Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 8 (29.1.1937)
- Date
- 1937-01-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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JODISCHE RUNDSCHAU a^^lLrii^t f AfT JiXJ. JL tlL Nr. 8, 29. JANUAR 1937 Zwischen Ankara und Jerusalem Von M. Y. Ben-gavriel , Die in den letzten Jahren mit besonderer Deutlichkeit hervorgetretene Tatsache, daß es in der Politik keine „Bewegungen der verschiedenen Ebenen" #ibt, die einander nicht doch irgendwie und irgendwo berühren oder schneiden, wird nun allmählich auch in den arabischen Ländern immer klarer. Es zeigte sich mit Beginn der Konflikte um Abessinicn, daß die arabische Bewegung auch räumlich entfernter Situationen ausnützt. Nun, da mit dem Problem von Alexandrette die Türkei, nach beinahe zwanzigjähriger Uninteressiertheit an den Dingen jenseits des Taurus, wieder im Spielraum arabischer Politik auftaucht, ergibt sich mit jäher Plötzlichkeit ein sehr interessanter S z e ii e n w eclis e 1. Der intransigente arabische Nationalismus — vor allem in Syrien — der bis gestern seine Wünsche mit denen der im Vorderen Orient engagierten Mächte — hier also Frankreich — völlig unvereinbar fand, muß eine Wendung machen. Der neue Faktor, der — als stärkste vorderasiatische Militärmacht — im Norden sich bemerkbar macht, zwingt die arabischen Intransigenten, sich Frankreich stark zu nähern, denn kein Mensch in Syrien zweifelt daran, da 15 drei oder vier Tage nach einer Aufgabe Syriens durch Frankreich der Zustand von vor 1918, die Türkenherrschaft also, wieder hergestellt wäre. Die Erinnerungen an diese Herrschaft sind aber noch nicht genug verblichen, lim sie einer französischen Vormundschaft vorzuziehen. Dazu kommt die Ueberlcgung, dall die neue Türkei des Ataturk all den Einrichtungen feindlich gegenüberstellt, die sich aus der noch immer» sehr starken moslemischen, also religiösen Tradition im arabischen Lebensraum ergeben. Davon abgesehen aber hat Ankara niemals darüber Zweifel aufkommen lassen, daß es die „sentimental-reaktionäre" Tendenz des Pari- 'Islamismus und die „romantischen Bewegungen" des Pan-Arabismus ablehnt und bekämpft. Den Pan-Arabisnnis abzulehnen und zu bekämpfen, entspricht der einfachen Ueberlcgung, daß es vorteilhafter ist, an ein nicht geeinigtes Volk zu grenzen als an ein tiroliarabien, das schwachenden Partikularismus und die Stammesgegensätze bereits überwunden hat. Dies alles wissen die arabischen Politiker Syriens sehr genau — wahrscheinlich auch die Palästinas, selbst wenn sie vor der Königlichen Kommission das Lob der Türkei sangen — und müssen, ob sie wollen oder nicht, nicht nur an Frankreichs guten Willen, Alexandrette, das heißt Syrien, zu schlitzen, appellieren, sondern müssen in einer solchen Situation, die sich jederzeit wiederholen kann, das Verbleiben des französischen Militärs in Syrien wünschen. (ianz ähnlich wird über kurz oder lang die Situation im Irak sein. Die neuen Expansionstendenzen der Türkei, die sich ja nur südwärts entladen können, werden und können sich nicht mit Alexandrette begnügen. Wie immer das Abenteuer in diesem seit Alexander dem Großen weltpolitisch wenig aufregenden Winke! ausgehen sollte, wird, »»dies kann als ziemlich sicher angenommen werden, wohl sehr ic'bald ein anderes Problem von den Türken aufgeworfen werden: die Frage von Mostil. Die Oelfeklcr von Mosul, durch die Friedensverträge dem Nachkriegsstaat Irak zugeteilt, für dessen Budget diese Erdölvorkommen von entscheidender Wichtigkeit sind, werden das nächste Streitobjekt zwischen der Türkei und der arabischen Welt sein. Die Türken, das darf nicht geleugnet werden, brauchen für Armee und Flotte Petroleum. Eine eigene Rohrleitung aus Mosul, über die eine Verständigung wohl möglich wäre, genügt Ankara nicht, sonderlich nicht nach den letzten Ereignissen in