Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 4 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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2t 11937 1 Kr. 4 // Jahrgang 41 Preis 25 RpL JUDISCHE RUNDSCHAU Stfcrlftleltaiig,Verlag a. Amaalgenvarwaltiuij't BafllnWlS, Malnekmtr.l* Fantrafi Simmil - Nummer J1 (Bismarck) 9031.— Beiugiprti» einachlieBlica Bartell^eld je Monat RM 2,—, je Vitr1clj.hr RM 5,75, M Abholun? RM 1,88 l.iw. RM 5,39- — Po«t»chedc - Konten der Vertriebt - Abteilung: Berlin 715 73 (für CäroB - Berlin), Berlin 17392 (für daa übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt baateht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa achon jrerahlter Bczucriijebühren. — Erscheint Jod an Dl« na tag and Fr«! tag. BERLIN fsnn 's FREITAG, 15. JANUAR 1937 GttlHfft Anzel&enprelslist« Nr. 5. Die 12 jjMpaltene mm . Zeit« 30 Rpf, f¥bt Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für dm Aufnahme von Anteile« » bentimmteo Atiftgabcn oder «n Kestimmten Plätzen wird! Iceine Gewähr geleistet Geloyenheit»- anzeigen nur jjf jjen VorausxaMunjj aof Postscheck - Konto Berti* 71618 od« bar Montage bis Freitag 9 —18 Uhr. Annuhmeschinfi fftr «K* Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für d« Freitag - Anijf«U Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tng vor Erscheinen 13 Unr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Helmstätte In Palästina. (Baseler Programm) t Araber sagen aus Gegen Nationalheim und Einwanderung: „Den Juden Palästinas gleiche Rechte wie im Irak" Der Mufti Der Mufti Fat» : Archrr Der Boykott der Kgl. Kommission, den die Araber .(wegen der Bewilligung neuer Einwanderungszertifikate an die Juden im November 1036) genau zwei Monate durchgehalten, dann aber — und zwar wie die beliebte Formel jetzt lautet, „auf den Rat der arabischen Könige" — im letzten Moment aufgegeben haben, ist nun zu Ende. Zum erstenmal sind die Araber am letzten Dienstag, 12. Januar, vor die Kommission getreten. Zu dieser öffentlichen Sitzung erschienen sämtliche Mitglieder des Obersten Arabischen Komitees. Zum erstenmal seit Beginn der Arbeiten der Kommission befanden sich zahlreiche Araber, die an ihrer Kopfbedeckung erkenntlich waren, sowohl unter den Pressevertretern als auch unter dem Publikum. Zunächst wurde der geistliche und auch politische Führer der Araber Palästinas, der Mufti von Jerusalem, Hadsch Emin el Husscini, vernommen. Die aji spannenden Momenten reiche Vernehmung ging stellenweise in der Form eines Kreuzverhörs vor «ich, durch das die vom Mufti gegen die jüdische Aufbauarbeit und die Handhabung der Mandatsbestimmungen durch die Palästina-Regierung erhobenen Anklagen erschüttert wurden. Im Verlauf seiner Aussage wieder« holte der Mufti die schon in dem bekannten \ Ultimatum vor den Unruhen erhobenen Forderungen nach Abschaffung der Balfour-Deklaration und der entsprechenden Bestimmungen des Mandats, Einstellung der weiteren jüdischen Einwanderung, Verbot des Verkaufs von Boden an Juden und Einsetzung einer arabischen Nationalregierung in Palästina. Lord Peels erste Frage an den Mufti bezog sich auf den Zweck und die Zusammensetzung des Obersten Arabischen Komitees. Der Mufti, dessen arabisch gegebene Antworten von einem vereidigten Ucbersetzcr ins Englische übertragen wurden, erwiderte, daß das Komitee aus Vertretern sämtlicher arabischen Parteien bestehe. Nach dem Zeitpunkt seiner Gründung gefragt, sagte der Mufti, daß das Komitee vor neun Monaten ins Leben gerufen worden sei. Lord Peel fragte, ob der Atufti in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Obersten Mohammedanischen