Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 10 (5.2.1937)
- Date
- 1937-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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-8. 2.1237 Nr. 10 / Jahrgang 42 Preis 25 Rpi. JÜDISCHE RUNDSCHAU Sdurlftlaltang.Varlag n. Anzalganvarwaltanfi Berlin W15, Malnokastr.lO Fernruf i Sammal - Nummer J1 (Biamarck) 9031. — Btjuj.prnn pinr.rWitBlidi Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 biw. RM 539. — Postscheck - Konten der Vertrieb» - Abteilung Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (för das übrige Reich), In Fällen höherer Gewalt betriebt kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Beiugsgebühren. — Erscheint jeden Dianstag and Freitag. BERLIN!*snn üaff FREITAG, 5. FEBRUAR 1937 Gültig! AnzetgenpreUUste Nr. 5. Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpfn für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Kür die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plalzeo wird keine Gewähr geleistet Gelegcnheitsanzeiyon nur Jjejfen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr. A n nah mesch I u & für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag «Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt fOr das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Ein 5 Millionen-Drive Die Washingtoner Konferenz - Größte Palästina-Kundgebung in USA Kaplan in Amerika New York, 3. Februar. (JTA.) Die Vorbereitungen zu der großen P a 1 ä s t i n a - K o n f e r e n z, die am 6. Februar abends in Washington feierlich eröffnet wird, sind in vollem Gange, in New York und anderen jüdischen Zentren des Landes finden Delegiertenwahlen statt. Zu der Tagung, die im Mayflower-Hotel in Washington abgehalten wird, werden tausende Delegierte und Gäste aus allen Teilen der Vereinigten Staaten erwarbt. Db bevorstehende Landeskonferenz der vereinigten Pa'ästina-AUtinncn wird die größte Kundgebung für den Palästina-Aufbau s:in, die jemals in den Vereinigten Staaten stattgefunden hat. Es sollen auf dieser Konferenz umfangreiche Plane ausgearbeitet werden, die eine stärkere Beteiligung des amerikanischen Judentums an den Aufbauarbeiten in Palästina sichern. Sämtliche nationalen jüdischen Verbände und Orden Amerikas werden auf der Tagung vertreten sein. Der Schatzmeister der Exekutive der Jewish Agency, Elieser Kaplan, ist am 3. Februar an Bord des Dampfers „Berengaria" in New York eingetroffen. Dem Vertreter der JTA. erklärte Kaplan, die Exekutive der Jewish Agency habe den United Palsst'ne A^o^al aufgefordert, einen Ffinf- Millionen-Dollar-Drive zu eröffnen, dessen Ergebnis zu gleichen Teilen für die außerordentlichen Aktionen des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth verwendet werden soll. Elieser Kaplan wird in Amerika bemüht sein, die politische Unterstützung der Vereinigten Staaten für den Zionismus bei den Verhandlungen mit England Uber die Vorschläge der Kgl. Kommission zu erlangen. Er erklärte, daß Dr. Chaim Weidmann, der ursprünglich zu der Washingtoner Palästina-Tagung nach Amerika kommen wollte, mit Rücksicht auf die politischen Verhandlungen in London bleibt. Was die Verhältnisse in Palästina betreffe, so sei die Fortdauer der Spannung in der nächsten Zukunft zu erwartsn. Im Zusammenhang mit der politischen Aktion der Jewish Agency habe sich auch der Misrachi-Führcr Rabbi Wolf Gold ins Ausland begeben. Araber bei Staatssekretär Hull W a s h i n g t o n, 3. Februar. (JTA.) Staatssekretär (Außenminister) Cordeil Hull empfing eine Abordnung' der arabischen Nationalliga, die sich bemühte, die Sympathien des Staatssekretärs für den Standpunkt der Araber in Palästina zu erlangen. Die Mitglieder der Abordnung erklärten, die Ansprüche der Juden auf Palästina auf Grund historischer Rechte seien widersinnig. Ebensogut könnten die Spanier Anspruch auf Mexiko und Südamerika erheben. Von den Arabern werde verlangt, daß die jüdische