Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1937)
- Date
- 1937-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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16 1.1537 Nr. 2 / Jahrgang 42 Preis 25 RpL JUDISCHE RUNDSCHAU Sdirlf tleUnng,Verlag o. Anzclgenverwaltungi Barlin WH, M«ln«ka«tr.l6 Fernruf i tuninl - Nummer J1 (Btamarck) 9031. — Bezusaprei« «irnchlieBlidi Bcirtelljreld j« Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 biw. RM 5,39. — Po>t»ch»dc - Konttn d«r Vtrtrieb» - AbUilunj- Berlin 11573 (für Groll - Berlin), Berlin 17392 (für das übrijje Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Beiujrirehuhrrn. — Enchalat jsdoa Dlamlag and F r 11 ■ g. BERLIN?"ünn nntD no FREITAG, 8. JANUAR 1937 Gültig; Anx«lg*nprcUlUte Nr. S. Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf., für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr jreleistet. Gelcircnheits. anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 716IS oder bar Montajf bis Freitag 9-18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstnjf . Ausjabe Montajj 10 Wir, für die Freitag - Aussah* Mittwoch 13 Uhr. (Kür Familien-Anzeigen am Tajt vor Erscheinen 13 Uhr) Dar Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palastina. (Baseler Programm) Um das Ziel des Mandats Die Frage der jüdischen Mehrheit in Palästina Rededuell Lord Peel — Leonard Stein In der Nachmittagssitzung vorn Dienstag wurde die Vernehmung des Rechtsberaters der Jcwish Agcncy, Leonard Stein, über die juristische Interpretation der Mandatsbestimtmmgeu fortgesetzt. (Ueber den Anfang der Vernehmung vgl. Nr. I der „J. R.") Zu Beginn der Sitzung gab der stellvertretende Vorsitzende Sir Horace Rumbold, eine Erklärung dazu ab, daß er in einer der letzten Sitzungen von den Juden als einer „fremden Rasse" gesprochen hat. Diese Bemerkung hatte dem stellvertretenden Vorsitzenden scharfe Angriffe der gesamten jüdischen Presse eingebracht. Sir Horace erklärte, daß er bloß von einer Fremdheit gegenüber den Ära b e r n gesprochen habe. Die Vernehmung Leonard Steins führte abermals zu Auseinandersetzungen mit dem Mitglied der Kommission Sir Harold Morris, der von dem Zeugen verlangte, daß er auf die Fragen mit ja oder nein antworte. Leonard Stein lehnte es ah, Hauptfragen in der verlangten Weise ohne entsprechende Erläuterung zu beantworten und bat den Vorsitzenden Lord Peel einzugreifen. Lord P e e 1, der nunmehr die Fragestellung fortsetzte, torderte den Zeugen zu einer Aeußerung über den Artikel 27 des Mandats auf, aus dem hervorgeht, daß eine Abändern n g d e r M a n d a I s b e s t i m m u n g e n unter Zustimmung des Völkerbundsrates möglich ist. Leonard Stein bestätigte dies und fügte hinzu, daß im Artikel 28 Bestimmungen auch für den Fall des Erlöschens des Mandats enthalten sind, daß aber die Möglichkeit bestehe, daß das Mandat überhaupt nicht erlischt. Der Zeuge betonte weiter, daß für «ine Aenderung der Mandatsbestimmungen die Zustimmung "auch der Vereinigten Staaten erforderlich, wäre. Um den Artikel 6 Lord Peel nahm sodann auf den Artikel 6 des Mandates Bezug, in dem erklärt wird, die Palästina-Verwaltung soll« unter Gewährleistung, daß die Rechte und die Stellung anderer Teile der Bevölkerung nicht beeinträchtigt werden, jüdische Einwanderung unter geeigneten Bedingungen erleichtern. Der Vorsitzende fragte den Zeugen, ob er im Mandat etwas über den Grundsatz der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit finde. Leonard Stein: Ich behaupte, daß die Wahrung der Rechte der nichtjüdischen Gemeinschaften keine andere Einschränkung der Einwanderung als die durch die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit bedingte voraussetzt. Denn das Weißbuch von 1922 hat nur diese eine Einschränkung testgelegt. Als Lord Peel seine Frage wiederholte, erklärte