Rates sich am Komitee beteilige, was vom Mufti verneint wurde (d.h. daß er nur als „Privatperson" daran teilnimmt). Fortfahrend erklärte der Mufti, daß er erschienen sei, um die in dem der Kommission unterbreiteten Memorandum enthaltenen Angaben zu ergänzen. Die Araber erstreben vollständige nationale Unabhängigkeit — eine Bestrebung, die bereits vor dem Weltkriege bestanden habe. Unter ottomanischcr Herrschaft, erklärte der Mufti weiter, genossen die Araber dieselben bürgerlichen und militärischen Rechte wie die Türken. Araber hätten sogar häufig hohe Regierungsposten innc, ja sie hätten das Amt von Ministerpräsidenten und Gesandten bekleidet. Nachdem Lord Peel eine Reihe eindringlicher Fragen an ihn gestellt hatte, mußte der Mufti zugeben, daß kein palästinensisch erAraber je einen ähnlichen Posten bek 1 c i d e t!hat. Der Zeuge führte aus, daß die palästinensischen Araber sich während des Weltkrieges dem arabischen Aufstand angeschlossen hätten, in der Hoffnung, auf diese Weise ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen, wie in dem Vertrag Englands mit König Hussein vorgesehen war. Ferner versuchte er den Beweis zu erbringen, daß laut Art, 20 und 22 des Völkerbund-Vertrages betreffend das S e 1 b s t b c s t"i m - mungsrecht der Völker sämtliche früher getroffenen Vereinbarungen, einschließlich der Balfour-Deklaration, widerrufen worden sind. Sir Horace R tt m b o I d forderte den Zeugen auf zu erklären, wieso die Balfour-Deklaration mit dem Völkerbunds- Vertrag unvereinbar sei. Darauf wußte der Mufti nur zu antworten, daß die Deklaration die Interessen der Araber schädige. Sowohl Lord Peel wie auch Sir Horace R u m b o 1 d stellten zahlreiche eindringliche Fragen an den Mufti, erhielten jedoch keine Antworten, die seine Behauptungen auf befriedigende Weise bekräftigt hätten. Im weiteren Verlauf seiner Aussagen erwähnte der Mufti die wiederholten Versuche der Araber, die Erfüllung ihrer Forderungen durchzusetzen, was ihnen jedoch nicht gelungen seL Sie hätten fünf Delegationen nach London und an den Völkerbund geschickt, doch sei deren Aufgabe an dem Einfluß der Juden gescheitert, die starken Druck ausgeübt hätten. Lord Peel und Sir Horace Rumbold erkundigten sich, welcher Art dieser Druck gewesen sei, worauf der Mufti keine bestimmte Antwort gab. Dagegen legte er starken Nachdruck auf die Behauptung, daß die Juden Absichten auf die H e i I i g e n S t ä t t e n der Mohammedaner hätten. Lord Peel, Sir Latirie Hammond und Professor Coupland verlangten Beweise, die der Mufti später zu liefern versprach. Lord Peel fragte den Mufti, ob er denn glaube, daß die M a n d a t s r c g i c r u n g den Juden erlauben würde, die Omar-Moschee zu vernichten und einen Tempel zu errichten, was der Mufti bejahte mit der Begründung, daß es den Juden gestattet sei, alles in Palästina zu tun, was ihnen beliebt. Der Mufti befaßte sich dann mit den Lirsachen der Unruhen, die, wie er behauptete, in erster Linie auf zwei Faktoren zurückzuführen seien, und zwar erstens die Tatsache, daß die Araber ihrer natürlichen und politischen Rechte beraubt seien, und zweitens die von der britischen Regierung verfolgte Politik, deren Ziel das Jüdische Nationalheim in Palästina ist. Um die gegenwärtig herrschende Besorgnis und Unruhe zu beseitigen, seien drei wesentliche Voraussetzungen erforderlich: 1. die Politik des Jüdischen Nationalheims, die sich als Mißerfolg erwiesen habe und die nationale Existenz der Araber gefährde, müsse eingestellt werden; 2. sowohl jüdische Einwanderung als auch Bodenverkäufe an Juden müßten unverzüglich und vollständig eingestellt