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Jüdische Rundschau · 1937-03-16 · Heft 21 (16.3.1937) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 21 (16.3.1937)
Date
1937-03-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 21, 16.111.1937 Wie gestalte ich den Schabhat? Für Schabbat, 20. März Wochenabschnitt: „Zaw" (III. B. M. Kap. 6,1-8,36). Von den Zeugen II Besonders interessant in der Lehre von den Zeugen ist das Kapitel von den „falsch e n" Zeugen. Hierbei sind zwei Fälle zu unterscheiden: 1. Es wird —- durch andere Zeugen — nachgewiesen, daß der Inhalt der von den ersten Zeugen gemachten Aussage nicht zutrifft. Es handelt sich dann um eine fliprisn Bestreitung. Dieser Fall ist rechtlich nicht weiter interessant. 2. Es wird nachgewiesen, daß die Zeugen Ttir Zeit der von ihnen bekundeten Handlung nicht am Tatort gewesen sind, sondern in Gesellschaft der neuen Zeugen sieh irger.dwo anders aufgehalten haben. Es wird somit die Möglichkeit der Zeugenaussage überhaupt bestritten. 'Es handelt sich dabei um die sogenannten DWI tnj? falschen Zeugen. Für diesen Fall schreibt die Thora (V. B. M. Kap. 19,16) vor, daß die falschen Zeugen mit der Strafe gestraft werden, die als Folge ihrer Aussage denjenigen getroffen hätte, gegen die sich ihre Aussage gerichtet hat. Die aus dieser Frage sich ergebenden Probleme sind sehr interessant. Insbesondere haben sie zu einer grundsätzlichen Verschiedenheit der Auffassung des Schriftverses durch die Sadduzäer und Pharisäer Anlaß gegeben. Näheres zu dieser Frage findet sich im Artikel „Zeugen" im Jüdischen Lexikon Sp. 1568 ff. Zu „Schabbat Haggadol" Es ist ein alter Brauch, am Schabbat vor Peßach nach dem Minchagebet einen großen Teil aus der Haggadah zu lesen. Wir werden also auf dem Oneg Schabbat die Haggadah besprechen, wobei uns die von Dr.!:. D. Goldschmidt im Schocken-Verlag herausgegebene und mit Anmerkungen versehene Haggadah gute Dienste leistet. Zu „Schabbat Haggadol" siehe auch „Peflach" Stoffsammlung und Arbeitsplan, herausgegeben von B. S. Jacobson. I. E. Die Entwicklung der Aggadah (VII) Aggadlsche Persönlichkeiten: 4. R. Jochanan b. Nappacha Bei der Besprechung der Entwicklung der Halachah (vgl. „J. R." Nr. *)S vom 8. 12. 36) haben wir bereits auf die außerordentliche Bedeutting R. J o c h a n a n s als Halachisten hingewiesen, der im allgemeinen als einer der Hauptschöpfer des jemsaleinisehen (palästinensischen) Talmuds gilt. Nicht minder groß ist aber seine Bedeutung auf dem Gebiete der Aggadah gewesen. Schon die Menge, die Vielseitigkeit und der innere Wert der unter seinein Namen überlieferten aggadischen Aussprüche stellt ihn zweifellos in die erste Reihe der Aggadisten. Wie wir aus manchen talmudischcn Steilen entnehmen können, war R, jochanan ein Freund schriftlicher Aggadah-Sammhmgen, und er pflegte sogar eine solche stets bei sich zu tragen. Man vergleiche hierzu: Gittin öOa, Tetnura 14 b und Berachot 23 a. R. Jochanan repräsentierte die jüngere Amoräergruppe des 3. Jahrhunderts. Seine Lehrer waren neben R. Jchuda ha-Nassi (scheinbar saß er im zartesten Alter zu Füßen dieses großen Lehrers), Jannai. Hosenaja und Chanina bei» Chama. Sein Lehrhaus, das viele Jünger anzog, begründete er in Tiber i a s, wo zugleich der Patriarch Jehuda IL residierte. Dem jungen Patriarchen stand er mit Rat