Einwanderung endgültig eingestellt und in Palästina eine aus Vertretern der das Land bewohnenden Volksstämme auf Grund des Status quo bestehende Regierung eingesetzt werde. Staatssekretär Hull nahm die Erklärungen der Abordnung entgegen, ohne eigene Bemerkungen hinzuzufügen. Immigrations-Gesetz in Kraft Erschwerte Einwanderung nach Südafrika Johannesburg, 2, Februar. (JTA.) Da* neue südafrikanische Einwanderungsgesetz (Aliens' Bill) Ist am 1. Februar in Kraft getreten. Die Bestimmungen des neuen Gesetzes wurden bereits gegenüber einer Gruppe von 29 Einwanderern angewandt, die an Bord des Dampfers „V/arwick Castle" eingetroffen sind. Sämtliche 29 Einwanderer, unter denen sich 3 Juden befanden, erhielten zunächst die provisorische Aufenthaltserlaubnis für zwei Monate. Hauptbestiinmungen des Gesetzes Als „Fremder" wird in der Aliens' Bill jede Person bezeichnet, die nicht als britischer Untertan geboren ist oder Bürger der Südafrikanischen Union ist. Nach den Bestimmungen des Abschnittes 12 des Gesetzes darf kein Fremder das Gebiet der Union zum Zweck dauernder Niederlassung betreten, sofern er nicht im Besitz einer nach den Bestimmungen von Abschnitt 4 ausgestellten E i n - w ander ungserlaubnis ist; ebenso nicht zum Zweck vorübergehenden Aufenthaltes, wenn er nicht im Besitz, einer zeitweiligen Erlaubnis ist. Das Gesetz sieht weiter die Einsetzung einer E i n - Wanderlingskommission (Imrnigrants' Selcction Board) vor, die aus 3, 4 oder 5 Mitgliedern besteht; diese werden vom üeneralgouverneur zu dem Zwecke ernannt, unter den Fremden, die in die Union zu dauernder Niederlassung kommen wollen, eine Auswahl zu treffen. Die folgenden Bestimmungen der Aliens' Bill befassen sich mit dem Verfahren für die Ausgabe von Erlaubnissen zu dauerndem Aufenthalt in der Union: „Gesuche von Fremden um Erlaubnis zum Betreten der Union zum Zweck dauernden Aufenthaltes sind auf einem vorschriftsmäßigen Formular einzubringen, müssen die in dem betreffenden Formular vorgesehenen Auskünfte enthalten und dem Board in vorschriftsmäßiger Art und im vorschriftsmäßigen Wege vorgelegt werden. Der Board soll jedes in der angeführten Art unterbreitete Gesuch prüfen und kann weitere Informationen aber den Gcsuchsstellcr von jeglicher Quelle erlangen, so wie es ihm notwendig erscheint. Der Board kann die Ermächtigung zur Ausstellung einer Einwanderungserlaubnis zum Zweck dauernder Niederlassung in der Union einem Ausländer erteilen, der in der angeführten Weise darum angesucht hat und der nach Ansicht des Board ein erwünschter Einwanderer ist. Die Erteilung oder Verweigerung dieser Ermächtigung soll vollkommen dem Gutdünken des Board überlassen bleiben unter der Voraussetzung, daß der Board die Ermächtigung zur Ausstellung einer solchen Erlaubnis nicht erteilt, falls der Bewerber nicht a) von gutem Charakter ist, b) voraussichtlich innerhalb eines angemessenen Zeitraums nach seinem Eintreffen in der Union sich den europäischen Einwohnern der Union leicht assimiliert und ein erwünschter Einwohner der Union wird und c) falls nicht zu erwarten ist, daß er für die Wohlfahrt der Union schädlich sein wird; falls er keinen Beruf ausübt oder voraussichtlich ausüben wird, in dem nach Ansicht des Board in der Union bereits genügend Personen zur Befriedigung der Erfordernisse der Einwohner der Union tätig sind; oder falls es sich nicht um die Ehefrau, ein tinter 21 Jahre altes Kind oder um hilflose oder alte Eltern oder Großeltern einer Person handelt, die ihren dauernden, rechtmäßigen Aufenthalt in der Union hat und in der Lage ist und sich verpflichtet, die Betreffenden zu erhalten. Hat der Board die Ermächtigung zur Ausgabe einer solchen Erlaubnis erteilt, dann soll der Vorsitzende des Board oder eine andere von dem Board bezeichnete Person die Erlaiihnis in einer vorschriftsmäßigen Form ausstellen." Jede dauernde Aufenthaltserlaubnis kann widerrufen werden, wenn es sieh später