Palästina, die gelehrt haben, daß derartige Leitungen mit Leichtigkeit anzuschießen sind. Hier aber dürften die Schwierigkeiten noch größer sein als in Syrien, denn hier müssen nicht allein die arabischen Staaten und England mit letzter Unnaehgicbigkeit die türkischen Forderungen ablehnen, sondern auch Rußland, das einen gut zahlenden Großabnehmer für sein Erdöl verlieren würde, muß in dieser Frage mit England gehen. Palästina liegt einstweilen fern von der Türkei. Die in Kampfzeiten auftretende merkwürdige Türkcnlicbc gewisser arabischer Führer würde einer Probe aufs Exempcl nie standhalten. Noch leben zu viele Fellachen, die die Narben türkischer Korbatschhiebe auf den Fußsohlen tragen und noch ist Dschemal Pascha unvergessen, und unvergessen das Bild des ans Jaffator von Jeiusalem gehängten Mufti von Ghaza. Unter Englands Herrschaft ist in Palästina weder der Pan-Arabismus, noch der Pau-Islaiuisimis als staatsgefährlich verboten. Der auf den hohen Schulen Ankaras und . Konstautinopels wieder auftauchende Gedanke eines neuen großtürkischen Reiches ist unvereinbar mit der Idee eines einheitlichen arabischen Herrschaftsraumes. Dies müssen aber nicht allein die Araber Palästinas, sondern auch die Jude n dieses Landes bedenken. Wenn auch die Juden direkt weder mit Alexandrette noch mit Mosul etwas zu tun haben, muß diese neue Komplikation der Lage in den Nachbarländern, im zentralen Kraftfeld aller arabischen Bewegungen, mit größter Aufmerksamkeit beobachtet werden. Und je eher man sich in diesen Dingen einen vernünftigen Standpunkt sichert, desto größer sind die Chancen, im aktuellen Augenblick nicht nur nicht als quantitc negligeable, sondern sogar als Faktor auftreten zu können, der geben und daher auch fordern kann. Fauzi Kaukji aus Bagdad verbannt Die Jerusalemer Tageszeitung „Palestine Post" teilt mit, daß der Rebellenführer Fauzi Kaukji von der Regierung Iraks aus Bagdad nach Kirkuk verbannt worden ist, wo er als politischer Flüchtling lebt. Die in der ausländischen Presse häufig wiederkehrenden Berich.c ü">r- "(aukjis gepen England gerichtete Tätigkeit werden, so heißt es, von der Regierung bei ihren Bemühungen um Herbeiführung einer Lösung des Palästina-Problems als störend empfunden Die arabische Presse bestätigt diese Meldung und fügt hinzu, daß die Maßnahme auf Forderung der eng lischen Regierung hin getroffen wurde. A.-C.-Sitzung am 13. April Die nächste Tagung des Zionistischen Aktions- Comites ist auf den 13. April in Jerusalem festgesetzt worden. Erste Spatenstiche Ein Tagebuch aus dem Beisan-(Beth-Schan)-Gebiet Die gesamte, dem KKL gehörige Fläche in der Umgebung ron Beth-Schan erstreckt sich auf 25 000 bis 26 000 Dunam, die aber noch nicht konzentriert sind. Bisher sind auch die Böden und die genauen Grenzen der verschiedenen Gruppen, die den Boden besiedeln sollen, noch nicht festgesetzt; sogar der Bodenschlüssel ist noch nicht festgelegt. Oesllieh von der Grenze von B'th Alpha befinden sich die Böden von Ssachnah, an sie anschließend die von Beth-Schan im Osten und Nordosten, und die Böden von Fct-Schok im Süden. (Die einzelnen Bodenareale tragen den Namen des Ortes, zu dem sie gehören oder gehört haben.) Die beiden neuen S ie dlung s punkte sind Tel-Amal II a Schorn e r llazair — diese haben bereits ihren Boden besetzt — und I'Iugath Ilassud eh vom l\ i' l< h n z Meuchad in Rischon-Lezion, die bereits seil acht Jahren in der Moschaiva arbeiten. 