und Tat zur Seite und war Jahre hindurch sein ständiger Mitarbeiter auf dem Gebiete der geistlichen Verwaltung. Freundschaftliche Bande, die dann durch die Verschwägerung noch inniger geknüpft wurden, bestanden seit frühester Zeit zwischen ihm und R. S c h i m o n b. L a k i s c h, seinem Gegner in der Auslegung der Halachah. Dieses innige Verhältnis wurde später zum Gegenstand zahlreicher Anekdoten und Legenden, die noch heute ihre Frische nicht eingebüßt haben. In diesem Zusammenhange werden wir uns noch über die leitgeschichtlicheii Ereignisse des 3. Jahrhunderts unterhalten. Vor allem werden wir auf die innerpolitische Lage in Rom und ihre Auswirkung auf das jüdische Leben in Palästina einzugehen haben. Während wir einen zunehmenden Verfall der Autorität der kaiserlichen Gewalt Roms feststellen kön- Briefe an die Redaktion Zum polnischen Judenproblem Ilaifa, im März Sehr geehrte Redaktion! Es ist unklug, die Gesamtsituation der Juden in Polen schwärzer anzusehen, als sie in Wirklichkeit ist. Kein Mensch dar! verzweifeln und den Glauben an sieh selbst aufgelx'n. Die polnische Judenheit muß bestrebt sein, sich in erster Linie au( sich selbst zu verlassen, alle Kräfte zu konzentrieren, eine innere Widerstandsfähigkeit zu schaffen, um das Nähere und Praktische zu verwirklichen. Polen ist ein großes und flucht - bares Land; der östliche Teil Polens ist menschenarm; das, was man lür junge Juden in Palästina, zweifellos unter viel schwierigeren Bedingungen ,-ehafien will, nämlich Unterbringung in Landwirtschaft, um einen kräftigen Bauernstand zu schaffet), kann man auch, im eigenen Land. Warum hat sich die polnische Judenheit bis heute noch keine geeignete Vertreters» haft geschaffen, um mit den Spitzen der Regierung verhandeln zu künnen? Dringendste Hilfe gegen die wirtschaftliche Not und gegen die Keimzellen des Antisemitismus wäre der Kampf gegen das Krämertum in den schmutzigen Winkein der Städte durch Aiviedlung in großzügiger Weise auf dem flachen Land. Dies zu fördern wäre für die polnische Regieraug eine bessere Politik als die Evakuierungsparole. Mm besteige in Warschau die Bahn und fahre meilenweit nach Osten, Süden und Norden und wird feststellen können, daß Hunderttausende von Menschen landwirtschaftlich in gesunder Umgebung auf eigener Scholle untergebracht werden können. Es Ist verfehlt, immer nur Ausw-anckmingspropagrmda zu befreiten; im eigenen Land anfangen! Dr. F. üyhof Juden in der Türkei Tel-Awiw, Ende Februar An die „Jüdische Kundschau" Berlin W 15 Wenn man den Artikel ..Der Weg der türkischen Juden" in der ..Jüdischen Rundschau" vom 12. Februar liest, hat man den Eindruck, daß die türkischen Juden die ganze Schuld am jüdischen Niedergange in der Türkei tragen. In Wirklichkeit verhält sich aber die Sache so, daß die seit 1923, also seit dem neuen türkischen Regime, erlassenen Gesetze und Verordnungen stets gegen die Minderheiten gerichtet sind, die in jeder Wci-e geknebelt und unterdrückt werden. Daß Tausend« von türkischen Juden ar!