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Jüdische Rundschau · 1937-03-09 · Heft 19 (9.3.1937) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 19 (9.3.1937)
Date
1937-03-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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10.3 1337 Hr.t* ✓ Jahrgang 42 Preis 25 Rpt JUDISCHE RUNDSCHAU Schr!ftlcltung,V«rl«K a. Anxelgenverwaltanffi Berlin W 15, Mclnekestr.10 Fernrnf i Sammel-Nummer J 1 (Bismarck) 9031. - Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monot RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bsw. RM 5,39. — Postscheck Konten der Vertriebs . Abteilung-: Berlin 71573 (für Gro8 - Berlin), Berlin 17392 (für das übrig» Reich), in Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch euf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag und Freitag. BERLIN T*S"in "HN vo DIENSTAG, 9. MÄRZ 1937 Gttltlgt AnzelgenpreUUst« Nr. 5, Die 12 gespalten« mm-'/rilf 20 Rpf., für Familien - NediricMea 15 Rpf, Kur die Aufnahm« von Anzeigen in bestitr.rntco Ausgaben oder an bestimmten Platzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bi» Freitag 9—18 Uhr. Annahmesch tuß für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag -Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien «. Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstatte in Palästina. (Baseler Programm) Wege der Jungen Zu einer Gedenkschrift In den vergangenen zwei Jahrzehnten schien es oft, daß die Juden in Deutschland alles andere als ein einheitliches Ganze bilden. Manchmal war es gar, als hätten sich die einzelnen Gruppen so weit auseinandergelebt, daß einer kaum mehr die Sprache des anderen verstand. Ideale und Vorstellungen, die den einen Teil erfaßten und allmählich sein ganzes Sein ausfüllten, blieben dem anderen Teil fremd. Wie oft geschah es, daß ein Zionist in einer jüdischen Familie auf völlige Unkenntnis der einfachsten, ihm selbst schon trivial erscheinenden Tatsachen stieß. Das war nicht Gegnerschaft sondern Fremdheit. Das ist nach 1033 anders geworden; jeder von uns, aus welcher jüdischen Parteirichtung er auch herkommt, fühlt, daß ihn alles angeht, was in diesem jüdischen Organismus vorgeht. Das Gemeinschaftsgefühl wurde stärker und integraler. Und da entdecken manche neu, daß es schon in der Vergangenheit neben ihnen Strömungen gab, die als Vorläufer betrachtet werden müssen für Ideen, die sich immer mehr durchsetzen, die mit stärkster Macht ins Leben hineinwirken und an denen niemand vorübergehen kann, schon weil wir alle wissen, daß unsere junge Generation vor Entscheidungen von viel größerer Tragweite steht, als die ältere Generation jemals in ihrem Leben vor sich sah. Der Gegensatz der Generationen, diese horizontale Bruchlinie, die durch jedes Zeitalter hindurchgeht, ist im jüdischen Leben zu Beginn der Aufklärung, als die Jungen sich von der religiösen Lebensform der Alten abwandten, sehr scharf gewesen, er ist heute lebensmäßig — wenn auch nicht gefühlsmäßig — vielleicht noch stärker. Die Jugend Europas (und besonders des europäischen Kontinents bis zum Rhein) geht schon seit Jahrzehnten durch innere Erschütterungen, die das Suchen nach einer neuen Lebensform ahnen ließen. Die ersten Anzeichen waren im mitteleuropäischen Kulturkreis etwa der „Wandervogel" und die „Frcideutsche Jugend", den heute aufwachsenden Jugendlichen kaum mehr als vom Hörensagen bekannte Namen aus längst vergangenen Zeiten; in der jüdischen Welt aber, in der sich ein Umbruch viel tieferer Art ankündigte, nahm all dies eine spezifische Form an. Man kann nicht umhin, sich damit auseinanderzusetzen. Ein dünnes Büchlein, das vor uns liegt, läßt uns einen Einblick tun in das, was hier