'Tel-Amal hat sich auf dem schmalen Streifen der Böden von Tel-Schok angesiedelt, die an die Hachen von Ssachnah grenzen. I'Iugath Ilassadeh wird ihren Siedlungspunht auf den unbeivässerlen Böden von Belli Seh an errichten, nördlich der Bahnlinie und der zukünftigen Chaussee aui einer schönen Anhöhe, am Abhang der Hügelkette, die sich von Schalla bis zum Jordantal hinzieht. Dieser Punkt liegt höher als seine gesamte Umgebung, und die UVv.ser der Quellen aus der ganzen Gegend gelangen daher nicht bis zu ih n. Ilassadeh wird dafür sorgen müssen, seinem Siedlungspunkt Wasser zuzuführen, entweder aus einer der Quellen oder, falls dies möglich ist, aus noch zu bohrenden Brunnen. Oestlieh, südlich und nördlich von diesen Flüchen befinden si'-h noch Böden des Keren Kajemeth; einmal konzentriert, werden sie von einer ganzen Heilte von Gruppen besiedelt werden. Sachsichend geben wir eine Schilderung der Bodenbesetzung durch Plugulh Ilassadeh. (Red.) Dienstag, den S. Januar Am Dienstag früh um sieben Uhr kam ein großes Auto der Pluga Ilassadeh beladen mit Verschalungen für die Kies- Schutzmaiicr. Fröhlich kletterten die Chawcrim hinauf und suchten sich Platz zwischen den Brettern. Wir fuhren ab. Unterwegs trafen wir die Automobile, die die Chawcrim aus Ejn-Charod und I lachtigim beförderten. Es war ein schöner Anblick: Chawerirn Von der ersten und zweiten Alijah bis herab zu den letzten Ohm aus Polen, Deutsehland, Tschechoslowakei, Litauen, Lettland usw. Auch Chawcroth waren dabei. Der ganze Weg war belegt von Traktoren, Autos und Wagen. Mehr Polizisten als sonst waren zu sehen. Mehrmals bleiben wir im Schlamm stecken. Ab und zu helfen wir uns schieben, einmal zieht der Traktor das Auto heraus, meistens schiebt er das Auto von hinten. Endlich kommen wir an. Von weitem sehen wir vier Männer. Ein Traktor mit Wagen kommt heran. Der Boden ist schon bestellt. Nicht weit nach Nordosten sieht man das Lager von Chel llaßefer. Nach Südosten, in einer Entfernung von zwei bis drei Küomelern, liegt die Station Beth Schau. Im Südosten ragen die Berge des Scliomron, im Süden der Tel-Amal und das Gilbo:i-(iebirge auf. Hier und dort sieht man Araber, die säen und pflügen. Sobald wir da sind, beginnt die Arbeit. Gleich werden Gruppen eingeteilt, um die Kiesmauer und den Stachcldraht/aun zu errichten. Auch der große Turm kommt an, der auf einem breiten Wagen liegt. Chawerirn halten ihn mit Stricken, damit er an abschüssigen Stellen und bei Wegübergängen nicht auf die Erde fällt. Die Photographen hetzen hin und her. Der eine dreht einen Film, der andere macht Aufnahmen für sich selbst. Chawcroth teilen Essen aus und bringen es jedem an seine Arbeitsstelle. Hastig, ohne das Gerät fortzulegen, ißt jeder. Das Brot ist frisch — heute nacht in Tel-Jossef gebacken. Die Arbeit kommt noch nicht recht in Schwung, es fehlen noch Verschalungen und aridere Stücke. Die Autos sind schon zurückgefahren, um sie zu holen. Den zusätzlichen Polizisten war der Befehl gegeben, nicht bei der Arbeit zu helfen, sondern sich auszuruhen, um nachts wach zu sein. Schon beginnt man die Pfosten für den Stacheldrahtzaun einzulassen. An der anderen Seile der Mauer schwirrt es wie im Bienenkorb. Dies ist schon das zweite Siedllingswerk in unserer Gegend im letzten Monat. Das Herz lacht einem. Wer weiß, ob wir nicht noch viele Werke in den nächsten Tagen beginnen können! Die riesigen öden Flächen ringsumher rufen uns. Mit eigenem Auge sehen wir, wie der Jischuw Wüste und Oednis verdrängt. 3 Uhr nachmittags Seit Mittag regnet es. Die Autos kamen unter großen Schwierigkeiten nach Hause; die Traktoren bringen augenblicklich Kies heran. Der Kies reicht gerade aus, um zwei Stellungen auszufüllen. Man kam nicht mehr dazu, die übrigen Verschalungen und Materialien herbeizuschaffen. Vielleicht kommen wir dazu, eine Baracke aufzustellen. Einen Schlafplatz und eine feste Stellung werden wir heute nacht nicht haben. Mittwoch, den 6. Januar Die Nacht war fürchterlich. Am Abend verließen uns die meisten Leute der Nachbarsiedlungen, ebenso ein Teil der Chawerirn von Hassadeh, darunter drei Chawcroth. Die Baracke ist nicht fertig gewoideii. Oben sind ein paar Breiter dal übergelegt und mit /cltleinwand beileckt. In allen Ecken rinnt und tröpfelt