>eits- und exislenzlos geworden sind infolge obiger Verordnungen, daß jahrzehntelange treue Beamten und Arbeiter von den Eisenbahnen, WassergeseUschaften und ähnlichen Unternehmungen von. heilte auf morgen fristlos entlassen wurden, ist bekannt. Die in Thrazien und anderen Ortschaften vor ein paar Jahren vorgekommenen Drangsolierungetl sind noch frisch in Erinnerimg. Nicht genug, daß die türkische Regierung nichts beiträgt zur Erhaltung von Schulen und sonstigen Wohl fahrt-.Institutionen der Nichtimi-clmancn, so werden im Gegenteil diese Anstalten de.at'i;en Schikanen ausgesetzt, daß es nur noch ein Wunder ist, daß nicht schon alle Minderhcitsschulen, Spitäler, Waisenhauser us\\\ geschlossen sind. Die diesen Anstalten vorsb henden Yorsiandstnhgiieder setzen sich großen — auch persönlichen - Scherereien aus, und es darf nicht wundern, daß die wenigsten bereit sind, solche Funktionen zu übernehmen oder zu behalten. Die Erhaltung der jüdischen Schulen stellt ein besonders verwickeltes Problem dar, weil diese Schulen, worin früher hauptsächlich fremde Sprachen unterrichtet wurden, die den Schülern ein geeignetes Rüstzeug für ihr späteres Fortkommen mi'gahen, derzeit diesen Z« et k durchaus nicht mehr erfüllen können. Da die Minoritäten keine offiziellen oder halboffiziellen Acuiter hek lüden und sich mit den türkischen Kenntnissen allein unmöglich im Leben durchschlagen können, kann man leicht verstehen, wie bekümmert das türkische Judentum der Zukunft entgegensieht. Einum W n. Erworbene und vererbbare Eigenschaften Leipzig dem 14. Marz 1937 Sehr geehrte Redaktion! In dem Leitartikel der „Jüd. Rund« hau" vom 12. Marz 1937 (..Assimilation, Dissimilation und neue Assimilation") findet sieh der Salz: ,,Es gibt auch erworbene Eigenschaften, die sich im Laufe der Entwicklung in vererbbare verwandelnd Diese Anschauung, die zu Anfang des 19. Jahrhunderts von L a m a r c k systematisch begründet wurde, ist heute als Irrtum erkannt. Es gibt in der ganzen Biologie nicht eine einzige Tatsache, aus der man die Vererbung erworbener Eigen.« haften E'gcrn könnte, es sei denn, daß die verändernde Kraft gleichzeitig auch die Keimzellen direkt mittrifft (Krankheiten, RöntgcnlHCstrahl ungen usw.). Wenn also, um bei dem konkreten Fall der Assimilation zu bleiben, eine Generation assimilierter ist als die vorangehenden, so ist. das zum allergrößtem Teil Eolge von E r z i e h ti n g, Milieu und der jeweils herrschenden Vorstellungswelt. Wenn sie wirklich auch in der Erbmasse assimilierter sein sollte, so könnte das nur die Folge einer Auslesewirkung .sein, deren Kenntnis auf Daneiii zunickgeht. Man könnte sich vorstellen, daß bei der Gattenwahl der assimilierte und dem Wirtsvolk ähnliche Tvp bevorzugt wird und daher stärket zur Eortpflanzung kommt als der vom Wirtsvolk als fremd empfundene; auch das wirtx hallliehe Eorlkommeri und damit, die frühzeitige Eheschließung und gTÖßere Kinderzahl kann durch einen bestimmten Typ erleichtert werden. Nur dadurch, daß sich Familien mit bestimmten Eigenschaften stärker oder schwächer vermehren als andere, ändert sich die Zusammensetzung in der Erbmasse eines Volkes, nicht durch Vererbung erworbener Eigenschaften. Schalom! Dr. B 1 u m b e r g nen, scheint sich aber die rechtliche Lage der Juden dennoch wesentlich gebessert zu haben, besonders während der Regierungszeit Alexander Severus (222-235). Die autonome Ausgestaltung des jüdischen Lebens in Palästina scheint auch in der Folgezeit, besonders während der 50jährigen Anarchie, die in Rom nach dem Tode Alexanders geherrscht hat, eher eine Verbesserung als eine Verschlechterung erfahren zu haben. Die