herausstellt, daß sie auf Grund unrichtiger Angaben ausgestellt wurde. Für die Ausgabe von Bewilligungen zu vorübergehendem Aufenthalt sieht das Gesetz vor, daß ein Einwanderungsbeamter dem Bewerber eine Erlaubnis zum Betreten der Union und zum vorübergehenden Aufenthalt in ihr zu den in dein Gesuch angegebenen Zwecken und für den in der Erlaubnis vorgesehenen Zeitraum und den entsprechenden Bedingungen ausstellen kann, wenn der Bewerber alle vorgeschriebenen Erfordernisse erfüllt hat. Eine besondere Klausel der Aliens' Bill verbietet die Namensänderung ohne besondere Erlaubnis des Generalgouverneurs: „Wenn eine Person, die irgendwann einen besonderen Zunamen besaß oder unter ihm bekannt war, sich irgendeinen anderen Zunamen beilegt, den sie vor dem!. Januar 1937 nicht besaß oder mit dem sie sich damals nicht bezeichnete, so macht sie sieh eines Vergehens schuldig, falls nicht der Gcneralgouverneur ihr gestattet hat, jenen anderen Zunamen anzunehmen, und falls diese Erlaubnis nicht in dem Amtsblatt veröffentlicht wurde. Die Verurteilung oder der Freispruch einer Person wegen Annahme eines anderen Zunamens schließt nicht eine weitere Anklage und Verurteilung auf Grund dieser Bestimmung aus, wenn die betreffende Person nach der erwähnten Verurteilung oder dem Freispruch neuerlich diesen Zunamen oder einen anderen Zunamen annimmt." Das Gesetz sieht schließlich vor, daß die eines Vergehens gegen dieses Gesetz schuldig befundene Person mit Geldstrafe bis zu 100 Pfund und im Nichteinbringungsfalle mit Gefängnis bis zu sechs Monaten bestraft werden soll. Von den in Abschnitt 12 genannten Einwanderungsbestimnuingen sind diejenigen Fremden ausgenommen, die das Aufenthaltsrccht in der Union bereits gesetzmäßig erworben haben oder die vor dem 1. Februar 1037 gesetzmäßig zum Zweck dauernden Aufenthaltes in die Union gekommen sind. Am 2. Februar ist der in dem Gesetz vorgesehene Imrnigrants' Selection Board eingesetzt und der volle Wortlaut der Aliens' Bill in einer Sonderausgabe des Regierungsamtsblattes veröffentlicht worden. (Wir haben bereits in Nr. 7 einen Bericht unseres Korrespondenten aus Johannesburg über den Inhalt des Gesetzes veröffentlicht. Red.) _ Aus dem englischen Parlament. Unser Londoner JK.- Berichterstattcr schreibt uns: Abgeordnete, die an palästinensischen Fragen interessiert sind, fürchten, daß in dem Bericht der Untersuehungskommission der Versuch unternommen werden wird, den Maßstab der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes zu ändern. — Zahlreiches arabisches Propagandamaterial geht den Mitgliedern zu, worin versucht wird nachzuweisen, daß die Wirtschaftslage in Palästina durch den jüdischen Unternehmungsgeist ernstlich gefährdet sei. Offenbar haben die arabischen Propagandisten zur Notiz genommen, daß die englische Presse stark von dem wirtschaftlichen Aufstieg Palästinas beeindruckt ist und oft den schwierigen politischen Problemen dadurch auszuweichen sucht, daß sie für die Fortsetzung der ökonomischen Entwickhing plädiert. In den von arabischer Seite verteilten Publikationen wird neuerdings besonders gegen die jüdische Arbeiterbewegung Stimmung gemacht, deren hohe Lohnforderungen die Lebenskosten heraufgeschraubt hätten und so den schlechter bezahlten arabischen Arbeiter schädigten. Bilanz und Selbstkritik H.F. Die geschichtliche Entwicklung seines Volkes hat dem Juden im erhöhten Maße die Fähigkeit zur Anpassung an Verhältnisse und Umwelt gegeben- Diese Assimilationsfähigkeit wird zu Unrecht häufig als Charakterfehler des Juden bezeichnet. Der Zionismus hat immer nur den Willen zur Assimilation bekämpft, dagegen haben wir die Fähigkeit der Juden, sich zu assimilieren, immer als das eingeschätzt, was sie in Wirklichkeit geworden ist: eine Schutzmaßnahme im Existenzkampf einer schweren und langen Diaspora- Epoche. Der Kampf des Zionismus richtet sich also in erster Linie gegen die gewollte Assimilation, die den