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Jüdische Rundschau · 1937-02-09 · Heft 11 (9.2.1937) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 11 (9.2.1937)
Date
1937-02-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 11,9. 11.1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 7 V Der Mythenbildner Alfred Mombert Zu seinem 05. Geburtstag Von Sc halom Ben-Chor in Liebcgcflü-Ier und 1 leide nsaige, Alles was ich in den Welten' Ist nur das Wort...... fage, Alfred Mombert. Heilig hallet die Ek,ta;en V7^/ / * v' f/rtf Zeichnung, die der Auior tjcr tfjYse.s Artikels von Mombert im Kongreß-Cafe in Luzerri im August /9:!5 gemacht hat. Chr. Morgen, lein. In seinem Lebensgcdcnkbuch „Führung und C)cleit" erzählt Hans Carossa eine besinnliche Geschichte aus dem Weltkriege. Abgeschnitten von aller Welt tief in den Karpathen, war Carossas einziges Buch das Gedichtwerk Der Denker" von Alfred Mombert. Von diesem Buche erzählt Carossa: „Mein Exemplar des Mombertschen Werkes war mir geheftet und fiel allmählich in einzelne bogen auseinander. Einen verlor ich beim Lesen am Biwakfeuer; ein Feld webelleutiiant bemerkte es. hob ihn auf, sah hinein, schüttelte den Kopf und fragle, was denn das wäre. Schon wollte ich Auskunft geben, besann mich aber und sagte, dies seien Uchersetzungen aus dem Sanskrit, uralte indische Gedichte, vor etwa 2tX)ü Jahren geschrieben. Der einsilbige Mann, ein Buchbinder aus Würzburg, nahm nunmehr die Blätter, die er schon zurückgeben wollte, ehrfürchtig noch einmal an sich und studierte mit krauser Stirn die geheimnisvollen Zeilen." — „Das waren noch Kerle, diese Sanskriliker", meinte er schließlich „die haben mehr von Welt gewußt als wir." In dieser scherzhaft-ernsten Zwiesprache lebt eine tiefe Wahrheit: es ist schon so: Moinberls Dichtung hat etwas Urweltliches, sie klingt wie Fetzen einer gewa'tigeii Schöpfungsmelodie, herübergeweht von einem Steineuwind aus kreisenden Piaiietciiwelten in das dumpfe Geviert unseres Tages. Sie ist Protest gegen die Kausalität des Trivialen, Pückerinnerung prophetischen Geistes an die Keimtage der Erde, Inthronisierung der Idee der Dinge (im platonischen Sinne), Herrsehaflsausprüche der Sphurenorduungeii über die Logik des planen Witzes. Es versteht sich, daß ein Dichter, der so Ungeheuerliches wagt — eine Kunst des Unwirklicli-Ueberwirklichen, die sich aller vertrauten Relation hochmütig entschlägt — oft mißverstanden wurde und nicht in die Masse einzudringen vermochte. Sein Drang, den er in der „Blüte des Chaos" mit diesen Worten kennzeichnet: Mich aber drängt es Mit weiten Schritten über den Wölken F'orlzuwandcrn ins Nie-Betretene...... Ist nicht Drang der Masse, die immer wieder das ■ Wannvertratite sucht, die dem Dichter vertrauensselig zunicken will, oder begeistert einzustimmen bereit ist in den erlösenden Wortgesang ihrer gestaltlosen Wünsche, oder besinnlich den eigenen Traum begreift in den Versen des Anderen. Von alledem ist freilich bei Mombert kein Hauch zu spüren, ausgenommen der erste Gcdichtband „Tag und Nacht" (1 SO 1), in dem Soergel noch „Anklänge an Heine" zu hören wähnt, indes Klabund meint, der Dichter habe von Nietzsche und Stefan George, den „ernsten Hergereisten", die