Thronkämpfe haben das Oesamtinteresse des Staatslebens absorbiert, so daß die peripheren Ereignisse Palästinas kaum beachtet werden konnten. In diesem Jahrhundert nehmen wir auch eine gesteigerte Ausdehnung der jüdischen Siedlungen im Süden Palästinas wahr, wo auch manche Städte und Gemeinden zu neuer Blüte gelangten, nachdem sie nach dem Bar Kochba-Aufstande völlig entvölkert wurden. Lehren und Aussprüche: Gastfreundschaft ist gleichwertig mit dem Besuch des Lehrhauses (Schabbat 127 a und Sanh. 103 b). Wer Hochmut hegt, der hat gleichsam Gott geleugnet (Sota 4 b). Groß ist die Einkehr, die das über den Menschen verhängte Strafgericht zerreißt (Rosch ha-Schanah 17 b). Auch wenn ein scharfes Schwert auf dem Halse des Menschen liegt (in äußerster Not), soll er nicht aufhören, auf Gottes Erbarmen zu hoffen (Berachot 10 a). — Wer die Thora ihrer Wahrheit nach ausübt, der wird so angesehen, als ob er sich selbst erschaffen hätte (Midr. Tanch. K3H 'S 3). — Wer daran geht, sich mit der Thora zu beschäftigen, betrachtet sich so, als stände er mitten im Feuer (Tanch. roian nxn 3). Wer lernt ohne zu lehren, gleicht einem Mvrthenbaume in der Wüste (Rosch ha-Schana 23 a). — Die Worte der Thora erhalten sich nur bei dem, der seine eigene Person als Nichts betrachtet (Sota 21 b). Für die hohe ethische Einstellung R. Jochanans ist ein. Gebet charakteristisch, das er immer nach Beendigung des Pflichtgebetes sprach. Er sagte u. a.: „O Ewiger unser Gott, lasse es deinen Willen sein, daß du in unseren Wohnstätten Liebe und Brüderlichkeit, Friede und Freundschaft weilen lassest" (Jer. Ber. VII d). — Sehr sinnreich sind auch noch seine folgenden Aussprüche: Der Dornbusch ist das Symbol Israels. So wie man den Dornbusch zur Einhegung des Gartens verwendet, so bildet Israel einen schützenden Zaun für die Welt (Schmot R. 2). Jeremia (11,16) vergleicht Israel mit einem Oelbaume. Das will heißen: So wie man das Oel der Olive nur durch Pressen gewinnt, so wird Israel nur durch Leiden gebessert (Menachot 53 b). Zion hat in der Zerstörung mehr Fromme erstehen lassen, als zur Zeit seines Bestandes (Schir R. 4). _ J. M. In Breslau wurde die Witwe Charl. Bartenstein am 11. März 100 Jahre alt. Maultiere nicht besonders antreibe, kehre ich erst nach zwei Stunden zurück. Es gibt Krach. Man empfängt mich mit der Ehr in der liand. In aller Eile wird ein Transport für die Eisenbahn aufgeladen, einer der alteren Arbeiter setzt sich ncl>cn mich, nimmt mir Peitsche und Zügel aus der Hand und beginnt, die Maultiere in Galopp zu setzen und nach unten zu sausen. Ich hin heute nicht in der Stimmung, mich zu ärgern. Nachher, bei meiner Rückkehr zum Pferdestall, legt man mir ans Herz, noch dem Mittagessen ja rechtzeitig einzuspannen, weil ein zweiter Transport mit der Eisenbahn um halb drei Uhr abgehen soll. Diese Mahnung und mein Bedürfnis, das Versäumnis vom Vorniitt ng wieder auszugleichen, haben zur Folge, daß ich nach dem Mittagessen an das nervöse Maultierpanr meinerseits mit Nervosität herangehe. Normale Zugtiere bindet man mit der Halskette zusammen und führt sie so an den \\ ngen heran, mit einem kleinen geschickten Bogen, daß sie genau vor der Deichsel zu stehen kommen und nur rückwärts zu gehen brauchen, um jeder richtig an seinen Platz zu gelangen. Meine Maultiere, durch meine Nervosität noch