Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 18 (5.3.1937)
- Date
- 1937-03-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18, 5. 111.1937 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Bialiks Andenken Zum 2. Band des Jahrbuches „Knesseth" Anläßlich des Todes von Bialik wurde bei der Jewish Agencv in Palästina ein Bialik-Institut gegründet, das den Zweck hat, im üeiste des Dichters der Förderung der hebräischen Literatur und Kultur zu dienen. Die wichtigste Leistung dieses Ktilturinslitutes ist die Herausgabe des Jahrbuches „Knesseth". Bialik selbst hat einmal — noch in Rußland 1<)17 — ein hebräisches Sammelbuch mit dein Namen „Knesseth" herausgegeben, und dieser Name wurde nun (nach dem verunglückten Versuch eines Jahrbuches 1928) für die alljährliche Publikation, die seinem Andenken gewidmet ist, gewählt. Wir haben voriges Jahr das Erscheinen des ersten Bandes dieses Sammelwerkes angezeigt, und vor kurzem erschien nun der zweite Band, wieder redigiert von Jakob Kah an und F. Lachower (Verlag Dwir, Tel-Awiw). Es ist wohl keine L'cbcrtrcibung-, wenn man behauptet, daß dieses Buch die bedeutendste Erscheinung auf dem hebräischen Büchermarkt ist. Die liebevolle und sorgfältige Redaktion der Herausgeber ist in jeder Beziehimg des Andenkens Bialiks würdig. Es hat sich bereits eine gewisse Tradition für den Aufbau von „Knesseth" herausgebildet. Die erste Abteilung des 540 Seiten starken Bandes ist Bialik selbst gewidmet, sie enthält Arbeiten aus seinem Nachlaß und Arbeiten über ihn. Die zweite Abteilung umfaßt selbständige Dichtungen, und es ist eine Ehrensache der bedeutendsten hebräischen Schriftsteller, mit eigenen Werken hier vertreten zu sein. Die dritte Abteilung schließlich ist dem wissenschaftlichen Essay gewidmet. In diesem Jahre hat „Knesseth" noch eine vierte Abteilung, die einfach heißt „Das Jahr"; wir wissen nicht, ob dies eine ständige Einrichtung werden soll, oder ob es nur einem Bedürfnis der Herausgeber entspricht, die Ereignisse des schicksalsreichen letzten Jahres, in dem der Jjschuw der größten geistigen und seelischen Belastungsprobe ausgesetzt war, festzuhalten. Das grüßte Interesse finden begreiflicherweise die Veröffentlichungen aus Bialiks Nachlaß). Ein beträchtlicher Teil ist diesmal dem jungen Bialik eingeräumt. Wir finden ein Gedieht aus dem Jahre bb'iO (I8TO), geschrieben während Bialiks Studienzeit auf der jeschiwa von Woloszin, und zwei überaus interessante, sehr umfangreiche Jugendbriefe aus demselben Jahre 5o50/51 (1?'W,(J1). Dieses Gedicht und diese Briefe atmen den gleichen Geist, sie sind etwa jener Stimmung entsprungen, die der Dichter später in seinem bekannten großen Gedicht „Der immer Lernende" („Hamatmid") festgehalten hat. Der .Siebzehnjährige empfindet tief im Herzen die Sehnsucht nach Leben, nach der Natur und der wirklichen Welt. Er fühlt sich eingesperrt und vergewaltigt durch die Tyrannei der Folianten, denen er sein ganzes Dasein widmen muß. In den Briefen steigert sich diese Stimmung zu einer leidenschaftlichen Anklage: der siebzehnjährige Jüngling beklagt den Verlust seiner Jugend. Er stellt modern klingende Betrachtungen an über die Bedeutung einer richtigen Erziehung im frühesten Kindesalter, das für das ganze Leben entscheidend ist; seine eigene Kindheit war