es. Der Boden ist aufgeweicht, man kann sich nicht set/cii. Her |..njii der Tr.iktoicn, die bei Anlx lieh der Dunkelheit zurückkommen, iiutei bricht ein wenig diu Stille. Der Regen sti<>iiit iinaiifliöilich. Aul dein kleinen von der Schut/maucr umgi. iieueii I lof, die Iiis jetzt noch mein fertig und wegen der Transportsi hu icr igkeiten noch nicht mit Kies gefüllt ist, ist durch die Traktoren und Autos ein enlsi tzlichcr Schlamm i nNtandcn. Streicliliul/er un ' lemii hat iii.in Zigaretten aus. 1 nicht fertig. Der Regen verDiclt, der bis wachten draußen zwischen Wache Drinnen ist es i draußen. Wir sind nicht mit: Die Kalte Dt loß. reiio- I )en Rauchern gehen die Der Scheinwerfer ist noch etw a ")0 nun - - hat unseren ganzen Plan in aile 1 inzelheiten aiNgeai 'leitet war. Wir und losten uns alle diei Stunden ab. Doch und Baracke ist kein großer Unterschied, •cnati so naß und dunkel und kalt wie die naß bis auf die Knochen und drangen uns um eleu „Primus". I inige Cliawerim haben sich in einer Ecke Bretter und Zeltbahnen zurechtgelegt und drangen sich dort zusammen. Eine trockene Stehe zum Sitzen oder Liegen ga!) es nicht. Trotzdem verloren wir nicht den Mut. Immer wieder machten wir uns klar: Es ist gut, da Ii wir hergekommen sind, wir hätten es nicht länger aufschieben dürfen. Diesen Mittwochmorgen und diese erste Nacht in unserer Siedlung werde ich nie vergessen. Nachts signalisierte man aus Tel-Amal. Von den Beduinenzelteu her flammten Lichter auf. Wir antworteten nur einige Male. Man konnte schlecht draußen im strömenden Regen stehen. Frühmorgens fuhren die zusätzlichen Polizisten aus Fju- Charod nach Hause, damit mau sie ablöste. Wir blieben und mußten auch am Tage wachen. Trotz dem unaufhörlichen Regen, den Sturm begleitete, gingen die Chawerirn zur Arbeit. Sie zogen ihre Schuhe aus und begannen, die Baracke fertig zu zimmern und den Scheinwerfer in Ordnung zu bringen, um nachts die Umgebung ableuchten zu können. Aus llachtigim brachte man uns Lebensmittel und Material. Auch kamen Leute zur Arbeit. Die Stimmung hob sich. Mit dem Mittagszuge kamen zwölf Leute mit Paketen. Siehatten auch Zeitungen bei sich. Auch Cliawcriiu aus Ejn-Cbaiod kamen und ein Pliotograph vom KKL, um weitere Aufnahmen zu machen. Die Chawerirn arbeiten mit höchster Anstrengung. Ein Tisch und ein (iesrhirrständer werden angefertigt. Das Gefühl, daß wir nicht isoliert sind, muntert uns auf. Heute oder morgen wird wahrscheinlich der Zug auf der Nein' der Siedlung halten, damit wir nicht immer nach Bellt Schart zur Station gehen müssen. .Mit der Regierung sehw eben VeihaiiiHiingeii, eine Wasserleitung von Chel Ha lief er bis zu uns zu legen. Unser .Mittagessen nehmen wir bereits an einem Tische ein. Am Abend werden wir schon auf Banken sitzen, und der Scheinwerfer wird die Gegend ableuchten. Nachmittags kamen Chawcrim aus Tel-Jossef, um uns abzulösen. Wir ritten nach Hause. Unterwegs tiafen wir einen Wagen mit Fäs»erü, den ein Traktor aus dem Schlamm ziehen mußte. Schabbat, 9. Januar mittags In den letzten drei lagen hatten wir wundervolles Wetter; nachts war es sehr kalt. Vier Wohnharackcit sind schon ebenso der Staclieldraht/auu und der Scheinwerfer. Baracken ist elektrisches Licht. Heute kamen Schreiner aus den Eine neue Siedlung wird errichtet Der Siedlungspunkt Tel Schok östlich von Beth Alpha im Emek Jesreet, wo eine Gruppe des llaschomer llazair angesiedelt wird. Während bisher Beth Alpha der östlichste Siedlungspunkt war, wird nun das jüdische Siedlungsgebiet weiter nach Osten gegen die Jordansenke hinausgeschoben. Infolge der gefährdeten Position im Falle von Unruhen ist, wie auf dem Bilde ersichtlich, die Siedlung als eine „kleine Festung" ausgebaut und mit dichtem Stacheldraht umgeben. Das Bild links zeigt den 16 m hohen Verteidigungsturm mit Scheinwerfer Fotoi: S«lut B«tb Alph»