werden; 3. zwischen England und den palästinensischen Arabern müßte ein Vertrag abgeschlossen werden und ähnlich wie im Irak und Syrien das Mandat abgeschafft und eine nationale Regierung eingesetzt werden, wodurch Gerechtigkeit und Fortschritt für alle Beteiligten gewährleistet sei. Der Mufti gab in einer verschleierten Drohung zu verstehen, daß im Falle diese Voraussetzungen nicht geschaffen werden würden, die herrschende Beunruhigung nicht weichen würde. Seinen Ausführungen folgte ein gründliches Verhör, an dem sich sämtliche Konimissionsmitglieder beteiligten. Lord Peel wies darauf hin, daß die Abschaffung des Mandats nicht Sache Englands sei, sondern daß diesbezüglich Anträge an den Völkerbund zu richten seien, der gegebenenfalls das Mandat einer anderen Macht übertragen würde. Der Mufti unterstrich darauf, daß che Araber durchaus k einen W c c h s e 1 d e r M a n d a t a r m acht herbeiwünschten, sondern lediglich einen Vertrag mit England. Auf Sir Latirie Hammonds Frage, was seiner Ansicht nach mit der jüdischen Bevölkerung geschehen sollte, versprach der Mufti, daß den Juden alle Rechte zugestanden werden wurden, ä h n 1 i c Ii wie dies im 1 r a k der Fall sei, daß es aber bereits zu viele Juden in Palästina gäbe. Sir Lauric Hammond nahm dann Bezug auf die vom Mufti angegebenen Ziffern über jüdischen Bodenbesitz vor dem Kriege, an deren Richtigkeit er zweifelte und als korrekte Ziffer 650 000 Dunain angab, was der Mufti bestritt. Auf Sir Latirie Hammonds Frage, ob die Araber gezwungen seien, Land an Juden zu verkaufen, erwiderte der Mufti, daß infolge der im Lande herrschenden Verhältnisse sich solche Verkäufe als notwendig erwiesen. Sir Lauric I I a m in o n d fragte dann, ob sich die Lage der Fellachen seit der Zeit des türkischen Regimes verschlechtert hätten, was der Mufti bejahte. Darauf fragte Sir Lauric, wie es sich denn unter dem Türkeii-Reeimc mit den Steuern, Fr/ichung und Militärpflicht verhalten habe. Der Mufti erwiderte darauf, daß die Situation damals befriedigender gewesen sei als jetzt. Sir Horace Rumbold stellte einige Fragen über die Art der natürlichen Rechte, deren die Araber, wie sie behaupten, beraubt worden seien. Der Mufti erwiderte, es handle sich um das Recht, ihren eigenen Interessen gemäß zu leben, Vor Schluß der Sitzung machte Lord Peel die übrigen Kommissionsmitglieder mit den Mitgliedern des Obersten Arabischen Komitees bekannt, da heute zum erstenmal die Araber vor der Kommission erschienen sind. Der Mufti setzte Mittwoch seine Aussagen vor der Kommission fort Nach ihm wurde Auni Abdul Hadi verhört. Wie verlautet, wird die Kommission am 28. Januar Palästina verlassen. (Siehe auch Seite II) Es war vorauszusehen, daß der Mufti von Jerusalem, Hadsch Emin cl Husseini, der den Reigen der arabischen Zeugen vor der Kgl. Kommission in Jerusalem eröffnete, die arabischen Forderungen recht radikal formulieren wird. Wer ist der Mufti? Emin cl Husscini, erst 44 Jahre alt, trat schon 1020 als Rebell gegen England hervor« Damals floh er ins Ausland und wurde von Herbert Sa« inuel amnestiert, der ihn spater, offenbar um ihn unschädlich zu machen, zum Mufti von Jerusalem ernannte. Als Samuel den „Obersten Moslemischen Rat" schuf, wurde Ein in sein Präsident und bekleidet diesen Rang sowie den Posten eines Präsidenten der moslemischen religiösen Gerichte bis zum heutigen Tag. Der Mufti ist ein arabischer Nationalist extremster Art und der geistige oder direkte Urheber aller antijiklischen Exzesse und Demonstrationen im Laufe der letzten 13 Jahre, (legen seine überragende Machtstellung gibt es auch im arabischen Lager scharfe