neuen Lieder gelernt. Aber bereits der „Glühende" (1896) ist ganz aut Momberfs ureigenste, scliwer-faliliche, immer wieder anziehende und durch ihre chaotische Dunkelheit abstoßende, immer wieder zur Auseinandersetzung zwingende Melodie abgestellt. In seinem großen Essay über Alfred Mombert (in „Kampf um Israel", Berlin 1933) meint Martin B u b e r, „über dieser Welt ... stellt der Gottesnanie Schaddai: ,Der der Dämonen Waltende", aber uns scheint es eher, als ob der Dichter, den wir früher als Platoniker ansprachen (weil seine Worte nicht Exemplar meinen, sondern die Idee der Dinge, auch aut verweist Buber in seinem meisterlichen Essay), uns hier Gnostiker begegnet. Denn der Schöpfer Momberts ist Demiurg der mai cionischen Gnosis. Die Schöpiung ist durch und durch dämonisch, „kein der Dämonen Waltender", es sei denn der sich a's Weltinitte erlebende Dichter, vermag sie zu zügeln. — Im „Denker" (1901) bricht das Kontemplative durch; in diesem Gedichtwerk, von dem Carossa sagt, es sei eine „bald liberklare, bald seltsam dunkle Dichtung, die ... hoch über dem alltäglichen Menschenleben schwellt und hallt", bekennt sich der Dichter rückhaltlos zur Bruderschaft mit dem Kosmos, die ihn oft unserem Verständnis entzieht: das das als der Sonne und Mun.l hnd mein einziger Yh Vhlhi'hl ii'nb da, Fmrr, vielleicht irc ihchr. i da, Meer. Keinem Ercunde, keinem Irdischen ist diese ganz kosmische, Sternkalle (ilut dargebracht, sondern — dem Sternbild Orion. Es sind immer wieder die ewig-mythischen Geschehnisse, der Kampf zwischen Kosmos und Chaos, Geschichte und Ewigkeit, Mann und Weib, die Mombert zu seinen Gedichtwerken hegeisten und begeistern, sie sind Grundakkorde seines „Atair" und „Held der Erde". Es ist schwer, in dieser sternklaren Snhärenwclt urzeitiich-zcitloscr Träume heimisch zu werden, desto dankbarer nehmen wir gelegentliche Verdichtungen allmenschlicher Gefühle und Erlebnisse, wie etwa diesen vollendeten, ganz Musik gewordenen Sechszeiler, eine unendlich friedliche Idylle, entgegen: bin Ihm, ...... nur der Grille Stimme klau;; In die .iliik-n Uen iche. Manchmal, eine, Mädchens kühler Sang, Der wcilengleic he. Und ein Kind, ein Knaltc, lag tagelang Am zitternden T< iche. Mombert ist nicht nur Lyriker, im „symphonischen" Drama erschließen sich die letzten Tiefen seiner herbmystischen Kunst, aber als Mombert 1009 die berühmt gewordene Auswahl seiner Gedichte „Der himmlische Zechet" vorlegte (Kenner halten diesen Auswahlband für den besten Führer zu Momberts Werk), wurde der unlösliche Zusammenhang seiner Lyrik und Dramatik, die beide Teile eines Gesanitdichtwerkes sind, klar. Dies ist durchaus keine Selbstverständlichkeit, viele Autoren gingen im Drama ganz andere Wege als in der Lyrik, man denke etwa an Else Easkcr- Schüler, deren naturalistisches sozial-kritisches Drama „Die Wupper" in schärfstem Gegensatz zur expressionistischen Traumwelt ihrer Lyrik steht. Für Mombert aber ist gerade die Einheitlichkeit seines Werkes bezeichnend. So wie er keine Gedichte (als Einzelkimstwerke) schafft, sondern „Gedichtwerke", die als Ganzes genommen werden wollen, so ist auch der Reigen seiner Bücher letztlich als ein großer Welt-Gesang zu begreifen. Fünf dramatische Dichtungen