ein Martyrium, und mm ergeht er sich in Ergüssen der Schwermut und Selbstauklageti. Aber welch ein kühner poetischer Geist und welch ein leidenschaftlicher Schwung der Sprache ist bereits in diesen Briefen zu spüren! Mit gemischten Gefühlen lesen wir am Schluß des zweiten Briefes an den Freund die ergreifende Bitte, die Ergüsse der zermürbten Seele des Schreibers aufzubewahren und sie von Zeit zu Zeit anzusehen: „dann wirst du dich erinnern und wissen, daß noch eine Blume von den auf dem Felde Israels blühenden Blumen verwelkt ist". Wohl uns, so denken wir, wenn wir noch mehr solcher „verwelkter Blumen" hätten! Die beiden Briefe wurden von den Adressaten, die sie vor 47 Jahren von Bialik erhalten haben, im verflossenen Jahre aus Schitomir (ukrainisch-jüdisches Städtchen der Kindheit Bialiks, im heutigen Sowjetrußland) an Rawnitzki nach Tel-Awiw geschickt, einer in Abschrift, der andere im Original, und nur wenig beschädigt. Sie geben uns tiefen Einblick in jenen Prozeß des Umbruchs und Gestaltwandels, in dem aus dem langsamen Zerfall der erstarrten, aber eigenständigen Traditionswelt im jüdischen „Städtel" Osteuropas unter Schmerzen das moderne Judentum geboren wurde. Außer diesen besonders wichtigen Dokumenten enthält dieser Teil noch Bruchstücke einer Erzählung „Habachur" („Der Jüngling'') und einige Strophen zu den „Volksliedern" Bialiks, ihren Verfassuugszcit nicht festzustellen ist; nach Meinung der Herausgeber handelt es sich um Vorbereitungen zu eitler neuen Folge der bekannten Bialik-Volkslieder, die aber nicht weit gediehen ist. Schließlich ist das Bruchstück eines Gedichtes ,.M i 11 a g s g I u t" veröffentlicht, das nach Meinung der Herausgeber in der letzten Zeit entstanden (auch ein Faksimile dieses Gedichtes finden wir vor) und dadurch bemerkenswert ist, daß der Vers bereits nach sephardischer Aussprache gebaut ist. Das Gedicht steht jedenfalls auf der Höhe der reifen Bialikscben Sprachkunst. Literarhistorisch interessant sind die veröffentlichten Briefe an Dr. Josef Klausner aus den Jahren 190'J—1Q05, die größtenteils redaktionelle Angelegenheiten des „Haschiloach" behandeln. Es finden sich darin auch Urteile über die Arbeiten zeitgenössischer Schriftsteller, so z. B. aus dem Jahre IQO'i eine Bemerkung über Brenner, den Bialik damals als den besten der jüngeren Erzähler bezeichnet. Bialik ist ein ziemlich strenger Kritiker und ein Feind aller Phrasen und Schlagworts Darum ist es so ein Genuß, jedes Wort von ihm zu lesen, auch über Dinge, die längst vergangen sind. In einem Briefe vom 11. Februar 1QQ5 spricht er die Meinung aus, daß jetzt keine Zeit zum Dichten sei (es handelt sich offenbar um die Zeit der russischen Revolution), darauf sei auch das sinkende Interesse des jüdischen Publikums zurückzuführen. Jeder fühle, daß jetzt eine Zeit zum Handeln gekommen ist, und auch der Zionismus verlange Taten und nicht Reden. Er war schon damals wie bis an sein Lebensende ein Feind der Geschäftigkeit und lies unechten Getues. Von den Arbeiten über Bialik ist an erster Stelle ein 50 Seiten langer Aufsatz von Jakob Pirhinann zu nennen, der eleu Titel fuhrt „Mit Bialik". Fichmnnn berichtet hier eine fülle von Episoden aus seinem jahrelangen Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit Bialik, von Odessa bis