geschehen ist und Perspektiven auch für die Zukunft weist. Im Jahre 1925 schuf in Deutschland ein Kreis junger jüdischer Menschen aus der zionistischen Jugendbewegung, Angehörige des damaligen „Brith Haolim", ein Zentrum landwirtschaftlicher Uachscharah in der Gegend von Hameln. Dort bildete sich der „Kibbuz Cheruth" (Kibbuz Siedlungsgemeinschaft, Cheruth — Freiheit), dessen erste Chawerim 1028 nach Palästina gingen, wo •sie zuerst in Rcchowoth arbeiteten und ab 1030 am Aufbau von Giwath Brenner bei Rcchowoth teilnahmen. Wenn diese Gruppe „Kibbuz Cheruth" jetzt das Jubiläum ihres zehnjährigen Bestehens feiert, so ist dies ein Anlaß auch für die zionistische Bewegung in Deutschland, ja für die gesamte Judenheit Deutschlands, dieser Pioniere, von denen leider einige Führende In jugendlichem Alter dahingegangen sind, ehrend zu gedenken. Denn wir müssen uns vergegenwärtigen, daß es 1026 noch etwas ganz anderes war als heute, sich tu einer solchen Tat zu entschließen. Damals hatte der junge Mensch — oder glaubte zu haben — alle Möglichkeiten kultureller und wirtschaftlicher Betätigung in Deutschland, er lebte in einer reichen Kultur, in der er erzogen war, seine „Absonderung" wurde von der Gesellschaft nicht gefördert, sondern eher mit Mißfallen betrachtet. Trotzdem alles andere zurückzustellen und sich für ein Leben der Arbeit in der neuen Volksheimat in Erez Israel vorzubereiten, im Gegensatz zur öffentlichen Meinung der eigenen Umgebung, verlangt schon einen hohen Grad der Liebe zur Sache und der Durchdrungenheit von der Wahrheit des eigenen Weges. Dieser Kibbuz Cheruth hat nun in der Form einer Sammelschrift des „Habonim" (dieser Bund ist ein Nachfolger des Brith Haolim) aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens ein Sammclhcft im Hechahiz-Verlag herausgegeben, das von vielen Juden in Deutschland gelesen werden sollte. Denn wie immer sie vorher standen oder auch jetzt zu verschiedenen Einzelproblemen stehen, es ist für jeden denkenden Juden in Deutschland wichtig, sich mit der Anschauungswert eines solchen Kreises von jüdischen Jugendlichen vertraut zu machen. Wird man sich doch dabei besonders deutlich der eingangs erwähnten Tatsache bewußt, welchen tiefen Einschnitt unsere Zeit und Zwischenfall in Jerusalem Jerusalem, 6. März. (Palcor.) In Jerusalem kam es heute in der Nähe des Rechaviah-Viertels zu «inem Zusammenstoß, der den Tod eines Arabers zur Folge hatte. Jüdische Passanten, die dort, wie gewöhnlich an Schabbat-Nachmittagen, spazieren gingen, wurden von Arabern mit Steinen bombardiert, wobei ein jüdischer junger Mann eine leichte Kopfwunde erhielt. Es kam zu einem Handgemenge, das in eine Schießerei ausartete, in deren Verlauf ein Araber tödlich verwundet und ein zweiter leicht verletzt wurde. Durch eine amtliche Bekanntmachung wurde in Jerusalem zunächst für einen Tag der Ausnahmezustand verhängt, der um 9 Uhr abends beginnt und bis 5 Uhr früh dauert. Der gesamte Autobus-Verkehr zwischen Jerusalem und Tel-Awiw ist für diese Zeit unterbrochen; die wichtigsten Ausgangsstraßen von Jerusalem sind mit Stacheldraht verbarrikadiert, und die Stadt wird von Polizisten abpatrouilliert, die, ebenso wie die Soldaten, wiederum mit Stahlhelmen ausgerüstet sind. Auch in anderen Teilen Palästinas war die Lage am Sonnabend ziemlich gespannt. Um 6 Uhr abends hat die Polizei den Verkehr zwischen Jaffa und T e I - Awiw eingestellt. In Jaffa blieben die Geschäfte zum größten Teil geschlossen. Zwischen Jaffa und Tel-Awiw wurden Drahtverhaue errichtet. Die Truppen hatten Bereitschaftsdienst. Ansammlungen von Arabern an den Grenzen und in vielen Städten wurden von der Polizei sofort zerstreut. In H a i I a versuchten Araber eine