hat uns Mombert gegeben: die Aeon-Trilogie (1907-1911) und „Aiglas 1 lerabkunft" (1929) und „Aiglas Tempel" (1931). Nicht nur eine stilistische Einheit und eine aus dem Ausgcrichtetsein auf das kosmische Geschehen stammende kennzeichnet diese Dramenkreise, sie hängen auch personell und fabelmäßig untereinander zusammen. Das erste Spiel der Aeon-Trilogie „Aeon der Weltgesuchte" ist ganz Ich-Drama, in dem alles szenische Geschehen nichts anderes ist als eine Transformierung seelischer Wirklichkeiten in äußere Vorgänge. Mit Recht haben viele Literarhistoriker darauf hingewiesen, daß Mombert mit diesem Aeon-Drama zum Vorläufer des Expressionismus wurde. Friedrich Kurt Benndorf, der Biograph und Herold Momberts, hat im ersten seiner beiden Bücher über den Dichter, im „Aeon-Mythos", das erste Drama eine „kosmische Menschheitsgeschichte" genannt und damit seinen Wesensgelialt umrissen. „Aeon zwischen den Frauen", das zweite Drama der Trilogie, läßt Aeon den Heiden schwanken zwischen Kosmos und Chaos, die symbolisiert werden durch die licht-zarte mecrentstiegene Tiona und die chaotisch-abgründige Ur- Erühe. Weder die Klarheit des Kosmischen (Tiona) noch der Wirbel des Chaos (Ur-Frühe) vermögen Aeon die „ewige Zeit der schönen Liebe" zu schenken, erst ihre Vereinigung beglückt ihn. Den Abschluß der Trilogie bildet der Vülkcrpreisgesang „Aeon vor Syrakus", in dem in siz.ilianischer Landschaft ein Normanne, ein Araber, ein Phöuiker und ein Grieche Aeon begegnen und dieser mit Setiliramis, der Völkcnnultcr, ein neues „aeonisehes" Erdengeschlecht zeugen will, von dem Aeon ausruft: Ich sa^c cn* Ii: i e> wird ein jnn:;-n\- clh. Aber dieses „jüngste Volk" wird nicht sein. Der „alte Chaotiker", dargestellt durch einen Aeon mit glühender Armbrust erlegenden Riesen, fällt Aeon. Wieder bricht hier das gnostische Urgcfühl durch, welches Mombert in einem Gedicht aus dem Jahre 1S90 umschrieb, das mit den Worten „Gott ist vom Schöpferstuhl gefallen", beginnt und endet: „und die großen Werke sind vollendet und vollbracht." Das Ende des Aeon-Geschehcns faßt Martin Buber in zwei Sätze, die hier zitiert seien: „In großer Stunde, am Ende eines Weltalters, sterben die Völker und Aeon ihnen nach. Aber aus dem Sterbenden steigt der (ieist in neuer Gestalt auf, Sfaira, die Freude des Menschen." Sfaira, das „Aconische Aeons" aber kündet in eschatolo* gischer Verzückung: Ihm,') »cHlci bhiiiicli blühen «he :e>. h k hi<\ Ihmn k -inea ein ac-bci bchhie.; u'er de Welt. Dann w< .den Mcu'!k a binnen wie ice h leine. Was macht diese dramatischen Dichtungen so überaus schwer zugänglich, was hat ihnen bis heule die Huhne versperrt? Albert Sörgcl trifft da- Ikfreuid.-hIu au .Moinbeif, wenn er ihn nennt: ..einen I helltet ohne hhittnisimi, Zcilsiiiii ... eine Kirnst ohne vergleichende Maße." VeisUh gleichen, in-Bezichung-sct/cu. N't gegeben, ihre eigene innere Welt mit takt zu In ingen. Aeon i>4 tut, Sfaira seine neue Inkniii „Aiglas I lerabkunft" (10 U) ist die Welt \v:e voll, dem Momheit in ,,Aiglas leingi!" - richtet. Wir zeigten die Schwierigkeit n fassung von Momberts Dramen im Wenn sohle tler Verbuch einer Auffiilirnng gow.i wäre eine Aufgabe für die Kiiiiurbtmd-Btihm-ii.) ht heißt verwiegen ist es Mmiibc.ls in Kon«' i n a >n, eher durch •:cdnun des (iottes -rüi i ich ctniii erani, die der Er- •«• -lohen, dennoch werden. (I lier cc toten I leiden •Wohn" empor, er Aite" tritt er b'io. Schockenis entgegen. 