nervöser als sonst, wollen nicht. Anstatt rückwärts zu gehen, gehen sie seitwärts auseinander, so daß ich wohl die beiden Köpfe in der Hand habe, bei den Tieren aber die Rücken, anstatt parallel zu gehen, eine gerade Linie bilden. Es wird schlimmer: Sie beginnen zu tänzeln, mit dem gefährlichen Hinterteil von beiden Seiten auf mich zu. Ihre Rücken, die erst eine gerade Linie bildeten, schließen mich nun in einem Winkel von neunzig Grad ein. Noch hoffe ich, sie würden zur Deichsel zurückkehren. Aber statt dessen beenden sie plötzlich den begonnenen Winkel und nehmen mich zwischen che Hinterbeine, gleichzeitig springend und heftig mit den Hufen ausschlagend. Ich lasse das Geschirr los und weiche zurück. Ich taumele. Ich muß mich an dem Wagen festhalten, um nicht zu fallen. In meinem rechten Oberschenkel beginnt ein rasender Schmerz sich auszubreiten. Abbn von der allgemeinen Ssidur Awodah, der die Sache beobachtet hat, nimmt die Tiere und spannt sie ein. Ich habe Tränen in den Augen, ich kann nicht laufen, ich muß mich an dem Rand des Wagens halten. Aber trotz, dem großen Schmerz lasse ich mich nicht von Abba nach Hause schicken, ich habe irgendein Gefühl von Aushaltenmüssen und Postennichtnufgeben, man wartet ja auf mich in der Maschtclah, außerdem will ich llnnni besuchen und mich ihr als Kutscher präsentieren. So humpele ich auf den Wagen, beiße die Zähne zusammen und fahre zur Maschtelah hinüber. Ich komme zu früh, muß wieder eine halbe Stunde warten. In dieser halben Stunde habe ich Zeit, nach Hnnni zu forschen. Ich finde sie in einem Glashaus, sie beschneidet Topfpflanzen, zusammen mit einem frommen, Velourhut und Vollbart tragenden Alten. Ich entferne mich schleunigst, soweit ich mich mit meinem Bluterguß am rechten Schenkel schleunigst entfernen kann. Ich bin planlos und bodenlos aufgeregt, bis zum Abend in einer Psychose begriffen, die von dem brennenden körperlichen Schmerz ungeheizt wird. Ich mache, was alle aufgeregten Chaluzim machen, die für ihre Anklagestimmung keinen Angeklagten haben: Ich konstruiere mir einen Angeklagten, schaffe mir dunkla Gegner, geheime Mächte hinter dem freundlichen Aushängeschild „Kibbuz", und wir Neuen sind die Ausgebeuteten, die zappelnden Insekten im Spinnennetz. In anderer Richtung wage ich nichts zu empfinden. Ich werde niemals Hanni verraten, daß sie mit Lisa Aehnlichkeit hat und daß diese Tatsache genügt, um mich zu ihrem Verteidiger zu machen. Ich bekämpfe mich selbst ja, das ist das Thema meines neuen I-ebens. Innerhalb dieses Themas ist kein Raum für Liebesempfindungen. Die alte Tcrrorzelle im Gehirn kommandiert: Frauen gehen dich nichts an. Und ich gehorche und sie gehen mich nichts an. Ich bin wieder, wie in früheren Jahren meines Lebens, der verhinderte Don Juan. Nur diesmal bilde ich mir ein, daß diese Selbstverhinderung, dieses eiserne Korsett, eine besondere hervorragende Bedeutung hat, im Zusammenhang mit der Chaluziuth überhaupt, Chaluziuth ist ja für mich gleichbedeutend mit Flagellantismus, weshalb meine Wut auf Nichtflagcllanten, die mit Frauen weiterleben, als wäre nichts geschehen, bereichert wird durch eine gewisse Not« moralisierender Eifersucht. Abends gehe ich mit meinem schmerzenden Bein früher schlafen als sonst, Bartel hat Iwrithunterricht, so kommt es, daß ich abwesend auf die brennende