Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 8 (29.1.1937)
- Date
- 1937-01-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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i -1. 2.1337 iffr« / Jahrgang 42 Preis 25 Rpi. JÜDISCHE RUNDSCHAU Schrlftleltnng.Verlag n. Anxelgenverwaltnngt Barlin W15, Meinekestr.10 Fernrnfi Satnmal■ Nummer J 1 (Bismarck) 9031. — Bezugspreis einsdilleSHcb Bwtellgeld je Monat RM?,—, i« Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 biw RM 539. — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung Berlin 71573 (für Groß Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachüefemnsr oder Erstattung etwa schon gezahlter Bozugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag nnd Freitag. BERLIN ta*nn s-%r FREITAG, 29. JANUAR 1937 Gttttlgi Anzetgenpretsliate Nr. 5. Di«? 12 gespaltene mm-Zelle 20 Rpf., f&r Familien - Nachrichten 15 Rpt. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Piüt/en wird keine Gewähr geleistet Gelegenheit», anzeigen nur gfigpn Vorauszahlung auf Postscheoic - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis F t e i t a g 9—IS Uhr. Annnhmeschluß für die Dienstag- Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgab« Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Das „dunkle Geheimnis" Wieso die Palästina-Regierung ein halbes fahr Rehellion wohlwollend dulden konnte — fragt die „Times" Die Londoner „T i in c s" vom 25. d. M. beschäftigt sich hl ihrem ersten Leitartikel mit der Situation in Palastina nach Abreise der Kommission. Die Redaktion stützt sich dabei auf die beiden ausführlichen Berichte ihres Jerusalcmer Korrespondenten über die Aussagen von Juden und Arabern und erörtert die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Da ein Kompromiß nicht möglich sei, werde nach Meinung des Blattes die Mandatarmacht ihre eigene Lösung für die Konflikte finden und sie von sich aus auferlegen, dann aber vor allem auch daran festhalten müssen. Der Artikel verweist aber darauf, daß die öffentlichen Zeugenaussagen noch kein vollständiges Bild der Ursachen der letzten Unruhen bilden. Viele Punkte bleiben ein dunkles G e Ii e i in n i s. Angesichts der gespannten Lage war es, schreibt die „Times", sicherlich Sache der Verwaltung, die die Mandatarmacht an Ort und Stelle repräsentiert, den Konflikt vorauszusehen und zu verhüten. Die Mitglieder der Kgl. Kommission haben zweifellos, so schreibt das Blatt, einen guten Gebrauch von ihren nichtöffentlichen Sitzungen gemacht, um aufzudecken, wie es möglich gewesen ist, daß Zusammenstöße, denen ein arabischer Generalstreik gefolgt ist, nicht so weit eingeschränkt werden konnten, daß sie in eine Rebellion ausarteten, die nur unterdrückt wurde, als zwei britische Divisionen, durch Reservisten verstärkt, im Heiligen Lande zusammengezogen worden waren. Die Kommission wird jetzt auch die Motive verstehen, warum die Verkündung des Kriegsrechtes zu einer Zeit unterblieb, als Morde an Juden oder regierungstreuen Arabern zu den alltäglichen Erscheinungen gehörten, als Abteilungen britischer Truppen oftmals angegriffen wurden und als Straßen und Eisenbahnen fortgesetzt zerstört wurden. Sie müßte sicherlich in der Lage sein, Aufklärung über das langanhaltende Zögern der Palästinaverwaltung zu geben, entweder das Land zu entwaffnen oder wenigstens abschreckende Strafen für unerlaubten Waffenbesitz zu verhängen; weiter über den offenbaren Konflikt zwischen der Regierung und einem Zweig der Rechtsprechung, über die Umstände, unter denen bewaffnete Banden imstande waren, aus anderen Ländern nach Palästina zu k o m m e n und, nachdem sie endgültig umzingelt waren, die Erlaubnis erhielten, unbehelligt zu entweichen. Es ist zu hoffen, daß eine Aufklärimg über diese und andere