'hr heilig Als Aeon der Hehn vom Kopfe fiel und er den Streichen des (.haos-Riesen erlag;, sehlug die < u-bni i-.-dunde Sfairas, des „Aeomsclien Aeons"; mit dem He':!<• geschmückt, steigt er in die „eu gen Wen Und nun ward aueli er alt. Als „Siaha in dem neuesten Werke Momberts (Ihiju Verlag), dem Abschluß de. Sfaii.i-tt\!li.'s, Abschied nimmt Sfaira von Dculvhbin ist dort im Tau der Morgen" •- zum l.hioe der I lolicnstaiifen geht er, ins I ichfelgebirge, ins Erzgehe; gc, dann aber aufbrechend über Venedig, dem „Traum-Werk großer Meister", zieht Sfaira der Alte „in das 1 ern-Land - hin nach Indien". Hellas streifend, noch einmal die Landschaft des dritten Aeon-Dramas, fährt er ins Morgenland, nach Indien, wo die Zauberer lagern am Gehcimnisgebirge Ilimalaia. „Sfaira der Alte steigt. Steigt himmelan" und wird schließlich selbst „zum Sternbild Sfaira". Auf dem Gipfel des Berges Moira hebt er dann die große Liebessage von Radha-I lari zu singen an. Im zweiten Teil des Werkes „Gegenüber dran Morgenstern" wird noch einmal das Bild des dämonischen Schöpfers beschworen, der seine Welt einreißt. Dann alter, im letzten Gedichtkreis, der ..Aeonischen Reise", erwachst aus der Zwiesprache /wischen Okorma, der Gefährtin auf der Reise ins Ewige, und Sfaira. dem Alien, das große Sehnsuchfsbild Momberts, „die Strahlen-Einsamkeit ... der Reigentänze seiner inneren Sonnen." Alle Sehnsucht ist dann gelöst, er selbst ist der Kosmos, nach dem ihn bräuflich verlangt und er, der uberkühu von sich sagte: „Tel; bin die Mn ih der Wh! ." ist selbst Welt, erfüllt von kreisenden Sonnen. — Geschlechter fallen und steigen, der Dichter Mombert aber, gehörend den ewigen Wandel-Weüen. -iiint sieh fort in aconische Slcrn-Ih aumi cchc, die ih". unsere Welt schauen lassen wie einen wimim. Inden Tvrmi*» n-l lugrl. Ludwig Bato: Am Sthwungrad der Zeit (Schluß) Aber wie das im Leben schon so ist: mit dem Geld kommen die Sorgen. Mein Großvater begunn darüber nachzudenken, wie er sein Geld anlegen solle. Die Kossuth-Nolen können doch nicht ewig in der Schublade bleiben und was tat man, wenn ein großer Brand über die Straße fegt imd alles in Asche mitgeben läßt? In seiner Nachbarschaft wohnte die reiche Familie Duschnitz, eine angesehene Sippschaft, die nus Amsterdam kam und mit dem hochgelehrten Rabbi Schelomo Duschnitz in Mikulasch verwandt war. Auch sie kam zu Geld und kaufte in der letzten Zeit ein Haus nach dem anderen. Wie wiire es, wenn er dasselbe täte? Der Erwerb von Haus und Hof war wohl den Juden von Gesetzes wegen verboten, aber in den stürmischen Zeitläuften sah man durch die Finger. Es ist aber doch ein großer Entschluß, ein Haus oder gar ihrer zwei zu kaufen, da wird es wohl am besten sein, sich mit dem Vater, Reh Jaakow, zu beraten. Das patriarchalische Verhältnis, das damals in den jüdischen Familien herrsehte, ließ selbst einen dreißigjährigen Familienvater, wie es mein Großvater war, in wichtigen Angelegenheiten nicht allein entscheiden Da mußte mun zunächst den Vater