Warschau, durch die Tage der großen Krise der russischen Revolution und Pogrome bis zu den Tagen des Weltkrieges und schließlich in Bialiks letztem Lebensabschnitt in Palästina. In einem zweiten Teil wird unabhängig von dieser Zeiteinteilung noch eine Reihe von Erinnerungen, Schilderung von Persönlichkeiten und Dingen gegeben. Wer einen Einblick gewinnen will in jene für die hebräische Literatur und für die national-jüdische Bewegung so überaus fruchtbare Zeit, kann aus Fichmantis lockerer, gut erzählter, einen weiten Abschnitt überspannender Darstellung sehr viel Gewinn schöpfen. Für den Westjuden wird dabei besonders fühlbar, in wie hohem Maße sich hier, charakterisiert durch bestimmte zentrale Figuren, ein wirkliches Volksleben abrollt, an dem die Westjuden nur sehr peripher Anteil hatten. Welch, n Nimbus hatte z. B. damals das große jüdische Kulturzentrum Odessa für die jüdische Jugend! Der jugendliehe Fichmann, seinerseits schon Lyriker, betritt mit innerster Erregung bialiks Haus. In jenem Odessa lebte noch der alte Mendelc, es war die Stadt von Bialik und Rawnitzki, des jungen Tschernichowski, S. Benzion u. a.: auch Schneur und Jakob Stciuberg trifft Eichmann dort, ersterer (der Dichter des „Noah Pandre") damals fast noch ein Kind, hochbegabt und etves kexk, von Bialik trotz seiner Opposition hochgeschätzt. In Warschau dann ein ganz anders gearteter Schrittstellcrkrcis, dem Perez angehört, auch der kritische westlich gebildete Baal Machschoues ( Dr. Fliaschoff, dessen Sohn jetzt in Berlin als Regisseur osjjüdischcr Werke her« vortiitl), Nomberg, sogar der skeptische I rischmann. Bialik ist voll innerlichster Ablehnung gegen das G.ifehaus-Literaten« tum, aber als er nach kurzem Aufenthalt (November 1003 bis März 1<J05) nach Odessa zurückkehrt, war er, wie Fichmann sagt, etwas europäisiert und sehnte sich zuweilen nach Warschau zurück. Es kommt dann im Rcvolutions« jähr Wl"~: aller Schrecken über Odessa, Eichtnann, ist gelegentlich auch persönlicher Augenzeuge der Revolte des Panzerkreuzers „Potemkitr' und der Anblick des Brandes, den dieser in der Stadt verursacht, gibt den Anstois zu Bialiks „Megillath ha-esch" (,.1 euerrolle"). Bialik, so berichtet Fichmann, hatte um diese Zeit das (ihicksgefuhl einer reichen dichterischen Schaffcnspei iode. Seine erste Pakistinareise 1909 läßt ihn unbefriedigt; das ein/ige, was er als unauslöschliche:! Eindruck behalten hat, ist, so erzählte er Fichmann, die Erinnerung an einen Sonnenaufgang in Jawniel, bei dem er das Singen eines Arbeifers im Weinberg belauschte. Aus den vielen Episoden, die Hertmann berichtet, tritt uns das Bild Hinliks lebendig entgegen. Er reagiert spontan und immer au; der tiefsten Tiefe seines uncisehöpfhchen Innern. So etwa, wenn er bei der Hochzeit von David Bergelsoli einein kommunistisch angehauchten Festredner entgegentritt, oder aber \c.:in er hei der Einweihung eines Wasserturms in einer palästinensischen Kolonie, als man ihn gegen seinen Willen zum Reden zwang, in einer citwtuiKÜgeii Rede ein Loblied des Schweigens saug, ein, wie I idimann bezeugt und wir gern glauben, außerordentliches, die Hörerschaft zutiefst aufrührendes Ereignis. Es ist unmöglich, hier alle Beiträge de* Samnielbuches zu chaniklensiwi n. I »ie u--te Abteilung enthalt noch eine ganze Reihe von Spr/iakirbeitrii über Bialik, \ ei hilit von E. M. Lipschutz, l'rof. Klausner, Parin.