Petroleumlampe starre und zu Hanni, die einen Brief schreibt und gebeugt über unsenn Tischchen sitzt, plötzlich sage: Hanni, jetzt will ich mit dir über etwas sprechen. Solehe Verhinderten, wie ich einer bin, befriedigen sich oft durch Aussprachen, besonders mit Frauen, wo sie im Verlauf des Gespräches den eigentlichen Ausgangspunkt vergessen können, der ihnen soviel Albdrücken verursachte. Auch ich fühle sofort, daß ich die Aufgabe habe, meinen Ausgangspunkt zu vergessen, dieses neinliche Chaos drückender und ungeordneter Gedanken, diese vierte Affäre, die sich gegen das Gebot der Terrorzelle verraten und aufrollen will, und ich bin wieder gehorsam und greife schnell irgendein Thema aus der Luft und frage Hanni, wo sie eigentlich auf Hachscharah war. Da legt sie Feder und Papier beiseite und holt tief Luft und gesteht, daß sie niemals auf Hachscharah war und daß sie illegal hier im Lande ist und sich sozusagen in Tel Tiamon verbirgt. Sie ist eine Sportlerin, die zur Makkabiade kam, um Preise zu gewinnen. Es ist wieder still, Ilannis Feder kritzelt, ich starre auf die Petroleumlampe. Ja, das ist der richtige Ausdruck, sie ist Sportlerin, sie hat in der Tat eine hervorragende Figur, ich erinnere mich, daß sie im Herbst einmal über den Hof ging, offenbar vom Turnen kommend, im Badeanzug, und daß ein zufällig anwesender Besucher verblüfft sagte: So eine schöne Figur habe er überhaupt noch nicht gesehen. Sie will ja ihre Eltern anfordern. Es muß da irgendwo so eine verzweifelte Familie sein, die ihre letzten Pfennige zusammenkratzt, um die Tochter zur Makkabiade zu schicken, damit sie ihnen von dort das Rettungsseil zuwerfe. Warum sie nicht Bartel heiraten und sich von Bartel legalisieren lassen will, frage ich sie plötzlieh. Die Frage ist etwas kraß, aber ich denke, daß man die Dinge einmal klären muß, und wenn man das Kind nicht beim Namen nennt, dann wird es eine Mißgeburt. Hanni scherzt erst etwas, so als ob Bartel nicht wolle und sie ja, wird dann aber ernst und sagt plötzlich, mit einem Zusammenzucken ihres Gesichts: Nein, nein, es ist umgekehrt, ich will nicht, ich werde niemals wollen, das hat seinen schweren Grund. Bartel tritt ein, wir tun, als sei nichts geschehen. Was war Ilannis schwerer Grund? Es war sicher nicht der schwere Grund, den ich im allgemeinen gegen Bartel hatte. * Nun arbeite ich schon einige Tage im Gan J'rakot, in der kühlen Sonne, die die Lücken ausfüllt zwischen den einzelnen Regenfällen. Es pfeift und heult ein entsetzlicher Sturm vom Meer herüber, der den Atem verschlägt und an den Zelten rüttelt, als wolle er sie ausreißen. Und es werden auch oben Zelte zerstört, man sieht sie am Tag bei der Arbeit von weitein heftig hin und her schlagen, und wenn man abends heimkehrt, dann hat der Sturm meterlange Risse in die Zeltbahnen gelrieben. Manchmal stehe ich nachts auf, wahrend Hanni und Bartel schlafen, und stelle mich an den Mast und stütze den Mast, weil ich sehe, daß er nach Osten zu kippen droht. Oder ich werfe Ilannis Ledermantel über mein Nachthemd und laufe hinaus in das Unwetter, um die Stricke zu regeln. Jetzt, da ich unten stehe im Gan J'rakot, schaue ich häufig besorgt hinauf, ein gewisses von den kleinen weißen Dreiecken erkenne ich von unten als mein Zelt. (Fortsetzung folgt)

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