Straßenkundgebung zur Unterstützung ihrer Forderung nach Aufnahme neuer arabischer Hafenarbeiter. Polizei zerstreute die Teilnehmer. Vier Araber wurden in Haifa bei der Herstellung einer Bombe, die vorz-eitig explodierte, schwer verletzt. In ein arabisches Haus, zwischen Ramat Hascharon und Abu Kischek drangen zwei Araber ein und erschossen den Besitzer. Diese Nachrichten beleuchten blitzartig die Spannung, die über der Bevölkerung Palästinas aurli jetzt noch liegt; es genügt ein an sieh geringfügiger Anlaß, um schwerwiegende Folgen heraufzubeschwören. Schon die letzten Tage standen im ganzen Lande unter dem Zeichen einer er- Ii ö Ii t c n U n s i e h c r h e i t. Im Norden des Landes haben Araber eine ganze Reihe von Ucborfällen auf Juden wie auch auf Araber, die dem Terror abgeneigt waren, durchgeführt und haben insbesondere im Beisange biet Morde an einem Mitglied des Kibbuz Chugun sowie an dem jüdischen Arzt Dr. I chrs verübt. Besonders dieses Attentat hat im Lande und aueli in I ngland erhebliches Aufsehen erregt, da man sieh mit Recht gegen d.-n heimtückischen Ucbcifall auf einen mitten unter Ai übern lebenden Arzt wendet, der fern von aller Politik sein I < ben nur der Hilfe für Leidende widmete. Die Zeitschrift „(ireat Bntain and the Last" hat hierauf, wie wir an amlcier Stelle der heutigen Ausgabe berichten, nachdrücklich hingewiesen. Die letzten Lage der vergangenen Woche haben nunmehr auch in J c r u s a 1 e m die Sp.mnung wieder ver-i li.irtt. bin Jude ist auf dem Wege zur Klagemauer schwer verletzt worden. Bedauerlicherweise hat sich nun bei dem üblichen Schabbat-Nachniilcig-Spaziergang nahe bei Rehavia ein Zwischenfall ereignet, der den T o d e i n e «Ar a b e r s zur Folge hatte und Anlaß dazu war, für eine Nacht erneut den Ausnahmezustand („curfew") über Jeru-*.a!cin zu verhangen. Wer weil!, wie grob die Nervenanspannung für die Bevölkerung der Stadt ist, die mit diesem monatelang anhaltenden Zustand verbunden war, wird ilie Hoffnung aussprechen, daß es sich jetzt nur um eine vorübergehende Maßnahme handelt, die möglichst bald wieder von normalen Verhältnissen in der Hauptstadt des Landes abgelöst werden wird. _ Der Verkehr Tel-Awiw — Jaffa Der Verkehr zwischen Tel-Awiw und Jaffa wurde Sonntag früh w ieder n u f g c n o m m e n; jüdische Autobusse fahren jedoch unter polizeilicher Bewachung. Die arabische Zeitung „AI-Liwa" ist von den Behörden auf eine Woche verboten worden. Die Polizeibehörden veranstalteten Sonntag in Nablus eine Auktion der während der U n r u h c n b c - s c h i a g n a h in t e n (j c g c n s t ä n d e, um auf diesem Wege die der Stadt im Sommer auferlegte Geldstrafe von (.'. 5(KK) einzutreiben. Die Auktion war jedoch u n b c s tt c h t und verlief erfolglos. der Wechsel der Generationen bildet, wie mit einem Male ein n e u e s Z u k u n f t s b i 1 d, die neue Idee eines jüdischen Menschen entstanden ist und über die Gemüter Macht gewonnen hat — ein Vorgang, dessen Tragweite noch kaum abzumessen ist und der auch für diejenigen Kreise der Juden in Deutschland, die persönlich daran gar keinen Anteil haben, die die innere Wandlung noch nicht recht begriffen haben und sieh davon distanzieren, von tiefreichendster Bedeutung ist; denn eine Gemeinschaft wird, mehr als durch die Kräfte des Beharrens, durch die Kräfte der W a n d 1 tt n g u u d Erneuerung charakterisiert, die aus ihr heraus geboren werden. Die Gedankenwelt des Brith Haolim, die in dieser Broschüre einen Niederschlag gefunden hat, nachdem sie bereits im wirkliehen Leben Gestalt gewonnen hat, ist eine Frucht der Berührung des deutschen Judentums mit der zionistischen Idee. Schon vierzig Jahre gibt es in Deutschland Zionismus, aber in der