-*, Lachower, Dow Stock, Sellhorn Streit. In dem zweiten 1 > i I, den eigenen I »uhtungen, steht an erster Steile der Name IV het tiu heu -.! i, der eine l'm« dichhing der „! Knall"-! pisode der Bibel beisteuert. Diese Abteilung enthalt auch;in I Haina von J.iD>b Auel in sieben Akten „Mir SrmJIm.j". U'eiur se: gi-naniti «.nie I r/.ihlung „l-'riierfänlc" von Ascln r Barasch, ledichie von David Vogel, Atida Pinkersfeld, Brandl"- u. a., sowie erzählende Beitrage von Jakob Kabiiiowiez, Burla, b'siph Aicha. Die dritte Abteilung sehlil'.Iiih und.tß! Aileiiin von (i, r*hom Sih'deiii, Ii- Schern!..-!, Zwi Karl, Jeclu-D I Kaufmann und Hugo Bergmann ubir verschiedene Gebete der jüdischen Literatur- und Oei-ter:;e.-chkhte. (Bergmann!h handelt „Das Judentum in diu Brillen Iran/ R< n/w eig-"). In ck : i le!/teu Aii-Hinut schln blüh v. ud eine (Ihronilc des letzten Jahres gegiben, laugclciht v. ird dieser Abschnitt mit tagebuchartigen Aufzeichnungen von I >a\id B cnO u r i o n, beginnend von l u/ein im Sepb inhcr Mir über London bis Tel-Awiw und Jeiiisalem, endend < >kto!>cr!'»5'> mit dem Ende des Streiks. Es sind politische Betrachtungen über England, die den bekannten Anschauungen des Autors entsprechen. Den Abschluß der „Knesseth" bildet eine Ucbersicht über das hebräische Buch im letzten Jahr, verlaßt von Lachower, die mit der betrüblichen I eststelliiug beginnt, daß in diesem Jahr keine ein/ige hebräische Erzählung von besonderem Wert erschienen sei. Es zeige sich hier eine Wirkung der die ganze Welt umfassenden literarischen Krise, die auf die Aeiidcrung alier l.elicii'grnmllagen zurückzuführen ist; und bei den Juden kommt noch die geographische Verlagerung hinzu. Von Gedichten sei nur der Band von Ahr. Brauiies erwähnt nswert. Auf dem Gebiet der H cb ersetz» n gen sei die fraglos bedeutendste Erscheinung D i e s e n il r u c k s l'ebeisetzung von P I a t o s „S t a a f, dazu kommen Uebersetzungcn aus Aiistotcles, Kant, Herodot, Tacitus, aus dem Koran, das „I. Buch I.sra" und eine Reihe wissenschaftlicher Werke, /um Schluß gedenkt der Chronist der loten des Jahr* s, vor alu in Sokolows und sehließt: „Die alte Generation geht dahin, die neue ist fast noch nicht gekommen." Aber, so fugen wir hin/n, Sammelhui'her vom Range der „Knesseth" bi am Ilten sich auch literarisch entwickeltere Nationen nicht zu schimen. R. W. Nachdruck verKoten Alle (auch Ucberftctzung»-) Rechte vorbehalten VOI&ISlto £tMJ» Houtatrhtrihjqie iron CHAjIM SCHWARZ D»r T«>U><jlc IZIDQII7 i««iia-nu. n I D D v A> 2. Fortsetzung Ich habe später bei dieser Arbeit Lastträger gesehen, die den Kopf verloren und anfingen, zu sirringen, zu schwitzen, das Unwichtige zuerst und das Wichtige zuletzt zu machen. So kann die ganze Arisu aufgehalten werden. Dann kommt plötzlieh eine Pause in das gleichmäßige Geräusch aufgenommenen und um die Frucht geschlungenen Seidenpapiers, die Packer unterbrochen die Arbeit und klopfen nervös auf die bereitstehenden Exportkosten, nur draußen, wo zwei Tischler ununterbrochen aus vorbereiteten Brettern Kisten zusammenschlugen, geht die Arbeit weiter. Aber jener dritte Tischler, der die gefüllten Kisten vernagelt, und die neben ihm arbeilende Gruppe, der Verbindungslasttruger