Mysterien in dem Kommissionsbericht erscheinen werde. Inzwischen, so heißt es zum Schluß des Aufsatzes, gibt es nur zu viele Anzeichen dafür, daß die extremeren arabischen Politiker dabei sind, sich auf die nächste Runde vorzubereiten. Bewaffnete Räuberei und die Einziehung von „patriotischen" Abgaben unter Drohung mit Gewalt haben nicht aufgehört. Der Anschlag auf den arabischen Bürgermeister von Haifa, dessen Haltung während des arabischen Generalstreikes den Extremisten nicht gefiel, ist ein anderes Zeichen für die Stimmung, die in einigen Bezirken Palästinas herrscht. Waffen werden fortgesetzt in das Land eingeführt. Es bleibe ein weitverbreitetes und nicht leicht zu nehmendes Gefühl, daß die U n e n t s c h 1 o s s e n h e i t W h i t e h a 11 s (Sitz der englischen Regierung in London. Red.) in der Vergangenheit und der außergewöhnliche Optimismus in Jerusalem zu einem nicht kleinen Teile für die Unruhen verantwortlich sind, die Palästina heimgesucht haben und beständig seinen Frieden bedrohen. Im ersten Teil des Artikels geht die „Times" auf die Haltung der beiden Parteien ein. Es sei nur fair, zuzugeben, daß die jüdischen Zeugen sich veranlaßt gesehen haben, keine Konzessionen auf Kosten der leidenden Massen der Juden in P o 1 e n und Mitteleuropa zu machen. Aber selbst so scheine die zionistische Interpretation der „doppelten Verpflichtung" des Mandats höchst provokatorisch. Die Behauptungen, die von den Wortführern der Ziouisten vorgebracht wurden, seien darauf hinausgelaufen, daß nur das Versprechen an die Juden, in Palästina ein Jüdisches Nationalheim aufzurichten, als „positiv" zu betrachten sei. Was den anderen Gemeinschaften in Palästina zugestanden worden sei, sei nur eine Sicherheitsklausel für den Schutz der religiösen Rechte und für die Eigentumsrechte der Angehörigen anderer Glaubensgemeinschaften gewesen. Von den Arabern könne kaum erwartet werden, daß sie Geschmack daran finden, wenn man rfincn bloß die Stellung von „Nichtjuden" zuweist und es würde eine Ueberraschung sein, wenn eine britische Regierung eine solche einseitige Definition der Pflichten der Mandatsmaciit gutheißen würde. — Die arabischen Führer seien auf der anderen Seite, wenn möglich, noch weniger entgegen - kommend gewesen. Sie hätten nichts von Kantonisierung hören wollen, und sie hätten die Anregung verworfen, daß sie sich mit Engländern und Juden auf einer Round-Table-Konferenz treffen sollen. Ihren vagen Versprechungen könne nach den Erfahrungen der Assyrer im Irak keine Minorität vertrauen. Der Artikel der „Times" sucht dem jüdischen Standpunkt insofern Rechnung zu tragen, als anerkannt wird, <laß der ungeheure Druck der Judennot eine Erweiterung der Finwauderungsmöglicbkeitcii nach Palästina notwendig macht und daß die jüdischen Vertreter daher gar nicht anders können, als das mögliche Maximum an Einwanderung zu fordern. Der Zusammenhang zwischen Judenfrage und Palästinafrage ist in der Tat der entscheidende Gesichtspunkt, von dem jede Betrachtung des Palästina- Problems ausgehen muß. Dagegen scheint die „Times" in anderer Hinsicht die jüdische Darlegung mißverstanden zu haben; wenn votitjüdischer Seite gesagt wird, daß nur die Errichtung des Nationalismus eine „positive" Verpflichtung des Mandates ist, während den nichtjüdischen Einwanderern in Palästina nur die Sicherung ihrer Rechte und Interessen zugesagt wurde, so ist damit gemeint, daß das Neue und Zusätzlich e, das wegen seiner Ungewöhnlichkeit einer besonderen Hervorhebung bedarf, im Falle Palästinas das Jüdische Nationalheim ist. Die Tatsache, daß dieses Ziel in Balfour-Deklaration und Mandat ausdrücklich in den Mittelpunkt gesteilt wird, unterscheidet das Palästina-Mandat von allen anderen Mandaten und verpflichtet die Regierung, diesem