befragen und so ging mein Großvater eines schonen Tages — es war im Frühjahr 1849 — z.u Reb Jaakow. Mein Urgroßvater war eine prachtvolle Figur. Nach dem, was ich von ihm hörte, kam er mir in meiner jugendlichen Vorstellung wie ein jüdischer Kämpfer vor, der auf den Zinnen von Jerusalem oder einer anderen Festung des jüdischen Landes im Kampfe gegen die Römer heldenhaft standhielt und dann von den Siegern in die Gefangenschaft geführt wurde. Achtzehn Jahrhunderte der Verbannung konnten ihm nichts anhaben, sie glitten an ihm uh — seine jüdische Seele blieb unberührt. Seine Familie entstammte nicht dem mährischen Lande, er selbst kam aus der Knsrhnuer Gegend, aus Neudorf. Aber all diese Orte: Kuhin und Neudorf, Wien und Pest, all die Lünder; Oesterreich und Ungarn, der Aufstand des Jahres 1848 und all die politischen Ereignisse und Umwälzungen, die er in seinem langen Leben seit des großen Napoleons Zeiten gleichsam als Zaungast mitangesehen hatte, sie alle waren nur Fiktionen füribn. Für Reb Jaakow gab es nur eine große, faßbare Wirklichkeit: Erez Jisrael. Das war ein Land, das diesen Namen auch wirklieh verdiente, und es gab nur eine Stadt: Jeruschalajim. Wenn er am Ausgang des Vers&hnungsleste» und an den Scderabendcn ausrief: „Uehers Jahr in Jcrusehnlajim!", so war es nicht nur inbrünstig gesagt, es war ihm auch tiefernst um die Sache. Die Juden, die die Gallith mit all dem, was drum und dran hing, ernst nahmen, waren für ihn komische, unernste Gestalten. Er selbst kam sich vor wie ein Mann, der mit der Wirklichkeit, mit realen Dingen rechnet, die anderen erschienen ihm als armselige Trfiumer, bedauernswerte Phantasten! Mein Großvater hat sieh auf die Aussprache gut vorbereitet und Ictjlc in knappen, wohlüberlegten Worten seine Absicht dar. Er schilderte die großen Vorteile, die er als Familienvater und Handwerker daraus ziehen würde, wenn er ein Haus sein eigen nennen oder gar noch ein zweites erwerben könnte. Und dann als Jude im eicenen Hause, was würde das un Ansehen und Geltung in der Gemeinde bedeuten! Dann sprach er noch von der Familie Duschnitz, die ja mit gutem Beispiel vorangehe. Reb Jaakow saß beim Eintritt seines Sohnes Aber ein Buch gebeugt und tat so, als ob er weitcrlcscn wollte. Je länger nber st-in Sohn sprach, um so aufmerksamer wurde er. Endlich erhob er den Kopf und blickte durchdringend den Sohn an. Da sah mein Großvater, daß sein Vater im Gesieht ganz rot wurde und daß ihm die Adern an der Schläfe anschwollen. Reb Jaakow schien so zornentbrannt, daß sein Sohn erschrocken innehielt in der Anpreisung seiner Plane. Endlieh sprang der Reb .Tankow auf, stellte sich vor seinen Sohn hin und rief ihm ins Gesieht: „Mendel, Mendel, auch du bist also unter die Phantasten gegangen, auch du beginnst die Gallith ernstzunchmen? Was du mir da von Duschnitz' erzählst, kann mich nicht irre machen. Nein und tausendmal nein! Merk dir's, wenn du es noch nicht wissen solltest: Chu/Inarcz, außerhalb von F.rez Jisrael, darf sich ein Jude kein Haus erwerben. Kehren wir einmal in unser I and zurück, dann erst werden wir Hüuser bauen und kaufen — in der Gallith niemals!" Mein Großvater erhöh keinen Widerspruch. Er wußte nur zu gut, es wäre vergebens gewesen. Und