zu den Packern, der Verbindungslnsttriiger zu den Malern, die unablässig mit Hilfe von Schablonen die Kisten beschriften und für das zur Bahnstation fahrende Auto aufstapeln: sie alle werden ungeduldig und stehen tatenlos, wenn der erste Lastträger schwache Nerven, schwache Muskeln und womöglich einen schwachen Kopf hat. Ein guter Lastträger muß wissen, welche Ernte von gestern ist und welche Ernte von heute, welche Ernte schon zu lange in der Sonne steht und welche Ernte zuerst gepackt werden muß. Er muß Raum und Zugang schaffen für die ständig neu kommenden Kisten und muß die mit dem Wagen heranführenden Lastträger der Katif richtig lenken. Auch das Lastauto, das zu arbeiten beginnt und die fertig gepackten Waren zur Bahnstation führt, erkundigt sieh bei ihm nach den Rauniverhültnissen, nach der günstigsten Art des Abbaues der Ware. Inzwischen sind große Dinge geschehen in Tel Hamon, Kerachski ist nicht mehr Direktor des Pardess, sondern Maskir des ganzen Mescheks, auf drei Jahre gewählt, und Pardossdircktor wurde sein Schüler liahlew, einer der Packer. Vier Tage geht es so, vier Tage dauert die Arisa. Meine Erschöpfung am Abend ruft Zustände hervor, die denen eines Fiebernden gleichen. Am ersten Abend habe ich eine große Auseinandersetzung mit Bartel, in Gegenwart Hannis. Er merkt nicht, daß ich im Delirium bin. Ich spreche Dinge, deren Gedanke ganz klar lächerlich ist und deren lächerliche Wirkung ich abzudämpfen suche durch besonders kunstvolle Formulierungen. Daß Ilanni auf meiner Seite zu sein scheint, macht mir Ilanni direkt unsympathisch. Die Sache fängt, damit un, daß Bartel mich zu sich herüberruft, um mir klar zu machen, wie sehr man mich hei der Arisa ausnutze. Anstatt mit nüchternem Kopf auf diese nüchterne Feststellung zu antworten, treten mir plötzlich gewisse Gedanken auf die Zunge, ich kann mich nicht mehr zurückhalten. Er möge doch allein schmarotzen, wenn er schmarotzen wolle, sage ich. Ich für nieinen 'Lei! sei nach Tel Hamon gekommen, um zu arbeiten. Jeder nach seinem Geschmack. Und übrigens sei ich Gruppenführer gewesen in Leipzig und hätte mich etwas tiefer vertraut gemuckt mit dem Sinn des kibbuzischen Lebens als er. So etwas Lächerliches sage ich. Er antwortete darauf, daß ich Gruppenführer gewesen sei, das mache „nix". Er sagt „Nix". Er sei ebenfalls Gruppenführer gewesen, in Frankfurt. Jede Stadt; habe eben ihre Gruppenführer. Das sei kein Grund, sieh ausnutzen zu lassen. Er meine es gut mit mir, und ich sei gleich so scharf. Er sehe, daß ich auf den Hund komme, daß ich im Begriff stände, mir die Gesundheit zu ruinieren. End da fange ich nun an, aus dem Delirium heraus über Chaluziuth zu sprechen. L'eber die Realität des Opfers. So etwas Lächerliches. Während ich das alles sage, merke ich plötzlieh, daß ich gor kein Zionist bin und daß das alles nur leere Worte sind und daß ich eigentlich nur arbeite aus Eitelkeit. Ich war niemals ein Arbeiter und werde niemals ein Arbeiter sein. Ich bin ein Jähzorniger mit kurzem Atem, Her nach dem Auspuff in Melancholie verfällt und sich zärtlich nach innen zurückzieht. Und wieder bemühe ich mich, Bartel sympathisch zu finden. Er hat recht. Er meint es gut mit mir. Man hat den zweiten Lastträger fortgeschickt und läßt mich allein arbeiten. Aber wie lange