ersten Zeit hatte er nur die Form eines Meinungsstreites zwischen im übrigen gleichgeartetcn Menschen, soziologisch und kulturell blieben die Juden in Deutschland, unabhängig von der jüdischen PaiTcistelhing, mehr oder weniger eine Einheit. Noch gab es die gleichen Bildimgsideale und sozialen Wertungen. Erst nachdem sieh int Weltkrieg der Zusammenbruch dieser ganzen Welt atigekündigt hatte, bildete sich im Chaos der Nnchkriegsjahre die revolutionäre Gestalt einer neuen jüdischen Existenzform. Der Zionismus in Rußland hatte sich die auf Palästina gerichtete Pionier-Bewegung ( ,l Icc'ialu '") während des Krieges geschaffen. Die Bewegung griff nach Deutschland über, aber entsprechend der eigenen Tradition und geistigen Eigenart des deutschen Judentums hat sie hier seine eigene Form erhalten. Nach der Jugendbewegung des Blau-Weiß, in der sich bereits Entscheidendes vorbereitete (wir haben kürzlich hier auf den Aufsatz von Moses Calvarv aus dem Jahre 1011 hingewiesen, der schon alte Wertungen /erbricht und neuen den Weg bahnt), haben andere Gruppen die entscheidende Synthese vollzogen. Lange vor 1033 sind sie als Arbeiter Der Palästina - Film Die Uraufführung des neuen Palästina-Films „Hatikwah" in Berlin kann aus wichtigen Griirr"en heute Dienstag nicht stattfinden. (Siehe Anzeige Seite 7.) nach Erez Israel aufgebrochen, und als nach 1033 aus äußeren Gründen eine große Zahl von Juden den Weg nach Palästina suchte, konnten die vorausgegangenen Pioniere ihnen bereits den Uebergang erleichtern. Nicht immer war das leicht. In dem nach unserer Meinung interessantesten Beitrag des Snnmielheftes, den „Reschimoth" (Notizen) von Jaakob Simon, eine Art tagebuchmäßiger Aufzeichnungen aus Giwath Chajim vom Oktober-November 103b, wird auch über die psychologischen Schwierigkeiten mit neuen Ankömmlingen berichtet, Menschen, die ein ganz anderes Vorleben hatten, durch die Ereignisse 1033 in Bewegimg gesetzt worden waren, innerlich in keiner Weise vorbereitet und geistig keineswegs au das zionistische Ideal gebunden waren und eieren innere Fremdheit im Kibbuz fühlbar wurde. Die Menschen des Kibbuz Cheruth waren, wie Uri Rosenblatt hervorhebt, weder die ersten der Alijah aus Deutschland überhaupt, noch die ersten im Kibbuz, und doch haben sie in eigentümlicher Weise der Siedlung ihr Gepräge gegeben. Nach ihm kamen andere Gruppen, es entstand allmählich das Netz des Kibbuz Meuchad. (Von den spezifischen Fragen der Theorie und Praxis dieser Gruppe, die z. T. umstritten sind, ist hier nicht die Rede. Teilweise wurden sie in der Umschau unseres Palästinablattes bereits behandelt.) Bemerkenswert ist, daß die Gruppe ein besonders inniges Verhältnis zu Moses Beilinson hatte, dem kürzlich verstorbenen Redakteur des „Dawar", dem an der Spitze des Heftes ein Nachruf gewidmet ist. Beilinson war unter den aus Rußland stammenden Llistadruth-Menschen einer der wenigen, die ganz aus assimiliertem Milieu hervorgegangen waren, also aus ähnlichen äußeren Bedingungen wie diese jüdische Jugend Deutschlands. Wenn man noch einen Beweis für die Eigenart dieser auf deutschem Boden gewachsenen jüdischen Jugendbewegung wollte, es gäbe keinen besseren als den Beitrag der Sammelschrift „Vom Wesen der Entscheidung", der Chaluziuth nicht nur als eine national oder sozial bedingte Notwendigkeit, nicht nur als eine besondere Form des eigentümlichen Lebensdranges dieser Jugend gelten läßt, sondern als ethisches Postulat von unbedingtem Rang verabsolutiert. Dieser in einer philosophischen Sprache geschriebene Beitrag, der einem nicht mehr so gebildeten Teil der heutigen Jugend wahrscheinlich kaum verständlich, sondern nur in seinem

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