so ging er traurig und enttäuscht nach Hause, wo meine Großmutter ihre liehe Mühe hatte, ihn zu trösten. Drei Monate später, im August 1849, wurden die Aufständischen mit Hilfe der russischen Truppen besiegt. Einige Tage spater verloren die Kossuth-Noten jeglichen Wert, ja noch mehr: ihren Besitzern wurde die Todesstrafe angedroht. Und so saß mein Großvater auf den Trümmern seine« Vermögens, das zunichte geworden war und tauschte seine zahlreichen schönen Noten bei einem unerschrockenen slowakischen Bauer gegen — ein Zicklein ein. ... Nun war er wieder ganz arm und hätte von nenem be¬ Kinnen sollen. Er konnte es aber nicht über sich bringen. als armer Teufel im Städtchen zu bleiben, wo er schon zu den Wohlhabenden gezahlt halte. UcWrrfic* sihicn siil; auch die Behörde für ihn, den Freund der Aufständischen, zu interessieren. Und so einschloß er sich kurzerhand, mit Kind und Kegel auszuwandern. England war damals diu große Mode, der Hort der Freiheit, wohin auch die unsari« sehen Aufständischen flohen. Dies mag mich bei meinem Großvater bestimmend gewesen sein, und so kam er einen schönen Tages in Eondon an, wo er nntuilbh im Whiteehapei Quartier nahm. Zwölf Jahre verbrachten meine Großeltern in ihr englischen Metropole. Es ging ihnen nicht schlecht, mein Großvater halle immer und gut bezabhe Arbeit, die Kinder wuchsen heran, mein Vater kam zur Well und es schien, daß sie ein glückliches I.eben führten. Es schien nber nur so, denn in Wirklichkeit war dem nicht so. Mein Großvater litt unendlich. Nicht das verlorene Vermögen war daran schuld, er war eine viel zu wenig materiell veranlagte Natur, als daß er sich aus Geld etwas gemacht hatte. Nein: mein Großvater wurde gemütskrank, weil er das Lehen in dem großen Ghetto mit seinen Zinskasernen nicht ertragen konnte. Er war an die freie Natur, an seine schönen Berge gewöhnt, an die frische würzige Luft, dio da vom S'raihn heruntcrwehle, an seine kleine Kchilln, in der er geboren und groß geworden. Meine Großmutter erschrak, nahm ihn an der Hand und führte ihn zum Arzt, einem alten, mürrischen Doktor, der ihn genau untersuchte und nachher eingehend ausfragte. Eine Weile sann er nach und stellte dann die Diagnose: Heimweh! Mein Großvater sah ihn an, die Augen leuchteten ihm auf. Meine tüchtige energische Großmutter löste den Haushalt auf, verkaufte alles — nur eine große Wanduhr behielt sie, die ich noch in späteren Jahren ln-wundcrt habe — verließ mit Mann und Kindern die große Stadt und schiffte sich in Soulhamidon auf einem Hamburger Dampfer nach der Heimat ein. Kaum war mein Großvater an Bord, den er krank betreten halte, da löste sieh der Bann. Meine Großmutter konnte mit Tränen in den Augen feststellen, daß Mendel, ihr , geliebter Mendel, gesund w ar. Und dann ging es wieder in das Stiidtehcn, wo sie noch zweiumlvierz.ig Jahre glücklich miteinander lebte» bis zum Tode meines Großvaters. Vier Jahre spüler folgte ihm die Großmutter in den Tod. Sie waren immer zufrieden mit ihrem Anteil am Leben und sehnten sich niemals nach London zurück. Sie waren die letzton Vertreter unseres jüdischen Städtchens, mit ihrem Heimgang schließt auch seine Geschichte. f. II f: m

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