der Zeuge, das Mandat schreibe Erleichterung der jüdischen Einwanderung unter geeigneten Bedingungen vor. Jede weitere Einschränkung außer der ausdrücklich erwähnten könne für die jüdische Einwanderung nicht getroffen werden. Sir Laurie Hammond: Verbinden Sie nicht mit dem erwähnten Ausdruck den Sinn, daß günstige Verhältnisse die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit bedingen. Leonard Stein: Die Bestimmung bezieht sich nur auf die Wahrung der Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung; es können aber keine weiteren politischen Einschränkungen hinzugefügt werden, etwa die Sicherung, daß die Araber in der Mehrheit bleiben. Lord Peel: Sie haben erklärt, falls die Bedingung bestünde, eine arabische Mehrheit zu wahren, würde dies ausdrücklich gesagt sein; wie wäre es aber, wenn dies deshalb nicht gesagt worden wäre, weil man eine E i n - wanderung großen Umfangs nicht vorausgesetzt hatte, als die Zahl der jüdischen Einwohner Palästinas noch klein war. Stein: Hätte man bei der Festsetzung des Mandats es für notwendig gehalten, nicht zuzulassen, daß die Juden zur Mehrheit werden, so wäre dies ausdrücklich erklärt worden. Die Frage der Selbstverwaltang Lord Peel: Im Mandat wird die Entwicklung von Selbstverwaltungseinrichtungen erwähnt; zielt dies nicht auf die Schaffung von parlamentarischen Institutionen ab? Stein stellte eine solche Absicht des Mandats entschieden in Abrede. Lord Peel: Es ist bekannt, daß die Juden sich der Einführung eines Gesetzgebenden Rates widersetzen, um zu verhindern, daß eine Mehrheit gegen jüdische Einwanderung und Einschränkung der jüdischen Ansiedlung zustande Kommt. Es ergibt sich damit, daß es keine Vertretungskörperschaften geben soll, bevor nicht die Juden die Mehrheit erlangt haben; denn dann würde «in Parlament keinen Einspruch gegen jüdische Einwanderung erheben. Stein setzte auseinander, daß die Verpflichtung, Sclbstverwaltungseinrichtungen zu entwickeln, die Grundlagen des Jüdischen Nationalheims nicht beeinträchtigen sollte. Lord Peel: Sie wollen kein Parlament, damit der jüdische Status nicht beeinträchtigt werdl. Stein: Ich spreche nicht über die Politik der Jcwish Agcncy, sondern über den Sinn des Gesetzes. Ich bin der Ansicht, daß die Entwicklung von Selbstverwaltungseinrichtungen mit dem Prinzip der Errichtung eines Jüdischen Nationalhcims in Einklang steht. Die Jewish Agency ist nicht dagegen, daß Selbstverwaltungseiivrichtungen geschaffen werden, um den Arabern Gelegenheit zu geben, hierin Erfahrungen zu machen. Lord Peel: Ihre Meinung geht also dahin, daß Selbstvcrwaltungscinrichtungcn nicht identisch sind mit parlamentarischen Institutionen; weiter ist Ihr Plan auf weite Sicht angelegt. Stein: Das hängt von derpolitischen Erziehung des Landes ab. Auf die Frage des Vorsitzenden, welcher Art die Rechte der nichtjüdischen Gemeinschaften sein sollen, antwortete der Zeuge, es handele sich um Rechte der inneren Verwaltung, der Erhaltung eigener Einrichtungen usw. Um die indische Mehrheit Lord Peel: Handelt es sich nicht um das Recht, die Mehrheit im Lande zu bleiben? Stein: Balfour-Dekiaration und Mandat verpflichten in erster Reihe zur Errichtung des Jüdischen Nationalheims, in zweiter Reihe die Rechte der religiösen Gemeinschaften und der Einzelpersonen nicht zu kürzen, die vor der Balfour- Dekiaration in Palästina waren. Lord Peel: Hat dies nur den Sinn, daß die Araber aus Palästina nicht vertrieben werden sollen? Stein: Es ist nicht notwendig, dies zu erwähnen. Niemand soll glauben, daß die Araber in Palästina bloß geduldet sind. Lord Peel: Glauben Sie nicht, daß das Mandat eine Einschränkung der Zahl der Juden enthält, die nach Palästina einwandern sollen? Stein: Die einzige Einschränkung beruht auf der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit. Lord