Opposition. First während des Streiks des letzten Jahres kam es zu einer Annäherung und Kooperation der arabischen Parteien; der Mufti führte den Vorsitz im Obersten Arabischen Komitee. Als dessen Vorsitzender tritt er jetzt vor die Kommission. Pressemeldungen zufolge soll eine heftige Auseinandersetzung im arabischen Lager vorausgegangen sein, weil manche arabischen Gruppen sich mehr davon versprachen, wenn die Araber sich auf konkrete Beschwerden gegen die Mandatsverwaltung beschränken, statt die ganze Politik grundsätzlich abzulehnen. Gesiegt hat aber die extreme Richtung. Es geht bei diesem Streit gewiß um grundsätzliche, aber auch sehr stark um Fragen der Taktik, besonders um die Hauptfrage: Wie gewinnt man die Sympathien Englands? Denn die Araber wissen, daß sie nur mit Hilfe von England ihr Ziel — wenigstens teilweise — erreichen können, und während in den letzten zwei oder drei Jahren häufig anti-englische Formulierungen („gegen den englischen Imperialismus") bei den Arabern sehr beliebt waren, mehren sich in den letzten Tagen Erklärungen, die als ein Werben um die englische Freundschaft bezeichnet werden können. Auni Abdul Hadi, einer der radikalsten und fähigsten Führer der arabischen Unabhängigkeitspartei, hat nach seiner Rückkehr von einer Rundreise zu den arabischen Eürstenböfen erklärt, die Araber brauchten die englische Freundschaft mindestens noch hundert Jahre. Während man früher gesagt hat, die Juden seien nur ein vom englischen Imperialismus vorgeschobenes Werkzeug, heißt es jetzt, es gälte keine ernsten Iiiteresscnkonflikte zwischen E.ngland und Arabien, wenn nicht die Juden dazwischeustündeii. Man kann diese Haltung der palästinensischen Araber wahrscheinlich als eine Folge der erfolgreichen englischen Diplomatie in Kairo, Bagdad und Rijad betrachten. Der neue englisch-ägyptische Vertrag, ein epochales Ereignis in der Geschichte des Orients, scheint auch den anderen arabischen Ländern als Vorbild vorzuschweben, und man darf sich nicht verhehlen, daß ein solches Ziel für England verlockend wäre. Die Frage für England ist nur, ob den Arabern zu trauen ist. In dieser Hinsicht haben die Engländer schon einige Erfahrungen gemacht, nicht zuletzt im vergangenen Jahre. Politische Konstellationen können sich schnell ändern und England wird sich auf die unabhängigen arabischen Staaten, die den Weg nach Indien umsäumen, nicht einfach verlassen. Palästina ist heute politisch und strategisch ebenso ein Sonderfall, wie es dies stets in kultureller und religiöser Beziehung war. Die komplizierten Probleme dieses Landes zu leugnen und es einfach in eine Reihe mit Irak und ähnlichen Ländern zu stellen, ist kein Zeichen wirklicher Einsicht und weltpolitischer Betrachtung. Unter englischer Herrschaft sind im Laufe der letzten zwanzig Jahre Tatsachen geschaffen worden, das Gesicht des Landes und seine Rolle in der Welt wurden fundamental verändert; das alles wird mit unbeugsamem Starrsinn vom Mufti ignoriert. Er zeigt keinen Weg zur Lösung, sondern möchte das Geschehene einfach ausstreichen. Es ist nicht anzunehmen, daß diese Methode auf die Kommission Eindruck gemacht hat. Das Kreuzverhör scheint sich ziemlich lebhaft gestaltet zu haben, und wer etwa bei früheren Gelegenheiten der Ansicht war, daß die Mitglieder der Kommission gegen manche jüdischen Zeugen besonders scharf ins Zeug gingen, kann jetzt mit Genugtuung feststellen, daß den arabischen Zeugen nicht weniger hart zugesetzt wird. Ein vollständiges Protokoll der Sitzung -— zweifellos einer der wichtigsten seit Wcizmanns Vernehmung am 2o. November — liegt uns noch nicht vor, und es wäre daher