Charakter verdirbt. Diese war nichts anderes als die Entartiingserscheiming eines krank gewordenen Volkswillens und fiilnte zu jenen Verzerrungen und pathologischen Erscheinungen, die in wirksamer Weise Angriffsobjekte des Antisemitismus werden konnten. Als die Verhältnisse der Juden in Deutschland sich im Jahre 19 33 grundlegend änderten, erhofften war hieraus eine revolutionäre Wandlung in der Haltungder Juden in Deutschland zu den Fragen ihres Volkstums und der Zukunftsgestaltung der jüdischen Nation. Es soll gewiß nicht verkannt werden, daß solche Wandlungen in vielen jüdischen Köpfen — und nicht den schlechtesten — Platz griffen. Jedoch wäre es eine Selbsttäuschung, wenn wir nicht feststellen, daß vieles von dem, was wir als Wandlung ansahen, nichts weiter war als ein Sich-Abfinden mit den gegebenen Tatsachen und neuen Verhältnissen. Die zionistische Bewegung wurde für viele Juden in Deutsehland eine Auswanderungsbewegung nach Palästina. Transfer und Zertifikat wurden wesentliche Bestandteile „zionistischen" Denkens, und das Hereinströmen in die Reihen der Zionistischen Organisation beruhte zum großen Teil auf der Anerkennung der „gegebenen Tatsachen". Die große Eiinv.inderungswelie nach Palästina in den letzten Jahren und die ungewöhnliche wirtschaftliche Expansion im Lande begünstigten diese 1 faltung. DerZionism 11 s hielt mit der Palästina- Bewegung" nicht Schritt. Wir erkennen heute sehr deutlich, daß in einem Augenblick politischer und wirtschaftlicher Schwierigkeiten in Palästina und in einer Zeit, in der die Einwanderungzurückgegangen ist, jene Tendenzen innerhalb der Juden in Deutschland wieder stärker werden, die symptomatisch dafür sind, daß die zionistische Eroberung der Juden nicht zu Ende geführt wurde. Wenn wir von der Jugend absehen, die sieh für die Hachscharah entschieden hat und gewillt ist, unter allen Umständen den Weg ins Land und aufs Land zu finden, so sehen wir in der sich verringernden Teiluehmerzahl an den hebräischen Kursen, in dem schwächer werdenden Interesse für die Fragen des Aufbaus Paliistinas und der mangelnden Unterstützung der zionistischen Forderungen Zeichen für die Richtigkeit der obigen Behauptungen. Es kann nicht der Sinn einer Bilanz der letzten vier Jahre sein, die negativen Erscheinungen allein zu registrieren. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hat gewiß große Leistungen in diesen Jahren vollbracht. Zehntausende von Juden aus Deutschland sind nach Palästina gegangen, und eine große Zahl von ihnen ist zur Aiisiedlung gekommen und aufs Land gegangen. Die Leistungen für den Keren Hajessod und den Keren Kajemeth Lejisracl waren absolut groß, relativ gewiß nicht den wirklichen Möglichkeiten entsprechend. Wichtige Maßnahmen für Hilfe und Aufbau eines neuen Lebens sind durchgeführt worden. Die Reichsvertrctung der Juden in Deutschland hat unter starker Mitwirkung der Zionistcn Großes für Umschichtung, Wanderung und Schulwerk geleistet. Die stärkere Mitarbeit der Zionistcn in den jüdischen Gemeinden hat zu einer Erweiterung ihrer Aufgaben und zu einem größeren Aktionsradius geführt. Nichts wäre aber falscher, als diese Ergebnisse mit Befriedigung zu verzeichnen, ohne gleichzeitig auf die schweren Mängel aufmerksam zu machen, die die gesamte jüdische Arbeit heute in Deutschland belasten und zu weiten Teilen unproduktiv machen. Unser jüdisches Leben leidet an einem Uebermaß von Zersplitterung und Atomisierung. Es leidet ferner an einer krankhaften Polypragmasie, so daß zu leicht erkennbar wird, wie ratlos und unentschlossen die zur Führung berufenen jüdischen Gremien der Entwicklung gegenüberstehen. Vor allem ist hier ein Wort über die Gemeinden zu sagen. Sie wären die natürlichen Zentren eines jüdischen Lebens und könnten zu wahren Volksgcmeinden der Juden in Deutschland werden, in denen jeder Jude und jede Gruppe die Möglichkeit der freien Entfaltung hat, und in der alle von dem Gefühl