Peel: Aber Sie glauben, daß die Bildung einer jüdischen Mehrheit dem Mandat entsprechen würde? Stein: Jawohl. Lord Peel: Dann wäre Selbstverwaltung möglich. Dann würde die jüdische Mehrheit herrschen. Stein: Darum ist das Mandat notwendig, damit vermieden werde, daß ein Teil der Bevölkerung den anderen beherrscht. Lord Peel: Sie glauben, daß jüdische Mehrheit in den Rahmen des Mandats fällt? Stein: Jawohl. Sir Laurie Hammond wies auf Artikel 15 des Mandats hin, in dem es heißt, daß keine Unterscheidung zwischen den Einwohnern Palästinas auf Grund der Rasse, Religion oder Sprache gemacht werden soll. Er fragte, ob die Regierung nicht berechtigt sein solle, den Arabern bestimmter Gebiete zu verbiete n, B o d e n zu v e r k a u f e n. Leonard Stein meinte, daß die Regierung das Recht dazu habe. Sir Laurie Hammond fragte, wie die Regierung dies im Rahmen des Mandats ändern könne. Leonard Stein antwortete, es sei dies eine Frage der Regierungspolitik. Sic könne Bodenverkauf verbieten, aber nicht ausschließlich einen Verkauf an Juden. Kantonisierung und Jadenstaat Sir Laurie Hammond: Halten Sie eine Kantonisierung für mandatswidrig? Stein: Es ist mir nicht bekannt, welche Rechte für die Kantonalhehörden vorgeschlagen werden. Zweifellos aber widerspricht der Plan dem Artikel 23 des Mandats, der vorsieht, daß Transjordanien in das Gebiet des Nationalhcims nicht eingeschlossen wird. Daher steht die Kantonisierung mit dem Mandat nicht in Einklang. Sir Harold Morris: Die Balfour-Dekiaration enthält die Bestimmung, daß nichts getan werden solle, was die Rechte der Niehtjuilen verletzen könnte. Daraus folgt, daß eine Verletzung dieser Rechte bei der Errichtung des Nationalheims möglich ist. Stein: Man dachte daran, daß das Nationalheim sich zu efnem Judenstaat entwickeln wird. Sir Harold Morris: Wollen Sie sagen, daß die Balfour-Dekiaration einen Judensiaat in Betracht gezogen hat? Stein: Jawohl. Sir Harold Morris: Steht etwas hierüber in der Präambel zum Mandat? Stein: Nein. Das Weißbuch vom Jahre 1922 hat die Balfour-Dekiaration dahin interpretiert, daß sie nicht auf die Errichtung eines Judenstaates abzielt. (Weitere Berichte S. 11) Araber heben Boykott auf Jerusalem, 6. Januar. (Palcor.) In einer Sitzung des Obersten Arabischen Komitees, an der sich die gestern zurückgekehrte Delegation mit A u n i Abdul H a d i an der Spitze beteiligte, wurde der Beschluß gefaßt, den Boykott der Kgl. Kommission zu beenden. Der heutige „Feiestin" brachte ein Interview mit Emir Abdullah, in dem dieser den Boykott scharf verurteilt und, gleichzeitig im Namen der Könige Ghazi von Irak und Ibn Saud, dessen Revozierung fordert. „Felcstin" fügt hinzu, daß auch der Rebellcnführer Fauzi Kaukji dem Boykott ablehnend gegenüberstehe. Die Vernehmung arabischer Zeugen wird vermutlich Anfang nächster Woche beginnen. Als erste werden der Mufti, Auni Abdul Hadi Nashashibi, Sidkev Dajani, Emil Ghory, Dschemal Husseini und der Bürgermeister von Nablus Aussagen machen. Das Oberste Arabische Komitee erlies einen Aufruf, in dem alle Araber, die Beschwerden haben, aufgefordert werden, dieselben nur durch das Oberste Arabische Komitee der Kommission zu unterbreiten. Das Geistige Wir haben über die Konzerte Toscaninis in Palristina und die mit diesen Ereignissen verbundene festliche Erregung ausführlich berichtet. Die Ranze jüdische Bevölkerung nahm daran Anteil, denn diese Konzerte waren nicht — wie dies in anderen Ländern der Fall zu sein pflegt - - ein Privileg der Wohlhabenden, sondern Toscanini hat ein spezielles Konzert für die Arbeiter dirigiert und hat sich bereit erklärt, im Linek aufzutreten. Mit gesteigertem Enthusiasmus haben die Juden Palästinas diese Darbietung aufgenommen; hc war wie eine Befreiung der von den Vorgängen des letzten Halbjahres zum äußersten