Zweck ihr besonderes Augenmerk zuzuwenden. Das kann gar nichts anderes bedeuten, als dafl die Palästina-Regierang mit Rücksicht auf dieses Ziel eben anders geführt werden soll als die Verwaltung eines beliebigen Territoriums, in welchem keine solchen Sondcrziclc bestünden. Daneben aber hat die Regierung natürlich alle „positiven" Verpflichtungen, die jede Regierung hat. Daraus ergibt sich die ..zweifache Verpflichtung", von der in der Genfer Mandatskommission in beziig' auf Palästina (im Gegensatz etwa zu Syrien u. a.) die Rede war. Wenn nach der Empfehlung der „Times" die Regierung unabhängig von beiden Parteien ihre Politik in Palästina autoritär festlegt, dann wird auch sie das Jüdische Nationalheini als ausschlaggebendes Ziel betrachten müssen. Der Zusatz, die Regierung müsse an ihrer Politik „vor allem festhalten", ist eine oft gehörte Forderung. Man wirft der Regierung vor, sie habe ihre eigenen Entscheidungen in der Palästina-Frage immer wieder g e - ändert. Es wird darauf angespielt, daß unter dem Druck einer der Parteien — Juden oder Araber — eine bereits festgesetzte Politik umgeworfen wird. Dadurch sei bei den beteiligten Gruppen der Eindruck entstanden, daß man die Regierung beeinflussen könne, und dies sei ein psychologischer Grund der herrschenden Unruhe. Besonderes Interesse verdient der Sellin ('teil des Artikels, in welchem das „Geheimnis" der letzten Unruhen berührt wird. Es ist zu begrüßen, daß diese von den Juden oft gestellte Frage nun auch deutlich hörbar in England von verantwortlicher Seife aufgeworfen wird. In der Tat ist es unbegreiflich, wieso sich die Unruhen in dieser Weise entwickeln und ausbreiten konnten, und der Aufstand schließlich noch mit dem ehrenvollen Abzug des I iauptrcbellen unter den Augen der Polizei gekrönt wurde. Diese Fragen sind keineswegs bloß von historischem Interesse, sondern sie bedürfen einer energischen Antwort angesichts der Tatsache, daß die Araber offen oder versteckt mit neuen Unruhen für das kommende Frühjahr drohen. Vor den Augen der englischen Behörde sind, wie der Londoner „Observer" selbst gemeldet hat, tausend junge Araber aus Paliistina nach Irak zur militärischen Ausbildung gebracht worden. Die im Entstehen begriffene nationale Armee des Irak wird anscheinend als ein Instrument der pariarabischen Politik betrachtet, und man darf gespannt sein, ob die Palästina-Regierung die Rückkehr dieser tausend Palästinenser, die inzwischen in einem ausländischen Heer Militärdienst geleistet haben, gestatten wird. Unter diesen Umständen müßte auch die jüdische Bevölkerung das Recht zu militärischer Ausbildung und Bewaffnung für sich verlangen. Ob es aber Aufgabe -einer Mandatar-Regierung ist, die Vorbereitung eines Bürgerkrieges zu begünstigen, muß bezweifelt werden. England hat lange Zeit eine Politik der Schwäche getrieben, nicht nur in Palästina. Es scheint jetzt die Absicht zu , bestehen, diesen Kurs zu ändern. Einem starken und entschiedenen England wird es eher gelingen, die beiden Parteien an einen runden Tisch zu bringen und damit eine endgültige Lösung der Palästina-Frage vorzubereiten, als einer Regierung, die so mit sich umspringen läßt, wie es die Palästina-Regierung während der letzten Unruhen getan hat. Das Neue Judentum Zchntausende sind in dieser Zeit in ihrem Bewußtsein wieder Juden geworden. Was sie seihst nur noch als eine äußerliche Verknüpfung betrachteten, die bei wenigen Gelegenheiten im Lehen Bedeutung gewann, ist mm in den Mittelpunkt des Bewußtseins genickt und bestimmt auch einen grollen Teil der Handlungen. Diese Rückkehr zum Judentum, die in der Judenheit Deutschlands in den jetzt abgelaufenen vier Jahren vor sich gegangen ist, birgt dennoch eine Reihe von (iefahren in sich, die geeignet sind, ihren Weit nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die jüdische Gesamtheit in Frage zu stellen. Das Erlebnis, unter dessen Eindruck die Wendung zum Jüdischen hin vorgenommen worden ist, trat an die Juden Deutschlands von außen heran. Es war die Meinung der Umwelt über das Judentum und die Stellung der Juden innerhalb der nicht jüdischen Gesellschaft, die zur Revision überkommener Anschauungen zwang. Der einzelne Jude schaute weniger in sich seihst hinein, er horchte nicht sc» sehr auf die Regungen seines Herzeus, als daß er sich eine Lehre von der Welt draußen geben ließ! Die Wendung /um Jüdischen war zugleich in sehr vielen Fällen eine eminent praktische. Man wollte im jüdischen Bezirk nunmehr die Aktivität entfalten, die man anderswo nicht mehr anwenden konnte, und fand hier ein reiches Feld der Betätigung, das sich an praktischen Zielen orientierte. Es ist klar, daß für die Gestaltung des äußeren Schicksals der Juden eine solche Entfaltung von Energien nur nützlich war, aber es kann nicht verkannt werden, daß Aktivität im Bereiche praktischer Arbeit aHein noch nicht eine wirkliche jüdische Entscheidung verbürgt. Wenn viele Zclintausende seit 1033 dem Judentum nahe kamen, so müssen wir die Frage stellen, w as diese positive Wendung unabhängig von ihrer Beziehung zu jener eindrucksvollen Lehre bedeutet, die uns das Leben gegeben hat, und auch unabhängig von der Möglichkeit, im Bezirke der praktischen jüdischen Arbeit zur Auswirkung zu gelangen. Wer von uns weiß, oh er nicht einst in eine Lage gerät, in der die Möglichkeiten praktischer Wirksamkeit für das jüdische Schicksal nicht gegeben sind, wer weiß auch, ob er nicht irgendwo in der Welt in Lebensumstände kommt, die der Lehre dieser letzten Jahre entgegengesetzt sind und dazu verlocken, sie wieder zu vergessen! Darum tut es not, nach dem Sinn des J u d e s e i n s und des W i eder j udewerdens zu fragen und die Entscheidung in einen Bezirk zu verlegen, der von den tieferen Quellen des eigenen Wesens befruchtet wird. Viele von denen, die in diesen Jahren den Rückweg gefunden hallen — und nicht die Schlechtesten unter ihnen —, haben das Gefühl für diese Notwendigkeit gehabt. Sic glaubten, im Kennenlernen des jüdischen Wissens, in Hinwendung zu den Quellen des Judentums einen solchen Weg zu betreten. Vielleicht erschließt sich auf diesem schmalen Pfade für den oder jenen in der Tat der Zugang zu einer tieferen Selbsterkenntnis. So notwendig es gewiß ist, die über alle Maßen hinaus jüdisch-wissensmäßig verarmte Judenhcit Deutschlands wieder reicher zu machen, so zweifelhaft scheint uns doch der Wert dieses Weges für die hier behandelte Frage zu sein. Und in der Tat sind die Zeichen von Ermüdung, die auf dein Gebiete des Lernbctriehcs in der letzten "Zeit deutlich zu spüren sind, weniger daraus zu erklären, daß Lehrende und Lernende ihre Energie verloren haben, als daraus, daß sehr viele mit falschen Hoffnungen an diese Arbeit herangegangen sind. Aehuüchcs gilt auch von manchen, die wähnten, durch die Wiederaufnahme überlieferter Formen den Weg zu einer tieferen jüdischen Verwurzelung zu finden, ohne daß diesem Schritt eine aufrichtige Selbstanalyse vorausgegangen wäre. Diese Auseinandersetzung mit uns selbst kann in der Tat nicht übergangen werden. Sie ist kein Luxus, den man sich in ruhigeren Zeiten erlauben durfte, sondern sie ist gerade in einer Zeit der höchsten Bewegtheit des äußeren Lebens notwendig, um den Halt wiederzugewinnen, den man vielleicht verloren hat. Gewiß gibt es heute bereits eine Schicht der A 11 e r j ii n g s t e n, die erst in den letzten Jahren zum Lebensbewußtsein erwacht sind; bei ihr liegen die Dinge vielleicht etwas anders. Aber für alle anderen, die den Umbruch der Zeit schon bei wachem Bewußtsein erlebt haben und deren