werde ich diese Hölle aushalten, die ich täglich durchzumachen habe? Ich nehme mir vor, den Posten abzugeben oder wenigstens um Helfer zu bitten. Aber der nächste Tag kommt, und ich halte schweigend durch. In jeder Stunde erwarte ich, zusammenzubrechen, aber ich breche nicht zusammen, es geht immer so weiter. Außer Henriette und Tisari scheint niemand zu bemerken, unter was für Verhältnissen ich arbeite. Bitte ich einen draußen herumschlendernden Jungen, eine Kiste anzufassen, so verschwindet der eiligst. Manchmal schlagen die Sortiererinnen Tempo an. Dann kann ich nicht mehr folgen, ersticke in der zwangsmaßig entstehenden Unordnung. Längst arbeite ich halbnackt, meine Stirn tropft von Schweiß, Die Wagen fall rcr, die noch immer Frucht vom Pardess bringen, hören auf, sieh um nieine Vorsilinlien z.n kümmern, sie machen mir soviel Schwierigkeiten wie möglich. Einmal kommt Tisari und ordne! einen Heller im. Der Heller arbeitet nicht mehr als eine halbe Stunde. Kr isi ein Schwitzen versteht nicht, worauf es ankommt, und zerrüttet mit seinen hysterischen Sprüngen im Laute dieser halben Stunde die Nerven der Sortiererinnen. Am Abend des dritten Tages bringt ein Zusammenstoß mit einem der Wagenlabretmeine schon lange verhaltene Wut zum Ausbruch. I'iöi/Iuli weide ich leere Kis'en durch das offene Fenster, auf einen Zu-chaucr, der draußen steht. Ich Lahe in dem Augenblick die Vorstellung; Wenn ich jetzt einen der vielen Störenfriede cr.n hinge, dann wird wenigstens das Problem der Ordnung aufgerollt, das sieh ohne Einmischung von Vaiikim si heinb.ir nicht lösen läßt. Man erkennt .sofort den To1.NiicJ.is.inf.ill. Tisari nimmt mir die Kisten aus der Hund, klopft mir auf die .Schüller. Ich zucke vor Nervosität, ein Trünenstrom flutet über mein Gesicht. Ich gehe nach Hanse, quer über das Feld, ich interessiere mich nicht mehr für das, was ich in meinem Rücken zurücklasse. Sollen sie mich hinauswerfen. f< h streike. Wieder ist die alte Arislokratcnkrankheii da. Ich werde niemals Arbeiter sein. Ich werde niemals Fuß fassen auf dieser Erde, ich werde ewig mir durch den Kosmos sausen, ein Meteor von Atomgröße, ein verlorengegangener Impuls, die Wegen des Raums schlugen dröhnend über mir zusammen. DEZ/MDER Ilanni arbeitet in der Küche. Wenn es gute Sachen gibt, steckt sie mir immer eine E\traportion zu. Eines Abends, etwa gegen halb sechs, stehe ich in Arbeitssuchen im Chadar Oche.1 und spähe nach etwas Eßbarem aus. Drei Schritte rieben mir steht eine Gruppe der deutschen Jugend, offenbar mit denselben Interessen wie ich, es sind zwei Jungen und tun Mädel; dieses Mädel ist mir schon seit langem aufgefallen, ich muß gestehen, daß ich irgendein Interesse für sie habe. Einer der Jungen fragt mich, ob ich nicht für sie aus der Küche etwas besorgen kann. Ich gehe mit klopfendem Herzen hinunter zu Ilanni und bekomme von ihr eine schöne, große Apfelsine. Aber wie ich wieder hochkomme, hat dieses Mädel schon vier Apfelsinen eingesammelt, von vier anderen, wie ich beauftragten Jungen, und meine Apfelsine ist nun die fünfte. Sie nimmt auch meine Apfelsine, und ich sehe ganz deutlich, daß einer von den beiden Jungen, mit denen sie steht, ein bleicher, schüchterner Knabe, vor Eifersucht noch bleicher wird, als er in Wirklichkeit schon ist. (Fortsetzung folgt)