angespannten Nerven, eine 1 ösung von dem ununterbrochenen Druck politischer Sorgen und Kämpfe. Es ist gewili nicht zu übersehen, daß in dem Jubel der Begeisterung auch ein starkes Maß berechtigten Selbstgefühls und nationalen Stolzes mitschwingt, f ür die Juden Palästinas, und darüber hinaus für das jüdische Volk als Ganzes, ist eine solche Manifestation der jüdischen Anteilnahme an höchsten Kulturgütern eine gewisse Genugtuung. Es ist keine leere nationale Eitelkeit, die sich aufbläht, weil ein bedeutender Mensch unserer Zeit unserem Volke einen Tribut zollte; wir glauben nicht fehl zu geben, wenn wir sagen, daß in diesem Stolz, ein edles Element enthalten ist, d.as über die Enge des Nationalen hinausweist: Es ist das lebendige Gefühl, daß es etwas Verbindendes gibt, über die Schranken von Völkern und Rassen hinaus, Werte, an denen alle Menschen einen unbestrittenen Anteil haben. Vielleicht offenbart sich in solchen Exaltationen, wie wir sie jetzt in Palästina erlebten, am deutlichsten das wirkliche Wesen des jüdischen Nationalismus, der nichts anderes erstrebt, als daß die jüdischen Menschen in ihrer nationalen Sphäre so selbstverständlich wurzeln und leben können, daß sie mit voller Unbefangenheit als Juden an allem Großen und Edlen der Menschheit rückhaltlos teilnehmen können. Man bedenke: ein großer italienischer Meister spielt mit jüdischen Musikern verschiedenster Herkunft Meisterwerke der Musik, und, wie wir hinzufügen möchten, vorwiegend deutscher Musik. Deutsche Genies, Beethoven, Brahnis, Schubert, beherrschten das Programm. Ihre Werke werden von den jüdischen Musikern mit größter Ehrfurcht zelebriert, vom jüdischen Publikum im Lande des Jüdischen Nationalhcims mit Ehrfurcht und Erschütterung aufgenommen. Ueber das bloß künstlerische und gesellschaftliche Ereignis, über die berechtigte Befriedigung über das Gelingen eines großgedachten und kühnen Versuches (das Werk Hubermans) hinaus, ist dies eine menschliche und geistige Note von wegweisender symbolischer Kraft. Das mögen alle mehr oder minder bewußt empfunden haben. Wir alle brauchen solche Momente, um des wahren Sinnes der mühevollen und oft widrigen Arbeit, die wir zu tun haben, inne zu werden. Solche Höhepunkte künstlerischen Lebens nach Palästina zu bringen, ist eine Tat der Juden. Außer den Juden nehmen auch die führenden Gesellschaftsschichten der Engländer dankbar daran teil, während die Araber leider vollständig abseits stehen. Anders wird es wohl in Aegypten sein, wohin Toscanini jetzt mit dem Orchester fährt. Dort werden, wie anzunehmen ist, auch die arabischen Kreise die „jüdischen" Konzerte besuchen. Wir würden wünschen, daß auch in Palästina solche Ereignisse außerhalb der Sphäre der Politik liegen. Vorläufig aber scheint das eine Utopie. Die Beziehungen zwischen Juden und Arabern sind nach wie vor überaus gespannt, es steht eine Scheide» w a n d zwischen den beiden Völkern und statt des Gefühls der gemeinsamen Aufgabe aii der Entwicklung des gemeinsamen Landes, statt gemeinsamer Freude über ein Werk wie das Palästina-Orchester, bemerken wir das Anwachsen des Gefühls gegenseitiger Fremdheit und oft einer eisigen Feindschaft. Die Kgl. Konimission, deren Arbeiten allmählich zu Ende gehen, konnte bisher keine Milderung bringen. Wenn die Araber sich jetzt doch bereit erklären, vor der Kommission zu erscheinen, so ist darin keineswegs ein Einschwenken gegenüber der englischen Regicrungspolitik zu sehen. Vielmehr haben atischeinend die arabischen Fürsten der Nachbarländer — Transjordanien, Irak, Saudia —, die von einer Delegation palästinensischer Araber besucht worden sind, den Abbruch des Boykotts gefordert, vielleicht im Einverständnis mit England. Die direkte Zusammenarbeit Palästinas mit diesen arabischen Landern ist wieder verstärkt worden, wobei besonders ) i