Feiernden; so in dem oft zitierten Satz, daß jeder so sehen solle, als ob er selbst aus Aegypten gezogen wäre. Wir sitzen nicht und erzählen Vergangenes, solidem u Ii s geschieht etwas. Und dessen seien wir stets eingedenk! Das ist wie eine Warnung vor <\cr Schablone, vor dem Ueberwuchein des Betriebs. Und dieser Feind liegt überall im Hinterhalt! Daß die Juden Deutschlands nach 1933 allerlei Büros und Komitees organisiert haben, war wichtig und nützlich, denn sie hatten eine Fülle praktischer Arbeit ungewohnter Art zu leisten, aber diese (unentbehrlichen) dienenden Funktionen dürfen nicht mit den entscheidenden Aufgaben geistigen Fülirertiiius verwechselt «erden. Worauf es ankommt, ist die schöpferische Tat, die die Kräfte der Erneuerung weckt und reifen läßt. An solchem Wirken sind wir arm, sehr arm. In der Welt des Geistes gibt es kein Mogeln (der Satz stammt, glaube ich, von Kierkegaard). Das Judentum hat immer nur von innen her gelebt, und so wird es auch in Zukunft sein. Das jüdische „Leben" erschöpft sich bei uns häufig in Debatten über Fragen des Alltags. Wir beurteilen die Situationen aus den Gegebenheiten des Bruchteils eines geschichtlichen Augenblicks; wir berufen uns auf das Tatsächliche und sind dann dessen Gefangene auch dort, wo es uns offensichtlich widerspricht. Jüdische Menschen und Bewegungen stehen heute in harten Kämpfen, besonders schwer und schmerzlich ist das junge Jüdische Nationalheim in Palästina uinbrandct. Entwicklungen, die jeder, der die Dinge kennt und ohne Scheuklappen beobachtet hat, kommen sehen mußte, sind für neuliin/ugckommene, mit den wirklichen Verhältnissen gar nicht vertraute Menschen eine ebenso peinliche Ueberraschung wie für alle die, welche Tatsachen durch Ignorieren beseitigen wollen. Die Lage in bezug auf Palästina ist heute eine ganz andere als im Jahre 1931, wo viele Menschen, durch eine lockende Konjunktur geblen- Wecen der Feiertage erscheint die nächste Ausgabe Nr. 26 am Donnerstag, dem 1. April (Amtigan- Annahm! ■ Sch'ufi Mittwoch. 10 Uhr) Wichtige Familien - Nachrichten für diese Ausgabe nehmen wir bis Mittwoch, den 3t. März, 15 Uhr (evtl. telefon.), entgegen det, annahmen, Palästina sei der von der Vorsehung für die aus ihren bisherigen Aufenthaltsorten abwandernden Juden fertig bereitgestellte Ort. Damals nannte man Palästina ein „Wunder'", die glückliche Insel im Meere der Weltwirtschaftskrise. Heute ist das anders, morgen wird es wieder anders sein. Es gibt Situationen, wo man nichts zu sagen hat. Dann soll man schweigen. Es wäre würdelos, hinwegzudisputieren, was jeder sieht. Tatsachen sind stark, der Glaube ist stärker. Moses mußte das Volk vierzig Jahre durch die Wüste führen, bis eine neue Generation herangewachsen war. In unserer Zeit waren die vierzig Jahre seit dem ersten Zionistenkongreß nur scheinbar diese Jahre der Wüstenwanderung; in Wahrheit wußten wir bis vor kurzem weder, was Wanderung, noch was Wüste heißt. Die vierzig Jahre beginnen erst. Das Phänomen einer neuen Generation ist eine Garantie der ewigen Erneuerung, die ewige Chance der Menschheit, wie Buber sagt, der beute in der .Jüdischen Rundschau" zur neuen Generation spricht. Wir Juden sind das klassische Volk der Geduld, aber als „moderne" Menschen scheinen wir oft nervös und ungeduldig. Es gibt Menschen, die immer auf Sensationen warten. Eine Zeitlang waren alle die Dinge, die mit dem Judentum zusammenhängen, eine Art „Sensation" — freilich nicht durch jüdisches Verdienst. Heute haben sich bereits feste Formeln und Bräuche gebildet, an vieles haben wir uns so gewöhnt, daß wir es kaum mehr hören und empfinden. Manches, was vor fünf oder zehn Jahren höchst ungewöhnlich gewesen wäre und Aufregung verursacht hätte, erscheint uns heute selbstverständliche Begleiterscheinung des Alltags. Auch innerhalb des jüdischen Lebens. Viele Menschen haben sich die jüdische (bzw. zionistische) Phraseologie angeeignet, eine Reihe neuer Vokabeln ist in den Sprachschatz der Juden Deutschlands aufgenommen worden, und aus so manchem, was einmal ein Erlebnis, eine große Erschütterung, eine Idee war, ist durch die Abnützung des Alltags S'.off für Geschwätz und Betrieb geworden, liier liegt eine Gefahr, die das Judentum in seinem Lebensnerv bedroht, denn sie tütet die Ehrfurcht vor dem inneren Werden, vor dein unantastbaren Geheimni-. Kein Geringerer als Bialik hat auf diese Winnie unserer jüdischen Tagesarbeit den Finger gelegt. Er glaubte an die tiefe, fruchtbare Kraft des Schweigens. Er hat einmal in einer zweistündigen Rede das Lob des Schweigens gesungen und nieim.nd war erstaunt, niemand empfand e> als Widerspruch. Das sei uns zur Entschuldigung, wenn wir in einer Zeitung, also an der Stelle, die mehr als irgend jemand sonst zu jedem Tagesereignis zu sprechen gezwungen ist, daran erinnern, daß das Wesentliche, das Eigentliche, das, wovon wir die Erlösung erwarten, in der Sphäre des Schweigens vor sich gehen muß. „Dränget nicht das Ende" ist eines der wesentlichsten Worte von Achad Liaam. Gönnen wir uns Zeit, eine schöpferische Pause, in der wir dessen imie werden, was uns am meisten fehlt. Vielleicht ist die Abkehr der neugewonnenen Menschen, über die wir klagen, eine Folge der Inflation der großen Worte, die ihre Entwertung zur Folge hat. Ununterbrochenes Ermahnen, Vorhaltungen, Tadeln einer falschen Gesinnung ist sogar für einen Schulmeister kein richtiges Beginnen; es versagt dort, wo der große Antrieb erst entstehen muß. Unsere Schicksalsfrage (hier und in Palästina) ist, ob die religiösen Kräfte mit ihrer Formgewalt aus unserem Innern emporwachsen werden. Unter den spärlichen Lebensformen, die wir besitzen, stehen die Feste an erster Stelle. Sic bieten sich von selbst dar, und ihr tiefer Sinn ist unvergänglich, rührt an die jeden Menschen immer und überall angehenden Grundfragen. Ihre Bedeutung ist für unser jüdisches Leben daher unverhältnismäßig groß. Aus rechtem Feiern kann uns Segen kommen. Das ganze Volk soll diesen Peßach einer Zeitenwende feiern. Der Jude war stets in diesen Tagen bestrebt, die Gegensätze auszugleichen, „jeder Dürftige komme und esse mit". Mögen die Juden in Deutschland dieses Fest begehen mit einem Schimmer von Hoffnung im Herzen. Die

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